Odile Kennel 
Translator

on Lyrikline: 188 poems translated

from: francês, português, espanhol, alemão, inglês, sueco to: alemão, espanhol

Original

Translation

sondage

francês | Florence Pazzottu

elle montait les escaliers dans le noir, un noir bête, sans charme, sans se taire jamais, elle répétait sans cesse son plan, ou plutôt elle répétait sans cesse qu'elle n'avait pas de plan, seulement une idée de plan, pas une envie non, plutôt comme une aide extérieure, comme un mot soufflé au hasard par un étranger dans la foule, arrivée au premier étage, elle n'y pensait déjà plus, elle ne pensait plus qu'un plan fût utile ni même possible, elle se mit à raconter des histoires, ou une histoire, n'importe quelle histoire, peut-être celle d'une femme montant les escaliers dans le noir sans se taire jamais, bientôt ce ne fut plus dans sa tête qu'un bourdonnement incessant, cela avait commencé plusieurs jours auparavant, elle se rendait à l'atelier pour y retrouver les machines, non pas ses machines, celles d'un autre, de n'importe quel autre, celles qu'on met en route le matin et qu'on arrête le soir, lorsque le signal dit que c'est le soir, en passant devant la boulangerie elle avait été violemment écoeurée par les croissants chauds du matin, la veille déjà, elle avait demandé qu'on ne la réveille plus, elle avait dit vouloir être réveillée par le bruit métallique du réveille-matin, au deuxième étage, elle connut une soudaine envie de le voir comme une envie de pisser, elle n'avait pas peur du noir, elle détestait seulement l'assouvissement, elle détestait le mot détester, le mot aimer davantage encore, elle n'avait jamais éprouvé aimer, éprouver elle sentait que c'était impossible, et sentir... (à ce point du raisonnement l'envie de vomir était si forte qu'elle croyait s'évanouir), atteignant le troisième étage elle se mit à souhaiter qu'il ne fût pas là, pour qu'il lui soit définitivement impossible de savoir s'il fallait ou non un plan, elle montait les escaliers dans le noir, un noir bête sans charme sans se taire jamais, elle était devant sa porte, déjà ou peut-être depuis toujours, elle comprit qu'une seule chose était désormais possible, il ouvrit la porte et elle dit – c'est pour un ...

from: la place du sujet
L'Amourier, 2007
ISBN: http://www.amourier.com
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

Umfrage

alemão

Sie stieg die Treppe im Dunkeln hoch, im trivialen, reizlosen Dunkel, unaufhörlich redend, sie wiederholte unermüdlich ihren Plan, oder wiederholte vielmehr unermüdlich, dass sie keinen Plan hatte, nur die Idee eines Planes, nein, keine Lust, eher wie eine Hilfe von außen, wie das wahllos zugeraunte Wort eines Fremden in der Menge, in der ersten Etage angekommen dachte sie schon nicht mehr daran, dachte nicht mehr, dass ein Plan nützlich oder auch nur möglich wäre, sie fing an, Geschichten zu erzählen, oder eine Geschichte, irgendeine Geschichte, vielleicht die einer Frau, die im Dunkeln die Treppe hochsteigt und unaufhörlich redet, bald hatte sie nur noch ein fortwährendes Summen im Kopf, es hatte ein paar Tage zuvor angefangen, auf dem Weg in die Werkstatt, zu den Maschinen, nicht ihren Maschinen, die eines anderen, irgendeines anderen, solche, die man morgens anstellt und abends abstellt, wenn das Signal signalisiert, dass Abend ist, sie war an der Bäckerei vorbeigekommen und ihr war schlecht geworden von den warmen morgendlichen Croissants, schon am Vortag hatte sie darum gebeten, nicht mehr geweckt zu werden, hatte mitgeteilt, vom anonymen Klingeln des Handyweckers geweckt werden zu wollen, in der zweiten Etage hatte sie das plötzliche Bedürfnis, ihn zu sehen, wie ein Bedürfnis zu pissen, sie hatte keine Angst vor dem Dunkel, sie hasste einfach nur das Zufriedensein, hasste das Wort hassen, und noch mehr das Wort lieben, sie hatte nie Liebe empfunden, empfinden war, das fühlte sie, unmöglich, und fühlen … (an diesem Punkt ihrer Überlegungen musste sie so dringend kotzen, dass sie meinte, ohnmächtig zu werden), als sie die dritte Etage erreichte, begann sie zu hoffen, er möge nicht da sein, damit es ihr ein für alle Mal unmöglich wäre zu wissen, ob sie einen Plan brauchte oder nicht, sie stieg die Treppe im Dunkeln hoch, ein triviales reizloses Dunkel, ununterbrochen redend, sie stand schon, oder vielleicht schon immer vor seiner Tür, sie begriff, dass es von nun an nur noch eine Möglichkeit gab, er öffnete die Tür, und sie sagte – es ist wegen einer ...

Übersetzung von Odile Kennel

Arbres, lierre

francês | Elise Turcotte

Arbres, lierre.
Tu apprends de tes mains.
Des ombres se déclinent sur mon dos.
Il existe un jardin des enfants disparus.
On y entre la nuit.
Le jour, on place des offrandes
sur le comptoir des magasins
et le long des autoroutes.
Vois le meurtre au détour.
Bois jusqu'à l'ivresse avec moi.
Je collectionne les vieux poèmes, tes chemises
s'ouvrent, le vent persiste dans tes côtes.
Nous disons ce qui importe.

© Élise Turcotte
from: PIANO MÉLANCOLIQUE
Montréal: Éditions du Noroît, 2005
Audio production: UNEQ

Bäume, Efeu

alemão

Bäume, Efeu.

Du lernst mit den Händen.

Schatten neigen sich auf meinem Rücken.

Es gibt einen Garten der verschwundenen Kinder.

Man betritt ihn nachts.

Tags stellt man Opfergaben

auf die Verkaufstische

und an den Rand der Autobahnen.

Sieh im Vorbeigehen den Mord.

Trink mit mir bis zum Taumel.

Ich sammle alte Gedichte, deine Hemden

öffnen sich, hinter deinen Rippen anhaltender Wind.

Wir sagen, was wichtig ist.

Übersetzung aus dem kanadischen Französisch: Odile Kennel

Meteorito

português | Ana Marques Gastão

O meu cérebro é um meteorito.
Vejo-o a cair do

                            C   éu

como se tivesse sido talhado
pela imaginação      mas não.

A vida é um novelo de resistências
às quais nem a minha mão
nem os meus olhos se adaptam.

O novelo é um nó
o nó é um laço
uma cruz      um traço
terrivelmente
soberano.

Desato-o, desmancho-o,
com ele reato o acto
o mesmo acto-pacto
alado rasgado amado.

E é como se ouvisse o Anjo
e a sua voz inaudível
nas pedras do caminho.

Desenho então,
assim me estendam
os braços,
o círculo      a coroa,
a cintura nua, a lua
e o nome de Helena
ou Karenina, Ana,
Ariana – esse regresso
da morte
entre a mão e o espírito.

© Ana Marques Gastão
from: Oníricas (unveröffentlicht/inédito/unpublished)
Audio production: Casa Fernando Pessoa /RDP

Meteorit

alemão

Mein Gehirn ist ein Meteorit.
Es stürzt

            s   ich

herab wie von der Vorstellung
geformt    doch nein.

Das Leben ist ein Knäuel aus Widerstand
an den sich weder meine Hand
noch meine Augen gewöhnen.

Das Knäuel ist ein Knoten
der Knoten ist ein Stich
ein Kreuz        ein Strich
schrecklich
souverän.

Ich löse es, ich trenne es auf
mit ihm führ ich den Akt fort
den immer gleichen Pakt-Akt
geflügelt geplatzt geliebt.

Als vernähme ich den Engel
und seine unhörbare Stimme
an den Steinen am Weg.

Dann zeichne ich
und breite
die Arme aus,
den Kreis        die Krone
die bloße Taille, den Mond
und den Namen der Helena
oder Karenina, Ana,
Ariadne – diese Wiederkehr
des Todes
zwischen Hand und Geist.




Übersetzung: Odile Kennel

Alvo

português | Ana Marques Gastão

Por uma vez conta como o corpo se ajusta à superfície
das tuas palavras. Fala de um depois anterior, desse sono
demente na fissura da luz; do violento voo ou ferida
cíclica, a ausência excedendo-se na pele quando a desoras
perfumas minhas mãos. Estende-se o calor aos lábios,
o verão simula a duração no verso, circula a água, vigorosa,
no fundo do poço até desaparecer na cama muda.
Nada é o que parece, lembra-se o que se esquece e eu digo
os dedos descalços dissolvem em tua boca o mel à flor dos
destroços. Olha-me: deita o olhar em meu vestido, tira-o
num gesto ébrio e precipitado como a um prisioneiro,
os peixes sobem lestos no lago imoderado e a noite volta,
lenta, adormecida. Dou-te o que não tenho – a história
de um rio exultante a explodir na boca em versão romântica,
poema sem trágicos sulcos ou fala completa. E tu, tu dás-me
o que sou: metáfora doendo-se alto onde acaba o texto.

© Gótica
from: Nós/Nudos, 25 poemas sobre 25 obras de Paula Rego
Lisboa: Gótica, 2004
Audio production: Casa Fernando Pessoa /RDP

Ziel

alemão

Erzähl wenigstens einmal, wie der Körper sich an die Oberfläche deiner
Worte anpasst. Sprich von einem vorigen Danach, von diesem schmerzhaften
Schlaf im Riss des Lichts; vom gewaltvollen Flug oder der zyklischen
Wunde, vom Fehlen, das sich selbst übertrifft auf der Haut, wenn dein Duft
mir zu spät mir an den Händen haftet. Die Hitze breitet sich aus zu den Lippen,
der Sommer simuliert Dauer im Vers, das Wasser kreist voller Kraft
am Grunde des Brunnens, bis es im stummen Bett verschwindet.
Nichts ist, was es scheint, man erinnert, was man vergisst, und ich sage
die entblößten Finger lösen in deinem Mund den Honig an der Haut
der Trümmer. Schau mich an: Lass deinen Blick über mein Kleid gleiten,
entkleide mich in einer rauschhaften, hastigen Geste wie einen Gefangenen,
die Fische, so leicht, steigen auf im unmäßigen See, und die Nacht kehrt zurück,
langsam, verschlafen. Ich gebe dir, was ich nicht habe – die Geschichte
eines freudigen Flusses, der im Mund explodiert in einer romantischen Fassung,
Gedicht ohne tragische Furchen oder ganz Gesagtes. Und du, du gibst mir,
was ich bin: Metapher, die ihren Schmerz hinausschreit, wo der Text endet.

Übersetzung: Odile Kennel

Assunção

português | Ana Marques Gastão

Não há ciência para nós, nem o corpo é semente dispersa
de uma memória exacta. Somos tu e eu, elevados da terra
a um círculo de luz, espessa música. Descansa em minha
sombra para lá da superfície do tempo, escreve-se a noite
a toda a largura do mundo que prossegue sem nos ver.
Nada pode fixar-se ou ganhar forma, pois forma já não
temos quando tuas asas curvas desenham o movimento
do fogo. Aperto-te contra mim; nada do que se possa dizer
convém à dor de carne suada, morre-se de um beijo com
um grito dentro e a paisagem, límpida, pode quebrar-se
em nossas mãos. Sobrevive-nos a cor incendiada, porém,
porque só o irrepetível se eterniza e só o humano é divino.
Ergue-me, assim, de uma vida cheia de sangue.
Deixa-me ir, primeiro os pés, a luminescência, depois
o tronco, húmido, levitando nas entranhas de água, a cabeça
já sem rosto pregada a uma estrela cadente na cicatriz
de um chão sacro. Vê como a alucinação traz meu coração
de sal ao desastre da boca, áspero lugar, crepúsculo primeiro,
falha. Desejo-te quando caminhas por entre a seiva, fechado
à distância do lápis. Empurra-me agora, vagarosamente,
sem despedidas trágicas ou poemas flutuantes, sob a linha
recta da voz. O riso de Deus é trémulo e cintilante. E o anjo,
criança sábia, nada diz. As palavras morrem se forem ditas.

© Gótica, Lisboa
from: Nós/Nudos, 25 poemas sobre 25 obras de Paula Rego
Gótica, 2004
Audio production: Casa Fernando Pessoa /RDP

Himmelfahrt

alemão

Es gibt keine Wissenschaft für uns, und der Körper ist keine verstreute
Saat einer genauen Erinnerung. Wir sind du und ich, erheben uns
von der Erde zu einem Kreis aus Licht, dichte Musik. Ruh dich aus
in meinem Schatten, noch über die Oberfläche der Zeit hinaus, die Nacht
schreibt sich entlang der gesamten Breite der Welt, die weitermacht,
ohne uns zu sehen. Nichts lässt sich festlegen oder nimmt Form an,
denn Form haben wir schon keine mehr, wenn deine gebogenen Flügel
die Bewegung des Feuers nachzeichnen. Schmieg dich an mich; nichts
von dem, was gesagt werden könnte, wird dem Schmerz schwitzenden
Fleischs gerecht, man stirbt an einem Kuss mit einem inneren Schrei,
und die so klare Landschaft kann in unserer Hand zerbrechen.
Die entflammte Farbe aber überlebt uns, weil nur das, was sich nicht
wiederholen lässt, unsterblich ist, und nur das Menschliche göttlich.
Heb mich empor, so, von einem blutigen Leben. Lass mich gehen, zuerst
die Füße, das Leuchten, dann der feuchte Oberkörper, der schaukelt
in den Eingeweiden des Wassers, der Kopf schon ohne Gesicht an die
Sternschnuppe geheftet auf der Narbe eines heiligen Bodens. Sieh wie die
Halluzination mein Salzherz zum Debakel des Mundes führt, rauer Ort,
erste Dämmerung, Versagen. Ich begehre dich, wenn du durch die Säfte
streunst, verschlossen in der Distanz des Stifts. Jetzt schiebe mich, gemächlich,
ohne tragische Abschiede oder taumelnde Gedichte, über die gerade Linie
der Stimme hinaus. Das Lachen Gottes zittert, schillert. Und der Engel,
dieses weise Kind, sagt nichts. Die Wörter sterben, wenn man sie ausspricht.

Übersetzung: Odile Kennel

Coração sexual

português | Ana Marques Gastão

Não existe órgão tão sexual como o coração,
e, no entanto, Lisboa tem vergonha do poço
e do orifício, do labor do ofício, de um entra
e sai peregrino, implodindo de oprimido.
A ser quase coração, afirma-se no combate
dos glóbulos felinos entre o verbo carmim
de encarnado e o azul de um nobre fardo, mas
o labirinto passa pelo corpo de curta mente;

tudo se faz, nada se sente, viaja-se pela rede
das veias, artérias, do oxigénio vendido ao
interesse dos demais. Tu assim em meu ouvido,
as buzinas estalando, zumbindo, e eu dizendo
em modo hi-phone, «está lá, não oiço, diz-me
onde estás?» Lisboa não anda a pé, perde o
autocarro, esconde-se no assento do carro,
o músculo pulsando no furor dos sentidos,

caminhando por entre pontes cavadas e portões.
Lisboa de qualquer barco, do leito sem jeito,
atada ao faz que sim de um telemóvel, também
quando se grita por maior salário, não sabendo
quando passará a turbulência. Quem nos dera um
fingido verdadeiro discurso, o tal amor venenoso
da aorta ascendente surgindo; que o espírito
empurrasse o corpo, numa variação de beijo

caído sem sombra de ideal; quem nos dera esse
circuito, essa pressão, esse bombear, esse ser de
roda do outro para ser mais feliz. O que conta é,
porém, o excesso de realismo – o «não posso,
talvez um dia um café», esse tão brando, fácil,
elegante e puro sentir do «não estás cá e eu aqui»,
mas já nem do fixo se telefona, do auscultador
resta a dor, e da janela sobram as cavidades do cais.

© Ana Marques Gastão
from: unveröffentlichtem Manuskript / inédito /unpublished
Audio production: Casa Fernando Pessoa /RDP

Sexuelles Herz

alemão

Es gibt kein sexuelleres Organ als das Herz, und doch
schämt sich Lissabon für den Brunnen, die Öffnung, das
Abmühen am Dienst, für ein streunendes Rein und Raus,
das implodiert vor Unterdrückung. Da sie fast Herz ist,
behauptet sie sich im Kampf der Raubtierglobule
zwischen dem vom Fleisch karminroten Wort
und dem Blau einer edlen Last, aber das Labyrinth
durchfährt den Körper mit dem kurzen Gedächtnis;

man tut viel, fühlt nichts, reist durch das Netz
aus Venen, Arterien, vom verkauften Sauerstoff
zu den Interessen der Mehrheit. Du so an meinem Ohr,
das Schallen, Brummen der Hupen, und ich im Modus
hi-phone, “hallo, ich hör dich nicht, wo bist du
gerade?“ Lissabon geht nicht zu Fuß, verpasst
den Bus, versteckt sich auf dem Autositz,
pulsierender Muskel im Rasen der Sinne,

spaziert zwischen löchrigen Brücken und Toren.
Lissabon wie irgendein Schiff, ein belangloses Bett,
gekettet ans bitte mach, dass eines Handys, auch
wenn man Lohnerhöhung verlangt und nicht weiß,
wann die Turbulenz endet. Ach hätten wir nur
einen gefakten echten Diskurs, und dass diese giftige
Liebe der Hauptschlagader auftaucht; möge der Geist
den Körper wegschieben in der Variation eines Kusses

der fällt ohne den Schatten eines Ideals; ach hätten wir nur
diesen Kreislauf, diesen Druck, dieses Pumpen, dieses
im Kreis-Sein des Anderen für größeres Glück. Was jedoch
zählt, ist das Übermaß an Realismus – dieses “ich kann nicht,
vielleicht irgendwann ein Kaffee”, dieses so sanfte, leichte
elegante und reine
Fühlen des “du bist nicht da, und ich hier“,
aber man telefoniert nicht mal mehr vom Festnetz aus, vom Hörer
bleibt höchstens der Schmerz, und vom Fenster die Kammern des Kais.

