Rainer G. Schmidt 
Translator

on Lyrikline: 46 poems translated

from: hindujščina, angleščina to: nemščina

Original

Translation

पापादेखो

hindujščina | Tushar Dhawal

पापा देखो वे मीनारें ढह रहीं हैं
हमने जो देखी थी मेरे बचपन की तुम्हारी बातों में
उजाड़ हो कर धूल फाँक रहे हैं वे रास्ते
गायब हो गया है
तुम्हारी बातों का वह देस 
और उसके लोग इधर उधर भाग रहे हैं
हमने उन्हें भर लिया है अपने भीतर
और अब हम भी वही मीनारें हो गये हैं
पापा देखो हम ढह रहे हैं
तुम अब भी कुछ कह रहे हो
दूर आकाश में कहीं देखते हुए
और शान्त हो
पूरे विश्वास और आशा से भरे हुए
तुम्हें यकीन है कि मीनारें नहीं ढहती हैं
तुम उसी रास्ते पर बढ़ रहे हो
जो उजड़ कर धूल फाँक रहा है
पापा देखो
मेरी छाती कुचली जा रही है
कोई सिक्कड़ों से खींच रहा है हर तरफ से 
दिमाग की गुद्दियों को
कहीं कुछ हुआ है
जिसकी खबर मुझ तक अभी नहीं पहुँची है
और मैं किसी भयानक अन्देसे में घिर गया हूँ
तुम्हारी उंगली छूट रही है मेरी पकड़ से
यहाँ कैसे आ गया मैं कहाँ हो तुम
यह कौन देस है पापा जिसके बारे में
तुमने नहीं बताया कभी कुछ भी
तुम यहाँ लाये भी नहीं मुझे
फिर चलते चलते उसी रास्ते की देह 
कैसे गल गई
कैसे बदल गया भेस उसका
ये कौन लोग हैं
तुम कहाँ हो
अपने भीतर भरे उस देस के 
उन लोगों को टटोलता हूँ
कुरेदता हूँ जगाता हूँ
कोई तो कुछ बोले
बताये मुझे बहलाने के लिये ही
कि सपना है यह
मन पर चलती हुई कोई फिल्म है
कोई कह दे तुम्हारे हवाले से
वे मीनारें नहीं गिरती हैं
उन्हें कुछ नहीं होता
वेलोगखत्मनहींहोते

मुझे दिलासा दो पापा।

© Tushar Dhawal (तुषार धवल)
Audio production: Verseville

Papa, schau

nemščina

 Papa, schau

 die Türme, die ich als Kind

 in deinen Hirngespinsten sah,

 stürzen ein

 Jene Wege  jetzt verödet

 schlucken Staub

 Das Land, von dem du sprachst,

 ist verschwunden und seine Leute

 hasten hin und her

 Wir haben sie in uns verstaut

 und jetzt haben auch wir uns

 in diese gleichen Türme verwandelt

 Papa, schau,

 wir brechen zusammen

 Gerade jetzt sagst du etwas

 und starrst irgendwohin weit weg in den Himmel

 Du bist still und erfüllt

 von Hoffnung und Zutrauen

 Du bist sicher dass die Türme nicht einstürzen

 Du bewegst dich voran auf dem gleichen Weg

 der verödet ist und Staub schluckt

 Papa, schau,

 mein Brustkorb ist zermalmt

 Jemand hievt

 die breiigen Falten des Hirns

 mit Eisenketten

 von allen Seiten

 Etwas ist irgendwo geschehen

 und die Nachricht davon hat mich noch nicht erreicht

 und mich bedrängt ein schrecklicher Verdacht

 Wie kam ich hierher

 Wo bist du

 Welches Land ist das, Papa

 Über das du mir nie etwas erzählt hast

 Du hast mich nicht einmal hierhergebracht

 Als wir dann weitergingen

 wie verweste der Leichnam des gleichen Wegs

 wie veränderte sich sein Äußeres

 Wer sind diese Leute

 Wo bist du

 Ich taste nach den Leuten dieses Landes

 die in mich gestopft sind

 Ich kratze sie und wecke sie auf

 Jemand sagt etwas

 Sagt mir sogar wenn auch nur um mich zu täuschen

 Dass dies ein Traum ist

 ein Film der auf dem mentalen Bildschirm läuft

 Möge jemand deinetwegen sagen

 dass diese Türme nicht einstürzen

 Nichts geschieht ihnen

 Diese Leute enden nie

 Tröste mich, Papa

Übersetzt aus dem Englischen: Rainer G. Schmidt

The Ragpicker

angleščina | Sonnet Mondal

It was amazing how
the little girl came
to me and asked 
for a coin.

The world is 
throwing less wastes,
it seems.

Earlier ragpickers
were reticent 
or perhaps I am
a dustbin 
of riches now.

© Sonnet Mondal
Audio production: The Enchanting Verses Literary Review

Der Lumpensammler

nemščina

 Es war bezaubernd wie

 das kleine Mädchen

 zu mir kam und um eine

 Münze bat.

 

 Die Welt wirft

 anscheinend

 weniger Abfall weg.

 Frühere Lumpensammler

 waren zurückhaltend

 oder vielleicht bin ich

 jetzt eine Mülltonne

 mit Reichtümern.

Übersetzung: Rainer G. Schmidt

When the Wilderness Spoke

angleščina | Sonnet Mondal

My sorrow
looked above
towards the skeleton
of a dead tree
brought to life
by fireflies — playing
and preying around it.

© Sonnet Mondal
Audio production: The Enchanting Verses Literary Review

Als die Wildnis sprach

nemščina

Mein Kummer

blickte hinauf

zu dem Skelett

eines toten Baums

der von Leuchtkäfern

zum Leben erweckt wurde – die

rings um ihn spielten und raubten

Übersetzung: Rainer G. Schmidt

Little Eva

angleščina | Denise Riley

Time took your love — now time will take its time.
'Move on', you hear, but to what howling emptiness?
The kinder place is closest to your dead
where you lounge in confident no-motion, no thought
of budging. Constant in analytic sorrow, you abide,
It even makes you happy when you're feeling blue.
Jump up, jump back. Flail on the spot.
I can disprove this 'moving-on' nostrum.
Do the loco-motion in my living room.

© Denise Riley
from: Say Something Back
London: Picador, 2016
Audio production: Haus für Poesie, 2018

Kleine Eva

nemščina

 Zeit nahm deine Liebe – jetzt wird Zeit ihre Zeit nehmen.
 „Beweg dich“, hörst Du, doch auf welche heulende Leere hin?
 Der freundlichere Ort ist deinen Toten am nächsten,
 wo du dich fläzst in zutraulicher Nicht-Bewegung, keineswegs
 sich regen. Dauerhaft in analytischem Leid weilst du,
 es beglückt dich sogar, wenn du Trübsal bläst.
 Springe auf, springe zurück. Dresche auf der Stelle.
 Ich kann dieses Patentrezept des „Bewege dich“ nicht widerlegen.
 Komm in meinem Wohnzimmer vom Fleck.

Übersetzung: Rainer G. Schmidt

Under the answering sky

angleščina | Denise Riley

I can manage being alone,
can pace out convivial hope
across my managing ground.
Someone might call, later.

What do the dead make of us
that we'd flay ourselves trying
to hear them though they may
sigh at such close loneliness.

I would catch, not my echo,
but their guarantee that this
bright flat blue is a mouth
of the world speaking back.

There is no depth to that blue.
It won't 'bring the principle
of darkness with it', but hums
in repose, as radiant static.

© Denise Riley
from: Say Something Back
London: Picador, 2016
Audio production: Haus für Poesie, 2018

Unter dem antwortenden Himmel

nemščina

 Ich bringe es fertig, allein zu sein,
 gastliche Hoffnung abzuschreiten
 auf meinem gelingendem Boden.
 Jemand mag rufen, später.
 
 Was machen die Toten aus uns,
 dass wir uns häuteten, um sie
 zu hören, auch wenn sie über solch
 strenge Einsamkeit seufzen mögen.
 
 Nicht mein Echo würde ich einfangen,
 sondern ihre Gewähr, dass dieses
 helle flache Blau ein Mund der Welt
 ist, der zurückspricht.
 
 Dieses Blau hat keine Tiefe.
 Es „brächte nicht den Grundsatz
 der Dunkelheit mit sich“, sondern summt
 in Ruhe, als strahlende Statik.

Übersetzung: Rainer G. Schmidt

Maybe; maybe not

angleščina | Denise Riley

When I was a child I spoke as a thrush, I
thought as a clod, I understood as a stone,
but when I became a man I put away
plain things for lustrous, yet to this day
squat under hooves for kindness where
fetlocks stream with mud - shall I never
get it clear, down in the soily waters.

© Denise Riley
from: Say Something Back
London: Picador, 2016
Audio production: Haus für Poesie, 2018

Vielleicht; vielleicht nicht

nemščina

 Als ich ein Kind war, sprach ich als Drossel, ich
 dachte als Lehmkloß, verstand als Stein,
 doch als ich ein Mann wurde, zog ich
 Einfachem Glanzvolles vor, aber hocke
 bis heute aus Freundlichkeit unter Hufen
 wo Pferdehaar vor Schlamm trieft – werde nie
 Klarheit erlangen, unten in der trüben Brühe.

Übersetzung: Rainer G. Schmidt

Strange Meetings

angleščina | Sonnet Mondal

Sometimes we run into someone
just for once in our lives

and our bones refuse 
to fit inside the skin

the same way.

Plans proceed as waves
and recede as doubts.

A fleeting joy
with gnawing pangs
of apprehension

the stretch between 
experience and fear

seems like the time taken by a fish
to reveal and conceal itself

in front of a fish hook.

© Sonnet Mondal
Audio production: The Enchanting Verses Literary Review

Seltsame Begegnungen

nemščina

 Manchmal stoßen wir auf jemanden
 nur ein einziges Mal in unserem Leben
 
 und unsere Knochen weigern sich
 auf gleiche Weise
  
 in die Haut zu passen.
 
 Pläne rücken vor als Wellen
 und ziehen sich als Zweifel zurück.
 
 Eine flüchtige Freude
 mit nagenden Schmerzen
 der Besorgnis
 
 die Spanne zwischen
 Erfahrung und Angst
 
 erscheint wie die Zeit die ein Fisch
 sich nimmt um sich zu zeigen und zu verstecken,

 vor einem Angelhaken.

Übersetzung: Rainer G. Schmidt

वह मसीहा बन गया है

hindujščina | Tushar Dhawal

​हत्या के दाग
अब उस तरह काबिज़ नहीं हैं उसके चेहरे पर
उनके सायों को अपनी दमक में
वह धुँधला चुका है
उसकी चमक में
पगी हुई हैं भक्तित उन्वानों की
आकुल कतारें
उसकी दमक में चले आ रहे सम्मोहित लोगों की
भीड़ से उठते
वशीभूत नारे
आकण्ठ उन्मत्त
स्तुतियों की दीर्घ जीवी सन्तानों का मलय गान
उसकी धरती पर बरस रहा है
काली बरसात के मेढ़कों के मदनोत्सव पर


 
वह रचयिता है नये धर्मों का धर्म ग्रन्थों का
उसकी कमीज़ में फिट होते फ़लसफ़ों
 का
सृष्टि का नियामक वह सत्ता का

 
एक परोसा हुआ संकट
खुद को हल करता हुआ
नये चुस्त फॅार्मुलों से
ब्रैण्ड के पुष्पक विमान से
दुनिया लाँघता फूल बरसाता यहाँ आ चुका है...
 

अब वह मुझमें है
तुममें है
हमसे अलग कहीं नहीं
वह विजेता है नई सदी का
गरीबों का नाम जपता
उनकी लाशों पर पनपता
मसीहा है वह
मरणशील नक्षत्रों का
जहाँ हम जीवित हैं
जीते नहीं।

© Tushar Dhawal (तुषार धवल)
Audio production: Verseville

Jetzt ein Prophet

nemščina

 Mordflecken
 kleben nicht mehr an seinem Gesicht.
 Er hat ihre Schatten mit seinem
 Strahlen gelöscht.
 Verzückt rückt eine Schar vor
 und brüllt Slogans.
 Hosiannas, seine ausgedehnte Nachkommenschaft,
 fällt über Frösche her macht eine Orgie
 in schwarzem Regen.
 
