Andreas Schachermayr 
Translator

on Lyrikline: 4 poems translated

from: inglês to: alemão

Original

Translation

The Rock

inglês | John Mateer

The volcanic rock on my desk performs solidly.
I identify its presence.
It returns me to this room, this desk, this body.
I observe the rock. It is an eye heavy with silence.
It is an ear consuming space.
It is a memory of a clear day on the island of Samosir.
It is returning me to this room, this desk, my body.
Like Uluru, it confounds the astral, stating,
You do not know what it is you are like.
Personality, igneous rock and oblivion are the same.

© John Mateer & Publisher
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

Der Stein

alemão

Auf den Vulkanstein auf meinem Schreibtisch ist Verlass.
Ich stelle seine Anwesenheit fest.
Er bringt mich zurück in diesen Raum, zu diesem Schreibtisch, diesem Körper.
Ich beobachte den Stein. Er ist ein Auge schwer vor Stille.
Er ist ein Ohr das Raum auffrisst.
Er ist eine Erinnerung an einen klaren Tag auf der Insel Samosir.
Er bringt mich zurück in diesen Raum, zu diesem Schreibtisch, meinem Körper.
Wie der Uluru* verblüfft er die Sterne, spricht
Du weißt nicht, was es ist, dem du gleichst.
Identität, Lavastein und Wüste sind dasselbe.

*Uluru – „Schatten spendender Platz“, Bezeichnung der Aborigines für den Ayers Rock

Aus dem Englischen von Wolfgang Görtschacher & Andreas Schachermayr

The Dream

inglês | John Mateer

She has full, soft lips and is beautiful.
How he knows she is beautiful who can say?
She may be the image of the Malay bride on the travel-guide’s cover.
But she is faceless, not frightening,
and her bones curve with devotional time.
He is kissing her. They are naked. Then she is singing
in the only African language he can understand.
Her voice is a young woman desiring a child.
She is singing the lullaby or nursery-rhyme with an elusive melody
that he has heard before, years ago, in another dream.
The echoing of her song could undo him if allowed to,
but before he can summon a word they are inaudible again.

© John Mateer & Publisher
from: Two Images
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

Der Traum

alemão

Sie hat volle, weiche Lippen und ist schön.
Woher er weiß, dass sie schön ist, wer kann’s schon sagen?
Sie ist vielleicht das Ebenbild der Malaiischen Braut auf dem Cover des Reiseführers.
Aber sie ist gesichtslos, jagt keinen Schrecken ein,
und ihre Knochen biegen sich zur Andachtszeit.
Er küsst sie. Sie sind nackt. Dann singt sie
in der einzigen afrikanischen Sprache, die er versteht.
Ihre Stimme ist eine junge Frau, die wünscht sich ein Kind.
Sie singt ein Schlaf- oder Kinderlied mit einer flüchtigen Melodie
die er schon kennt, aus einem Traum vor vielen Jahren.
Das Echo ihres Liedes könnte ihn vernichten, falls er es zuließe,
aber bevor er etwas sagen kann, ist es wieder verstummt.

Aus dem Englischen von Wolfgang Görtschacher & Andreas Schachermayr

Eduardo

inglês | John Mateer

You spoke my name in King João Library,
the hall closing in around us, the gilt-lined tomb
of a sinking carrack. According to my translator
in the preamble to reading your poems you envied me:
He is a white African; I am desterrado. I imagined you asking
how many slaves were transmuted into the gold embellishments
curling baroque and serpentine around us and whose skin
was used to bind the books entirely? We had hardly spoken
and yet were comrades, sharing memories: I wanted to ask
if back in Laurenço Marques you ever knew Mia Couto.
Or that tropical panda Malangatana? Or, maybe, Wopko Jensma?
(That albino shadow whose gibberish was a blues, whose saudade
remains a book of photos of The Poet gradually disappearing
on the beach said to be Maputo.) You spoke
JOHN MATEER into the dark of King João Library
and were closer to my name than I will ever be.