Übersetzung: Odile Kennel

Hommage.

francês | Pierre Nepveu

Les dimanches sont roux, solaires
pour les cueilleurs de baies et de bolets
venus de la ville, et les chevaux
au coin du pré pressentent tête-bêche
qu'on les chevauchera l'après-midi,
leurs flancs serrés par les cuisses
de jeunes personnes à la voix forte.
Je dis cela sans bruit ni frénésie aucune
mais dans l'emportement secret
de mes mots d’ombre et de ville
les chevaux luisent d'une splendeur
lointaine et le geste des cueilleurs
m’invite à me pencher vers la terre,
comme on le fait pour se rappeler
qu'on y habite et qu'on a eu toutes
les saisons qu'il fallait pour exister.

© Pierre Nepveu
from: Lignes aériennes
Éditions du Noroît, 2002
Audio production: Union des écrivains et des écrivaines québécois

Hommage.

alemão

Die Sonntage sind rostrot, solar
für die Beeren- und Birkenpilzsammler
aus der Stadt, Kopf an Kruppe die Pferde
in einem Winkel der Wiese ahnen
dass man sie nachmittags reiten wird
Flanken gepresst zwischen Schenkeln
junger Leute mit lärmendem Ruf.
Ich sag dies ganz unaufgeregt, ohne Eifer
nur in der heimlichen Wut
meiner Wörter aus Schatten und Stadt
die Pferde schimmern in fernem
Glanz und die Geste der Sammler
lädt zum Hinabbeugen ein, zur Erde
wie um sich zu erinnern
dass man hier wohnt und im Leben
schon alle Jahreszeiten gesehen hat.

Übersetzung aus dem kanadischen Französisch: Odile Kennel

LA MADRE NIÑA

espanhol | Tomás Cohen

Las piernas de la niña salvaje
y habladora, sus magulladuras
por correrías entre zarzas, cercas,
son surcos blanquecinos
que asomarían el original de greda
en cualquier escultura de bronce.


Niña, yo también quiero tener la mejilla embarrada
y las aventuras escritas con zarza en los tobillos
y los pies descalzos
sobre la esponja del musgo embebido.
Y a voz viva,
desde la última rama que pueda sostenerme,
aullar lejos también una bandada
como sombra hecha trizas, como dados arrojados
hasta alcanzar la próxima generación.

Tienes trece años, es de noche,
y falla por fortuna la luz: el apagón
que guardará con claridad este verano
por el resto de tu vida.
Tras arrastrar una silla al patio
te quedas sorbiendo más estrellas,
cada minuto tiritando más
constelaciones frutales en el viento:
su ritmo mora, rosa mosqueta—
tus latidos.

Niña, esa noche
es sabor de saberte
ser mi ingrediente favorito:
a fuego lento, con receta en retroceso,
te haré mi madre, para oír ese ritmo
pulsar, yo mórula, voluta en
nebulosa de endometrio.

La escojo dulcedumbre,
la escojo madriguera.
Yo naceré de ella
pero no en el futuro:
porque, quizás, la niña salvaje
ya es mi madre en esta vida
y esa noche con apagón, mayor de estrellas,
es cuento de mi autora.

© Tomás Cohen
from: Un árbol de luz íntima
Chile: Ediciones Bastante, 2019
Audio production: Haus für Poesie, 2019

DIE KINDMUTTER

alemão

Die Beine des wilden, gesprächigen
Mädchens, blaue Flecken
vom Stromern zwischen Brombeersträuchern, Zäunen,
sind weißliche Furchen,
sie würden noch an jeder Bronzeskulptur auf das Original
aus Kreide verweisen.

Ich will auch dreckige Wangen, Mädchen,
und vom Brombeergestrüpp auf Knöchel verfasste Abenteuer,
will nackte Füße
auf einem Schwamm aus vollgesogenem Moos.

Und jaulend auch,
vom höchsten Ast aus, der mich hält,
den Schwarm verscheuchen,
zerhackter Schatten, verstreute Würfel,
die kommende Generation erreichen.

Du bist dreizehn, es ist Nacht
und zufällig erlischt das Licht: Stromausfall,
der diesen Sommer in deiner Erinnerung erhellt
für den Rest deines Lebens.

Du schleppst einen Stuhl auf den Innenhof
und saugst noch mehr Sterne auf ,

zitterst stärker jeden Augenblick,
Sternbilder aus Obstbäumen im Wind:
ihr Takt aus Maulbeeren, Hagebutten –
dein Herzschlag.

Diese Nacht, Mädchen,
schmeckt nach dem Wissen,
dass du meine Lieblingszutat bist:
Auf kleiner Flamme, mit Rückwärtsrezeptur,
mache ich dich zu meiner Mutter, um diesen Rhythmus
pulsieren zu hören, ich, Maulbeerkeim, eingerollt im
Nebel der Gebärmutterschleimhaut.

Süß soll sie sein
Schlupfwinkel soll sie sein.
Ich werde aus ihr geboren
aber nicht in der Zukunft:
Denn vielleicht ist das wilde Mädchen
schon meine Mutter in diesem Leben,
und diese Nacht mit Stromausfall und groß von Sternen
hat meine Mutter mir erzählt.

Übersetzung von Odile Kennel

DECLARACIÓN DE AMOR

espanhol | Tomás Cohen

Muy tarde es casi muy temprano
y apago mi ventana. La única ventana
encendida entonces la veo ahora
que apago mi ventana.
La otra única. Ahora es la única.

Ya no es la única: encendí mi ventana
para declararle mi amor.

© Tomás Cohen
from: Un árbol de luz íntima
Chile: Ediciones Bastante, 2019
Audio production: Haus für Poesie, 2019

LIEBESERKLÄRUNG

alemão

Sehr spät ist fast schon sehr früh,
ich knipse mein Fenster aus. Das einzige
nun noch erleuchtete Fenster sehe ich jetzt,
wo mein eigenes ausgeknipst ist.
Das andere einzige. Jetzt ist es das einzige.

Es ist schon nicht mehr das einzige: Ich hab mein Fenster
angeknipst, erkläre meine Liebe.

Übersetzung von Odile Kennel

BAUSPIELPLATZ

espanhol | Tomás Cohen

Ya querría haber crecido aquí
en Hamburgo, donde parte del parque se reserva
para que los niños jueguen a la construcción;
nadie que pretenda ser persona terminada
se queda: el adulto
puede solo pasar a dejar o a buscar
su valeroso recuerdo, su persistente primavera,
aquel personaje escrito para sobrevivir al autor,
al lector y al final de la novela— su hijo.

© Tomás Cohen
from: Un árbol de luz íntima
Chile: Ediciones Bastante, 2019
Audio production: Haus für Poesie, 2019

BAUSPIELPLATZ

alemão

Hier wäre ich gerne aufgewachsen,
in Hamburg, wo ein Teil des Parks den Kindern
vorbehalten ist, damit sie Baumeister spielen.
Niemand, der von sich behauptet, ein fertiger
Mensch zu sein, darf bleiben: Die Erwachsenen
dürfen ihn nur holen oder bringen,
ihren wertvollen Nachlass, ihren dauerhaften Frühling,
diese Figur, die erschaffen wurde, um den Autor zu überleben,
den Leser und am Ende des Romans – ihren Sohn.

Übersetzung von Odile Kennel

PRÓLOGO AL FINAL

espanhol | Tomás Cohen

                                                                                       … agrandó la o del yo.
                                                                                                 Mirta Rosenberg

                                      Adónde iré si le susurro a quien soy que se vaya. 
                                                                                                    Erika Martínez 

Para cuando esté muerto
y porque estaré muerto, para que vida
y lectura fermenten, e inebrie— Yo invito,
porque puede olvidárseme
que lloré agradecido, y que hará frío… 
¡Yo no sé! Yo invito
al placer no saber, para saber
solamente, de siempre nuevo, una primera vez
omnipresente, que da miedo.

Porque a veces las canciones que necesitamos
se esconden incluso en la punta de la lengua,
vente no más, mezclemos nuestros ratos.
Viajemos tras una música
y no sepamos, que dé lo mismo…
pues si vale la pena, habrá pena.
Toca al trilobite vivo
y esta página te lamerá la mano.

Yo invito… ¡No sé! No se ve, ve
al quiebre de cualquier idea, por ejemplo, 
con una pala puesta junto a la cama
para palparla primero
al despertar. Y sin capear
las enseñanzas de la risa, del estornudo,
por el ramo de los nervios dentro tuyo, vente
desde muchas ramas hacia muchas raíces

a esta voz que aún se afina,
a nuestra unión en las preguntas
engarzadas al centro de un giro.
Aquí no esconderé mi hilacha:
la recitaré con el cuerpo entero.
Este presente emboscado,
novela pulmonar 
donde me despido, monstruo,
donde te reclamo, amigo.
Eso, muéstrame
lo peor que hayas hecho
para allí hermanarnos.

© Tomás Cohen
from: Un árbol de luz íntima
Chile: Ediciones Bastante, 2019
Audio production: Haus für Poesie, 2019

PROLOG ZUM SCHLUSS

alemão

                                                                                       … agrandó la o del yo.
                                                                                                 Mirta Rosenberg

                                      Adónde iré si le susurro a quien soy que se vaya. 
                                                                                                    Erika Martínez

Für wenn ich tot bin, und weil
ich tot sein werde, und dafür, dass Leben
und Lesen aufgehen und ich berausche – lade ich ein
weil ich womöglich vergesse,
dass ich vor Dankbarkeit geweint habe und es kalt sein wird …
Was weiß ich! Ich lade ein
zu der Lust, nicht zu wissen, nur um
immer neu zu wissen, ein erstes allgegenwärtiges
Mal, das Angst macht.

Weil manchmal die Lieder, die wir brauchen
sich verstecken, sogar auf der Zungenspitze,
komm einfach, wir vermengen unsere Momente.
Lass uns einer Musik nachreisen, lass uns
unwissend sein, was aufs gleiche rauskommt,
wenn es die Mühe wert ist, wird es Mühe geben.
Berühr den lebendigen Trilobiten
und diese Seite wird dir die Hand lecken.

Ich lade ein. Keine Ahnung! Man sieht es nicht, geh
und zerschlage irgendeine Idee, beispielsweise
mit einer Schaufel neben dem Bett,
die du zuerst ertastest beim Aufstehen. Und ohne
den Lehren des Lachens auszuweichen, des Niesens,
komm her durch die verästelten Nerven in dir,
von den vielen Zweigen zu den vielen Wurzeln,

zu dieser Stimme, die sich noch einsingt,                                         
zu unserer Vereinigung in den Fragen,
aufgefädelt im Zentrum einer Drehung.
Ich verstecke hier meine Absichten nicht:
werde sie mit dem ganzen Körper aufsagen.
Diese Gegenwart im Dickicht,
Lungenroman,
wo ich mich verabschiede, Ungeheuer,
wo ich dich einfordere, mein Freund.
Genau, zeig mir
das Schlimmste, was du je getan hast,
und wir werden Geschwister.

Übersetzung von Odile Kennel

ABUELA

espanhol | Tomás Cohen

Blanca Rosa postrada
partes orgullosa a la playa
con pies desnudos sobre la arena caliente
que heredas en terciopelo negro.
Te despides de la ropa hecha con tus manos,
te sacas el dolor y las agujas,
los tumores como botones,
te desnudas incluso de quien eres
para no reconocerte más, e igual amarte
(no te puedo despedir, pero te recibiré)
por si quieres volverte mi hija
que todavía no nace.

© Tomás Cohen
from: Un árbol de luz íntima
Chile: Ediciones Bastante, 2019
Audio production: Haus für Poesie, 2019

GROSSMUTTER

alemão

Schon gebrechlich, Blanca Rosa,
gehst du stolz los zum Strand zu Fuß,
barfuß auf schwarzem heißem Sand,
den du kühlend mit schwarzem Samt umrandet hast.
Du ziehst die selbstgenähten Kleider aus,
wirfst den Schmerz ab und die Nadeln
die Tumoren wie Knöpfe,
du ziehst dich aus, ziehst die aus, die du bist,
damit ich dich nicht mehr erkenne und dich doch liebe
(ich kann dich nicht verabschieden, aber ich werde dich empfangen)
nur falls du meine Tochter werden willst,
die noch nicht geboren wird.

Übersetzung von Odile Kennel

zehnter Wirbel / Arche, die Sorge

alemão | Georg Leß

des Rauchmelders füllte die Küche zu zwei Dritteln aus
die Relation vom Rad zum Vogel Pfau, vom Glanz zur Angst

kein Wohnungsbrand fände hier Platz, also Vorsicht; wenn
ich, was dich nicht betrifft, irgendwann ausfalle
oder ein kraftloses Glühwürmchen sich in der Nacht
finster auf einen Lichtschalter setzt
um auf den Finger zu warten, das Licht

im Lederhandschuh stecken fünf Garnelen
die Dickste fragt: wo sind die Dünnen, ich

     höre eure dünnen Stimmen: wir
     brauchen dich

 

© kookbooks
from: die Hohlhandmusikalität
Berlin: kookbooks, 2019
Audio production: Haus für Poesie, 2019

Décima vértebra / el arca, la preocupación

espanhol

del detector de humo cubrió dos tercios de la cocina
la relación de la rueda con el pavo real, del brillo con el miedo

el incendio aquí no tendría ningún lugar, así que cuidado; si
yo, y esto no te concierne, en cualquier momento fallara
o una luciérnaga sin fuerza en la noche
se posara sombría sobre un interruptor
y esperara el dedo, la luz

en el guante de cuero están metidos cinco camarones
el más gordo pregunta: dónde están los delgados,

     escucho sus voces delgadas:
     te necesitamos

Traducción: Silvana Franzetti und Odile Kennel

der Fuchs am Südkreuz

alemão | Georg Leß

ich schoss ja nur Bilder, schon ging er mir nach
seine Scheu, rötlich verwickelt in die Sommernacht
verwackelt, schief die Schilder, der Laternenpfahl

dieses kräftig durchblutete Nachbild, in Häuten die Stadt
wohin damit wo kein Rivale droht, zu Hause
wurde ich ihn los, wenn auch nicht satt, verkroch

sich vorm Blitz, tief im Unterholzwunsch, nur
ein Grollen blieb unter dem Schreibtisch zurück
in meiner Einkaufstüte wird das Fleisch nicht frischer

© parasitenpresse
from: Schlachtgewicht
Köln: parasitenpresse, 2013
Audio production: Haus für Poesie, 2019

El zorro en Südkreuz

espanhol

sí, solo saqué unas fotos, y ya me estaba siguiendo
su timidez, rojizo mezclado en la noche de verano
fuera de foco, los letreros, el poste de luz torcidos

de esta imagen persistente fuertemente irrigada, la ciudad en pieles
dónde ponerlo, cuando no amenaza el rival, en casa
me desembaracé de él, aunque no satisfecho, se escondió

del flash, en la profundidad del deseo de sotobosque
solo quedó un retumbo debajo del escritorio
en mi bolsa de compras la carne no se vuelve más fresca

Traducción: Silvana Franzetti und Odile Kennel

fünfter Wirbel / wir belagerten

alemão | Georg Leß

rasten, errichteten Zelte über Städten, härteten mit zig
tausend Heringen das Land, Nachtruh verrauchte
unter dem Ansturm der Werktage, wenn wir vom Rand Kränze ernteten

neuer Legierungen Hall, wen störte das, denn eines Nachts
stand der gesammelte Feindesstamm, halliger
Hain verwohnter Gesichter zu zig
tausenden unter uns, hiermit erfassten wir unsre Vereinzelung
Vielzahl in Rage

als fünftes Ross, reiterlos, folgte Gewöhnung, rasten wir
rings ums Gesetzte, auf Umlaufbahnen
von Mietnomaden und legten uns weich in die Kurven auf Suche nach
Schlaf auf nahen Planeten, gerade Strecken sind uns nicht gegeben

© kookbooks
from: die Hohlhandmusikalität
Berlin: kookbooks, 2019
Audio production: Haus für Poesie, 2019

Quinta vértebra / asediábamos

espanhol

íbamos a mil, armábamos carpas sobre ciudades, con miles
de estacas endurecíamos el suelo, el descanso nocturno se desvanecía
bajo la embestida de los días hábiles, cuando desde el borde recogíamos coronas

resonancia de nuevas aleaciones, a alguien le molestaba eso, que una noche
estuviera de pie la tribu entera de enemigos, bosquecito
resonante, de caras gastadas entre miles
de nosotros, así registramos nuestro aislamiento
multitud en rabia

como quinto caballo, sin jinete, siguió el hábito, íbamos a mil
alrededor de lo convenido, sobre órbitas
de inquilinos nómadas y tomábamos las curvas suavemente a la búsqueda del
sueño en planetas cercanos, estiramientos rectos no se nos han dado