 Er ist der Begründer
 neuer Religionen, neuer Schriften,
 von Philosophien, die in sein Hemd passen,
 und der Regler des Kosmos,
                               von Kraft.
 
 Er findet Lösungen in neumodischen Formeln
 und Blumengüssen während des Flugs über
 die Welt in Pushpak Viman namens Brand,
 eine neue Plage ist hier, serviert auf der Platte.
 
 Jetzt ist er in dir,
 in mir. Wir sind eins mit ihm.
 Er ist der Alexander des neuen Jahrhunderts, der den Namen
 der Armen anstimmt, der auf ihren
 Leichnamen gedeiht.
 Er ist der Prophet
 todgeweihter Sterne,
 auf denen wir leben
 
 aber nicht lebendig sind.
 

Übersetzt aus dem Englischen: Rainer G. Schmidt

In Nice

angleščina | Denise Riley

Where did they get to?
It's untidy without them;
chic or fanned flat, those
house sparrows in teams.
- Pip, sirrah, southbound
to red dust scuffles. To
where the lemon trees.

© Denise Riley
from: Say Something Back
London: Picador, 2016
Audio production: Haus für Poesie, 2018

In Nizza

nemščina

 Wohin zogen sie?
 Ohne sie ist es unordentlich;
 schick oder flach ausgefächert, diese
 Hausspatzen in Trupps.
 Piep, du da, südwärts
 zu rotem Staubgemenge. Dorthin,
 wo die Zitronen.

Übersetzung: Rainer G. Schmidt

Listening for lost people

angleščina | Denise Riley

Still looking for lost people - look unrelentingly.
'They died' is not an utterance in the syntax of life
where they belonged, no belong - reanimate them
not minding if the still living turn away, casually.
Winds ruck up its skin so the sea tilts from red-blue
to blue-red: into the puckering water go his ashes
who was steadier than these elements. Thickness
of some surviving thing that sits there, bland. Its
owner's gone nor does the idiot howl - while I'm
unquiet as a talkative ear. Spring heat, a cherry
tree's fresh bronze leaves fan out and gleam - to
converse with shades, yourself become a shadow.
The souls of the dead are the spirit of language:
you hear them alight inside that spoken thought.

© Denise Riley
from: Say Something Back
London: Picador, 2016
Audio production: Haus für Poesie, 2018

Horchen nach Verschollenen

nemščina

 Immer noch schauen nach Verschollenen – mitleidslos schauen.
 „Sie starben“ ist keine Äußerung in der Syntax des Lebens,
 zu dem sie gehörten, kein Betreff – wiederbelebt sie,
 einerlei, ob die Noch-Lebenden sich abwenden, gelegentlich.
 Winde falten seine Haut auf, sodass das Meer von Rot-Blau
 zu Blau-Rot kippt: in gekräuseltes Wasser geht seine Asche,
 der er stetiger war als diese Elemente. Dichte
 eines überlebenden Dings, das dort sitzt, gütig. Sein
 Besitzer ist fort und hat nicht das Idiotengeheul – während ich
 unruhig bin wie ein gesprächiges Ohr. Frühlingswärme, frisches
 Bronzelaub eines Kirschbaums fächert aus und glänzt – um
 mit Schatten zu sprechen, wirst du selbst ein Schatten.
 Die Seelen der Toten sind der Geist der Sprache:
 Du hörst sie, wie sie sich in diesem gesprochenen Gedanken niederlassen.

Übersetzung: Rainer G. Schmidt

10TH FEBRUARY: QUEEN

angleščina | Sean Borodale

I keep the queen, she is long in my hand,
her legs slightly pliant; 
folded, dropped down, wings flat
that flew her mating flight
to the sun and back, full of spermatozoa, dronesong.
She was made mechanically ecstatic.
I magnify what she is, magnify her skews and centres.
How downy she is, fur like a fox's greyness, like a thistle's mane.
Wings perfect, abdomen subtle in shades of brittle;
her rear legs are big in the lens;
feet like hung anchors are hooks for staying on cell-rims.
Veins in her wings are a rootwork of rivers,
all echo and interlace. This is her face, compound eye.
I look at the slope of her head, the mouth's proboscis;
her thin tongue piercing is pink as cut flesh, flash glass.
Some hairs feather and split below the head.
Those eyes are like castanets, cast nets;
woman all feral and ironwork, I slip
under the framework, into the subtle.
The wing is jointed at the black leather shoulder.
I wear it, I am soft to stroke, the lower blade fans.
Third generation queen of our stock,
you fall as I turn. I hold your hunchback;
a carcase of lightness, no grief, part animal, part flower.


© Sean Borodale. Reproduced by permission of the poet c/o Rogers, Coleridge & White Ltd., 20 Powis Mews, London W11 1JN
from: Bee Journal
London: Jonathan Cape,
Audio production: Haus für Poesie, 2020

10. FEBRUAR: KÖNIGIN

nemščina

Ich halte die Königin, sie ist lang in meiner Hand,
ihre Beine leicht biegsam;
gefaltete, gesenkte, flache Flügel,
die ihren Hochzeitsflug flogen
zur Sonne und zurück, voll Sperma, Drohnenlied.
Sie wurde mechanisch in Verzückung gebracht.
Ich übertreibe, was sie ist, übertreibe ihre Schrägen und Zentren.
Wie pelzig sie ist, wie eines Fuchsfells Grau, wie eine Distelmähne.
Flügel vollkommen, Hinterleib mit feinen spröden Abtönungen;
ihre Hinterbeine sind groß im Okular;
Füße wie gehängte Anker, um sich an Zellrändern zu verhaken.
Adern in ihren Flügeln sind ein Netzwerk von Flüssen,
ganz Widerhall und Geflecht. Dies ist ihr Gesicht, Facettenauge.
Ich betrachte die Schräge ihres Kopfs, den Rüssel des Munds;
ihre dünne, durchdringende  Zunge ist rosa wie geschnittenes Fleisch, Glasglitzern.
Einige Haare wie Federn zerspleißen unterhalb des Kopfs.
Solche Augen gleichen Kastagnetten, geworfenen Netzen;
Ganz ungezähmte Frau und schmiedeeisern,
gleite ich unters Gestell, ins Zarte.
Der Flügel ist mit der schwarzen Lederschulter verbunden.
Ich trage ihn, ich bin weich zu streicheln, die unteren Blattfächer.
Dritte Königinnengeneration in unseren Stock,
du fällst während ich mich umwende. Ich halte dich am Buckel,
ein Gerippe der Leichtigkeit, kein Kummer, teils Tier, teils Blume.

Übersetzung:
Rainer G. Schmidt

27TH AUGUST

angleščina | Sean Borodale

The spider's season opens,
rat tooth-marks begin to appear;

almost just a tempering of vision.

So in a coat
I go up to the ochre house of you in there.

How bees touch and re-align their touch.

Light in migration;
noise of a body in continual repair . . .

© Sean Borodale. Reproduced by permission of the poet c/o Rogers, Coleridge & White Ltd., 20 Powis Mews, London W11 1JN
from: Bee Journal
London: Jonathan Cape, 2012
Audio production: Haus für Poesie, 2020

27. AUGUST

nemščina

Die Saison der Spinne ist eröffnet,
Rattenzahnabdrücke treten in Erscheinung;

fast geradezu ein Abmildern des Sehens.

Also gehe ich im Mantel
zum Ockerhaus hinauf worin du bist.

Wie Bienen sich berühren und ihr Berühren auf Linie bringen.

Licht im Wandern;
Geräusch eines Körpers in fortwährender Wiederherstellung . . .

Übersetzung:
Rainer G. Schmidt

18TH DECEMBER: SNOW AND INTERVENTION

angleščina | Sean Borodale

Unscrew the cap, invert and squeeze
this bottle between frames into bee-gap.

(Water, saccharose, citric, oxalic, formic acids
& propolis extract,
diverse, unspecified, essential oils of what?)

A stagger of waiting
leans over the hour's clock-hand's seconds.
Jutting harp strings of light,
ligaments of noise take flight.

It's like a head being tapped out:
the weaker bees mass and fan at the door's ledge,
become a gangplank of intent to leave.
They slow-wing to the snow-floor.

The blackbirds are interested,
landing an assembly to constrict this unfortunate rink.

For an hour of daylight
the hive clears out the bric-a-brac of infested.

Before I go, I smear thin belts of their own honey back
along brood-frame bars.
Hangs of it plumb into the dark.

How did it go, this song of chemistry?
It's like a dream it should not be so,
bees misjudging the gaunt-of-heat world.

A hundred bees dead at a touch - that is not much
of thousands in a box,
but, black on the snow they go,
dropped bag of dead luck.

© Sean Borodale. Reproduced by permission of the poet c/o Rogers, Coleridge & White Ltd., 20 Powis Mews, London W11 1JN
from: Bee Journal
London: Jonathan Cape, 2012
Audio production: Haus für Poesie, 2020

18. DEZEMBER: SCHNEE UND EINGRIFF

nemščina

Schraube den Deckel auf, drehe sie um und drücke diese
Flasche zwischen Rahmen in die Bienenspalte.

(Wasser, Zucker, Zitronensäure, Oxalsäure, Ameisensäure
& Bienenkitt,
verschiedene nicht spezifizierte ätherische Öle von was?)

Ein schwankendes Warten
lehnt sich über die Uhrzeigersekunden der Stunde.
Harfensaiten aus Licht springen vor,
Bänder von Geräusch entfliehen.

Wie ein Kopf, der ausgeklopft wird:
Die schwächeren Bienen sammeln sich und schwärmen an der Türleiste aus,
die Planke wird für die Absprungswilligen.
Sie flattern flau auf den Schneegrund.

Die Amseln sind interessiert,
landen eine Schar, um diese Unglückseisbahn einzukreisen.

Während einer Stunde Tageslicht
räumt der Stock den Trödel der Befallenen aus.

Bevor ich gehe, schmiere ich dünne Streifen ihres eigenen Honigs zurück,
längs der Stäbe des Brutrahmens.
Hängt von dort stracks herab ins Dunkel.

Wie lautete es,  dieses Lied der Chemie?
Es gleicht einem Traum, der nicht so sein sollte,
Bienen beurteilen die vor Hitze dürre Welt falsch.

Einhundert Bienen tot im Nu – das ist nicht soviel
wie Tausende in einem Kasten,
aber, schwarz auf dem Schnee gehen sie,
vom Pech fallengelassener Sack.

Übersetzung:
Rainer G. Schmidt

20TH OCTOBER: BROOD NEST HONEY

angleščina | Sean Borodale

Black honey in its dark brood cells
is a wild liquor of ecstatic work.
Bright sun and gauze exhaust its details.

We fall to our second winter, bees.
The grass .flaked out of frost white bones last night,
emaciatingly bright.

Your ultra-commune is still unlocked, you fly,
but feel the globe of cluster remembered
like vapour ghost breath smoke-ring trick of circular,
contracted.

And we, beekeepers,
can only open the book part way to read what is unsaid.
Not being your drones we do not see like you.

Eyes fed and lit up.
Eyes starved and kicked out.
That was a drone's life, all summer's sight.

We lean on our human eyes,
absorbed into honey black with cocoon stain.

© Sean Borodale. Reproduced by permission of the poet c/o Rogers, Coleridge & White Ltd., 20 Powis Mews, London W11 1JN
from: Bee Journal
London: Jonathan Cape, 2012
Audio production: Haus für Poesie, 2020

20. OKTOBER: BRUTNESTHONIG

nemščina

Schwarzer Honig in seinen dunklen Brutzellen
ist ein wilder Saft verzückter Arbeit.
Helle Sonne und Gaze erschöpfen seine Details.

Wir machen uns an unseren nächsten Winter, Bienen.
Das Gras geschuppt von Reif weißes Gebein gestern Nacht,
ausgemergelter heller Schein.

Eure Super-Kommune ist noch geöffnet, ihr fliegt,
aber verspürt die Schwarmkugel, erinnert
wie Dampfgeistatem Rauchringtrick des Kreisförmigen,
Konzentrierten.

Und wir, Bienenzüchter,
können das Buch nur teilweise öffnen, um das Ungesagte zu lesen.
Da wir nicht eure Drohnen sind, sehen wir nicht wie ihr.