© John Mateer & Publisher
from: The Humanism of Friends
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

Eduardo

alemão

Du sprachst meinen Namen aus in der König-Johann-Bibliothek,
der Saal umfing uns, das vergoldete Grabmal
eines sinkenden Kahns. Laut meinem Übersetzer
hast du mich in der Einleitung zur Lesung deiner Gedichte beneidet:
Er ist ein weißer Afrikaner; ich bin ein Desterrado. Ich höre beinahe dein Fragen,
wie viele Sklaven verkauft wurden für die goldenen Verzierungen,
barocken Schnörkel und Arabesken um uns und wessen Haut
wurde verwendet um die Bücher ganz einzubinden? Wir hatten uns kaum unterhalten
und waren doch schon Kameraden, teilten Erinnerungen: ich wollte fragen,
ob du damals in Laurenço Marques jemals Mia Couto kanntest.
Oder diesen tropischen Panda Malangatana? Oder vielleicht Wopko Jensma?
(Diesen Albino-Schatten dessen Geplapper ein Blues war, dessen Saudade
ein Fotoalbum von Dem Dichter bleibt, der allmählich verschwindet
auf dem Strand, der Maputo genannt wird.) Du sprachst
JOHN MATEER in die Dunkelheit der König-Johann-Bibliothek
und warst meinem Namen näher, als ich es je sein werde.


_____
Anmerk. der Übersetzer:
König-Johann-Bibliothek – „Biblioteca Joanina“, barocke Universitätsbibliothek von
Coimbra, 1717 von König João V. nach dem Vorbild der Wiener Hofbibliothek
gegründet
Desterrado – (Port.) Vertriebener, Entwurzelter
Laurenço Marques – alter Name von Maputo, der Hauptstadt von Mosambik
Mia Couto – António Emílio Leite Couto (*1955), mosambikanischer Schriftsteller
Malangatana – Malangatana Ngwenya (*1936), mosambikanischer Maler und Dichter
Wopko Jensma – (*1939), südafrikanischer Dichter und Künstler, seit 1993 spurlos
verschwunden
Saudade – spezifisch portugiesische Form des Weltschmerzes, eine Mischung aus
Sehnsucht, Melancholie, Schmerz, Nostalgie und Einsamkeit

Aus dem Englischen von Wolfgang Görtschacher & Andreas Schachermayr

Autumn Is Everywhere

inglês | John Mateer

Even in an explosion
if you have the right shutter-speed: the shards of rock

– projectiles – will become fluttering leaves decorating an icy wind.
Autumn is everywhere. Autumn is your skin flaking,

those shards becoming boulders offered to the eye
of an electron microscope, becoming food for dust-mites,

becoming the conundrum of The Instant:
How can moments, things, have an independent existence?

Yet, if found among the scattered remains of an explosion,
the shards of my canines and molars will prove my existence.

Everywhere I look the avenues of trees are exploding in slow-motion.

© John Mateer & Publisher
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

Herbst ist überall

alemão

Sogar in einer Explosion
wenn du die richtige Belichtungszeit hast: die Felssplitter

– Projektile – verwandeln sich in wehendes Laub, schmücken einen eisigen Wind.
Herbst ist überall. Herbst ist deine schuppende Haut,

diese Splitter werden Felsblöcke im Auge
eines Elektronenmikroskops, werden zum Futter für Hausstaubmilben,

werden zum Rätsel des Einen Moments:
Wie können Augenblicke, Dinge, eine selbständige Existenz haben?

Doch fände man sie unter den verstreuten Resten einer Explosion,
die Splitter meiner Eck- und Backenzähne wären der Beweis meiner Existenz.

Wo immer ich hinblicke, explodieren die Baumreihen in Zeitlupe.

Aus dem Englischen von Wolfgang Görtschacher & Andreas Schachermayr