Traducción: Silvana Franzetti und Odile Kennel

Sweet heart

inglês | Eileen Myles

Fresca’s got a new look
but I’m not drinking
that. My coke
struck the ice
and the ice
cube cracked.
I’m sitting by the little
Buddha
who is sitting in
my yard. I imagine
you walking in
gasping at the
same couch
the same bed
it’s almost
the same
town but this is
what I meant
and there’s
so much pleasure,
difference in
this, that. I meant
to be here. One
sleeps on what
they mean
and arises on the decided
side and that’s
the hope. An entire
room is opened
by particular feelings
that say you’re
on the edge
of the space
and then you
wait to watch
it grow. Grow
like a love
or a feeling of distrust
or a body grateful
for sun & breeze
and the rising and
falling of my dog’s
chest no gut.
The little Buddha’s
smiling southeast
I figured that
out. Their
genitals are
unknown in fact
their everything’s
smiling walked on
by ants planted
in the dirt
but not dead
activated by my
gaze. Their smiling
makes me glad
dog turns buddha’s
way I go
forward with con
fidence I
may turn nothing
up but this
gentle scratching
in my yard
before making
a call opening
the self
somehow so it’s
possible to
have a friend
to call
not only from
need but interest
in their life
the body I’m
pouring into
joyous to be
connected
to someone
while covered
by ants surrounded
by breeze
actually touched
by birds
their sound
then landing
there is nothing
romantic
in their
absence
the bird
is all touch
no matter
how distant
their flight
the sky is open
my gaze is
wide it matters
how they
dive and
hover. The silly
cluck the ninny
constant
the hoot makes
the grey sky
blue; trees
brown; green
slanting trees
the woman
dying in her
face thought
am I recording
but it was
the young man
counting everything
Korakrit
whose art
I liked
so much
performed bird
in the dying
woman’s sky
so his
quote was reverential
that she
could be copying
anything by
dying was more about
him. A moustache
on the sound
that life’s
made
of. I think
you don’t
miss me
enough
or you regard
me as seasons
that simply
come & it’s
true I’m
everything. I used
to love
so much
to show
you
my
poems.
but everything’s
not enough
you have to go out
& shake
everything’s
hand and the
tremendous
feeling of
everything
is not shook enough.
I’m sick of being
god for you.
I’m not the
Fresca or
the Buddha
or the bird. I’m
the ice
that cracks
I’m really
feeling it
now. The amazing
difference
of contact
everything’s
gasp. It begins
so slow. Hours
of freezing waiting
a life
and the draining
of it
by waiting
too long. Riding
around in
a car. I’m not
any coke. I’m
every
coke. And
a bird
likes the
sound of
that: to be
so close
the earth
parts for
its own
arrival. The time
of day
is enchanted
by my jeans
on the line.
I’m enchanted
by everything
too. How could
I be it
and feel it.
Drawing sun lines
sticks.
If I say too
again and
I’m creating
a pattern
someone who
doesn’t love
me will
say you
say too too
much. I suppose
going blind is momentarily
seeing colors
in everything
and remembering
them for
the rest of
your life. I’m afraid
to tell you I’m
going blind. What
I’m saying
is I’m retiring
from god. I will
feel my genius
quietly the furrows
of a dead
tree accepting
my love. You start
like a car
and pepper
in a number
of growls. That’s dog.
you roll
and you’re
bird and
Buddha’s
difficult
now. More
of an
aside. That something
so different
as the sun
could turn
I think
and we’re turning
on our dirty
little urn
there’s a movie
about everything
my getting
this part
of that
endlessly
obliged
to be wise. Upstairs
16 little
eggs turn
in another
galaxy someone
else’s sandwich.
Today I
was so busy
I didn’t
even see
lunch. I had
it but
I didn’t
see it
at all. The distant
eggs are turning
for someone
else. I poured
Fresca
into my glass
and then
I poured
my vodka
and then
I got drunk.
Darker
day now
when my throat
fills and
Buddha’s
awake. A bee
wants
to sting
me and
in that
moment
I would
notice
everything. Why
do you
think I’m
sweet. Why
must I
die.

© Eileen Myles
from: Evolution
New York: Grove Press,
Audio production: Haus für Poesie, 2019

Sweat Heart

alemão

Fresca hat nen neuen Look
aber das trink ich
gerade nicht. Meine Cola
stürzt aufs Eis
und der Eis
würfel reißt.
Ich sitze neben dem kleinen
Buddha
der in meinem
Hof sitzt. Stelle mir
vor du kommst
rein stehst überrascht
vor derselben Couch
demselben Bett
es ist fast
dieselbe
Stadt aber genau das
meinte ich
und es ist
so viel Lust,
Anderssein in
diesem, jenem. Ich wollte
schließlich hier sein. Man
schläft worauf
sie wollen
und entscheidet auf welcher
Seite man aufsteht das ist
zumindest die Hoffnung. Ein ganzer
Raum öffnet sich
durch bestimmte Gefühle
die sagen du bist
am Rand
des Raums
und dann wartest
du und siehst
ihn wachsen. Wachsen
wie eine Liebe
oder ein misstrauisches Gefühl
oder ein Körper der dankbar
ist für Sonne & Brise
und das Auf und
Ab des Brustkorbs
meines Hundes nein seines Bauchs.
Der kleine Buddha
lächelt Richtung Südost
das hab ich raus
gefunden. Ihre
Genitalien kennt
keiner genau ihr Alles
lächelt ist voller
Ameisen ist gepflanzt
in den Dreck
aber nicht tot
belebt durch meinen
Blick. Ihr Lächeln
macht mich froh
der Hund dreht sich
zum Buddha ich gehe
weiter mit Ver
trauen es kommt
vielleicht nichts
Brauchbares bei raus als
dieses zarte Kratzen
in meinem Hof
bevor ich jemanden
anrufe sich öffnen
irgendwie
so dass man
einen Freund
anruft nicht
weil man was
braucht sondern
aus Interesse
an seinem Leben
dem Körper in den
ich mich gieße
beglückt mit
jemandem
verbunden zu sein
und von Ameisen
übersäht umgeben
von Brise
ja berührt
von Vögeln
ihrem Klang
dann Landen
da ist kein bisschen
Romantik
in ihrer
Abwesenheit
Vögel
sind Berührung
egal wie
weit entfernt
sie fliegen
der Himmel offen
mein Blick
weit es zählt
wie sie
herabstürzen und
schweben. Albernes
Gaggern Dauer
giggeln
ihr Schrei färbt
den grauen Himmel
blau; Bäume
braun; grüne
sich neigende Bäume
die Frau
mit dem Sterben
im Gesicht dachte
ich nehme auf
aber es war
der junge Mann
der alles zählte
Korakrit
dessen Kunst
mir so gut
gefallen hat
performte Vogel
am Himmel
der sterbenden Frau
sein Zitat
dass sie indem
sie stirbt alles
kopieren könnte
war also Tribut hatte
mehr mit ihm zu tun. Ein Schnauzer
am Klang
der Leben
ausmacht. Ich denke
du vermisst
mich nicht
genug oder
denkst ich bin
wie Jahreszeiten
die einfach
kommen & es
stimmt ich bin
alles. ich
hab dir
so gern
meine
Gedichte
gezeigt.
aber alles ist
nicht genug
du musst raus
& allem
die Hand
schütteln und das
gigantische
Gefühl von
allem
ist nicht erschüttert genug.
Hab’s satt für dich
Gott zu sein.
Ich bin kein
Fresca kein
Buddha kein
Vogel. Ich bin
das Eis
das reißt
genau so
fühlt es sich
gerade an. Unfasslicher
Unterschied
beim Begegnen
alles ist
Staunen. Fängt
langsam an. Stundenlang
frieren warten
ein Leben lang
und es verrinnt
weil man
zu lange
wartet. Im Auto
rumfahren. Ich bin
nicht irgendeine
Cola.  Ich bin
jede
Cola. Und
Vögel
mögen
dieses
Geräusch: so nah
zu sein
dass die
Erde sich teilt
für ihre
Ankunft. Die Tages
zeit ist
verzaubert
von meinen Jeans
an der Wäscheleine.
Auch ich bin
von allem
verzaubert. Wie könnte
ich es sein
und es fühlen.
Sonnenlinien malen
klebt.
Wenn ich
wieder auch
sage und Muster
entstehen
wird jemand
der mich
nicht mag
sagen du sagst
auch echt zu
oft auch. Ich vermute
blind werden bedeutet
vorübergehend Farben
in allem
zu sehen und sich
für den Rest
des Lebens daran
zu erinnern. Ich muss
dir leider sagen
ich werde blind. Was
ich damit meine
ich geb das auf
mit Gott. Werde
mein Genie gelassen
spüren die Furchen
eines toten
Baumes nehmen
meine Liebe an. Du springst
als Auto an
und pfefferst
das Ganze
mit ein wenig
Knurren. So sind Hunde.
Rollt sich
und ist
ein Vogel
und Buddha ist
jetzt
kompliziert. Mehr
so neben
sächlich. Dass etwas
so anderes
wie die Sonne
sich dreht
denke ich
und wir drehen
uns um unsere dreckige
kleine Urne
es gibt Filme über
alles Mögliche
und ich bekomm das
von dem mit
ewig
verdonnert
zur Weisheit. Eine Etage
drüber drehen sich
16 kleine
Eier in einer
fremden Galaxie das
Sandwich von jemand anderem.
Heute war
ich so beschäftig
ich hab nicht
mal mein Mittagessen
mitbekommen. Ich hatte
eins aber habs
überhaupt
nicht
mitbekommen. Die fernen
Eier drehn sich
für jemand
anderes. Ich hab
Fresca
in mein Glas
gegossen
und dann
meinen Wodka
und dann hab ich
mich betrunken.
Dunkler der
Tag jetzt wenn
meine Kehle sich
füllt und
Buddha wach
ist. Eine Biene
will mich
stechen
und in diesem
Moment
würde ich
alles
wahrnehmen. Warum
denkst du
ich bin süß. Warum
muss ich
sterben.

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Odile Kennel

creep

inglês | Eileen Myles

ugly nightmare
eating too much
dunking your head in water
over and over
again. Feel bad
for your kid
all of them
but most of all us
bad nights
when I was young
and drinking pred
atory men
with swollen
heads would
buy me drinks
and want to fuck
me again &
again because
I was nothing
to them and he is
our president
now.

© Eileen Myles
from: Evolution
New York: Grove Press, 2018
Audio production: Haus für Poesie, 2019

Mistkerl

alemão

mieser Alptraum
du stopfst dich voll
tauchst den Kopf unter Wasser
immer und immer
wieder. Blöd
für dein Kind
für alle aber
vor allem für uns
üble Nächte
als ich jung war
und trank auf
geplusterte Männer
auf Beutefang gaben
mir Drinks aus
wollten mich
ficken wieder &
wieder weil
ich Dreck war
für sie und der ist
jetzt unser
Präsident.

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Odile Kennel

Dear Adam

inglês | Eileen Myles

I said cake
I said top hat
I said microphone
four little golden baby heads
wait I said pirate ghost
wait wait I said closed eye smiling cat
he scrawled back oh my god
I thought fuck yeah I can read this at the marathon
he said Eileen smiles
ehhh I can use it
the bell of my computer rang
same message
wait the cat is crying with relief
the cat is a devil now
the cat is not mad
the cat making racialized jazz
uh or not my white hands
I’m talking to everyone now.
and I’m using a filter. No I’m not
I acknowledge that there is an
image of me twice. I only recently
learned the term jazz hands
if we fucked Pennsylvania up what is our
hope to live in a stolen country that was always stolen
and worked largely by stolen people. Out of a
conservative
diaspora came I mongrel poet from Massachusetts
to make my mark
love & these things and opportunities
to speak. We can’t fall down we teem in the new
opportunity
we discover what resistance means
our time & blowing up the inside of my computer
buck studies
the phone says delivered
what is.
Adam says did you see my beard.
We talk about money awhile
I ride my bike. Get off the phone goes
ding. It’s his beard calling. I go oh.
you have what I want.
he says lol
then skull
then rocket
then turkey
green pistol
and a flame. I
don’t know what to say back to that
I say bike and go.

© Eileen Myles
from: Evolution
New York: Grove Press, 2018
Audio production: Haus für Poesie, 2019

Lieber Adam

alemão

kuchen hab ich gesagt
zylinder hab ich gesagt
mikrofon hab ich gesagt
vier kleine goldne babyköpfe
nee wart mal pirat geist hab ich gesagt
nee lächelnde katze mit geschlossenen augen
er kritzelt zurück oh mein gott
ich denk fuck das les ich beim Marathon
er sagt Eileen smiles
eejjj
das kann ich benutzen
pling neue Nachricht auf dem Computer
gleiche Nachricht
wart mal die katze schreit erleichtert
die katze ist jetzt ein teufel
die katze ist nicht wütend
die katze macht ethnisierten jazz
oder doch nicht meine weißen Hände
jetzt red ich mit allen
und benutze nen Filter. Nee tu ich nicht
okay stimmt da gibts ein Bild doppelt von mir. Erst seit kurzem
kenn ich den Begriff jazz hands
wenn wir Pennsylvania abfucken was erhoffen wir uns zu leben in einem geraubten Land das schon immer
geraubt war und auf dem vor allem geraubte Leute arbeiten. Aus der konservativen
Diaspora kam ich Bastarddichterin aus Massachusetts
wollt mir einen Namen machen
liebe
& so was und die Chance
was zu sagen. Wir können nicht scheitern es wimmelt von neuen Chancen
wir entdecken was Widerstand heißt
unsere Zeit & jage das Innenleben meines Computers in die Luft
buck studies
das Telefon sagt gelesen
was ist.
Adam sagt siehst du meinen Bart.
Wir reden eine Weile über Geld
und ich auf meinem Rad. Steig ab das Telefon macht ding. Sein Bart ruft an. Ich sag eh.
du hast was ich will.
er sagt lol
dann totenkopf
dann rakete
dann truthahn
grüne pistole
und flamme. Was
soll ich antworten
ich sag rad und fahr los.

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Odile Kennel

The Baby

inglês | Eileen Myles

The baby
says to the old
man let's
have a cup
of coffee
the old 
man says now
your're talking

© Eileen Myles
from: Evolution
New York: Grove Press, 2018
Audio production: Haus für Poesie, 2019

Das Baby

alemão

sagt ein Baby
zu einem alten
Mann lass uns
einen Kaffee
trinken
sagt der alte
Mann na das
ist doch mal ein Wort

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Odile Kennel

Transmission

inglês | Eileen Myles

I’m overcome
by the cruelty
of nature
no I mean
I’m with
it. And each
little capacity
it has
can’t be transferred
I mean
a spruce
can’t give
its oils to you
can it.
But that’s how
it grows
in the ab
sence of
technology
my thoughts
grow. My thoughts
grow among
trees
but I don’t
help them
though
I’m for them.
I’m for my
dog & inci
dentally
I feed
her but I
don’t see
her much.
Joe does.
Joe is
my friend
& also
a dog father
I don’t
help mountains
Mountains
help me
I know
the planet
is old
& splashy
sleep helps
me. Time
helps
me. My mother
helped
me. And
now she
is gone. She
also hurt
me so it’s
good that
she’s gone.
I can grow
different
in the
day or
three decades
in which
I’ve got
left
I can
grow towards
the mountains
sit in solidarity
with prisoners
or go
to jail. I’m not joking
I can
push different.
I want
to say
something
about my cunt.
Because
That’s
what you
ask. But
I am
alone. No
mother
no phone
just a notebook
& a cunt
& my thoughts.
I don’t
even think
my thoughts.
you do.

© Eileen Myles
from: Evolution
New York: Grove Press, 2018
Audio production: Haus für Poesie, 2019

Übertragung

alemão

ich bin überwältigt
von der Grausamkeit
der Natur
nein ich meine
ich gehe
mit. Und nicht
jede kleinste ihrer
Fähigkeiten ist
übertragbar
ich meine
eine Sprosse
kann dir nicht
ihr Öl geben
oder.
Aber so
wächst sie
in der Ab
wesenheit von
Technologie
wachsen meine
Gedanken. Meine Gedanken
wachsen zwischen
Bäumen
aber ich unterstütze
sie nicht
obwohl
ich dafür bin.
Bin auch für meinen
Hund & zu
fällig
füttere
ich sie aber
ich sehe
sie nicht oft.
Joe schon.
Joe ist
mein Freund
& auch
Hundepapa
ich helfe
Bergen nicht
Die Berge
helfen mir
ich weiß
der Planet
ist alt
& fleckig
schlafen hilft
mir. Zeit
hilft
mir. Meine Mutter
half
mir. Und
jetzt ist
sie weg. Sie
hat mich auch
verletzt deshalb
ist es gut dass
sie weg ist.
Ich kann anders
wachsen
an diesem
Tag oder
den drei
Jahrzehnten
die ich
bleibe
ich kann
in Richtung
Berge wachsen
solidarisch mit
Häftlingen rumsitzen
oder in den
Knast wandern. Kein Witz
ich kann
auch anders.
Ich will
was
sagen über
meine Möse.
Weil
du sowas
hören
willst. Aber
ich bin
allein. Keine
Mutter
kein Telefon
nur ein Notebook
& eine Möse
& meine Gedanken.
Aber meine Gedanken
denke ich
nicht mal.
Sondern du.

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Odile Kennel

O MAR

português | Arnaldo Antunes

O mar está sempre em movimento para não sair do lugar.
Se o mar saísse do lugar teriam que mudar os mapas.
Se o mar ficasse parado ele escorreria para cima das cidades e apagaria os vulcões.
A água sobe quando o sol a evapora.
O sal da água do mar não evapora.
Quando chove sobre o mar a água recupera o sal que havia deixado ali com o resto
das águas.
Há tanta água na água quanto a água evaporada que há no ar. Há tanta água
salgada como lágrima dentro do mar.
Quando a água doce do rio chega ela deixa de ser doce porque o mar é maior.
E quando requebra na praia é bonito.
E tem gente que morre de sede no meio do mar.