Augen genährt und erhellt.
Augen ausgehungert und rausgeworfen.
Das war ein Drohnenleben,  des ganzen Sommers Sicht.

Wir stützen uns auf unsere menschlichen Augen,
vom Honig geschluckt, schwarz in der Farbe des Kokons.

Übersetzung:
Rainer G. Schmidt

29TH JULY: INTERIOR

angleščina | Sean Borodale

My bed here, say four hundred yards south-east of the hive,
my bed here.

Awake in the zoo-dead-of-night
I listen in on the cages of the day's hours.

There is that question,
trapped and circling a hole in the floor.
A slurry of collapsed swarm agitates in there,

like the very black bowl of a
dead stare into itching solid.

And there in that bludgeoned hole is the idea of a calf,
not broken, but fully bruised, and blocked up with clay plugs.

Mistaken bees blackly weep from its ears.

The colony has one time: it's like a gas
dispersing towards the lowest of pressures.

© Sean Borodale. Reproduced by permission of the poet c/o Rogers, Coleridge & White Ltd., 20 Powis Mews, London W11 1JN
from: Bee Journal
London: Jonathan Cape, 2012
Audio production: Haus für Poesie, 2020

29. JULI: INNERES

nemščina

Mein Bett hier, etwa vierhundert Yards südöstlich des Bienenstocks,
mein Bett hier.

Wach im Zoo-tief-in-der-Nacht
lausche ich in und an den Käfigen der Tagesstunden.

Da ist diese Frage,
gefangen und ein Loch im Boden umkreisend.
Der Brei eines kollabierten Schwarms rührt sich darin,

wie die pechschwarze Schale eines
toten Starrens in juckende Festigkeit.

Und dort in diesem geprügelten Loch ist die Vorstellung einer Wade,
nicht gebrochen, aber ganz zerquetscht und mit Lehm verstopft.

Nicht erkannte Bienen klagen düster von ihren Ohren aus.

Die Kolonie hat eine einzige Zeit: Sie ist wie ein Gas,
das sich zum niedrigsten Druck hin zerstreut.

Übersetzung:
Rainer G. Schmidt

23RD JULY: NOISE & WASTE

angleščina | Sean Borodale

Today the hive
is trying out its harmonics,

a weepy low fugue I think to burning sun.
The loss of flowers is overwhelming:

dry sheaths and packets
stapled onto brown skulls.

The nagging air swings gibbets of drought.
Some clumps of the world are barred,
The dump stinks in flowerbeds, weedbeds,
and the river's clogged two miles of hemlock rots.

Mangled carapaces fall out of air
skinny in their little traps of make-up.

A chimera of scrap parts.
Grass-blade emerald twisted.
Glitter paste of bumps & grazes.
The air's ears are traumatised,

and on the flames of the hour
just a whiff of decline,
just a whiff more.

The white dry heat jangles;
it's like a kiln is shaking at the corners.

Tomorrow,
must search the dawn's damp ash
for broken mirrors.

© Sean Borodale. Reproduced by permission of the poet c/o Rogers, Coleridge & White Ltd., 20 Powis Mews, London W11 1JN
from: Bee Journal
London: Jonathan Cape, 2012
Audio production: Haus für Poesie, 2020

23. JULI: GERÄUSCH & ABFALL

nemščina

Heute erprobt der Bienenstock
seine Harmonie,

eine klagende, leise Fuge an die Sonne, mein‘ ich.
Der Verlust von Blumen schmettert nieder:

trockene Hüllen und Packen
auf braune Schädel gestapelt.

Die nagende Luft schwingt Galgen der Dürre.
Einige Büsche der Welt sind abgesperrt.
Der Abfall stinkt in Blumen- und Unkrautbeeten,
und der Fluss ist auf zwei Meilen mit Hemlockwurzeln verstopft.

Zerfetzte Gehäuse fallen aus der Luft,
hautig in ihren kleinen Verpackungsfallen.

Eine Chimäre aus Fetzen.
Smaragdener Grashalm verdreht.
Glitzerpaste aus Stößen & Schrammen.
Die Ohren der Luft sind traumatisiert,

und auf den Flammen der Stunde
nur ein Hauch von Niedergang,
nur ein weiterer Hauch.

Die trockene Weißglut schrillt;
wie ein Feuerofen, der an den Ecken wankt.

Muss morgen
die feuchte Frühasche suchen,
für zerbrochene Spiegel.

Übersetzung:
Rainer G. Schmidt

17TH JULY: KILLING DRONES

angleščina | Sean Borodale

Today cut comb with drone cells from the lower frame.
Too many drones,
one tenth of all here this month;
they eat the stores.

Capped brood in ancient pots.
(Suspect no queen present,
she with clipped wings, gone.)
Respect the unborn dead.

Hatched heads waggle, they are trapped;
they understand
the pageant of the mating flight will come.
And yet not born yet, these fated.

Two queen cells ripen fat with burden;
evolve same plan.
(Winding sound increased.)
Which queen will wake first?

This game we hold and do not possess but use.
This farm is cities;
good health;
wing sheen like threshold stones.

Kneel eyes;
note, no graffiti of foul brood or mould;
comb dark with capped brood is pixels.
Wings good, not ragged; the honey clear,
will not take yet.

Took one board of comb with hatching drones;
heads chewing out their caps.
Threw the buoyant, tarry, dark wax into the river.
Barge of ballast: heads a trout may seize.
Slow flows, away it goes,
twelve-headed river-hearse of the emergent.

No flame for them.

© Sean Borodale. Reproduced by permission of the poet c/o Rogers, Coleridge & White Ltd., 20 Powis Mews, London W11 1JN
from: Bee Journal
London: Jonathan Cape, 2012
Audio production: Haus für Poesie, 2020

17. JULI: DROHNEN TÖTEN

nemščina

Schnitt heute Wabe mit Drohnenzellen aus dem unteren Rahmen.
Zu viele Drohnen,
ein Zehntel von allen jetzt in diesem Monat;
sie fressen die Vorräte.

Bedeckte die Brut in alten Töpfen.
(Vermutlich keine Königin da,
sie war, mit Stutzflügeln, fort.)
Achte die ungeborenen Toten.

Ausgebrütete Köpfe wackeln, sie sind gefangen;
sie verstehen,
dass der Pomp des Hochzeitsflugs kommt.
Und doch noch nicht geboren, diese Unglückswürmer.

Zwei Königinnenzellen reifen, dick von Last;
entwickle einen Plan.
(Schlängelgeräusch nahm zu.)
Welche Königin erwacht zuerst?

Dieses Wild, das wir halten und nicht besitzen aber benützen.
Diese Farm bildet Städte;
brummt vor Gesundheit;
Flügelschimmer wie Schwellensteine.

Augen in Kniehöhe;
bemerke,  keine Graffitis von Faulbrut oder Schimmel;
Wabe dunkel von abgedeckter Brut bildet Pixel.
Flügel heil, nicht zerfranst; der Honig klar,
nehme ihn noch nicht.

Nahm ein Wabenbrett mit ausgebrüteten Drohnen;
Köpfe kauten sich aus ihren Deckeln.
Warf das schwimmende, teerige, dunkle Wachs in den Fluss.
Ballastboot: Köpfe, die eine Forelle packen mag.
Langsames Treiben, kann nicht bleiben,
zwölfköpfiger Fluss-Katafalk taucht auf.

Keine Flamme für sie.

Übersetzung:
Rainer G. Schmidt

7TH JANUARY

angleščina | Sean Borodale

Four inches of snow. The hive a hut
of silence and darkness.
I found a stick and scratched
a small translucent tunnel to the door.
Are you in there?
I've brought some light and air. No answer.

© Sean Borodale. Reproduced by permission of the poet c/o Rogers, Coleridge & White Ltd., 20 Powis Mews, London W11 1JN
from: Bee Journal
London: Jonathan Cape, 2012
Audio production: Haus für Poesie, 2020

7. JANUAR

nemščina

Vier Zoll Schnee. Der Bienenstock eine Hütte
der Stille und Dunkelheit.
Ich fand einen Stock und kratzte
einen kleinen durchscheinenden Tunnel zur Tür.
Bist du da drin?
Ich habe etwas Licht und Luft gebracht. Keine Antwort.

Übersetzung:
Rainer G. Schmidt

12TH NOVEMBER: WINTER HONEY

angleščina | Sean Borodale

To be honest, this is dark stuff; mud, tang
of bitter battery-tasting honey. The woods are in it.

Rot, decayed conglomerates, old garlic leaf, tongue
     wretched
by dead tastes, stubborn crystal, like rock. Ingredients:

ivy, sweat, testosterone, the blood of mites. Something
     human
in this flavour surely.

Has all the clamber, twist and grip
of light-starved roots, and beetle borehole dust.

Deciduous flare of dead leaf,
bright lights leached out like gypsum almost, alabaster
     ghost.

Do not think this unkind, the effect is slow
and salty in the mouth. A body's widow in her dying year.

It is bleak with taste and like meat, gamey.

This is the offal of the flowers' nectar.
The sleep of ancient insects runs on this.

Giant's Causeway hexagons we smeared on buttered toast
or just the pellets gouged straight from wax to mouth.

Try this addiction:
compounds of starched cold, lichen-grey light. What else seeps
     out?

Much work, one bee, ten thousand flowers a day
to make three teaspoons-worth of this
     disconcerting
     solid broth
of forest flora full of fox. Immune to wood shade now.

© Sean Borodale. Reproduced by permission of the poet c/o Rogers, Coleridge & White Ltd., 20 Powis Mews, London W11 1JN
from: Bee Journal
London: Jonathan Cape, 2012
Audio production: Haus für Poesie, 2020

12. NOVEMBER: WINTERHONIG

nemščina

Ehrlich gesagt, das ist dunkles Zeug; Schlamm, Tang
von bitterem, nach Batterie schmeckendem Honig. Enthält Wald.

Faule, zerfallene Konglomerate, altes Knoblauchblatt, Zunge
        versaut
durch toten Geschmack, spröder Kristall, wie Stein. Zutaten:

Efeu, Schweiß, Testosteron, Milbenblut. Gewiss etwas
        Menschliches
in diesem Arom.

Hat all das Klammern, Drehen und Greifen
lichtdürstender Wurzeln, und des Bohrkäfers Holzmehl.

Kurzlebiges Aufflackern toten Laubs,
helle Lichter ausgelaugt wie Gips fast, Alabaster-
        Geist.

Halte das nicht für lieblos, die Wirkung ist langsam
und salzig im Mund. Der Körper einer Witwe in ihrem Sterbejahr.

Vom Geschmack her öd und wie Fleisch mit Hautgout.

Dies ist der Abfall des Blütennektars.
Der Schlaf alter Insekten verläuft darauf.

Wir schmierten Sechsecke von Giant’s Causeway auf gebutterten Toast
oder einfach die Klümpchen direkt ausgehoben von Wachs zu Mund.

Erprobe diese Neigung:
Mixtur aus gestärkter Kälte, flechtengrauem Licht. Was sickert noch
        heraus?

Viel Arbeit, eine einzige Biene, zehntausend Blüten täglich
um daraus drei Teelöffel voll von diesem
     verwirrenden
     festen Mus zu machen
des Forsts der Flora voller Fuchs. Immun jetzt gegen den Waldschatten.

Übersetzung:
Rainer G. Schmidt

26TH JULY: IN THE GARDEN

angleščina | Sean Borodale

I assume this creature is my bee.

There it is: one pulsing abdomen;
light brown, familiar, gently striped. Tongue
at drinking water.

Frail, how it concentrates
not solely for itself.
It makes one part.

What rhetoric the mind must be,
quite undisturbed.

Alas, how to read
mimesis;
not just reading what is ulterior,
ideal of a mother.

She needs water in this other mouth.
She
consists of minute projects,
like this alone.

How in her time
all co-exists,
not of itself.

© Sean Borodale. Reproduced by permission of the poet c/o Rogers, Coleridge & White Ltd., 20 Powis Mews, London W11 1JN
from: Bee Journal
London: Jonathan Cape, 2012
Audio production: Haus für Poesie, 2020

26. JULI: IM GARTEN

nemščina

Ich vermute, dieses Wesen ist meine Biene.

Da ist sie: Ein einziger pulsender Hinterleib;
hellbraun, vertraut, sacht gestreift. Zunge
beim Wassertrinken.

Zerbrechlich, wie sie sich nicht nur
für sich selbst konzentriert.
Sie bildet einen Teil.

Welche Rhetorik der Sinn sein muss,
ganz ungestört.

Ach, wie Mimesis
lesen;
nicht nur das Fernere lesen,
Ideal einer Mutter.

Sie braucht Wasser in diesem anderen Mund.
Sie
besteht aus winzigen Plänen,
wie dieser allein.

Wie in ihrer Zeit
alles zugleich existiert,
nicht von ihr selbst.

Übersetzung:
Rainer G. Schmidt

30TH MAY: EXAMINING BROOD

angleščina | Sean Borodale

Lifting the heavy brood frame weeping with bees
we are wax, translucent-feeling;
the weight already promises.

Being apiarists, we exploit this trust:
they let in our nerves.

They are impervious with process:
work-ethic tendency.
They do not pause
but play on in autoloop, and have phases.

We are in.

Jewellery box: I did not expect this strange calmness.
Eyes go steady with study of larvae,
womb, light, wax, bee eggs.

Still I have not seen the fountain of all,
where is she?
Must learn to find this instrument by heart.

One gold halo in a white room.

Neighbours-in-making, unlegged, unwinged.
No need for anything but mouth and anus now.
Will find flight.

This is a brain itself: congestion of language,
olfactory archive, register
of homeopathic light stored in amphorae.

You, bee man, lifting a frame to light, count only numbers.
You are human; what bees count must be more than parts.
Breathe on them your dream of honey-smeared taste.

They agitate and are in dream what sun pens.
Motherboard of many; each light, residual:
element, lumen, diode, valve.

This snapshot is vital; I take but cannot make.

I capture nothing - several drones are present.
Take note, they will be killed; should I take note?

© Sean Borodale. Reproduced by permission of the poet c/o Rogers, Coleridge & White Ltd., 20 Powis Mews, London W11 1JN
from: Bee Journal
London: Jonathan Cape, 2012
Audio production: Haus für Poesie, 2020

30. MAI: DIE BRUT PRÜFEN

nemščina

Den schweren, von Bienen wimmelnden Brutrahmen hebend
sind wir Wachs, muten durchscheinend an;
das Gewicht bereits Verheißung.

Als Bienenzüchter beuten wir diesen Schatz aus:
Sie lassen unsere Nerven hinein.

Sie sind unergründlich in ihrem Vorgehen:
Hang zur Arbeitsmoral.
Sie stocken nicht,
sondern spielen in Eigenschleife und haben Phasen.

Wir sind drin.

Schatzkästchen: Ich erwartete nicht diese seltsame Ruhe.
Augen sind stetig beim Studium von Larven,
Leib, Licht, Wachs, Bieneneiern.

Immer noch nicht habe ich den Quell von allem gesehen,
wo ist sie?
Muss lernen, dies Werkzeug von selbst zu finden.

Ein Gold—Halo in einem weißen Raum.

Benachbart im Tun, ohne Beine, ohne Flügel.
Brauche jetzt sonst nichts als Mund und Anus.
Werde Schwarm finden.

Dieser ist selbst ein Gehirn: Sprachandrang,
Geruchsarchiv, Register
homöopathischen Lichts, in Amphoren gespeichert.

Du, Bienenmensch, hebst einen Rahmen zum Licht, zählst nur Zahlen.
Du bist menschlich; was Bienen zählen, muss mehr sein als Teile.
Beatme sie mit deinem Traum honigtriefenden Geschmacks.

Sie regen sich und träumen in dem, was Sonne schreibt.
Matrix vieler; jegliches Licht ein Rest:
Element, Lumen, Diode, Ventil.

Dieser Schnappschuss ist vital; ich nehme auf, aber kann nicht schaffen.

Ich erbeute nichts – mehrere Drohnen sind da.
Nimm Notiz, sie werden getötet; sollte ich Notiz nehmen?

Übersetzung:
Rainer G. Schmidt

24TH MAY: COLLECTING THE BEES

angleščina | Sean Borodale

I'd say it's toiling air, high up here;
steep with bees, and the beacon sun
burns
overlapping light, close to sundown.

Come to collect bees, our hive in parts.
Compound of fencing, stands of nucleus hives.
(Nuc,
new word.)

He just wears a veil, this farmer, no gloves
and lifts open a dribbly wax-clogged
blackwood box.
We in our whites mute with held breath.
Hello bees.
Drops four frames into our silence.

The air is like mica
ancient with thin flecks;
distance viewed through a filter of thousands.
I am observed.

Each box has the pulsar of its source. Porous with eyes
we wait in the spinning sun. The light is Medusa,
sugar of frayed threads; a mesh, a warp-field, all
the skin of our heads.

© Sean Borodale. Reproduced by permission of the poet c/o Rogers, Coleridge & White Ltd., 20 Powis Mews, London W11 1JN
from: Bee Journal
London: Jonathan Cape, 2012
Audio production: Haus für Poesie, 2020

24. MAI: DIE BIENEN EINSAMMELN

nemščina

Würd‘ sagen, hoch oben, da müht sich Luft;
von Bienen steil, und die Leuchtfeuersonne
brennt
überlappendes Licht, nah dem Sonnuntergang.

Komme Bienen einsammeln, unser Volk zerteilt.
Gehege, Standorte von Kernschwärmen, Nuklei.
(Nuk,
neues Wort.)

Er trägt nur einen Schleier, dieser Imker, keine Handschuhe
und öffnet einen Schwarzholzkasten, tröpfelnd
von klumpigem Wachs.
Wir Weißkittel stumm, und halten den Atem an.
Hallo Bienen.
Senkt vier Rahmen in unser Schweigen.

Die Luft gleicht Glimmer,
uralt mit schwachen Flecken;
Abstand beäugt durch einen Filter Tausender.
Ich werde beobachtet.

Jeder Kasten hat den Pulsar seines Quells. Mit Augenporen
warten wir in der wirbelnden Sonne. Das Licht ist Medusa,
Zucker zerfranster Fäden; ein Geflecht, ein Webfeld, all
die Haut unserer Köpfe.

Übersetzung:
Rainer G. Schmidt

First Cell

angleščina | Ruth Padel

Born in a deep-sea vent, synthesised
by lightning in a reducing atmosphere
or carried here by meteorite, we’re all
from somewhere else. Algae, first
self-replicating molecule on Earth,

pulls carbon from organic substrate,
performs the world’s first magic,
photosynthesis of air to oxygen,
and creates copies of herself, uncountable
as starlings flocking or the pure gold bricks

Sheba sent to Solomon by mule.
Cell in the air, on the rocks. Song
hoping to be heard in a heart cut open.
Little Blue-Green, dreaming of pattern
and form. Tiny horseman of apocalypse.

© Ruth Padel
from: The Mara Crossing
Chatto & Windus, 2012
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2015

ERSTE ZELLE

nemščina

In einem Tiefsee-Schlot geboren, von Blitz
synthetisiert in einer Schrumpf-Atmosphäre
oder durch Meteorit hierher gebracht, sind wir
alle von anderswo. Algen, erstes
sich selbst doppelndes Molekül auf Erden,

zieht Kohlenstoff aus organischem Substrat,
vollbringt den ersten Zauber der Welt,
Photosynthese von Luft zu Sauerstoff,
und schafft Kopien von sich, unzählbar
wie Starenschwärme oder die puren Goldbarren,

die Sheba per Muli an Salomon schickte.
Zelle in der Luft, auf Fels. Lied, hoffend,
in einem aufgetrennten Herzen gehört zu werden.
Kleine Blaualge, träumend von Muster
und Form. Winziger apokalyptischer Reiter.

Übersetzt von Rainer G. Schmidt

THE ALLIGATOR'S GREAT NEED AND GREAT DESIRE

angleščina | Ruth Padel

To be thermally, forever, stable. Harder than it seems,
     But thermo-regulation is their thing. When the air
          Is colder than the water, October to late March,
               They keep to dens below the water table.
               Away from them, caught by a cold snap, they become 
Completely numb, incapable of moving. All they do is breathe
     Surface-oxygen through air-holes. Temperature is their goal,
Their god and good. During winter, they take no food. 

They pick an under-hang of lake or stream which will 
     Stay filled with water when the spring freshet recedes.
          Listen to Mr Ned. "See him," he says, "back out of that hole
               He's making burdened with dollops of soft mud
               In his mouth and on his tail, pushing a mass of mud 
With webbed hind feet. He's one busy alligator, sweeping his tail
     From side to side. And trees round gator holes grow  
Darker green, their roots enriched by droppings." 

For water's everything. The darkest alligators come, thought Ned,
     From Tupelo Gum Swamp where the flow is black,
          Dyed by its maker's hand - the bark, roots, fallen leaves
               Of Tupelo Gum. Gator holes, especially of older beasts
               Who, weary, cannot want to move,
Run a long way underground. That's how they manage. They survive,
     When they can't bear what's outside. They know, whatever knowing is 
For them, they’ll have to face the winter. So, they dig.

© Chatto & Windus
from: The Soho Leopard
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2015

DES ALLIGATORS GROSSES BEDÜRFNIS UND BEGEHR

nemščina

Stets die  Wärme zu halten. Schwieriger als es scheint,
    Doch ist Wärmeregulierung ihre Sache. Wenn die Luft
         kälter ist als das Wasser, von Oktober bis Ende März,
             Bleiben sie in Höhlen unterm Wasserspiegel.
             Überrascht sie, außerhalb davon, ein Kälteeinbruch,
Versteifen sie völlig, werden bewegungsunfähig. Sie atmen bloß
    Oberflächen-Sauerstoff durch Luftlöcher. Temperatur ist ihr Ziel,
Ihr Gott und Gut. Im Winter  fressen sie nichts.

Sie suchen sich tiefere Stellen in See oder Fluss, die mit
     Wasser gefüllt bleiben, wenn die Frühlingsflut zurückgeht
         Hört, was Mr. Ned sagt. „Seht doch, wie er rückwärts aus diesem Loch kommt.
         Er packt Klumpen weichen Schlamms darauf
      Mit den mit Schwimmhäuten versehenen Hinterfüßen schiebt er haufenweise Schlamm         In sein Maul und auf seinen Schwanz. Er ist ein eifriger Alligator, schwingt seinen Schwanz    Hin und her. Und Bäume bei Kroko-Löchern sind
dunkler Grün, ihre Wurzeln gedüngt von Exkrementen.“

Alles dem Wasser zu Diensten. Die dunkelsten Alligatoren kommen, dachte Ned,
    Aus dem Tupelobaum-Sumpf, wo der Fluss schwarz ist,
         Gefärbt von der Hand seines Schöpfers - Rinde, Wurzeln, gefallenes Laub
          Des Tupelobaums. Kroko-Löcher, besonders von älteren, erschöpften
     Tieren ohne rechte Bewegungslust,
Ziehen sich lang unterirdisch dahin. So schaffen sie es. Sie überleben,
    Wenn sie das Draußen nicht ertragen können. Sie wissen, mit welchem
Wissen auch immer, dass sie dem Winter trotzen müssen. Also graben sie.

Übersetzung: Rainer G. Schmidt

THE DEVIL AS BABOON

angleščina | Ruth Padel

He began reading Malthus’s Essay on the Principle of Population on 28th September 1838.In it he found “a theory by which to work”, which led him to the concept of natural selection.

Two lamps lit. He’s finishing Malthus. Shadows dance 
          in the room like a scritch of black rain.
“All forms compete against others for means of their life.
         Nature’s forms do not demonstrate benevolence, divine
or otherwise! The principle of population is strife.

Disease and pain in the world – and they talk of perfection?”
         We are alone with our biology. “New life is born
from famine, extinction, death.” Covington draws a curtain  
          against crêpe smog. Granite sparks
in the pavement outside. Applewood spits on the hearth.

“The human mind is shaped by its animal past. Every species 
            enshrines its ancestors in its stub of a tail, at the end
of the spine. But instincts, desires – these have a history too.
           Aggression, anger and revenge
once preserved us. But conditions have changed.

We try to restrain these passions that derive from our descent.”
           Raindrops through soot. Iron heels and hooves
are rattling below like barrels clattering down cellar steps.
          “The origin of man is now proved.” The animal in us
has the loudest tunes. “Our grandfather is Satan in the form of a baboon!”