© Arnaldo Antunes
from: As Coisas
São Paulo: Editorial Iluminuras, 1992
Audio production: 2008 Literaturwerkstatt Berlin

DAS MEER

alemão

Das Meer regt sich stets, damit es sich nicht von der Stelle bewegt.
Würde es sich von der Stelle bewegen, müsste man sich auf neue Landkarten verlegen.
Würde es still stehen, das Meer, fiele es über Städte her und löschte Vulkane.
Das Wasser verdampft, wenn die Sonne es eindampft.
Das Salz im Meerwasser verdampft nicht.
Regnet es über dem Meer, holt sich das Wasser das Salz zurück, das dort mit dem Restwasser verblieben war.
Es gibt genau so viel Wasser im Wasser wie Wasserdampf in der Luft. Es gibt genau so viel Salzwasser wie Tränen im Meer.
Fließt das Süßwasser des Flusses ins Meer, hört es auf mit dem Süßsein, denn das Meer ist größer.
Und wenn es tänzelt am Strand, ist es schön.
Es gibt Menschen, die verdursten mitten im Meer.

Übersetzung aus dem brasilianischen Portugiesisch: Odile Kennel

Intercidades

português | Margarida Vale de Gato

galopamos pelas costas dos montes no interior
da terra a comer eucaliptos a comer os entulhos de feno
a cuspir o vento a cuspir o tempo a cuspir
o tempo
o tempo que os comboios do sentido contrário engolem
do sentido contrário roubam-nos o tempo meu amor

preciso de ti que vens voando
até mim
mas voas à vela sobre o mar
e tens espaço asas por isso vogas à deriva enquanto eu
vou rastejando ao teu encontro sobre os carris faiscando
ocasionalmente e escrevo para ti meu amor
a enganar a tua ausência a claustrofobia de cortinas
cor de mostarda tu caminhas sobre a água e agora
eu sei
as palavras valem menos do que os barcos

preciso de ti meu amor nesta solidão neste desamparo
de cortinas espessas que impedem o sol que me impedem
de voar e ainda assim do outro lado
o céu exibe nuvens pequeninas carneirinhos a trotar
a trotar sobre searas de aveia e trigais aqui não há
comemos eucaliptos eucaliptos e igrejas caiadas
debruçadas sobre os apeadeiros igrejas caiadas
meu amor
eu fumo um cigarro entre duas paragens leio
o Lobo Antunes e penso as pessoas são tristes as
as pessoas são tão tristes as pessoas são patéticas meu
amor ainda bem que tu me escondes do mundo me escondes
dos sorrisos condescendentes do mundo da comiseração
do mundo
à noite no teu corpo meu amor eu
também sou um barco sentada sobre o teu ventre
sou um mastro

preciso de ti meu amor estou cansada dói-me
em volta dos olhos tenho vontade de chorar mesmo assim
desejo-te mas antes antes de me tocares de dizeres quero-te
meu amor hás-de deixar-me dormir cem anos
depois de cem anos voltaremos a ser barcos
eu estou só
Portugal nunca mais acaba comemos eucaliptos
eucaliptos intermináveis longos e verdes
comemos eucaliptos entremeados de arbustos
comemos eucaliptos a dor da tua ausência meu amor
comemos este calor e os caminhos de ferro e a angústia
a deflagrar combustão no livro do Lobo Antunes
comemos eucaliptos e Portugal nunca mais acaba Portugal
é enorme eu preciso de ti e em sentido contrário roubam-nos
o tempo roubam-nos o tempo meu amor tempo
o tempo para sermos barcos e atravessar paredes dentro dos quartos

meu amor para sermos barcos à noite
à noite a soprar docemente sobre as velas acesas

barcos.

© Margarida Vale de Gato
from: Mulher ao Mar
Lisboa: Mariposa Azual, 2010
Audio production: Casa Fernando Pessoa /RDP

Intercity

alemão

wir galoppieren über die Rücken der Berge im Inneren
der Erde essen Eukalyptus essen Heuhaufen
spucken den Wind aus spucken die Zeit aus spucken
die Zeit
die Zeit aus die von den Gegenzügen verschluckt wird
im Gegenzug rauben sie uns die Zeit Liebster

ich brauche dich du kommst geflogen
zu mir
doch fliegst du mit Segeln über das Meer
hast Raum hast Flügel deshalb schwebst du driftest ab während ich
dir entgegenkrieche auf Schienen die gelegentlich
Funken sprühen und ich schreibe dir Liebster
um deinem Fehlen ein Schnippchen zu schlagen der Klaustrophobie vor senfgrünen
Vorhängen du gehst über das Wasser und jetzt
weiß ich
Wörter sind weniger Wert als Schiffe

ich brauche dich Liebster in dieser Einsamkeit dieser Verlassenheit
schwerer Vorhänge die die Sonne abhalten die mich
vom Fliegen abhalten und dennoch brüstet sich auf der anderen Seite
der Himmel mit kleinen Wolken winzige Hammel die trotten
trotten über Haferfelder Weizenfelder gibt es hier keine
wir essen Eukalyptus Eukalyptus und weiß gekalkte Kirchen
die sich über Haltepunkte beugen weiß gekalkte Kirchen
Liebster
ich rauche eine Zigarette zwischen zwei Halten lese
Lobo Antunes und denke die Leute sind traurig
die Leute sind sowas von traurig die Leute sind pathetisch
Liebster wie gut dass du mich bewahrst vor der Welt mich bewahrst
vor dem herablassenden Lächeln der Welt dem Mitleid
der Welt
und nachts auf deinem Körper Liebster bin ich selbst
ein Schiff wenn ich auf deinem Bauch sitze
bin ein Mast

ich brauche dich Liebster bin müde um die Augen herum
tut es weh will weinen begehre dich dennoch
doch bevor bevor du mich anfasst sagst ich liebe dich
musst du mich hundert Jahre schlafen lassen Liebster
in hundert Jahren werden wir wieder Schiffe sein
ich bin allein
Portugal ist endlos wir essen Eukalyptus     
nicht enden wollenden Eukalyptus lang und grün
wir essen Eukalyptus mit Sträuchern dazwischen
essen Eukalyptus den Schmerz deines Fehlens Liebster
wir essen diese Hitze und die Eisenbahnen und die Angst
die in Lobo Antunes Buch Feuer fängt
wir essen Eukalyptus und Portugal ist endlos Portugal
ist riesig ich brauche dich sie rauben uns im Gegenzug
die Zeit sie rauben uns die Zeit Liebster die Zeit
die Zeit um Schiffe zu sein und durch Wände zu segeln zwischen den Räumen

Liebster um Schiffe zu sein in der Nacht
in der Nacht und sanft die Segel zu bauschen

Schiffe.

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Odile Kennel

Funerais

português | Pedro Mexia

Nos funerais encontramos a família.
Nunca fomos tão claros
como no luto
e nas memórias anedóticas
que amenizam o morto.
          Que sangue é o teu
para que o meu se assemelhe?
Alguns velhos trazem flores
que já ofereceram nos casamentos
e entre eles decidem
que somos uma família,
conhecem os primos que não
conheço, lamentam a sorte
daqueles cuja sorte é conhecida,
são ainda mais graves
do que nós, e usam
diminutivos carinhosos.
         O meu nome far-se-á pó
com o meu corpo, pensa
uma mulher que já é viúva,
há irmãos completamente mudos
e as crianças jogam à cabra-cega.
Seguimos em cortejo
compondo as gravatas,
o vento não percebe que morreu gente.
Dez pessoas acompanham o padre,
os outros já não se lembram
das orações,
dez pessoas pensam
no que têm pela frente,
os outros acompanham o caixão.
O coveiro mais novo
          dentro de pouco tempo
enterrará o mais velho.

© Pedro Mexia
from: EM MEMÓRIA
Gótica, 2000
Audio production: Casa Fernando Pessoa, Lisboa 2004

Beerdigungen

alemão

Bei den Beerdigungen treffen wir die Familie.
Niemals waren wir so klar
wie in der Trauer
und den anekdotenhaften Erinnerungen
die den Toten schmücken.
                        Welcher Art ist dein Blut
damit meins sich angleiche?
Ein paar Alte bringen Blumen mit
dieselben wie schon zu den Hochzeiten
und untereinander beschließen sie
daß wir eine Familie sind,
sie kennen die Vetter, die ich
nicht kenne, sie beklagen das Schicksal
derer, dessen Schicksal bekannt ist,
sie sind noch ernster
als wir, benutzen
liebevolle Verkleinerungsformen.
                        Mein Name kehrt zurück zum Staub
mit meinem Körper, denkt
eine Frau, die schon Witwe ist,
es gibt völlig stumme Geschwister
und die Kinder spielen Blindekuh.
Wir schreiten im Trauerzug
streichen Krawatten glatt,
der Wind versteht nicht, dass jemand gestorben ist.
Zehn Leute folgen dem Pfarrer,
die anderen erinnern sich schon nicht mehr
an die Gebete,
zehn Leute denken
an das, was sie vor sich haben,
die anderen folgen dem Sarg.
Der jüngste Totengräber
                        wird in Kürze
den ältesten begraben.

Aus dem Portugiesischen von Odile Kennel

A minha altura

português | Pedro Mexia

Era a minha altura. Um livro
em cima da cabeça marcava
o lugar que um lápis semestralmente
riscava na parede da cozinha. A única sabedoria
dos ossos, crescerem
como a teia sólida de um propósito
e a anatomia mais transparente.
Centímetro e centímetro
espigava o corpo imaginário, essa contabilidade
que era assim íntima, pictórica,
como uma cena burguesa.

Traço a traço a parede da cozinha
tornou-se rupestre,
a infância uma ternura assustadora.
Esta era a minha altura.
Agora sou tão mais alto e mais pequeno.

© Pedro Mexia
from: DUPLO IMPÉRIO
ed. autor, 1999
Audio production: Casa Fernando Pessoa, Lisboa 2004

Meine Größe

alemão

Es war meine Größe. Ein Buch
auf dem Kopf markierte
die Stelle wo ein Bleistift halbjährlich
die Küchenwand ritzte. Einzige Weisheit
der Knochen, sie wuchsen
wie das feste Gewebe einer Absicht
und die durchschaubarste Anatomie.
Zentimeter um Zentimeter
ließ sie den imaginären Körper emporschießen, Buchführung
die auf diese Weise intim war, malerisch,
wie ein bürgerliches Schauspiel.

Strich um Strich wurde die Küchenwand
ein Felsgemälde,
die Kindheit eine erschreckende Zärtlichkeit.
Das war meine Größe.
Heute bin ich um so vieles größer und kleiner.

Aus dem Portugiesischen von Odile Kennel

Paráfrase

português | Pedro Mexia

Este poema começa por te comparar
com as constelações,
com os seus nomes mágicos
e desenhos precisos,
e depois
um jogo de palavras indica
que sem ti a astronomia
é uma ciência
infeliz.
Em seguida, duas metáforas
introduzem o tema da luz
e dos contrastes
petrarquistas que existem
na mulher amada,
no refúgio triste da imaginação.

A segunda estrofe sugere
que a diversidade de seres vivos
prova a existência
de Deus
e a tua, ao mesmo tempo
que toma um por um
os atributos
que participam da tua natureza
e do espaço criador
do teu silêncio.

Uma hipérbole, finalmente,
diz que me fazes muita falta.

© Pedro Mexia
from: AVALANCHE
Quasi, 2001
Audio production: Casa Fernando Pessoa, Lisboa 2004

Paraphrase

alemão

Dieses Gedicht vergleicht dich zunächst
mit den Sternbildern,
mit ihren magischen Namen
und deutlichen Linien,
und dann
zeigt ein Wortspiel
dass ohne dich die Astronomie
eine unglückliche
Wissenschaft ist.
Im folgenden führen zwei Metaphern
das Thema des Lichts ein
und der petrarkischen
Gegensätze, die in der
geliebten Frau existieren,
im traurigen Zufluchtsort der Phantasie.

Die zweite Strophe legt nahe
daß die Vielfalt der Lebewesen
die Existenz
Gottes beweist
und die deine, während sie zugleich
eins nach dem anderen
die Eigenschaften annimmt
die an deiner Natur teilhaben
und am Schöpfungsraum
deiner Stille.

Eine Hyperbel schließlich drückt aus
dass du mir sehr fehlst.

Aus dem Portugiesischen von Odile Kennel

Os significados

português | Pedro Mexia

Não sei como tudo começou: suponho
que havia uma figura que depois
se estilhaçou para formar um puzzle.
Mas se juntarem todas as peças
talvez não haja nenhuma figura, e então
de que origem intacta partiu tudo
o que depois se quebrou? É impossível
fazer estilhaços de estilhaços sem uma
coerência primeira, agora ausente.
Quando todas as peças se juntam
estaremos reduzidos ainda a uma peça
de uma figura maior, ou essa figura
é uma utopia pragmática, instrumental,
que permite algum sentido?
Ó significados, para vós, na infância,
tinha um caderno.

© Pedro Mexia
from: DUPLO IMPÉRIO
ed. autor, 1999
Audio production: Casa Fernando Pessoa, Lisboa 2004

Die Bedeutungen

alemão

Ich weiß nicht, wie alles anfing: ich nehme an
es gab eine Figur, die später
zu einem Puzzle zersplitterte.
Fügte man aber alle Teile zusammen
gäbe es vielleicht gar keine Figur, aber von welchem
unversehrten Ursprung wäre dann alles ausgegangen
was später zerbrach? Es ist unmöglich
Splitter zu zersplittern ohne den
ursprünglichen Zusammenhang, der nun fehlt.
Wenn alle Teile sich zusammenfügen
sind wir weiterhin dann  nur Teil
einer größeren Figur, oder ist diese Figur
eine pragmatische, benutzbare Utopie,
die dem ganzen einen Sinn verleiht?
Ach, ihr Bedeutungen, in der Kindheit
gab es für euch ein Heft.

Aus dem Portugiesischen von Odile Kennel

As gavetas

português | Pedro Mexia

Não deves abrir as gavetas
fechadas: por alguma razão as trancaram,
e teres descoberto agora
a chave é um acaso que podes ignorar.
Dentro das gavetas sabes o que encontras:
mentiras. Muitas mentiras de papel,
fotografias, objectos.
Dentro das gavetas está a imperfeição
do mundo, a inalterável imperfeição,
a mágoa com que repetidamente te desiludes.
As gavetas foram sendo preenchidas
por gente tão fraca como tu
e foram fechadas por alguém mais sábio que tu.
Há um mês ou um século, não importa.

© Pedro Mexia
from: DUPLO IMPÉRIO
ed. autor, 1999
Audio production: Casa Fernando Pessoa, Lisboa 2004

Die Schubladen

alemão

Du sollst geschlossene Schubladen
nicht öffnen: aus irgendeinem Grund hat man sie verriegelt,
und nun hast du entdeckt
der Schlüssel ist ein Zufall, der nicht zählt.
Du weißt, was du in den Schubladen findest:
Lügen. Lauter Lügen aus Papier,
Photographien, Gegenstände.
In den Schubladen liegt die Unvollkommenheit
der Welt, die unabänderliche Unvollkommenheit,
die Wunde, die dich immer wieder enttäuscht.
Die Schubladen wurden von Menschen gefüllt
die so schwach sind wie du
und verschlossen von jemand, der mehr weiß als du.
Ob vor einem Monat oder einem Jahrhundert ist unerheblich.

Aus dem Portugiesischen von Odile Kennel

ESTÁTUA DA LIBERDADE

português | Filipa Leal

E ali estava - nós a atravessarmos de barco
a alegria: o pai ainda de bigode, de chapéu castanho,
a mãe de óculos e écharpe, a Marta que em breve seria mãe também
mas não sabia que transportava no útero mais um passageiro,
o Miguel, pequenino e corajoso, sempre a tentar que os pés não doessem
de tantas avenidas, e o João Pedro, tão recém-casado, tão recém-feliz,
tão quase pai também sem o saber;
nós ao sol, de costas para ela, de frente uns para os outros, pressentindo
que Nova Iorque só interessaria por ali termos estado muito juntos,
e que na passagem dos anos apenas isso importaria, apenas isso:
termos ali estado distraídos, sentadíssimos, confortáveis
como os nossos corações.

E de repente ali estava ela a imitar os montes, de um verde indecifrável,
ali estava a imitar os homens invadidos, pesada, com picos na cabeça,
de braço esticado a tentar a luz, de livro pendurado,
ali estava séria, muda, quieta,
toda feita de pausa como um susto, como se jogássemos mímica,
como se a seguir nos pregasse uma partida, um grito,
e desfizesse a pose e risse de boca muito aberta à brincadeira,
livre então dos curiosos que empunhavam câmaras como se vê-la
assim, parada e incapaz, fosse espectáculo digno de registo.

Nós a chegarmos à ilha, a desembarcarmos do alheamento,
nós do tamanho familiar, todos de cabeça ao alto na inacessível sombra,
nós a rirmos das pessoas que lhe descobríamos na cabeça,
eles literalmente à varanda da cabeça, os visitantes,
ignorando que um futuro dia de Setembro inibiria aquela subida aos céus.

E ali estava ela de nariz empinado, recusando o gesto de anfitriã:

alta e ofendida
estátua
que era preciso limpar.

magazine “Egoísta”,
Audio production: Câmara Municipal de Lisboa

Freiheitsstatue

alemão

Da war sie – und wir auf dem Schiff unterwegs
durchs Glück: Vater noch mit Schnauzer, braunem Hut,
Mutter mit Brille und écharpe, Marta, die bald selbst Mutter wäre,
aber nicht wusste, dass in ihrem Bauch ein Passagier mitreiste,
Miguel, klein und tapfer mit seinen Füßen kämpfend, die von den vielen
Straßen schmerzten, und João Pedro, so frischvermählt, so frisch glücklich,
so fast schon Vater, und genauso ahnungslos;
und wir in der Sonne, die Statue im Rücken und einander zugewandt, ahnten,
dass New York nur deshalb etwas bedeutete, weil wir dort so sehr zusammen waren,
und dass in einigen Jahren nur noch eins zählen würde:
Unsere Sorglosigkeit damals, unsere Zufriedenheit, und dass es uns gut ging und unseren Herzen.