© Conville & Walsh
from: Darwin - A Life in Poems
Vintage, 2009
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2015

DER TEUFEL ALS PAVIAN

nemščina

Am 28. September begann er Malthus’ Essay on the Principle of Population zu lesen. Er entdeckte darin “eine Therorie, mit sich arbeiten läst”, die ihn zur Idee einer natürlichen Auswahl führte.

Zwei erhellte Lampen. Er beendet Malthus. Schatten tanzen
      im Zimmer wie Schraffuren schwarzen Regens.
„Alle Formen konkurrieren gegeneinander, um ihr Leben zu fristen.
      Die Formen der Natur zeigen keine Güte, weder göttliche
noch sonst eine! Der Grundsatz der Population ist Kampf.

Krankheit und Schmerz in der Welt – und da redet man von Vollkommenheit?“
      Wir sind allein mit unserer Biologie. „Neues Leben entsteht
aus Hunger, Auslöschung, Tod.“ Covington zieht einen Vorhang zu
      vor dem Smog-Schleier. Granitene Funken
auf dem Pflaster draußen. Apfelbaumholz spritzt auf dem Feuer.

„Der menschliche Geist wird durch seine Tier-Vergangenheit geformt. Jede Art
      verwahrt ihre Ahnen in ihrem Schwanzstummel, am Ende
des Rückgrats. Aber Instinkte, Wünsche – sie haben auch ihre Geschichte.
      Aggression, Wut und Rache
haben uns einst geschützt. Doch die Bedingungen haben sich verändert.

Wir versuchen jene Leidenschaften zu zügeln, die unsere Abkunft entspringen.“
      Regen tropft durch Ruß. Eiserne Absätze und Hufe
klappern unten wie Fässer, die Kellertreppen hinabpoltern.
      „Der Ursprung des Menschen ist jetzt bewiesen.“ Das Tier in uns
tönt am lautesten. „Unser Großvater ist Satan in Gestalt eines Pavians.“

Übersetzt von Rainer G. Schmidt

HE FINDS HIS OWN DEFINITION OF GRANDEUR

angleščina | Ruth Padel

From Darwin’s Notebook B, 1838 He was 29, Secretary of the Royal Geological Society, living in London with Covington, cabin boy from the Beagle, his servant and assistant, and was reassessing his thoughts on the five year  voyage and experts’ responses to what he had collected on it. Notebook B was for evolution - or “transformism”, as he called it then.  

“What a magnificent view one can take of the world!”
     He has rooms in Great Marlborough Street. Covington
helps him move in. A Queen has ascended a throne. 
He bowls across the city, three notebooks on the go.
“That events in astronomy, modified by others – unknown – 
     cause changes in geography and climate. These induce
changes in the organic zone. By changing, they affect

each other too. Their bodies keep perfect
     in themselves by certain laws of harmony.
Instincts alter – reason is born. All living forms
have to adapt.”  What we take on a journey.
What we bring back. “So, from a period just short of eternity
     till now, the world fills like an expanding well with myriads
of different forms. What grandeur in this view of world!

Far better than the thought (proceeding, surely,
     from a cramped imagination) that God,
warring against the laws He set up, in organic nature,
created the rhinoceros of Java and Sumatra!”
He’s in a rush – audacious – dangerous.
    Boundaries drop away. If living beings change!
 “And man – from monkeys?”

His hairdresser in Great Marlborough Street
     takes an interest in pedigree hounds! Ask him. Ask about
the principles of breeding. “Is it polite
to say that ever since Silurian times, God’s made
a succession of vile molluscous animals
     in infinite variation? How beneath the dignity
of Him who said, Let there be light!”

 

   

© Conville & Walsh
from: Darwin - A Life in Poems
Vintage, 2009
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2015

ER FINDET SEINE EIGENE DEFINITION VON GRÖSSE

nemščina

Aus Darwins Notebook B, 1838. Er war 29, Sekretär der Royal Geological Society, lebte in London, zusammen mit Covington, dem Kammersteward von der Beagle, seinem Bediensteten und Assistenten, und überdachte seine Gedanken zu seiner fünfjährigen Reise und die Antworten der Experten auf seine gesammelten Beobachtungen. Notebook B befasste sich mit Evolution oder „Transformismus“, wie er es nannte.


„Welch eine herrliche Ansicht kann man von der Welt haben!“
      Er hat Räume in der Great Malborough Street. Covington
hilft ihm beim Einzug. Eine Königin hat einen Thron bestiegen.
Er fährt durch die Stadt, hat drei Notizbücher in der Mache.
„Jene Ereignisse in der Astronomie, die – unbewusst – von anderen abgewandelt wurden,
      bewirken Veränderungen in der Geographie und dem Klima. Diese führen zu
Veränderungen im organischen Bereich. Durch Wandel beeinflussen

sie auch jeden anderen. Ihre Körper bleiben durch gewisse
      Harmoniegesetze vollkommen in sich selbst.
Die Instinkte verändern sich – die Vernunft wird geboren. Alle lebendigen Formen
müssen sich anpassen.“ Was wir auf eine Reise mitnehmen.
Was wir zurückbringen. „So füllt sich, von einer beinahe ewigen Zeit an
      bis jetzt, die Welt wie ein sich ausweitender Quell mit Myriaden
verschiedener Formen. Welche Größe in dieser Ansicht von der Welt!

Weit besser als der Gedanke (der gewiss von einer verkrampften
      Vorstellung ausgeht), dass Gott,
der seine selbst aufgestellten Gesetze bekriegt, in der organischen Natur
das Rhinozeros von Java und Sumatra schuf!“
Er stürmt los – wagemutig – gefährlich.
      Grenzen verschwinden. Wenn Lebewesen sich verändern!
„Und der Mensch – von Affen?“

Sein Friseur in der Great Malborough Street
      interessiert sich für Rassehunde! Frage ihn. Frage ihn
nach den Grundsätzen der Züchtung. „Ist es höflich
zu sagen, dass Gott seit dem Silur in unendlicher Variation
      eine Reihe scheußlicher Weichtiere schuf? Wie weit ist dies unter der Würde
dessen, der sprach: Es werde Licht!“

Übersetzt von Rainer G. Schmidt

The Ampullae of Lorenzini

angleščina | Ruth Padel

Who doesn’t long
for gel-filled pores
somewhere –

and under your top lip would do –
magneto-receptors, telling you
which geologic line

to follow
clean below Orion
over the East Nazareth Mountains

into some Gangetic Sea,
Cathay, Shangri-La or Eldorado
and along the seabed, home?

© Ruth Padel
from: The Mara Crossing
Chatto & Windus, 2012
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2015

DIE LORENZINISCHEN AMPULLEN

nemščina

Wer sehnt sich nicht
nach gel-gefüllten Poren
irgendwo –

und unter eurer Oberlippe wären
Magnet-Rezeptoren, die euch sagen,
welcher geologischen Linie

zu folgen ist
geradewegs unter Orion
über die Berge östlich von Nazareth

in ein Ganges-Meer,
Cathay, Shangri-La oder Eldorado
und längs des Meeresbodens nach Hause?

Übersetzt von Rainer G. Schmidt

Lodestone

angleščina | Ruth Padel

I am Magnes the shepherd who found a pebble
stuck to a nail in his boot and discovered the mineral
Attract. I am Heinz Lowenstam, geologist from Silesia
who identified magnetite in tooth caps
of a homing mollusc. I am magnetotactic bacteria
knitted with crystals which orient to earth’s
magnetic field. I am also your garden robin
who reads geomagnetic lines the way you scan
a newspaper, navigating folded thunderclouds at night
by neural pathways of Cluster N wired to my left eye
from light-processing regions of the brain.

I am the photoreceptor protein which draws young
monarch butterflies hatched on a month-long
journey to the same old Mexican forest their ancestors knew.
I am salamander, spiny lobster, bee, crocodile and whale
and also that flock of cranes passing silently over the moon.
I am fish, mammal, fungi and bird. I am two billion years
of life-forms steering by the minerals of which I am made
and molecular feel for the pull of the earth.
What about us, poor wanderers with no inner compass?
You inscribe the globe. You map, you have words,
you foresee your death. Isn’t that enough?

© Ruth Padel
from: The Mara Crossing
Chatto & Windus, 2012
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2015

MAGNETEISENSTEIN

nemščina

Ich bin Magnes, der Schäfer, der an einem Nagel
seines Stiefels einen Stein haften fand, und entdeckte die mineralische
Anziehungskraft. Ich bin Heinz Lowenstam, schlesischer Geologe,
der Magnetit in den Zahnkappen eines heimfindenden Weichtiers
entdeckte. Ich bin eine magnetotaktische Bakterie,
verknüpft mit Kristallen, die sich am Magnetfeld der Erde
orientieren. Ich bin auch euer Gartenrotkehlchen,
das geomagnetische Linien liest, so wie ihr eine Zeitung mit dem Blick
abtastet, und steuere nachts durch Schichten von Gewitterwolken
auf Nervenbahnen von Cluster N, die von licht-verarbeitenden Regionen
des Hirns aus mit meinem linken Auge verbunden sind.

Ich bin das lichtempfindliche Protein, das junge Monarchfalter, auf
monatelanger Reise geschlüpft, zu demselben alten mexikanischen
Wald zieht, den schon ihre Vorfahren kannten.
Ich bin Salamander, Languste, Biene, Krokodil und Wal
und auch jener Kranichschwarm, der still über den Mond zieht.
Ich bin Fisch, Säugetier, Pilz und Vogel. Ich bin zwei Milliarden Jahre
von Lebensformen, die durch die Minerale gesteuert werden, aus denen
ich bestehe, und durch das molekulare Gefühl für die Erdanziehung.
Was ist mit uns armen Wanderern, die wir ohne inneren Kompass sind?
Ihr beschriftet den Globus. Ihr kartiert, habt Wörter,
ihr seht euren Tod voraus. Reicht das nicht?

Übersetzt von Rainer G. Schmidt

Nocturne

angleščina | Ruth Padel

Sundown. I imagine my father,
ten years dead, examining the lilied deep,
a whole marine community
on the move while the planet sleeps.
Zooplankton rise
to graze on surface phytoplankton –
that smudge of green you hardly see
but it’s been busy all day
processing the energy of Sun –
followed by a host of arrow worms,
sea butterflies, comb jellies, larvae.
Other tenants of the dark
rise with them. Protozoa, copepods
and krill, a ragtag army
preyed on by larger predators still –
the bioluminescence brigade:
lantern-fish glowing cold
catoptromantic rays,
three hundred species
of dense-packed cephalopods;
and hatchet-fish
following their own fixed upward gaze.

Now he sees torpedoes through the murk –
dolphins. sharks, oegopsida squid
with hooks on end of their tentacles
and, giant of the deep, the slow,
filter-feeding, eighteen-foot megamouth:
shadows, fighting the task of life in the under-dark
alone. But leading this spout of moon-milk
are the jellyfish. You think of them,
don’t you, as flotsam –
mammary and malign, drifting through waves
which toss them on the beach like mermaids.
But tonight they are the stars
flowering to surface in translucent
violet-rose: a million moons
of tangled crystal and tilted curlicues
of lace. A ghost flotilla
escaping when the manhole cover
is removed. Parachutes
blowing the wrong way,
lenticular galaxies, floaters in the retina,
translucent udders
with a whiplash trail of lambent fern.
.
This is the full mooch skyward,
bubbles of the soul, tendrils
of Old Man’s Beard
peeling off from the unconscious
in pulp-and-tinsel-dribbles,
the book of the sea shredding as it unfolds.
The whole procession white as aluminium –
this suits my dad, he is, after all, a ghost –
or white as the sun when it slips
behind a cloud. A convoy
of wraith-buskers, creeping from the Tube
like rebellions of the night. All hail,
O jellyfish, you ripple-fringe
of poisoned toga, blip from the cauldron
of nightmare, the unnamed
that is always there under the surface
and what we were always afraid of.
We didn’t know for sure but we suspected.
Then, at first light, the delicate descent begins
to a bed we only imagine – the floor
we never see, heaving crevices
and bubbled weed. The world is not all black
          and all white. You are never safe.

© Ruth Padel
from: The Mara Crossing
Chatto & Windus, 2012
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2015

NOCTURNO

nemščina

Sonnenuntergang. Ich stelle mir meinen Vater vor,
zehn Jahre tot. Er mustert die lilienfarbene Tiefe,
eine ganze Meeresgemeinschaft
in Bewegung, während der Planet schläft.
Zooplankton steigt auf,
um an der Oberfläche auf Phytoplankton zu weiden -
jener grünen, kaum sichtbaren Schmiere,
die aber den ganzen Tag geschäftig
die Sonnenenergie verarbeitet hat –
gefolgt von einer Schar Pfeilwürmer,
Seeschmetterlingen, Rippenquallen, Larven.
Andere Bewohner des Dunkels
steigen mit ihnen. Protozoen, Copepoden
und Krill, ein Pöbelheer,
Beute für noch größere Raubwesen –
die biolumineszente Brigade:
Laternenfische mit ihren kalten
katoptromantrischen Strahlen,
dreihundert Arten
dicht gedrängter Cephalopoden;
und Beilfische,
die ihrem eigenen Hinaufstarren folgen.

Jetzt sieht er Torpedos durchs Trübe –
Delphine, Haie, Kalmare
mit Haken am Ende ihrer Tentakel
und, Gigant der Tiefe, den trägen,
18 Fuß langen Riesenmaulhai, der sein Futter filtert:
Schatten, die im tiefen Dunkel die Aufgabe des Lebens
allein ausfechten. Doch Anführer dieses Schwalls von Mondmilch
sind die Quallen. Man meint, fürwahr,
sie seien Treibgut –  wie Brüste wirken sie
und maligne auf ihrem Weg durch Wellen,
die sie wie Seejungfrauen auf den Strand werfen.
Doch heute Abend sind sie die Sterne,
die in durchsichtigem Violettrosa nach oben
hin erblühen: eine Million Monde
wirren Kristalls und gekippter Schnörkel
aus Spitze. Eine Geisterflotte,
die entweicht, wenn der Lukendeckel
entfernt wird. Fallschirme,
auf falschen Weg geweht,
linsenförmige Galaxien, Schwimmer auf der Netzhaut,
durchscheinende Euter
mit einer Peitschenriemenschleppe aus leuchtendem Farn.

Da hebt sich der ganze Schmus himmelwärts,
Seelenblasen, Ranken
vom Bart des Alten,
die sich vom Unbewussten abschälen
im Fruchtfleisch-und-Flitter-Geriesel,
das Buch des Meeres, zerfetzt beim Sich-Öffnen.
Die ganze Prozession, weiß wie Aluminium –
das passt zu meinem Dad, der schließlich ein Geist ist –
oder weiß wie die Sonne, wenn sie hinter
eine Wolke gleitet. Ein Zug
geisterhafter Musikanten, die aus der U-Bahn kriechen
wie Rebellionen der Nacht. Heil dir,
O Qualle, du welliger Saum
einer giftigen Toga, Leuchtfleck vom Kessel
des Alptraums, das Namenlose,
das dort stets unter der Oberfläche ist
und vor dem wir uns stets fürchten.
Wir wussten nie genau, aber ahnten.
Dann, beim ersten Licht, beginnt der heikle Abstieg
zu einer Schicht, die wir uns nur vorstellen – der Boden,
den wir nie sehen, Spalten, die sich heben und senken,
und aufgewühltes Seegras. Die Welt ist nicht ganz schwarz
und nicht ganz weiß. Man ist nie sicher.

Übersetzt von Rainer G. Schmidt

Where Clavicle and Wishbone Fuse

angleščina | Ruth Padel

Radar operators, picking up echoes from migrating birds
write ‘Angels’ in the logbook, because they come

unbidden. Their licking silhouettes belong
to the school of night, drawn on

for hours across the moon by a magnetism you might
if they were us, call faith, and they keep going

on a butterball of gold fat glowing
in the breast like a secret love

where clavicle and wishbone fuse.
Silk-gristle wings, so easily blown off-course

or bagged by hawks and guns
in blue-blush-ivory dawn

at crossing-points of continents: Bosphorus,
Camargue, Gibraltar. Triggered by high winds,

barometric pressure, a drop in temperature,
the dying of summer flies or autumn seed; and inner need.

© Ruth Padel
from: The Mara Crossing
Chatto & Windus, 2012
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2015

WORIN SCHLÜSSELBEIN UND GABELBEIN VERSCHMELZEN

nemščina

Die Leute am Radar empfangen Echos von Zugvögeln und
schreiben „Engel“ ins Dienstbuch, weil diese ungebeten

kommen. Ihre flitzenden Umrisse gehören
zum Nachtschwarm, der stundenlang über den Mond

gezogen wird, durch einen Magnetismus, den man, wenn sie
wir wären, Glauben nennen könnte, und sie ziehen weiter

auf einem Butterball goldenen Fetts, der in der Brust
wie eine geheime Liebe glänzt,

worin Schlüsselbein und Gabelbein verschmelzen.
Flügel aus Seidenknorpel, so leicht aus dem Kurs geweht

oder von Falken und Flinten erlegt
in blau-rosig-elfenbeinerner Dämmerung

an Kreuzungspunkten von Kontinenten: Bosporus,
Camargue, Gibraltar. Von Höhenwinden ausgelöst,

von Luftdruck, einem Temperatursturz,
dem Sterben von Sommerfliegen oder Herbstsamen; und innerer Notwendigkeit.

Übersetzt von Rainer G. Schmidt

Allele

angleščina | Ruth Padel

The variant. Scripture from a chamber of errors.
The ghost who stalks the body like a shadow
in the mirror, invisible – just so –

as planktonic stars on pulsing gills of foam
that seem themselves an animal
in the wake of the midnight ferry.

The Other, who reveals where you’ll go
next. The stranger who should be welcome
in your home, for stranger may also be god.

© Ruth Padel
from: The Mara Crossing
Chatto & Windus, 2012
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2012

ALLEL

nemščina

Die Variante. Schrift aus einer Fehlerkammer.
Der Geist, der den Körper beschleicht wie ein Schatten
im Spiegel, unsichtbar – genau so –

wie Planktonsterne auf pulsierenden Gischtkiemen,
die selbst ein Tier zu sein scheinen
in der Kielspur der Mitternachtsfähre.

Der Andere, der aufdeckt, wohin du als nächstes
gehen wirst. Der Fremde, der in deinem Haus willkommen
sein sollte, denn ein Fremder kann auch Gott sein.

Übersetzt von Rainer G. Schmidt

Revelation

angleščina | Ruth Padel

‘A ladder,’ the master whispered, ‘of nucleic acid.’
This was the first we’d heard of it.
Rain nosed the glass, wind lashed the trees
outside. ‘Four hydrogen-bonded nucleotides
locking on like mating damsel flies, but each
a different size, pulling the ladder’s sides
into a twist, like serpents on the sign
outside a chemist who for old time’s sake
gives lodging in his window to the alchemist’s
glass jars.’ He drew those twinned snakes
looping up the wand
of God-Who-Escorts-Our-Morphia-Laden-Dead
to forest mist and shadowlands where they belong
and brings them back in dreams.
‘But one snake, the lagging strand,
is upside down.’ A squeak of chalk.
The pavilion, I recall, was dark.
Rain pooled on the mesua floor.
‘We’re conflict from the start. One thread
runs easy, the other’s fitful. Tickertape
on which genetic script, your soul’s barcode,
emerges opposite.’ What did we know?
We longed for a match, a cellphone, anything
that glowed. ‘As in a mirror, messages
are written here and must be read
backwards.’ We waited for the prayer
that never came. ‘Otherwise is built in.
Behold your molecule of heredity -
          two cosmic serpents, yes; but tail to head.’

© Ruth Padel
from: The Mara Crossing
Chatto & Windus, 2012
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2015

OFFENBARUNG

nemščina

„Eine Leiter“, flüsterte der Lehrer, „aus Nukleinsäure.“
Zum ersten Mal hörten wir davon.
Regennasen am Glas, Wind peitschte die Bäume
draußen. „Vier Nukleotide mit Wasserstoffbindung,
angedockt wie Libellen bei der Paarung, doch jedes
verschieden groß, und die Seiten der Leiter spiralförmig
drehend, wie Schlangen auf dem Schild draußen
bei einem Apotheker, der, alter Zeiten eingedenk,
in seinem Schaufenster die Glasphiolen des Alchimisten
beherbergt.“ Er zeichnete jene Doppelschlangen,
die sich hinanwinden am Stab des
Gottes-der-unsere-betäubten-Toten-Geleitet,
zog sie zu Waldnebel und Schattenländern, wohin sie gehören,
und bringt sie in Träume zurück.
„Aber eine der Schlangen, der nachhängende Strang,
steht kopf.“ Ein Kreischen von Kreide.
Der Seitenflügel, fällt mir ein, war dunkel.
Regen pfützte auf dem Eisenholzboden.
„Wir sind von Anfang an kontrovers. Ein Faden
läuft leicht, der andere ruckelt. Lochstreifen,
auf dem die Gen-Schrift, der Barcode eurer Seele,
umgekehrt auftaucht.“ Was wussten wir schon?
Uns verlangte nach einem Zündholz, einem Handy, etwas
Glühendem. „Wie in einem Spiegel werden hier
Nachrichten geschrieben und sind rückwärts
zu lesen.“ Wir warteten auf das Gebet,
das nie kam. „Anderswie ist eingebaut.
Betrachtet euer Erbmolekül –
zwei kosmische Schlangen, ja; aber Schwanz an Kopf.“

Übersetzt von Rainer G. Schmidt

[From the Mercury Fountain, Mahmoud]

angleščina | Michael Palmer

From the Mercury Fountain, Mahmoud,
flow the tenses: past, present, future;
future-past, first and last, daily acts;
desires; angels of slaughter and syntax;
the zero and the zero plus one; deep eyes,
slender wrists; coffee and speech; sleeplessness
and its dreams; the meadow orchid
low within the grass; evening primrose;
cadence on the felt of the dice
so casually thrown; the tumbled stones,
the field of tolling flowers.

Tenses of the present, Mahmoud, the (im)possible
present, infinite presents threading
now forward, now back. Amidst the
shattered symmetries and scattered fictions,
between actual river and imagined shore,
actual breath of wind through the frayed,

half-open curtain
passing so
suddenly over them
those years ago,
brief flare of the lamp,
shadows that danced
upon a wall.

© New Directions
from: Thread
New York: New Directions, 2011
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2012

[Vom Quecksilberbrunnen, Mahmoud]

nemščina

Vom Quecksilberbrunnen, Mahmoud,
fließen die Zeiten: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft;
Zukunft-Vergangenheit, erste und letzte, tägliche Akte;
Wünsche; Engel des Gemetzels und der Syntax;
die Null und die Null plus eins; tiefe Augen;
schmale Handgelenke; Kaffee und Rede; Schlaflosigkeit
und ihre Träume; die Wiesenorchidee
tief im Gras; Nachtkerze;
Tonfall auf dem Filz des so zufällig
geworfenen Würfels; die gestürzten Steine,
das Feld läutender Blumen.

Zeitformen der Gegenwart, Mahmoud, der (un)möglichen
Gegenwart, infinite Gegenwarten fädeln sich
mal nach vorn, mal zurück. Inmitten
zerschmetterter Symmetrien und verstreuter Fiktionen,
zwischen wirklichem Fluss und ersonnener Küste,
wirklicher Windhauch durch den zerschlissenen,

halb offenen Vorhang
geht so
jäh über sie hinweg
diese vergangenen Jahre,
kurzes Flackern der Lampe,
Schatten die auf einer Wand
tanzten.

Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer G. Schmidt, erschienen in:
Michael Palmer: Gegenschein. kookbooks, Berlin 2012.