Und da war sie plötzlich, ahmte Berge nach, aus unentschlüsselbarem Grün,
da war sie, ahmte überfallene Menschen nach, wuchtig, mit stachelbewehrtem Kopf,
sie forderte das Licht heraus mit ausgestrecktem Arm, ein Buch im andern,
da war sie, ernst, stumm und bewegungslos,
wie im Schreck erstarrt, oder als spielten wir Scharade,
als spielte sie uns einen Streich, riefe uns etwas zu,
um ihre Haltung dann zu entspannen, schallend zu lachen über den Witz,
und die Gaffer könnten sie mal, mit ihren gezückten Kameras, als wäre sie so, starr und nutzlos, eine Aufnahme wert.

Und wir kamen auf der Insel an, verließen unsere Versunkenheit, gingen an Land,
in Familiengröße verrenkten wir die Hälse im unnahbaren Schatten,
lachten über die Leute, die wir in ihrem Kopf entdeckten,
buchstäblich auf dem Balkon ihres Kopfes, Besucher,
die nicht wissen konnten, dass es an einem Septembertag in der Zukunft vorbei wäre mit dem Erklimmen des Himmels.

Und da war sie, hochnäsig, verweigerte gastliche Gesten:

eine hohe, beleidigte
Statue
die eine Reinigung nötig hatte.

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Odile Kennel

NOS DIAS TRISTES NÃO SE FALA DE AVES

português | Filipa Leal

Nos dias tristes não se fala de aves.
Liga-se aos amigos e eles não estão
e depois pede-se lume na rua
como quem pede um coração
novinho em folha.

Nos dias tristes é Inverno
e anda-se ao frio de cigarro na mão
a queimar o vento e diz-se
- bom dia!
às pessoas que passam
depois de já terem passado
e de não termos reparado nisso.

Nos dias tristes fala-se sozinho
e há sempre uma ave que pousa
no cimo das coisas
em vez de nos pousar no coração
e não fala connosco.

© Deriva Editoras
from: A Cidade Líquida e Outras Texturas
Porto: Deriva Editoras, 2006
Audio production: Câmara Municipal de Lisboa

An traurigen Tagen spricht man nicht von Vögeln

alemão

An traurigen Tagen spricht man nicht von Vögeln.
Man ruft Freunde an und sie sind nicht zuhause
und dann bittet man auf der Straße
um Feuer, als bitte man
um ein brandneues Herz.

An traurigen Tagen ist Winter
man läuft durch die Kälte mit einer Zigarette in der Hand
verbrennt den Wind und grüßt
die Menschen, die vorübergehen, mit
- Guten Tag!
nachdem sie längst verschwunden sind,
nur hat man‘s nicht bemerkt.

An traurigen Tagen führt man Selbstgespräche
und immer ist da ein Vogel
der sich ganz oben auf die Dinge setzt
statt auf unser Herz
und er spricht nicht mit uns.

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Odile Kennel

Cidade sentada

português | Ana Marques Gastão

Poderia estar de pé, ser pé, mas não, Lisboa
é uma cidade sentada, mesmo depois de ter sido
caravela cravada, sentada em água de ágata,
torpe num abúlico não-fazer. Em cada uma das
suas gotas inocentes, lamenta-se, disfarçada,
numa balada inclemente de ametista perolada
sem destino e a seu modo embrutecida. Ígnea,
de aceitação safírica, a Lisboa de hoje
não tem combate, apenas grito a-solidário. De
tanto subir, mais alto desce. Lisboa-poço,
fiel no escuro do invisível, tuas aves poderosas
são machos frustrados, presos, sem selo nem
jura, no cativeiro do mando. Lisboa de passo
inconsequente e descentrado, no sopro de tuas
narinas sufocadas, sopras, sopras e não vais.

© Ana Marques Gastão
from: unveröffentlichtem Manuskript / inédito /unpublished
Audio production: Casa Fernando Pessoa /RDP

Sitzende Stadt

alemão

Sie könnte auch stehen, Fuß sein, aber nein,
Lissabon ist eine sitzende Stadt, dabei war sie
kreuzende Karavelle, sitzt im Achatwasser fest,
starr in teilnahmslosem Nichtstun. Mit jedem ihrer
unschuldigen Tropfen klagt sie, verkleidet, in einer
unbarmherzigen Ballade wie ein aufgeputzter
Amethyst, ohne Ziel und auf ihre Art verroht. Glühend,
doch von saphirgleicher Duldsamkeit, kämpft
Lissabon längst nicht mehr, keift nur unsolidarisch. Fällt
so hoch wie sie gestiegen war. Brunnen-Lissabon,
treu in der Finsternis des Unsichtbaren, deine
mächtigen Vögel sind frustrierte Männchen, Gefangene,
ohne Siegel oder Schwur, gefesselt an Befehle. Lissabon,
schwankender Schritt ohne Mitte, du bläst Luft
durch deine erstickten Nüstern, bläst und bleibst. 

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Odile Kennel

Lisboa micro-lugar

português | Ana Marques Gastão

Em torno de Lisboa um círculo com desejo
de outro círculo, debaixo-dentro de outro
círculo: um O. Basta ler o mapa e observar
o tremor-temor desta cidade dentro de uma
península irregular. La haine et le pardon,
melhor escrevê-lo em castelhano, afinal
vizinhos tivemos tantos. Um círculo, Lisboa
é um círculo de parto concebido, mistério
da letra L de boca que suspira, L de lábio
e olhos humanados, iluminados em céu de
lágrimas assim gementes. Lisboa excedida
em relevo geográfico, aquática, vegetal,
cercada por um O claustral, de mármore,
não de rijo cimento, fantasmagórica na
gargalhada opiácea, fina em alguns dias,
mas sem jasmim. Micro-lugar, mini letra
o i de pequenina, macro letra de tantos reis à
deriva, B de Sebastião malogrado, Lisboa,
ó cidade de ofícios, de majestades tão pouco
divinas segundo a fraqueza da pátria. Hoje,
menina, nem no louvor ou mercê és mãe.

© Ana Marques Gastão
from: unveröffentlichtem Manuskript / inédito /unpublished
Audio production: Casa Fernando Pessoa /RDP

Mikro-Ort Lissabon

alemão

Um Lissabon herum ein Kreis mit Lust auf einen
anderen Kreis unter-in einem weiteren Kreis:
ein O. Ein Blick auf den Plan reicht aus, auf das
Beben-Erbeben der Stadt innerhalb einer
fransigen Halbinsel. La haine et le pardon, besser
man schreibt es auf Kastilisch, wir hatten schon
so viele Nachbarn. Ein Kreis, Lissabon ist ein
Kreis wie eine empfangene Geburt, Geheimnis
der Letter L eines seufzenden Mundes, L wie Lippe,
vermenschlichte Augen, erleuchtet im Himmel
aus kläglich wimmernden Tränen. Lissabon, überragt
von einem Relief aus Geographie, aquatisch, pflanzlich,
eingekreist von einem klösterlichen O aus Marmor, nicht
aus starrem Zement, unwirklich im opiatischen
Gelächter, an manchen Tagen zart, doch ohne
Jasmin. Mikro-Ort, Mini-Letter das i in winzig,
Makro-Letter von so vielen driftenden Königen, B
wie im erfolglosen Sebastião, Lissabon, oh Stadt
der Gottesdienste, der so wenig göttlichen Majestäten,
sieht man die Schwäche des Landes. Heute, meine Kleine,
bist du nicht mal im Lobgesang oder der Gnade Mutter.

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Odile Kennel

Louvor do lixo

português | Adília Lopes

para a Amra Alirejsovic
                                    (quem não viu Sevilha não viu maravilha)
É preciso desentropiar
a casa
todos os dias
para adiar o Kaos
a poetisa é a mulher-a-dias
arruma o poema
como arruma a casa
que o terramoto ameaça
a entropia de cada dia
nos dai hoje
o pó e o amor
como o poema
são feitos
no dia a dia
o pão come-se
ou deita-se fora
embrulhado
(uma pomba
pode visitar o lixo)
o poema desentropia
o pó deposita-se no poema
o poema cantava o amor
graças ao amor
e ao poema
o puzzle que eu era
resolveu-se
mas é preciso agradecer o pó
o pó que torna o livro
ilegível como o tigre
o amor não se gasta
os livros sim
a mesa cai
à passagem do cão
e o puzzle fica por fazer
no chão

© Adília Lopes
from: A mulher-a-dias
Lisboa: & etc, 2000
Audio production: Casa Fernando Pessoa, Lisboa 2004

Lob sei dem Müll

alemão

für Amra Alirejsovic
(wer Sevilla nicht gesehen, kennt keine Wunder)

Man muss das Haus
jeden Tag
desentropieren
um das Kaos aufzuschieben
die Dichterin ist die Putzkraft
sie räumt das Gedicht auf
wie sie das Haus aufräumt
das vom Erdbeben bedroht ist
die tägliche Entropie
gib uns heute
der Staub und die Liebe
entstehen
wie das Gedicht
im Alltag
das Brot isst man
oder wirft es
eingewickelt weg
(eine Taube
könnte den Müll heimsuchen)
das Gedicht desentropiert
der Staub sammelt sich auf dem Gedicht
das Gedicht sang von der Liebe
Dank der Liebe
und dem Gedicht
hat das Puzzle das ich war
sich zusammengesetzt
aber man muss dem Staub danken
dem Staub der das Buch
unleserlich macht wie der Tiger
Liebe verschwendet man nicht
Bücher schon
der Tisch fällt um
als der Hund vorbeikommt
und für das Puzzle bleibt nur
der Flur.

Aus dem Portugiesischen von Odile Kennel

O vestido cor de salmão

português | Adília Lopes

Ai de mim estreei o vestido cor de salmão
no primeiro baile a que fui
durante o baile fiquei sentada numa cadeira
ninguém me convidou para dançar
a uma rapariga importuna
que me perguntou porque é que eu
não dançava
respondi eu não sei dançar
ela insistiu comigo para que eu
bebesse uma taça de champagne
eu acedi
mas não foi dessa vez que bebi champagne
pela primeira vez
porque a rapariga entornou a taça
no meu colo
julgo que propositadamente
com a nódoa o vestido deixou de ser para bom
passou a ser para bater
durante uma viagem curta de comboio
uma faúlha do comboio (que era a lenha)
queimou-o no punho
foi fácil substituir o punho
porque no Penim onde a minha mãe tinha comprado
o corte de tecido cor de salmão
ainda havia esse tecido cor de salmão
mas durante um passeio à praia
sentei-me numa rocha
a ao levantar-me precipitadamente
por ver que ia rebentar uma trovoada
o vestido ficou preso à rocha
e rasgou-se irremediavelmente
ao despi-lo vi que o vestido tinha já
a forma do meu corpo
rasguei-o em pedaços
e guardei os pedaços
na cesta dos trapos
de um dos pedaços fez-se um vestido
para a boneca da minha irmã mais nova
e deste mais tarde fez-se um vestido
para a filha da boneca da minha irmã mais nova
que era uma boneca mais pequena
que caiu a um poço

© Adília Lopes
from: Obra
Lisboa: Mariposa Azul, 2000
Audio production: Casa Fernando Pessoa, Lisboa 2004

Das lachsfarbene Kleid

alemão

Weh mir ich habe das lachsfarbene Kleid eingeweiht
auf meinem ersten Ball
während des Balls blieb ich sitzen
niemand lud mich zum Tanzen ein
einem lästigen Mädchen
das mich fragte warum ich
nicht tanze
gab ich zur Antwort ich kann nicht tanzen
sie bestand darauf dass ich
ein Glas Champagner trinke
ich willigte ein
aber es sollte nicht mein erstes
Glas Champagner werden
denn das Mädchen kippte das Glas
in meinen Ausschnitt
absichtlich nehme ich an
mit dem Fleck war das Kleid nicht länger ein gutes Kleid
sondern eins zum Herumtreiben
auf einer kurzen Zugreise
versengte es ein Funke des Zuges (der holzbetrieben war)
am Bündchen
das Bündchen zu ersetzen war einfach
weil es bei Penim wo meine Mutter das Stück
lachsfarbenen Stoff gekauft hatte
diesen lachsfarbenen Stoff noch gab
aber während eines Strandspaziergangs
setzte ich mich auf einen Felsen
und als ich schnell aufstand
weil ein Gewitter nahte
blieb das Kleid am Felsen hängen
und riss ein für alle Mal
als ich es auszog sah ich dass das Kleid schon
meine Körperform angenommen hatte
ich zeriss es
und bewahrte die Fetzen
im Korb mit den Stoffstücken auf
aus einem der Stücke wurde ein Kleid
für die Puppe meiner jüngeren Schwester
und davon wurde später ein Kleid
für die Tochter der Puppe meiner jüngeren Schwester
die eine kleinere Puppe war
und in einen Brunnen fiel

Aus dem Portugiesischen von Odile Kennel

[Tu étais mon rendez-vous manqué]

francês | Joséphine Bacon

Tu étais mon rendez-vous manqué
Tu étais là, seule
Je n‘ai pas su retenir le présent
Je t‘ai vécue un court instant
Tes lumières là-haut me reconnaissent
Je sais que le lune pleine me guide
Je frappe dans mes mains
Tes habits verts et violets
Ta couleur lumière
Dansent pour moi
J‘ai enlevé mes souliers de ville
Pieds nus
Je sais que je suis chez moi

© Éditions Mémoire d’encrier
from: Un thé dans la toundra / Nipishapui nete mushuat
Québec: Éditions Mémoire d’encrier, 2013
Audio production: Haus für Poesie / 2018

[Du warst mein verpasstes Rendezvous]

alemão

Du warst mein verpasstes Rendezvous
Du warst da, allein
Ich konnte die Gegenwart nicht halten
Ich habe dich nur einen Augenblick erlebt
Deine Lichter dort oben erkennen mich
Ich weiß, dass der Vollmond mich leitet
Ich klatsche in die Hände
Deine grünen und violetten Kleider
Deine Farbe wie Licht
Tanzen für mich
Ich bin aus den Stadtschuhen geschlüpft
Barfuß
Weiß ich, dass ich zuhause bin

deutsche Übersetzung aus dem Französischen von Jennifer Dummer und Odile Kennel

[Toundra]

francês | Joséphine Bacon

Toundra
Tu as vu naître ma famille
J‘écoute ton coeur
Le tambour rythme ma vie
Je vis au présent le passé des ancêtres
Je sens les Maîtres des animaux
De mes grands-père chasseurs
Les berceuses anciennes de mes grand-mères

Je lévite
Mes pas se laissent porter
Sur le lichen qui nourrit Papakassikᵘ
Les fleurs se transforment en de petites baies
Aux couleurs rouges, jaunes
Le noir est le sommeil
qui donne forme à mes visions
La tradition orale rassure mes peurs
de blanc-mémoire
À la tombée du jour j‘atteins le cercle de la vie

Je ne suis pas l‘errante de la ville
Je suis la nomade de la Toundra

© Éditions Mémoire d’encrier
from: Un thé dans la toundra / Nipishapui nete mushuat
Québec: Éditions Mémoire d’encrier, 2013
Audio production: Haus für Poesie / 2018

Tundra

alemão

Tundra
Du hast meine Familie entstehen sehen
Ich lausche deinem Herzen
Der Takt der Trommel bestimmt mein Leben
Ich lebe in der Gegenwart die Vergangenheit der Ahnen
Ich spüre die großen Geister der Tiere
Meiner Großväter, den Jägern
Die alten Wiegenlieder meiner Großmütter

Ich schwebe
Meine Schritte lassen sich tragen
von den Flechten, die Papakassik* ernähren
Blumen verwandeln sich in kleine Beeren
In den Farben Rot, Gelb
Schwarz ist der Schlaf
der meine Visionen formt
Die mündliche Überlieferung stillt meine Ängste vor den Lücken
der Erinnerung
Am Abend erreiche ich den Kreislauf des Lebens

Ich bin nicht die Umherirrende der Stadt
Ich bin die Nomadin der Tundra

deutsche Übersetzung aus dem Französischen von Jennifer Dummer und Odile Kennel

[Tu es musique]

francês | Joséphine Bacon

Tu es musique
Tes nuages sont sans frontières
Quand ils s’approchent
Leurs odeurs se parfument de brume
Tu danses la pureté des gouttes
Les yeux éteints
Je perçois ta beauté
Tes mélodies
Je dépose du tabac
En offrande sur une pierre
Je te suis redevable
Pour ma liberté

© Éditions Mémoire d’encrier
from: Un thé dans la toundra / Nipishapui nete mushuat
Québec: Éditions Mémoire d’encrier, 2013
Audio production: Haus für Poesie / 2018

[Du bist Musik]

alemão

Du bist Musik
Deine Wolken sind grenzenlos
Wenn sie sich nähern
Beginnen sie nach Nebel zu duften
Du tanzt die Reinheit der Tropfen
Mit geschlossenen Augen
Erkenne ich deine Schönheit
Deine Melodien
Ich lege Tabak
Als Opfergabe auf einen Stein
Ich schulde dir
Meine Freiheit

deutsche Übersetzung aus dem Französischen von Jennifer Dummer und Odile Kennel

Hope

inglês | Ketty Nivyabandi

The old butterfly flaps its slender wings through the smoky air
exhausted and breathless
he flies over the ashy battlefields 
and lays his powdery, golden trail 
on the wailing grounds

he dives into the grey, dry seas
now a swirl of buttery yellows
deep, deep blues
orange blossoms and peels

he breathes in all the unborn flowers
and he lives. 

© Ketty Nivyabandi
Audio production: Haus für Poesie / 2018

Hoffnung

alemão

Der alte Schmetterling flattert mit seinen zarten Flügeln durch rauchige
             Luft
erschöpft und atemlos
fliegt er über Schlachtfelder voller Asche
bestäubt die klagende Erde
mit seiner goldenen Spur

er taucht in graue, trockene Meere
jetzt buttergelber Wirbel
tief dunkelblau
orangefarben die Blüten und Schalen

er haucht den ungeborenen Blumen Atem ein
und lebt.