[Chimera, sightless stars have colonized the meadow]

angleščina | Michael Palmer

Chimera, sightless stars have colonized the meadow

Chimera, helicopters are birthing their young into the waves

Language of the waves, Chimera, language
       of the owl,
       silent petrels by the salt shore,
       the plover repeating its note

Saw the singer in flames by the shore

Watched her swallow her song

Nowness in Neverland she sang

Watched the palace disappear beneath the sea

while a later world sailed overhead

Endless amusements of the cruise ship
with no origin or port of call

Saw the singer in that ink-dark dream

Neverness and nowness she sang

beauty of the world    broken world

she sang, Chimera,

such words the fire offered her

© New Directions
from: Thread
New York: New Directions, 2011
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2012

[Chimäre, blinde Sterne haben die Wiese kolonisiert]

nemščina

Chimäre, blinde Sterne haben die Wiese kolonisiert

Chimäre, Helikopter gebären ihre Jungen in die Wellen

Sprache der Wellen, Chimäre, Sprache
       der Eule,
       stille Sturmvögel am Salzstrand,
       der Regenpfeifer wiederholt seinen Ton

Sah die Sängerin in Flammen am Strand

Sah zu wie sie ihr Lied schluckte

Jetztheit im Nimmerland sang sie

Sah zu wie der Palast unterm Meer verschwand

während eine spätere Welt darüber segelte

Endlose Vergnügungen des Kreuzfahrtschiffs
ohne Herkunft oder Anlaufhafen

Sah die Sängerin in jenem tintendunklen Traum

Nimmerheit und Jetztheit sang sie

Schönheit der Welt       zerbrochene Welt

sang sie, Chimäre,

solche Worte bot ihr das Feuer

Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer G. Schmidt, erschienen in:
Michael Palmer: Gegenschein. kookbooks, Berlin 2012.

[Ave manes a specter]

angleščina | Michael Palmer

Ave manes    a specter
appeared in my dream

a shade with vulture-bone flute
calling to his dead

his unwept unremembered
dead among the terraced

hills and stubblefields
his needlessly dead

in the rusting sands
his comically dead

with lolling tongues
(Lorca’s fluted bones

threaded among the nameless)
the recent and the distant

wind and water tossed
dead stars beneath stones

in nomine patri
and of the son

and of the piping the signifying ghost
ghost of pentacles ghost of music halls

spider-legged spider-white ghost
his ancient broken unplayable flute

© New Directions
from: Thread
New York: New Directions, 2011
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2012

[Ave manes ein Gespenst]

nemščina

Ave manes       ein Gespenst
erschien in meinem Traum

ein Schatten mit Geierknochenflöte
der seine Toten rief

seine unbeweinten nicht erinnerten
Toten unter den terrassierten

Hügeln und Stoppelfeldern
seine unnötig Verstorbenen

im rostenden Sand
seine komisch Verstorbenen

mit heraushängenden Zungen
(Lorcas flötenartige Knochen

unter die Namenlosen gefädelt)
das Jüngste und das Ferne

Wind und Wasser warfen
tote Sterne unter Steine

in nomine patri
und des Sohnes

und des Flötens des weisenden Geists
Geist der Pentagramme Geist der Varietés

spinnenbeiniger spinnenweißer Geist
seine greise zerbrochene unspielbare Flöte

Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer G. Schmidt, erschienen in:
Michael Palmer: Gegenschein. kookbooks, Berlin 2012.

Una Noche

angleščina | Michael Palmer

Then El Presidente,
uncoiling his tongue,

“You cannot stop time
but you can smash all the clocks.”

And so, seeking Paradise,
we have burnt the bright house

to the ground.
A necessary act.

We have invented glass
and ground a dark lens

and in the perilous night
we continue to dance.

The tarantella, the tango,
the passadoble and the jig,

the bunnyhop, the Cadillac,
the Madison and sarabande,

mazurka and the jerk,
the twist on tabletops.

Rolling our eyes,
flailing our limbs.

It’s how we keep time,
our feet never stop.

© New Directions
from: Company of Moths
New York: New Directions, 2005
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2012

Una Noche

nemščina

Dann El Presidente,
der seine Zunge abspult:

„Ihr könnt die Zeit nicht aufhalten,
doch könnt ihr alle Uhren zerschmettern.“

Und so haben wir, Paradiessucher,
das glänzende Haus

gänzlich niedergebrannt.
Ein notwendiger Akt.

Wir haben Glas erfunden
und eine dunkle Linse geschliffen

und in der gefährlichen Nacht
tanzen wir weiter.

Die Tarantella, den Tango,
den Pasodoble und den Jig,

den Bunnyhop, den Cadillac,
den Madison und die Sarabande,

Mazurka und Jerk,
den Twist auf Tischen.

Wir rollen unsre Augen,
lassen unsre Glieder rotieren.

So halten wir den Takt,
unsre Füße halten nie inne.

Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer G. Schmidt, erschienen in:
Michael Palmer: Gegenschein. kookbooks, Berlin 2012.

The White Notebook

angleščina | Michael Palmer

But we have painted over the chalky folds,
the snow- and smoke-folds, so carefully,
so deftly that many (Did you bet

on the margins, the clouds?) that many
will have gone, unnoticed,
under. Water under water,

“earth that moves beneath earth.”
We have added
silver to the river, dots of silver,

red, figures-which-are-not. Tell
me what their names might have been,
what were last and first, what spells

the unfamiliar, awkwardly whispered, syllable?
And what of the blue rider, the Arab
horseman, the cavalier composed

of two shades of blue, one
from Vermeer’s Delft, the other
from that metallic element called

cobalt, Kobolt, goblin? What scene
is he watching? Is it expired space
the fixed eye observes? Is it

the river which has no center, the
whiteness of the city when you say
Paris is white? Is it the arches

of the bridges now narrowed to slits?
Is it the liquid
voices themselves

he watches grow silent?
The voice of closed eyes?
Or the two

impossible young
in the lighted room
who speak only of rain?

Scene which has no center
or whose center is empty,
elsewhere. The way white is said

rejoining an earlier whiteness
between the done and the not-yet
rolling off the tongue

almond, almond-eyed,
eyeless, denialwhite
as the zero code, wordless,

a language of rhythm and breath.
(In erasure the chestnut
flowering toward origin

among the names for white:
blanc de titane, blanc de zinc.)
I met her there at the crossroads.

I don’t remember who spoke.
Two breaths, two patterns of echo.
We have painted a bridge’s eyes

narrowed, its mouth spurting sand,
dots, more dots, bright,
not visible to the eye.

River of dots rising,
stream of sand with no center.
This was both before and after.

Palette knife beside a photograph.
At recess the children’s cries
through the studio windows,

station clocktower to the right,
ochre of expanding sound,
tongue to mute tongue, tendrils–

tendons–over rooftops.
Didn’t it turn me–
he asks of his eye–

didn’t it polish me
like one of its stones,
remingle and remake me

and draw me quickly down
to where each night in sand
the hour sounds?

We met there at the crossroads
near the small arcades.

I can’t recall who first spoke,
who said, “the darkness of white.”

We shared one shadow.
In the heat she tasted of salt.

© New Directions
from: The Promises of Glass
New York: New Directions, 2000
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2012

Das Weiße Notizbuch

nemščina

Doch wir haben die Kalkfalten,
die Schnee- und Rauchfalten, so sorgfältig,
so geschickt übermalt, dass viele (Hast du auf

die Ränder, die Wolken gewettet?) dass viele,
unbemerkt, untergegangen
sein werden. Wasser unter Wasser,

„Erde die sich unter der Erde bewegt“.
Wir haben dem Fluss
Silber hinzugefügt, Silberpunkte,

Rot, Figuren-die-es-nicht-gibt. Sag
mir wie sie hätten heißen können,
welche zuletzt und zuerst, was die

unbekannte, unbeholfen geflüsterte Silbe ausspricht?
Und was ist mit dem blauen Reiter, dem Araber
zu Pferde, dem cavalier, komponiert

aus zwei Blau-Tönen, einer von
Vermeers Delft, der andere
von jenem metallischen Element namens

Kobalt, Kobold, goblin? Welches Schauspiel
betrachtet er? Ist es ausgeatmeter Raum
den das starre Auge beobachtet? Ist es

der Fluss ohne Mitte, die
Weiße der Stadt wenn du sagst
Paris ist weiß? Sind es die Bögen

der Brücken jetzt zu Schlitzen verengt?
Sind es die flüssigen
Stimmen selbst

die er verstummen sieht?
Die Stimme geschlossener Augen?
Oder die beiden

unglaublich jungen Leute
in dem erhellten Raum
die nur von Regen reden?

Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer G. Schmidt, erschienen in:
Michael Palmer: Gegenschein. kookbooks, Berlin 2012.

The Village of Reason

angleščina | Michael Palmer

This is a glove
or a book from a book club

This is the sun
or a layer of mud

This is Monday,
this is an altered word

This is the village of reason
and this is an eye torn out

This is the father
or a number on a chart

This is a substitute,
this is the thing you are

This is the varnished picture
or else an accepted response

This is the door
and this the word for door

This is a reflex caused by falling
and this is a prisoner with an orange

This is a name you know
and this is the poison to make you well

This is the mechanism
and this is the shadow of a bridge

This is a curve
and this its thirst

This is Monday,
this her damaged word

This is the trace
and this the term unmarked

This is the sonnet
and this its burning house

You are in this play
You are in its landscape

This is an assumption
the length of an arm

This is a poppy,
this an epilogue

© New Directions
from: First Figure
Berkeley: North Point Press, 1984
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2012

Das Dorf der Vernunft

nemščina

Dies ist ein Handschuh
oder ein Buch aus einem Buchclub

Dies ist die Sonne
oder eine Schlammschicht

Dies ist Montag,
dies ein verändertes Wort

Dies ist das Dorf der Vernunft
und dies ein ausgerissenes Auge

Dies ist der Vater
oder eine Nummer auf einer Karte

Dies ist ein Ersatz,
dies ist das Ding das du bist

Dies ist das gefirnisste Bild
oder auch eine geglaubte Antwort

Dies ist die Tür
und dies ist das Wort für Tür

Dies ist ein Reflex durch Sturz bewirkt
und dies ein Gefangener mit einer Orange

Dies ist ein Name den du kennst
und dies das Gift das dich gesund macht

Dies ist der Mechanismus
und dies der Schatten einer Brücke

Dies ist eine Kurve
und dies ihr Durst

Dies ist Montag,
dies sein beschädigtes Wort

Dies ist die Spur
und dies der unmarkierte Ausdruck

Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer G. Schmidt, erschienen in:
Michael Palmer: Gegenschein, kookbooks Berlin 2012.

The Classical Study

angleščina | Michael Palmer

I asked the Master of Shadows
wherefore and wherefrom

but he said that art was short
and life was long

Said: let us praise
those flames that consume the day

stone by stone
and the lilac by the barn

and the hours when you were young
and the mother- and the father-tongue.

Curled by fire the leaves of grass,
buckled, the roof beam,

shattered, the wagon’s haft,
ash-flecks in the wind’s swell.

Have you forgotten the whistling of the stones,
the heave and shift of the windrows?

So I asked the Master of Shadows
about the above and the below,
the this and the that,
the first and the last,

but he said,
I am no master

only a shadow,
and he laughed.

© New Directions
from: Company of Moths
New York: New Directions, 2005
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2012

Das klassische Studium

nemščina

Ich fragte den Meister der Schatten
wozu und woher

aber er sagte dass Kunst kurz sei
und Leben lang

Sagte: Preisen wir doch
diese Flammen die den Tag verzehren

Stein um Stein
und den Flieder beim Stall

und die Stunden als du jung warst
und die Mutter- und die Vatersprache.

Gekräuselt vom Feuer die Grashalme,
verbogen der Dachbalken,

zersplittert der Wagengriff,
Aschenflocken im anschwellenden Wind.

Hast du das Pfeifen der Steine vergessen,
das Umschichten der Heuschwaden?

Also fragte ich den Meister der Schatten
nach dem Oben und Unten,

dem Dies und dem Das,
dem Ersten und Letzten,

aber er sagte:
Ich bin kein Meister,

nur ein Schatten,
und er lachte.

Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer G. Schmidt, erschienen in:
Michael Palmer: Gegenschein. kookbooks, Berlin 2012.

Stone

angleščina | Michael Palmer

What of that wolfhound at full stride?
What of the woman in technical dress
and the amber eye that serves as feral guide

and witness
to the snowy hive?
What of the singer robed in red

and frozen at mid-song
and the stone, its brokenness,
or the voice off-scene that says,

Note the dragonfly by the iris
but ask no questions of flight,
no questions of iridescence?

All of this
and the faint promise of a sleeve,
the shuttle’s course, the weave.

What of these?
What of that century, did you see it pass?
What of that wolfhound at your back?