Übersetzung aus dem Englischen von Odile Kennel

Les petits hommes

francês | Ketty Nivyabandi

Les animaux ne parlent plus
Les tambours se sont tus
Le Tanganyika s’est lentement éloigné 
De ses rives ensanglantées 
Par le cauchemar de ces hommes 
Dont la petitesse perce 
Le sommeil profond des anciens.

Petits hommes aux appétits de géants
Ils parlent, ils parlent sans cesse 
Au nom de petites gens 
Dont ils ignorent les noms et les maux, 
Et qui elles pourtant, 
Les observent du haut front de leurs multiples malédictions.
Ils s’érigent des statues de poussière
Dans leurs demeures illuminées de ténèbres
Et sur leurs traces trainent de boueuses empreintes…
Ils parlent, ils parlent sans cesse,
Au nom d’un peuple qu’ils pillent sans merci.
Il pleut des bouches de leurs ventres à six têtes
Des paroles qui blessent, qui rabaissent,
Des paroles frigides et stériles 
Qui pilonnent de leurs longs ongles fourchus
La chair d’une terre hoquetant, 
Dont ils sucent sauvagement les seins fanés
Pour quelques gouttes vermeilles de vie…

        Les animaux ne parlent plus
Les tambours se sont tus
Le soleil pleure l’éclat de ses rayons
Depuis que d’étranges hommes 
Des hommes aux petites idées
Des hommes aux petites actions
Des hommes aux petites ambitions
Des hommes sans imagination
Se sont hissés, les uns sur les petites épaules des autres
Et de la cime de leur ruine,
Ont bandé les yeux à un petit pays,
Au teint ombré de crépuscule, qui
Il était une fois,
Rêvait de devenir grand.

© Ketty Nivyabandi
Audio production: Haus für Poesie / 2018

Kleine Männer

alemão

Die Tiere schweigen
Die Trommeln sind verstummt
Der Tanganjikasee entfernt sich langsam
Von seinem blutigen Ufer
Blutig vom Albtraum der Männer
Deren kleiner Geist
Den tiefen Schlaf der Ahnen durchbricht

Kleine Männer mit dem Hunger von Riesen
Reden, reden unaufhörlich
Im Namen der kleinen Leute
Von denen sie den Namen nicht kennen, nicht die Probleme
Und die ihrerseits für sie nichts
Als Verachtung übrig haben, Verwünschungen.
Sie errichten sich selbst Statuen aus Staub
In ihren von der Finsternis erleuchteten Bleiben
Und auf ihren Spuren Abdrücke aus Schlamm …
Sie reden, reden
Im Namen eines Volkes, das sie gnadenlos plündern
Es regnet Münder aus ihren sechsköpfigen Bäuchen
Verletzende, erniedrigende Worte
Frigide, sterile Worte
Die ihre langen gebogenen Nägel
Ins Fleisch der wimmernden Erde drücken
An deren welken Brüsten sie saugen, gnadenlos
Für ein paar leuchtend rote Tropfen Leben …

Die Tiere schweigen
Die Trommeln sind verstummt
Die Sonne weint ihr schönstes Strahlen
Seit seltsame Männer
Männer mit kleinen Ideen
Männer mit kleinen Handlungen
Männer mit kleinen Zielen
Männer ohne Fantasie
Sich auf ihren kleinen Schultern gegenseitig ganz nach oben hievten
Und auf dem Gipfel ihrer Ruine
Einem Land die Augen verbanden
Klein war es, sein Teint verdunkelt von der Dämmerung
Und träumte
– Es war einmal –
Von Größe.

Übersetzung aus dem Französischen von Odile Kennel

Chants de bronze

francês | Ketty Nivyabandi

Il fait nuit sur nos terres.
       Plus un mot.
       Plus un souffle.
       Nos champs muets, dans leur long pagne gris.
       Plus un oiseau ne chante.
       Les épouvantails ne font plus peur à personne.
       Nous n’avons presque, presque plus peur.
       Nous sommes … quel est le mot ?
       Épuisés.
       Nos oreilles affamées tâtent les postes de radios, vides de sens.
       Nos assiettes, vides.
       Nos cœurs, vides.
       Il fait nuit dans nos pupilles.
       Et pourtant
       Dans la cendre ambiante
       Une onde sourde et lointaine se remue.
       L’entendez vous ?
       Un geste insolent de vie, qui avance. Tout doucement.
       Dans l’ombre.
       Qui sommes nous ?
       Nous sommes
       Une question.
       Petite, menue, mais ambitieuse. Fievreuse de justice.
       Un à un, par milliers, nous nous dressons.
       Des fourmilières de points d’interrogations,
       Qui germent dans le brouillard gris.
       Du fond de nos tombeaux quotidiens,
       Nous déchirons le désespoir.
       Nous exigeons la vie.
       Nous voulons aimer, chanter,
       Danser ivres dans nos rues douces et
       De grâce, éclairées.
       Nous voulons rêver.
       Et nous rêverons en couleurs.
       En turquoise, en safran, en fuchsia, en jade, en ocre, en rose parme, en brun tabac. Brun de nos terres.
       En bronze.
       Assez de rouge sur nos champs, nos seuils,
       Sur nos lendemains,
       Sur nos vieux sages,
       Sur les mains de nos enfants.
       Faites place.
       Nous exigeons la vie.
       Aujourd’hui.

© Ketty Nivyabandi
Audio production: Haus für Poesie / 2018

Bronzegesänge

alemão

Nacht liegt über unserem Land.
          Kein Wort.
          Kein Hauch.
          Die Felder stumm in ihrem langen grauen Schurz.
          Kein Vogel ist zu hören.
          Die Vogelscheuchen schrecken keinen mehr.
          Wir haben keine Angst mehr, oder fast.
          Wir sind … wie nennt man das?
          Erschöpft.
          Unsere hungrigen Ohren tasten nach dem Radio mit seinen leeren Worten.
          Auch unsere Teller, leer.
          Und unsere Herzen, leer.
          Nacht herrscht in unseren Pupillen.
          Und doch:
          Unter der Asche, die alles bedeckt,
          rollt eine Welle heran, noch dumpf und fern.
          Hört ihr sie?
          Eine unzähmbare Geste des Lebens, die sich verbreitet. Ganz langsam.
          Im Schatten.
          Wer sind wir?
          Wir sind
          eine Frage.
          Klein, zart, und doch: Sie will etwas erreichen. Sie fiebert nach Gerechtigkeit.
          Einer nach dem anderen, zu Tausenden, richten wir uns auf.
          Es wimmelt von Fragezeichen,
          sie sprießen nur so im grauen Nebel.
          Aus der Tiefe unserer alltäglichen Gräber
          zerreißen wir unsere Verzweiflung.
          Wir fordern das Leben.
          Wir wollen lieben, singen,
          uns im Tanz berauschen in unseren sanften,
          vor Anmut erleuchteten Straßen.
          Wir wollen träumen.
          Und wir werden in Farbe träumen.
          In Türkis, Safran, Fuchsia, Jade, Ocker, Parma-Rosa, Tabakbraun.
Braun wie unser Land.
          In Bronze.
          Zu viel Rot klebt an unseren Feldern, unseren Schwellen,
          an unserem nächsten Tag,
          unseren Ältesten, Weisen,
          an den Händen unserer Kinder.
          Macht Platz.
          Wir fordern das Leben.
          Noch heute.

Übersetzung aus dem Französischen von Odile Kennel

La marche aux urnes

francês | Ketty Nivyabandi

Je les vois parfois, dans mes songes que je vis éveillée…
Elles sont des milliers, sans souliers, pagnes rongés, à labourer cette terre rousse,
Notre terre à tous.
Elles sont des milliers, à marcher des kilomètres pour poser leurs pouces souillés sur ces symboles obscurs,
Images de vos egos démesurés.

Elles marchent, le port droit, et attendent patiemment de déposer dans vos                                                                                                                                        urnes
Leur offrande charnue : le rêve d’un lendemain meilleur que la veille.
Meilleur que cinq ans de misère.
Meilleur que vingt ans de guerres, de faim, d’enterrements.
Meilleur que cinquante années de nation émincée.

Otages d’un système de médiocrité,
Confessionnaux de vos mensonges sulfureux,
Dépotoirs de vos calculs malicieux,
Refuges de vos orgueils gargantuesques,
Les épaules lourdes de vos promesses,
Toujours, elles marchent.

Vous ne les ignorerez plus pour très longtemps. Car elles ne sont pas si dupes.
Je les entrevois dans la brume, dos courbés en demi-lunes,
Leur sueur arrose, goutte par goutte, cette terre ridée de sagesse;
Outrée par l’insolence de vos discours du jour…

Lasses de la terreur de l’inconnu,
Incertaines de leurs destins, elles ruminent un refrain.
Un murmure qui s’ébauche, prend forme et se dessine.
Il s’élève et s’envole de colline en colline.
Le vent l’a cueilli et posé hier soir sous mes narines.
Il avait le parfum vert de l’espérance et le goût âcre du résolu:

Liberté,
Liberté,
Liberté.

© Ketty Nivyabandi
Audio production: Haus für Poesie / 2018

Urnengang

alemão

Ich sehe sie manchmal, wenn ich wach liege und träume.
All diese Frauen kennen keine Schuhe, kennen keine Ruhe, bestellen die
            rote Erde,
die wir alle teilen.
All diese Frauen gehen ungezählte Meilen, drücken ihre Daumen auf
            obskure Zeichen,
Abbild eures Egos ohnegleichen.

Würdevoll gehen sie, stehen geduldig mit den anderen an, um euren Urnen
das Opfer ihrer Mühen darzubringen, ihr Traum von einem besseren
            Morgen, frei von jahrelangen Sorgen:
Fünf Jahre Not.
Zwanzig Jahre Krieg, Hunger und Tod.
Fünfzig Jahre Ringen um eine Nation.

Geiseln eines Systems ohne Ambition,
Legitimation für eure Lügen, euren Hohn,
Mülldeponie für eure kühlen Kalküle,
Zierde für eure maßlose Koketterie,
zahlen sie die Zeche für eure leeren Versprechen
und gehen, gehen.

Ihr könnt sie nicht mehr lange übersehen. Ihr führt sie nicht mehr hinters Licht.
Ich erahne sie im Nebel, den Rücken gebeugt vom Gewicht,
ihr Schweiß wässert Tropfen für Tropfen diese vor Weisheit faltige Erde;
die sich empört, wenn sie eure dreisten, feisten Reden hört …

Sie sind den Terror leid des Unbekannten.
Sie wissen nicht, was kommt, sie summen den Refrain.
Ein Murmeln erst, wird lauter, bis es sich erhebt,
schwebt, fliegt von Berg zu Berg.
Der Wind hat es gepflückt, hat gestern Abend mich beglückt.
Roch grün wie die Hoffnung, schmeckte herb wie die Entschlossenheit:

Freiheit
Freiheit
Freiheit.

Übersetzung aus dem Französischen von Odile Kennel

Remembering Burundi

inglês | Ketty Nivyabandi

I remember you.
A spark tearing the blue sky. Seeds flirting with clouds. Men confiding in stars.
A song held warm and snug, in dreamy backs. Women smelling of butter.
A swollen breast. The milky way. Dew quenching the splintered feet.

I remember you.
A dream. Kneaded with laterite and steel.
Proud men, chests bursting full. Spears, hoes laying still on the moist ground. Walking, naked, to the sun.

Butterfly girls. Scattering, flying. Soaking the heavens with colours.

Smothered laughs. Messy laughs. Free laughs. Laughter in thousands.

I remember you.
Poised-people. Truth-people. Masterly people. Cracked-but-whole people.
Jade, fleeing beauty.  A jealous, wild, bewitching beauty.
The kind to burn a prophet’s eyes...
                         A tiny scoop of land that once dared defy the Reich.

I remember you.
Before your feather-words. Before your paper-sons.
Before your gaping ground, your wandering children.
Before your dignity in crumbs.
For sale. On the sidewalks of famished boulevards.

I remember you.
In the furor of my nappy hair.
In the ink snaking down these trembling hands.
In my precious dreams, powdered with dust.
In my sweats. In my screams. In my fevers. In my eyes.
Dangling wide open, from the crescent moon.

I remember you.
Yesterday still.
Tomorrow (of course).
This morning. I don’t know.

© Ketty Nivyabandi
Audio production: Haus für Poesie / 2018

Erinnerungen an Burundi

alemão

Ich erinnere mich an dich
Ein Funken, der die blaue Nacht zerreißt
Saat, die mit dem Himmel tändelt
Sterne, die für Menschen zeugen
Ein Lied, warm und geborgen an verträumten Rücken
Nach Butter duftende Frauen
Eine pralle Brust, eine Milchstraße
Tau, der aufgerissene Füße kühlt

Ich erinnere mich an dich
Ein Traum, geknetet aus Laterit und Stahl
Stolze Männer
Mit geschwellter Brust
Speere und Hacken am Boden
Gehen nackt in Richtung Sonne

Schmetterlingsmädchen
Stieben, fliegen
Tränken den Himmel mit Farben

Gedämpftes Lachen, loses Lachen
Tausendfaches Lachen

Ich erinnere mich an dich
Gelassene Menschen
Aufrechte Menschen
Kunstfertige Menschen
Zerrissene, aber ganze Menschen
Fliehende Schönheit, Jade
Eifersüchtige, wilde, verhexende Schönheit
Versengt noch das Auge des Propheten
Winziges Stück Land, das einst das Reich erzittern ließ …

Ich erinnere mich an dich
Noch vor deinen Federworten
Vor deinen Papiersöhnen
Vor deiner klaffenden Erde, deinen umherirrenden Kindern
Vor deiner zerschlagenen Würde
Zum Verkauf
Auf den Trottoirs gefräßiger Boulevards

Ich erinnere mich an dich
Mit der Wut meiner krausen Haare
Mit der Tinte, die sich um meine Hände schlängelt
In meinen kostbaren, staubüberzogenen Träumen
Mit meinem Schweiß
Meinen Schreien
Meinem Fieber
Meinen weit aufgerissenen Augen, die vom Mond herabbaumeln

Ich erinnere mich an dich
Gestern noch
Morgen (versteht sich)
Heute Morgen
Vielleicht.

Übersetzung aus dem Englischen von Odile Kennel

Muchacha dormida en la mesa de un bar

espanhol | Benjamín Chávez

Ella es una estatua de hielo caliente
tiene alas de seda petrificada
y es una estatua de hielo caliente.

Su aliento es un abismo elevado
y los puentes tendidos flotan a la deriva
en una danza de cuerpos impalpables.

Polvo de azúcar es lo que respira
y ese aire torrencial de diminutos cristales afilados
sostiene su perfil, las torres infinitas
el caer de las piedras al agua
como corchos de champaña.

Ríos turquesa acicalan los vientos
y las hojas se arremolinan
bajo su vuelo de niña distraída.

En un reino así
una rendija de escarcha
convida
la mirada conmovida de los otros.

La niebla no existe
el frío es un capricho de la niñez
y el cielo
bordado a mano sobre la tierra
se ensucia
se lava
y se seca.

© Benjamín Chávez
from: Historia de las invasiones perdidas
Plural, 2012
Audio production: Haus für Poesie 2017

Schlafendes Mädchen an einem Kneipentisch

alemão

Sie ist eine Statue aus heißem Eis
mit Flügeln aus versteinerter Seide
eine Statue aus heißem Eis.

Ihr Atem ein emporgestiegener Abgrund
die gespannten Brücken treiben dahin
in einem Tanz nicht greifbarer Körper.

Zuckerstaub atmet sie, und diese Flut
aus Luft aus winzigen aneinandergereihten Kristallen
stützt ihr Profil, die unendlichen Türme
das Fallen der Steine ins Wasser
wie Champagnerkorken.

Türkisfarbene Flüsse polieren die Winde
und Blätter sammeln sich
unter ihrem Flug eines zerstreuten Mädchens.

In so einem Reich
ist ein Spalt im Reif
eine Einladung
für die gerührten Blicke der anderen.

Es gibt keinen Nebel
und Kälte ist eine Laune der Kindheit
der handgestickte Himmel
als Borte der Erde
verschmutzt
wird gewaschen
und trocknet.

Aus dem bolivianischen Spanisch von Odile Kennel

Poema final para una antología

espanhol | Benjamín Chávez

Frente a mi
hay un libro abierto
una mujer
el eco de una guerra cíclica
una bandera trasplantada
la llamada de la línea del horizonte
un cielo generosamente abierto
un camino al centro del bosque
miles de músicos tocando inagotables
una triunfal sinfonía inmensa
o la íntima música que me levanta cada día

Algunas —muy pocas—
certezas para un débil soplo
que generalmente pastan libres
fuera de mi vista
en el inmenso prado de todas las cosas.
Y los poemas como mares
o como granos de arena y pedrería celeste.

Frente a mi también hay
el bullicio de los amigos
ciertas tardes llenas de sol
de ciudades
colinas
rostros
la contemplación reflejada en los estanques de la memoria,

El caminar de gente que no conozco
algo que se dicen, un gesto que los muestra dignos.
Y no por último,
algunas dudas
perdidas en el fondo de un baúl trajinado.

Un mirar de frente a los hombres
y otra certeza —ésta del corazón—
apaciblemente recostada a los pies de mi cama:
El mundo es un sitio para amar.

© Benjamín Chávez
from: Manual de contemplación
Audio production: Haus für Poesie 2017

Schlussgedicht für eine Anthologie

alemão

Vor mir
ein offenes Buch
eine Frau
das Echo eines wiederkehrenden Krieges
eine verpflanzte Fahne
der Ruf der Linie des Horizonts
ein großzügiger, weiter Himmel
ein Weg tief in den Wald hinein
tausende unermüdlich spielende Musiker
eine gigantische Triumphsymphonie
oder die vertraute Musik, die mich jeden Tag neu aufstehen lässt.