© New Directions
from: Company of Moths
New York: New Directions, 2005
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2012

Stein

nemščina

Was ist mit dem Wolfshund in vollem Lauf?
Was mit der Frau in Montur
und dem Bernstein-Auge leitend durch wilde Natur

und Zeuge
des Bienenstocks im Schnee?
Was mit der Sängerin in Rot

eingefroren mitten im Lied
und dem Stein, seinem Brüchigsein,
oder der Stimme aus dem Off die sagt:

Notiere die Libelle an der Iris
aber frage nicht nach dem Flug,
nach irisierendem Glanz?

All dies
und das schwache Versprechen einer Tülle,
Raumschiffchens Fahrt, gewebte Hülle.

Was ist damit?
Was mit diesem Jahrhundert, sahst du es gehen?
Was mit diesem Wolfshund hinter dir?

Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer G. Schmidt, erschienen in:
Michael Palmer: Gegenschein. kookbooks, Berlin 2012.

Sonnet:
Now I see them

angleščina | Michael Palmer

Now I see them sitting me before a mirror.
There’s noise and laughter. Somebody
mentions that hearing is silver
before we move on to Table One
with the random numbers. I look down
a long street containing numbers.
A white four leans against the fence
and disappears. In the doorway
is the seven, then the x
painted red so you can find it
more easily. Five goes by
without its cap. My father wears
the second x. He has a grey cloud
for a face, and dark lines for arms.

© New Directions
from: The Circular Gates
Santa Barbara: Black Sparrow Press, 1974
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2012

Sonett:
Jetzt sehe ich sie

nemščina

Jetzt sehe ich sie wie sie mich vor einen Spiegel setzen.
Lärm und Gelächter. Jemand
erwähnt dass Hören Silber sei
bevor wir weitergehn zu Tafel Eins
mit den Zufallszahlen. Ich schaue eine lange
Straße hinab die Zahlen enthält.
Eine weiße Vier lehnt sich gegen den Zaun
und verschwindet. Im Eingang
ist die Sieben, dann das X
in Rot so dass es leichter
zu finden ist. Fünf geht ohne
seine Mütze vorbei. Mein Vater trägt
das zweite X. Er hat eine graue Wolke
statt eines Gesichts und dunkle Linien statt Armen.

Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer G. Schmidt, erschienen in:
Michael Palmer: Gegenschein. kookbooks, Berlin 2012.

Dream of a Language that Speaks

angleščina | Michael Palmer

Hello Gozo, here we are,
   the spinning world, has

it come this far?
   Hammering things, speeching them

nailing the anthrax
   to its copper plate,

matching the object to its name,
   the star to its chart.

(The sirens, the howling machines,
   are part of the music it seems

just now, and helices of smoke
   engulf the astonished eye;

and then our keening selves, Gozo,
   whirled between voice and echo.)

So few and so many,
   have we come this far?

Sluicing ink onto snow?
   I’m tired, Gozo,

tired of us / not us,
   of the factories of blood,

tired of the multiplying suns
   and tired of colliding with

the words as they appear
   without so much as a “by your leave,”

without so much as a greeting.
   The more suns the more dark–

is it not always so–
   and in the gathering dark

Ghostly Tall and Ghostly Small
   making their small talk

as they pause and they walk
   on a path of stones,

as they walk and walk,
   skeining their tales,

testing the dust,
   higher up they walk–

there’s a city below
   pinpoints of light–

high up they walk,
   flicking dianthus, mountain berries,

turk’s-caps with their sticks.
   Can you hear me? asks Tall.

Do you hear me? asks Small.
   Question pursuing question.

And they set out their lamp
   amid the stones.

                                                      for Yoshimasu Gozo

© New Directions
from: Company of Moths
New York: New Directions, 2005
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2012

Traum einer Sprache die spricht

nemščina

Hallo Gozo, da wären wir,
     die wirbelnde Welt, ist’s

so weit mit ihr?
     Auf Dingen hämmern, sie besprechen,

Anthrax
     auf seine Kupferplatte nageln,

den Gegenstand mit seinem Namen paaren,
     den Stern mit seiner Karte.

(Die Sirenen, die Heulmaschinen,
     gehören zur Musik wie’s scheint

momentan, und Rauchspiralen
     verschlingen den erstaunten Blick;

und dann unsre klagenden Ichs, Gozo,
     gewirbelt zwischen Stimme und Echo.)

So wenige und so viele,
     ist’s so weit mit uns?

Tinte auf Schnee spritzen?
     Ich bin müde, Gozo,

müde des Wir / Nicht-Wir,
     der Blutfabriken,

müde der vielfach werdenden Sonnen
     und müde des Zusammenpralls mit

den Worten wenn sie erscheinen
     ohne auch nur ein „gestatten Sie“,

ohne auch nur ein Grüßen.
     Mehr Sonnen, mehr Dunkel –

Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer G. Schmidt, erschienen in:
Michael Palmer: Gegenschein. kookbooks, Berlin 2012.

Eighth Sky

angleščina | Michael Palmer

It is scribbled along the body
Impossible even to say a word

An alphabet has been stored beneath the ground
It is a practice alphabet, work of the hand

Yet not, not marks inside a box
For example, this is a mirror box

Spinoza designed such a box
and called it the Eighth Sky

called it the Nevercadabra House
as a joke

Yet not, not so much a joke
not Notes for Electronic Harp

on a day free of sounds
(but I meant to write “clouds”)

At night these same boulevards fill with snow
Lancers and dancers pass a poisoned syringe,

as you wrote, writing of death in the snow,
Patroclus and a Pharaoh on Rue Ravignan

It is scribbled across each body
Impossible even to name a word

Look, you would say, how the sky falls
at first generally, then not at all

Two chemicals within the firefly are the cause,
twin ships, twin nemeses

preparing to metamorphose
into an alphabet in stone


                                                            S t .- B e n o î t - s u r - L o i r e
                                                                                  t o M a x J a c o b

© New Directions
from: At Passages
New York: New Directions, 1995
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2012

Achter Himmel

nemščina

Es wird am Leib entlang gekritzelt
Unmöglich auch nur ein Wort zu sagen

Ein Alphabet war unter der Erde gelagert worden
Es ist ein Übungs-Alphabet, Werk der Hand

Doch nicht, nicht Zeichen im Innern eines Kastens
Dies ist, zum Beispiel, ein Spiegelkasten

Spinoza entwarf solch einen Kasten
Und nannte ihn Achter Himmel

nannte ihn Niekadabra-Haus
zum Scherz

Doch nicht, nicht so sehr ein Scherz
nicht Noten für Elektronische Harfe

an einem Tag ohne Wohllaute
(aber ich wollte „Wolken“ schreiben)

Nachts füllen sich diese selben Boulevards mit Schnee
Lanzenträger und Tänzer reichen eine Giftspritze weiter,

wie du schriebst, als du vom Tod im Schnee schriebst,
Patroklus und Pharao auf der Rue Ravignan

Es wird quer über jeden Leib gekritzelt
Unmöglich auch nur ein Wort zu nennen

Schau, würdest du sagen, wie der Himmel sich senkt
sacht zuerst, dann überhaupt nicht

Zwei Chemikalien im Leuchtkäfer sind der Grund,
Zwillingsschiffe, Zwillingsnemesis

bereiten sich vor auf die Metamorphose
zu einem Alphabeth aus Stein

                                                                       S t . - B e n o î t - s u r - L o i r e
                                                                                           f ü r M a x J a c o b

Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer G. Schmidt, erschienen in:
Michael Palmer: Gegenschein. kookbooks, Berlin 2012.

Crossing the Hill

angleščina | Michael Palmer

Queens and kings of the perilous edge
of an alphabet we
are are we this
faithful cat crossing the hill

to where time sits
in its midday likeness
or ordinary dark time
like an alphabet

dancing the straight-forward dance
Egypt lives in certain cats
who refuse to scratch
and refuse to sit

here where Egypt lives
as an alphabet
of visible undertakings
mistaken for an actual cat

who is the opposite of an alphabet
geometrical and abstract
and alive because of that
How long will the dry time last

beneath the hill
the serious speakers ask
have the makers unbuilt all this
to decorate a hill
                                                       

                                                                       for A. M.

© New Directions
from: Without Music
Santa Barbara: Black Sparrow Press, 1977
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2012

Über den Hügel

nemščina

Königinnen und Könige des gefährlichen Grats
eines Alphabets das wir
sind sind wir diese
treue Katze die über den Hügel geht

dorthin wo die Zeit sitzt
in ihrer Mittagsgestalt
oder gewöhnlicher Dunkelzeit
wie ein Alphabet

das den freimütigen Tanz tanzt
Ägypten lebt in gewissen Katzen
die sich weigern zu kratzen
und sich weigern zu sitzen

hier wo Ägypten lebt
wie ein Alphabet
sichtbarer Unternehmungen
verwechselt mit einer wirklichen Katze

die das Gegenteil eines Alphabets ist
geometrisch und abstrakt
und lebendig deshalb
Wie lange wird die dürre Zeit dauern

unter dem Hügel
fragen die ernsthaften Sprecher
haben die Schöpfer all dies eingerissen
um einen Hügel zu schmücken

                                                                             f ü r A. M.

Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer G. Schmidt, erschienen in:
Michael Palmer: Gegenschein. kookbooks, Berlin 2012.

Construction of the Museum

angleščina | Michael Palmer

In the hole we found beside the road
something would eventually go

Names we saw spelled backward there

In the sand we found a tablet

In the hole caused by bombs
which are smart we might find a hand

It is the writing hand
hand which dreams a hole

to the left and the right of each hand

The hand is called day-inside-night
because of the colored fragments which it holds

We never say the word desert
nor does the sand pass through the fingers

of this hand we forget
is ours

We might say, Memory has made its selection,
and think of the body now as an altered body

framed by flaming wells or walls

What a noise the words make
writing themselves

                                                                      for E. H.
                                                                   11 apr 91

© New Directions
from: At Passages
New York: New Directions, 1995
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2012

Erbauung des Museums

nemščina

In das Loch das wir neben der Straße fanden
würde am Ende etwas passen

Namen sahen wir dort rückwärts buchstabiert

Im Sand fanden wir eine Tafel

In dem von „schlauen“ Bomben gemachten
Loch könnten wir eine Hand finden

Es ist die Schreibhand
Hand die ein Loch träumt

zur Linken und zur Rechten jeder Hand

Die Hand heißt Tag-in-der-Nacht
wegen der bunten Splitter die sie hält

Wir sagen nie das Wort Wüste
noch rinnt Sand durch die Finger

dieser Hand wir vergessen
dass sie unsre ist

Wir könnten sagen: Gedächtnis hat seine Wahl getroffen,
könnten vom Körper jetzt als einem veränderten denken

gerahmt von flammenden Quellen oder Wällen

Welch einen Lärm die Wörter machen
wenn sie sich selber schreiben

                                                                                                    f ü r E. H.
                                                                                               11. A p r. ’91

Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer G. Schmidt, erschienen in:
Michael Palmer: Gegenschein. kookbooks, Berlin 2012.

As a Real House

angleščina | Michael Palmer

“I said darkling and you said sparkling”
The play-house appears before us

as a real house in the dark
filled with people cut out

of magazines and postcards
and called real people at the start

Why is the curtain partly drawn
and why does the stair turn

to the left as you climb
and the right going down

Here all day it’s midwinter night
and the musicians will continue to play

in the music room
and sleep will never come

This is lesson three
where the fiddler is made real

by the sound she hears
pouring from her fingers

© New Directions
from: First Figure
Berkeley: North Point Press, 1984
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2012

Als ein wirkliches Haus

nemščina

„Ich sagte dunkelnd und du sagtest funkelnd“
Das Spielhaus erscheint vor uns

als ein wirkliches Haus im Dunkeln
voller Leute ausgeschnitten

aus Zeitschriften und Postkarten
anfangs wirkliche Leute genannt

Warum ist der Vorhang halb zugezogen
und warum dreht sich die Treppe

nach links wenn du hochgehst
und nach rechts wenn du hinuntergehst

Hier ist jeden Tag Nacht im tiefsten Winter
und die Musiker werden weiterspielen

im Musikzimmer
und Schlaf wird nie kommen

Dies ist Übung drei
worin die Geigerin wirklich wird

durch den Klang sie hört ihn
aus ihren Fingern strömen

Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer G. Schmidt, erschienen in:
Michael Palmer: Gegenschein. kookbooks, Berlin 2012.