Einige – wenige –
Gewissheiten für einen Windhauch
die meist frei weiden
außerhalb meines Blickfelds
auf der riesigen Wiese der Dinge.
Und Gedichte wie Meere
oder Sandkörner und himmlische Edelsteine.

Vor mir auch
das Getöse der Freunde
an manchen Nachmittagen voller Sonne
Städte
Hügel
Gesichter
Betrachtung gespiegelt in den Gewässern des Gedächtnisses.
 
Der Gang unbekannter Menschen
etwas, das sie sich erzählen, eine Geste, mit der sie sich als würdig erweisen.
Und nicht zuletzt
ein paar verlorene
Zweifel am Grunde einer abgenutzten Truhe.

Ein Blick, den Menschen ins Gesicht,
eine weitere Gewissheit – die des Herzens –
lehnt entspannt am Fuß meines Bettes:
Die Welt ist ein liebenswerter Ort.

Aus dem bolivianischen Spanisch von Odile Kennel

Tortuga

espanhol | Benjamín Chávez

Contemplo el paso de las horas
sin ferocidad ni resignación.
Las vidas de los hombres
—perdidas o no—
me tienen sin cuidado.
El planeta se apoya en mi espalda,
mi lentitud es un premio.

© Benjamín Chávez
from: Pequeña librería de viejo
Audio production: Haus für Poesie 2017

Schildkröte

alemão

Ich betrachte das Vergehen der Stunden
ohne Grimm, ohne Resignation.
Das Leben der Menschen
– seien sie verloren oder nicht –
geht mich nichts an.
Der Planet lehnt an meinem Rücken
meine Langsamkeit ist ein Lohn.

Aus dem bolivianischen Spanisch von Odile Kennel

Íntima

espanhol | Benjamín Chávez

Llaman otra vez a la puerta
y en la luz azul del televisor
sigo a la deriva.
No, hoy no estoy para nadie
para mí mismo
no estoy.
Como una tallada imagen de culto profano
atesoro ofrendas a mis costados.
Conmigo quedan selladas las quietudes.
Así, por ejemplo:
¿significa algo esta esfera jugosa
o es sólo otra inútil fruta
en la bandeja del harto?

© Benjamín Chávez
from: Pequeña librería de viejo
Audio production: Haus für Poesie 2017

Intimität

alemão

Es klopft wieder an der Tür
und im blauen Licht des Fernsehers
drifte ich langsam ab.
Nein, heute bin ich für niemanden da
nicht einmal
für mich selbst.
Gleich dem geschnitzten Abbild eines profanen Kultes
häufe ich Opfergaben an meiner Seite an.
Ausruhen gibt es bei mir nicht.
Beispielsweise frage ich:
Bedeutet diese saftige Kugel etwas
oder ist sie nur wieder eine unnütze Frucht
auf dem Tablett des Überdrusses?

Aus dem bolivianischen Spanisch von Odile Kennel

Ceremonial del Kiwi

espanhol | Benjamín Chávez

En la certera devastación de la lluvia
—lento y rumoroso el tiempo—
agonía de la pretensión
canta el impío kiwi.
Solo
en la íntima maraña lobular
—vaivenes de ritmo confuso—
encañonado recuerdo
alas transparentes.
Ascensos truncados, trastocados
maroma oscura
forcejeo constante.
En la intermitencia de la vida
la salvedad
lo inocuo
se estremece el kiwi
el decantado.

© Benjamín Chávez
from: Pequeña librería de viejo
Audio production: Haus für Poesie 2017

Zeremoniell des Kiwis

alemão

In der treffsicheren Verwüstung des Regen
– träges, hämmerndes Wetter –
jeglicher Eifer erstorben
singt der gottlose Kiwi.
Allein
im vertrauten Wirrwarr des Gehörgangs
– abgehacktes Hin und Her –
gefiedertes Gedächtnis
transparente Flügel.
Flatterndes, planloses Auffliegen
dunkle Kunststücke
andauerndes Gerangel.
Im Innehalten des Lebens
dem Unschädlichen
in der Ausnahme
erschaudert der Kiwi
der Geläuterte.

Aus dem bolivianischen Spanisch von Odile Kennel

Europa

sueco | Olivia Bergdahl

Du säger att jag är säker
fastän vindar har börjat vina
du ger mig vintern i ryggen som en sköld
kölden är bedräglig ursäkterna fina
tiden läker tiden läker ärren stelnar till en böld

och jag fingrar på det
fingrar på det tills det får ett namn
men det slingrar sig ur greppet heter
STOCKHOLM, LONDON, KÖPENHAMN
heter SREBRENICA, DRESDEN
heter CHARLIE HEBDO
heter ARBETE GER FRIHET heter JÄRNRIDÅ

visst är det så Europa,
jag försöker förstå
för jag ser min kropp i spegeln och det som jag ser då
är att jag äger dig, Europa,
att det står ristat i mitt skinn:
en liten lappad kontinent jag utan tvekan kallar min
där jag är fri att röra mig, där jag får välja var jag bor
men du som skulle varit plats, Europa –
varför beter du dig som mor?
Som ett blodsband
en familj
den släkt jag aldrig ville ha

Jag fingrar på det fingrar på det
fast jag inte ska

det heter KONGO, ALGERIET, heter UTØYA, BERLIN
det heter OSTINDISKA KOMPANIET, heter RASBIOLOGIN
det heter BRYSSEL, DERRY, KIEV, STALINGRAD, MADRID
det heter NICE och LAMPEDUSA allt ska läka över tid

du säger det, Europa,
du säger: titta vad jag fått
så vackra kyrkor, vackra städer, vackra broar, vackra slott!
Som vore det min födslorätt,
dessa gränser, dessa fort
men hur kan något kallas mitt som jag inte får ge bort?

Es tut mir leid, Europa,
desolée, förlåt
det sitter mänskor utan flytväst i en trasig gummibåt

och vi väljer våra övergrepp,
sen väjer vi vår skam
det är lätt att tyda kartan, men svårt att ta sig fram
när ordet blir till språk och språket blir till lag
jag ser min kropp i spegeln och jag ser att du är jag
du äger mig, Europa
du döper mig till dotter och till son
jag kan ropa bäst jag vill,
men det är det jag kommer ifrån

så jag fingrar på det fingrar på det jag måste veta vad det heter
det heter LEOPOLD och LUDVIG, heter KARL och GEORGE och PETER
du sade ju aldrig mera krig
du sade ju aldrig mera mur
nej, du säger inte raser, men du säger ju kultur
det heter ORBÁN, heter PUTIN, heter PEGIDA och LE PEN
som en gyllene gryning
fast du sade aldrig någonsin igen

och det heter JESUS, alltid JESUS
det heter COLUMBUS och LINNÉ
det är min kropp i spegeln
för den som heter europé
heter HITLER, heter STALIN, heter FRANCO, MUSSOLINI
heter DUBLIN, heter SCHENGEN, heter BOSSI-FINI

du är dom, Europa, du som kunde varit dröm
jag vet att du hör mig, för din blick är mjuk och öm
Europa, j’accuse…! Jag förnekar dig, jag vet
att du ger mig allt i hela världen, utom generositet
så jag döper dig till HYCKLARE,
till BÖDEL och till KVARN

Då rycker du på axlarna
som åt ett älskat, bråkigt barn.

För du vet att jag är säker
så då kan du låta vindarna gråta
som sköld fick jag mitt skinn och mitt namn
tiden läker tiden läker
hur ska jag förlåta
att jag aldrig är så trygg
som när jag somnar i din famn

© Olivia Bergdahl
Audio production: Haus für Poesie, 2017

Europa

alemão

Du erzählst mir, dass ich hier sicher bin
doch pfeift der Wind
und mit dem Winter im Rücken lässt sich’s nicht gut schreiben
die Kälte ist trügerisch, Entschuldigungen gibt’s zuhauf
die Zeit heilt Wunden, die Narben bleiben

und ich leg den Finger drauf
will dem alles einen Namen geben
doch es entgleitet mir, liegt immer knapp daneben
heißt LONDON, SREBRENICA
PRAG und KOPENHAGEN
heißt ARBEIT MACHT FREI         
heißt CHARLIE HEBDO

Stimmt’s, Europa
Ich versuch nur verstehen
kann im Spiegel sehen,
dass ich dich besitze, Europa
bist eingebrannt in meine Haut,
zerlumpter Kontinent, den ich so lange trage, er ist schon ganz zerschlissen,
wo ich mich ziemlich frei bewege, anlege, wo es mir gefällt,
doch Europa, die Frage, die sich stellt: bist du nicht eigentlich ein Ort?
Tu tust, als seist du meine Mutter
als wärn wir durch Bande aneinander gekettet
als wärst du die Familie, für die ich lebe
das sind nicht die Beziehungen, nach denen ich strebe

und ich leg den Finger drauf
will wissen, will dem alles einen Namen geben

heißt KONGO, ALGERIEN,
heißt UTÖYA, BERLIN
heißt EAST INDIA COMPANY
heißt RASSENBIOLOGIE
heißt BRÜSSEL, DRESDEN, KIEV,
STALINGRAD, MADRID
heißt NIZZA, LAMPEDUSA
heißt: Wunden heilt die Zeit
es ist nicht weit her mit unserer Glaubwürdigkeit

Du erzählst mir, Europa:
schau nur, wo ich lebe,
all diese Kirchen, Brücken, Schlösser, Städte sind schön,
genau so wie meine, doch mein Recht per Geburt,
die Grenzen, die Meere,
wie können sie mein sein, wenn ich nichts davon gebe?

I am sorry, Europa,
desolée, vergib!
Schlauchboote, Schwimmwesten, durchlöchert wie ein Sieb

wir wählen unseren Missbrauch
wir wählen unsere Scham
die Karte ist zwar lesbar, doch alles wird sich weiterdrehen
wenn Worte Sprache werden und Sprachen zum Gesetz
ich blicke in den Spiegel und das hab ich gesehen:
Europa, du besitzt mich!
Taufst mich als Tochter oder Sohn,
da nützt es nicht zu schreien,
hier komm ich her, ich hab keine Option

und ich leg den Finger drauf
will wissen, was für ein Name das ist

heißt LEOPOLD und LUDWIG
heißt CHARLES, GEORGE und PETER
Nie wieder Krieg, warn deine Worte
Nie wieder Mauern, das ist klar
Vermeidest „Rasse“, ist schon wahr,
doch schickst du stattdessen Kultur in die Spur
er heißt ORBAN
heißt PUTIN
heißt PEGIDA und LE PEN
wie ein goldnes Dämmern auf baldigen Sieg
dabei warn deine Worte Nie wieder Krieg

es ist immer noch JESUS immer nur JESUS
ist KOLUMBUS und LINNAEUS
ist mein Körper im Spiegel
und ich seh, dass ich als Europäerin durchgeh
heißt HITLER, heißt STALIN, heißt FRANCO, MUSSOLINI
heißt DUBLIN
heißt SCHENGEN
heißt BOSSI-FINI

Das bist du, Europa,
und du warst mal ein Traum
ich weiß, dass du mich hörst, denn dein Blick hat einen schimmert erstaunt
Deshalb Europa, j’accuse … Ich verleugne dich und weiß
ich krieg von dir die Welt, doch dein Herz ist kaltgestellt
also taufe ich dich HEUCHLERIN
HENKERIN MÜHLENSTEIN

Doch du zuckst mit den Schultern,
sagst, ach Kind, lass sein

Und weil du weißt, dass ich hier sicher bin
lässt du die Winde Winde sein
mein Schutzschild ist Haut, sind Namen
und Wunden heilt die Zeit
aber wie kann ich dir verzeihen
wenn du mich wiegst in deinem Arm,
du bist die sicherste Festung weit und breit

Übersetzung aus dem Englischen Odile Kennel

Europe

inglês | Olivia Bergdahl

You tell me I'm safe
though the wind is wailing
with winter at my back everything’s unwieldy
the cold is deceitful, excuses abound
time heals, time heals, the scars stay around

and I touch it,
I touch it to give it a name
it evades my grasp and is all just the same
the name is STOCKHOLM, LONDON, SREBRENICA
PRAGUE and COPENHAGEN
the name is ARBEIT MACHT FREI
the name is CHARLIE HEBDO

Isn't that right Europe,
I’ll just try to understand
'cause in the mirror I see
that I own you Europe
it's etched in my skin
a tattered little continent I've worn very thin
where I’m fairly mobile, can choose where to live
but Europe – you’re supposed to be a place
so why do you act like mother?
Like a blood tie
a family
the relations I never claimed

I touch it I touch it
I want to know to have it named

the name is CONGO, ALGERIA,
the name is UTÖYA, BERLIN
the name is EAST INDIA COMPANY
the name is RACIAL BIOLOGY
the name is BRUSSELS, DRESDEN, KIEV,
STALINGRAD, MADRID
the name is NICE and LAMPEDUSA
time heals time heals
though we skid

You tell me Europe,
you say: look where I live
all these beautiful churches, bridges, castles, cities there
Mine, too, my birthright
these borders, these seas
But how can they be mine if they are not mine to share?

Es tut mir Leid, Europe,
desolée, forgive
rubber rafts, life jackets, holes like a sieve

so we choose our own abuses
and then we choose our shame
the map's not hard to read, but it's tough going just the same
when words become language and languages law
I looked in the mirror and here is what I saw:
You own me, Europe!
Christen me daughter or son
and no matter how I shout
that is where I am from

so I touch it touch it
'cause I need to know the name

the name is LEOPOLD and LUDWIG
the name is CHARLES and GEORGE and PETER
You said never again war
You said of course no more walls
No you don't use the word race,
but you say culture
the name is ORBAN,
the name is PUTIN,
the name is PEGIDA and LE PEN
like a golden dawn
though you said never ever again

but it is still JESUS always JESUS
it's COLUMBUS and LINNAEUS
it is my body in the looking glass
‘cause since I pass as European
the name is HITLER, the name is STALIN, the name is FRANCO, MUSSOLINI
the name is DUBLIN
the name is SCHENGEN,
the name is BOSSI-FINI

That is you, Europe,
you who could have been a dream
And I know that you can hear me 'cause your gaze has a soft sheen
So Europe, j'accuse ... I deny you and I know
you give me all the world except generosity
so I christen you HYPOCRITE
KILLER MILLER WILD

And then – you shrug your shoulders
as at one you love, your problem child

Since you know that I am safe it feels
you leave these winds to weep
the shield I have is skin and name
time heals time heals
but how can I forgive
that I am in the safe securest place
when I rest in your embrace

© Olivia Bergdahl
Audio production: Haus für Poesie, 2017

Europa

alemão

Du erzählst mir, dass ich hier sicher bin
doch pfeift der Wind
und mit dem Winter im Rücken lässt sich’s nicht gut schreiben
die Kälte ist trügerisch, Entschuldigungen gibt’s zuhauf
die Zeit heilt Wunden, die Narben bleiben

und ich leg den Finger drauf
will dem alles einen Namen geben
doch es entgleitet mir, liegt immer knapp daneben
heißt LONDON, SREBRENICA
PRAG und KOPENHAGEN
heißt ARBEIT MACHT FREI         
heißt CHARLIE HEBDO

Stimmt’s, Europa
Ich versuch nur verstehen
kann im Spiegel sehen,
dass ich dich besitze, Europa
bist eingebrannt in meine Haut,
zerlumpter Kontinent, den ich so lange trage, er ist schon ganz zerschlissen,
wo ich mich ziemlich frei bewege, anlege, wo es mir gefällt,
doch Europa, die Frage, die sich stellt: bist du nicht eigentlich ein Ort?
Tu tust, als seist du meine Mutter
als wärn wir durch Bande aneinander gekettet
als wärst du die Familie, für die ich lebe
das sind nicht die Beziehungen, nach denen ich strebe

und ich leg den Finger drauf
will wissen, will dem alles einen Namen geben

heißt KONGO, ALGERIEN,
heißt UTÖYA, BERLIN
heißt EAST INDIA COMPANY
heißt RASSENBIOLOGIE
heißt BRÜSSEL, DRESDEN, KIEV,
STALINGRAD, MADRID
heißt NIZZA, LAMPEDUSA
heißt: Wunden heilt die Zeit
es ist nicht weit her mit unserer Glaubwürdigkeit

Du erzählst mir, Europa:
schau nur, wo ich lebe,
all diese Kirchen, Brücken, Schlösser, Städte sind schön,
genau so wie meine, doch mein Recht per Geburt,
die Grenzen, die Meere,
wie können sie mein sein, wenn ich nichts davon gebe?

I am sorry, Europa,
desolée, vergib!
Schlauchboote, Schwimmwesten, durchlöchert wie ein Sieb

wir wählen unseren Missbrauch
wir wählen unsere Scham
die Karte ist zwar lesbar, doch alles wird sich weiterdrehen
wenn Worte Sprache werden und Sprachen zum Gesetz
ich blicke in den Spiegel und das hab ich gesehen:
Europa, du besitzt mich!
Taufst mich als Tochter oder Sohn,
da nützt es nicht zu schreien,
hier komm ich her, ich hab keine Option

und ich leg den Finger drauf
will wissen, was für ein Name das ist

heißt LEOPOLD und LUDWIG
heißt CHARLES, GEORGE und PETER
Nie wieder Krieg, warn deine Worte
Nie wieder Mauern, das ist klar
Vermeidest „Rasse“, ist schon wahr,
doch schickst du stattdessen Kultur in die Spur
er heißt ORBAN
heißt PUTIN
heißt PEGIDA und LE PEN
wie ein goldnes Dämmern auf baldigen Sieg
dabei warn deine Worte Nie wieder Krieg

es ist immer noch JESUS immer nur JESUS
ist KOLUMBUS und LINNAEUS
ist mein Körper im Spiegel
und ich seh, dass ich als Europäerin durchgeh
heißt HITLER, heißt STALIN, heißt FRANCO, MUSSOLINI
heißt DUBLIN
heißt SCHENGEN
heißt BOSSI-FINI

Das bist du, Europa,
und du warst mal ein Traum
ich weiß, dass du mich hörst, denn dein Blick hat einen schimmert erstaunt
Deshalb Europa, j’accuse … Ich verleugne dich und weiß
ich krieg von dir die Welt, doch dein Herz ist kaltgestellt
also taufe ich dich HEUCHLERIN
HENKERIN MÜHLENSTEIN

Doch du zuckst mit den Schultern,
sagst, ach Kind, lass sein

Und weil du weißt, dass ich hier sicher bin
lässt du die Winde Winde sein
mein Schutzschild ist Haut, sind Namen
und Wunden heilt die Zeit
aber wie kann ich dir verzeihen
wenn du mich wiegst in deinem Arm,
du bist die sicherste Festung weit und breit

Übersetzung aus dem Englischen Odile Kennel

ELLE COURT ELLE COURT

francês | DGIZ

La poisse ne concerne que ceux qui s’laissent faire
 
Refrain ​J’y crois parce qu’on dit qu’l’amour l’emporte toujours
​Mais certains jours dans certains bourgs et gourbis
​C’est certain qu’le dicton s’gourre
​Malgré ses cernes et son teint qui en disent long sur ses courbes
​Et ces cons qui lui font la cour
​Elle court elle court la maladie d’amour
​Elle court tellement que quand elle tourne court
​Moi j’coupe court et j’l’oublie
 
C’est étrange cousin que
Soudain ça les arrange que
Ma vie change
Et que j’en r’mange
Qu’j’n’ai pas d’linge
Qu’il ne reste de moi
Qu’une photo d’un singe
Un péage, un passage
De pas sage trois en cage
En marge, un barge qui targe
Un son vierge au grand large
Qu’héberge les sans-abri d’la berge
Qui gamberge qui,
Crie, écrit, décrit l’mépris
Empris dans sa zonpri t’as compris
Ça parie à qui sortira l’premier
A cent contre un d’être le pionner
Prétendant atteindre le dernier degré du conté
Malgré la traîtresse contrée
Par ces SOS qu’on laisse sans laisse en chier, en chien
Wesh wesh j’ai envie d’iech
Rien n’me l’empêche
Dans ma crèche j’ai pas la pêche
Ma langue est sèche
Et c’est la dèche
Alors j’allume la mèche de ma chauffe
Un deux un deux chouff comment j’me chauffe
 
Refrain
 
Et on z’y va vite dans la vie
Par des ficelles vices et rats
Vice versa, Dgiz cotisa vers çà ?
Non ne versa pas
Mais supervisa mes propres crises
Les gens sont concentrés, c’est la rentrée
J’ai déjà les chrysanthèmes
J’veux pas qu’on m’atomise d’entrée
Qu’on m’mate qu’on m’mise de cases en cases
J’perds pas d’case, j’mets l’plein gaz
Gaze sur les gonzes et gars qui s’taisent
Qui t’aiment pas, t’aident pas
Plaisent aux balaises
Pleins de biz, pleins de pez, non non
Pleins de bide, pleins de graisse
Plus de Marie Maria
Avec glaçons garçons
Peut-être que j’pêterai un câble
Lorsque je s’rai sortable, non,
Capable, instable de casser la table
Affablé par des bluffers
Des biffins bouffons
Qui veulent encore bouffer
Là où plus personne ne bouffe
Et ça pouffe de rire Hi ! Hi ! Ha ! Ha !
Ce soir je m’en irai tout seul embrasser l’sol
 
Refrain
 
On n’pense pas à la pollution des pots d’échappement
Pour s’échapper là s’échappent encore quelques billets
Alors on oublie ses proches
Ceux qui n’ont plus qu’un pichet
Plus l’droit d’pioche
A qui on reproche d’avoir triché
La fouille d’une poche
Des trucs plus moches
Depuis qu’j’suis titi gavroche
Du 19 au 11 moi j’bronze pas
J’sais qu’ceux qui pèsent
On les baise
Et même leurs gonzes gars !
J’remercie ces femmes laides ou belles
Qui m’ont fait voir le bout du tunnel
Même quand j’en avais marre
D’voir des sentinelles
J’étais sans nouvelles
J’avais commis des vols
Les huiles de ma ville
Avaient donné leur aval
Pour qu’j’en avale
Aujourd’hui j’suis devenu un rimeur
Ramant pour de faibles revenus
Venu de rêves à revoir
Dans une vie à mains nues
Etre voyou prévenu
Faut l’vouloir
Avant de t’dire au revoir cousin
J’voulais juste te dire que j’t’aurais prévenu
 
Refrain

© DGIZ
Audio production: Haus für Poesie, 2017

SIE HÖRT NICH AUF ZU FLIESSEN (DIE LIEBE*)

alemão

Das Unglück trifft nur die, die sich‘s gefallen lassen

Refrain​  Ich glaub dran, weil es heißt, die Liebe hat das letzte Wort
Doch in den letzten Löchern, am hinterletzten Ort
Macht sich das Sprichwort angreifbar, soviel ist klar
Augenringe, blasser Teint, sie hat nicht viel zu lachen
Idioten machen ihr den Hof
Doch fließt sie, fließt, die Krankheit namens Liebe
Sie fließt, bis sie verfliegt
Dann lösch ich die Adresse und vergesse

Schon komisch, Mann,
Dass sie auf einmal scharf drauf sind
Dass sich mein Leben ändert
Dass ich vor allem einsteck
Und trotzdem leere Taschen hab,
Von mir bleibt nur
Das Foto eines Affen
Was gibt es da zu gaffen, ich komm
Nicht in die Spur, nur in den Knast
Ich bleib am Rand, wie hirnverbrannt, der freie Fall
Mein Fall, bin ungehörter Hall, weit draußen auf dem Meer
Ein Dach fürs Heer der Obdachlosen dort am Ufer
Ein übler Grübler, der
Verachtung schreibt, beschreibt, der schreit
Der angeschmiert im Knast verbleibt, kapiert?
Man wettet, wer der Erste ist, der‘s rausschafft aus der Haft,
Die Chancen, Pionier zu sein, stehn hundert zu eins,
Man strebt nach dem untersten Grad der Erzählung
Dabei ist man fürs Land nur ein Klotz am Bein, hinterlässt
Notrufe am laufenden Band, an der Leine, leidet
Wie ein Hund, wau wau, was geht ab, das kotzt mich echt an, Mann,
Es gibt keinen Grund, nicht aus der Reihe zu reihern
Sitz in meiner Bleibe, denk, ich hab 'ne Scheibe
Sitz auf dem Trockenen
Mein Leben ist 'ne Pleite
Der Ofen ist aus, ich zünde ihn an
Eins zwei eins zwei schau, ja genau, so heiz ich mir ein

Refrain

Das Leben ist ein langes Laster und ist schnell
Man fällt durchs Raster, rast, fröhnt
Ohne Rast dem Laster, rät Dgiz jetzt zu sowas?
Nein, ich rate nichts, errate nichts
Bin Selbstberater in der Krise
Die Leute konzentrieren sich am Schulanfang
Ich hab schon Chrysanthemen
Will nicht von vornherein den Untergang
Dass man mich anstarrt, herumschiebt auf dem Spielbrett wie nen Stein
Ich dreh nicht durch, ich dreh voll auf
Geh voll drauf los auf Frauen, Typen, die feige schweigen
Die dich zusammenfalten, ihr Mitleid ausschalten
Die jene angraben, die immer Oberwasser haben
Die voll auf Biz, auf Kohle stehn
Die fett leben, nur ihren Vorteil sehn
Kein Maria Maria mehr
Das Cocktailglas leer
Dreh ich am Ende vielleicht doch noch ab
Wenn ich wieder präsentabel bin statt schlapp, nein,
In der Lage, um mich zu schlagen
von Bluffern eingelullt, von
Lumpensammlern, bizarren Narren
Die noch was fressen wollen und sogar Wein
Dabei hat keiner mehr nen Kanten Brot
Man lacht sich tot Hi! Hi! Ha! Ha !
Heut Abend küss ich den Boden allein

Refrain

Man braucht nicht erst die Reißleine zu ziehen
Um Leine zu ziehen, noch ein paar Scheine zu ziehen
Und schon vergisst man die, die früher mal Nachbarn warn
Die nur noch aus nem Krug Wasser schlürfen
Im Spiel keine Karte mehr aufnehmen dürfen
Denen man vorwirft, geschummelt zu haben
In Taschen gefummelt zu haben
und Schlimmeres
Ich bin ein Kind aus Paris
19tes bis 11tes, für mich gibt’s keinen Club Med
Ich weiß, wer Ballast ist
Den legt man aufs Kreuz
Jungs, auch die Frauen!
Ich dank allen Frauen, ob hässlich oder schön
Die mir zeigten, es wird trotzdem weiter gehn
Selbst, als ich es leid war
Dass überall Wächter stehn
Ich hatte‘s mir versaut
Ja klar, hatte geklaut
Die Polizeichefs meiner Stadt
Hatten genickt
Der muss büßen, so wie er tickt
Heute schreibe ich Reime, bleibe
Arm, wer kann davon schon leben
Meine Träume muss ich erstmal neu justieren
Mit leeren Händen steh ich daneben
Deine Einbuchtung zu riskieren, dich selbst zu verraten
Ist deine Entscheidung
Und bevor ich hier abdanke, Mann,
Wollt ich nur sagen, ich hab dir was andres geraten

Refrain

Übersetzung aus dem Französischen: Odile Kennel

* die frz. Überschrift „Elle court elle court » bezieht sich auf das sehr bekannte Chanson von Michel Sardou, « La maladie d’amour ».

ELLE COURT ELLE COURT (Live Performance)

francês | DGIZ

La poisse ne concerne que ceux qui s’laissent faire
 
Refrain​J’y crois parce qu’on dit qu’l’amour l’emporte toujours
​Mais certains jours dans certains bourgs et gourbis
​C’est certain qu’le dicton s’gourre
​Malgré ses cernes et son teint qui en disent long sur ses courbes
​Et ces cons qui lui font la cour
​Elle court elle court la maladie d’amour
​Elle court tellement que quand elle tourne court
​Moi j’coupe court et j’l’oublie
 
C’est étrange cousin que
Soudain ça les arrange que
Ma vie change
Et que j’en r’mange
Qu’j’n’ai pas d’linge
Qu’il ne reste de moi
Qu’une photo d’un singe
Un péage, un passage
De pas sage trois en cage
En marge, un barge qui targe
Un son vierge au grand large
Qu’héberge les sans-abri d’la berge
Qui gamberge qui,
Crie, écrit, décrit l’mépris
Empris dans sa zonpri t’as compris
Ça parie à qui sortira l’premier
A cent contre un d’être le pionner
Prétendant atteindre le dernier degré du conté
Malgré la traîtresse contrée
Par ces SOS qu’on laisse sans laisse en chier, en chien
Wesh wesh j’ai envie d’iech
Rien n’me l’empêche
Dans ma crèche j’ai pas la pêche
Ma langue est sèche
Et c’est la dèche
Alors j’allume la mèche de ma chauffe
Un deux un deux chouff comment j’me chauffe
 
Refrain
 
Et on z’y va vite dans la vie
Par des ficelles vices et rats
Vice versa, Dgiz cotisa vers çà ?
Non ne versa pas
Mais supervisa mes propres crises
Les gens sont concentrés, c’est la rentrée
J’ai déjà les chrysanthèmes
J’veux pas qu’on m’atomise d’entrée
Qu’on m’mate qu’on m’mise de cases en cases
J’perds pas d’case, j’mets l’plein gaz
Gaze sur les gonzes et gars qui s’taisent
Qui t’aiment pas, t’aident pas
Plaisent aux balaises
Pleins de biz, pleins de pez, non non
Pleins de bide, pleins de graisse
Plus de Marie Maria
Avec glaçons garçons
Peut-être que j’pêterai un câble
Lorsque je s’rai sortable, non,
Capable, instable de casser la table
Affablé par des bluffers
Des biffins bouffons
Qui veulent encore bouffer
Là où plus personne ne bouffe
Et ça pouffe de rire Hi ! Hi ! Ha ! Ha !
Ce soir je m’en irai tout seul embrasser l’sol
 
Refrain
 
On n’pense pas à la pollution des pots d’échappement
Pour s’échapper là s’échappent encore quelques billets
Alors on oublie ses proches
Ceux qui n’ont plus qu’un pichet
Plus l’droit d’pioche
A qui on reproche d’avoir triché
La fouille d’une poche
Des trucs plus moches
Depuis qu’j’suis titi gavroche
Du 19 au 11 moi j’bronze pas
J’sais qu’ceux qui pèsent
On les baise
Et même leurs gonzes gars !
J’remercie ces femmes laides ou belles
Qui m’ont fait voir le bout du tunnel
Même quand j’en avais marre
D’voir des sentinelles
J’étais sans nouvelles
J’avais commis des vols
Les huiles de ma ville
Avaient donné leur aval
Pour qu’j’en avale
Aujourd’hui j’suis devenu un rimeur
Ramant pour de faibles revenus
Venu de rêves à revoir
Dans une vie à mains nues
Etre voyou prévenu
Faut l’vouloir
Avant de t’dire au revoir cousin
J’voulais juste te dire que j’t’aurais prévenu
 
Refrain

© DGIZ
Audio production: Haus für Poesie, 2017

SIE HÖRT NICH AUF ZU FLIESSEN (DIE LIEBE*)

alemão

Das Unglück trifft nur die, die sich‘s gefallen lassen

 
Refrain​  Ich glaub dran, weil es heißt, die Liebe hat das letzte Wort
Doch in den letzten Löchern, am hinterletzten Ort 
Macht sich das Sprichwort angreifbar, soviel ist klar
Augenringe, blasser Teint, sie hat nicht viel zu lachen
Idioten machen ihr den Hof
Doch fließt sie, fließt, die Krankheit namens Liebe
Sie fließt, bis sie verfliegt
Dann lösch ich die Adresse und vergesse

Schon komisch, Mann,
Dass sie auf einmal scharf drauf sind
Dass sich mein Leben ändert
Dass ich vor allem einsteck
Und trotzdem leere Taschen hab, 
Von mir bleibt nur
Das Foto eines Affen
Was gibt es da zu gaffen, ich komm
Nicht in die Spur, nur in den Knast
Ich bleib am Rand, wie hirnverbrannt, der freie Fall
Mein Fall, bin ungehörter Hall, weit draußen auf dem Meer
Ein Dach fürs Heer der Obdachlosen dort am Ufer
Ein übler Grübler, der
Verachtung schreibt, beschreibt, der schreit 
Der angeschmiert im Knast verbleibt, kapiert?
Man wettet, wer der Erste ist, der‘s rausschafft aus der Haft,
Die Chancen, Pionier zu sein, stehn hundert zu eins, 
Man strebt nach dem untersten Grad der Erzählung
Dabei ist man fürs Land nur ein Klotz am Bein, hinterlässt
Notrufe am laufenden Band, an der Leine, leidet 
Wie ein Hund, wau wau, was geht ab, das kotzt mich echt an, Mann,
Es gibt keinen Grund, nicht aus der Reihe zu reihern
Sitz in meiner Bleibe, denk, ich hab 'ne Scheibe
Sitz auf dem Trockenen
Mein Leben ist 'ne Pleite
Der Ofen ist aus, ich zünde ihn an
Eins zwei eins zwei schau, ja genau, so heiz ich mir ein

Refrain

Das Leben ist ein langes Laster und ist schnell
Man fällt durchs Raster, rast, fröhnt
Ohne Rast dem Laster, rät Dgiz jetzt zu sowas?
Nein, ich rate nichts, errate nichts
Bin Selbstberater in der Krise
Die Leute konzentrieren sich am Schulanfang
Ich hab schon Chrysanthemen
Will nicht von vornherein den Untergang
Dass man mich anstarrt, herumschiebt auf dem Spielbrett wie nen Stein
Ich dreh nicht durch, ich dreh voll auf
Geh voll drauf los auf Frauen, Typen, die feige schweigen
Die dich zusammenfalten, ihr Mitleid ausschalten
Die jene angraben, die immer Oberwasser haben
Die voll auf Biz, auf Kohle stehn
Die fett leben, nur ihren Vorteil sehn
Kein Maria Maria mehr
Das Cocktailglas leer
Dreh ich am Ende vielleicht doch noch ab
Wenn ich wieder präsentabel bin statt schlapp, nein,
In der Lage, um mich zu schlagen 
von Bluffern eingelullt, von
Lumpensammlern, bizarren Narren
Die noch was fressen wollen und sogar Wein
Dabei hat keiner mehr nen Kanten Brot
Man lacht sich tot Hi! Hi! Ha! Ha !
Heut Abend küss ich den Boden allein

Refrain

Man braucht nicht erst die Reißleine zu ziehen
Um Leine zu ziehen, noch ein paar Scheine zu ziehen
Und schon vergisst man die, die früher mal Nachbarn warn
Die nur noch aus nem Krug Wasser schlürfen
Im Spiel keine Karte mehr aufnehmen dürfen
Denen man vorwirft, geschummelt zu haben
In Taschen gefummelt zu haben
und Schlimmeres
Ich bin ein Kind aus Paris
19tes bis 11tes, für mich gibt’s keinen Club Med 
Ich weiß, wer Ballast ist
Den legt man aufs Kreuz
Jungs, auch die Frauen!
Ich dank allen Frauen, ob hässlich oder schön
Die mir zeigten, es wird trotzdem weiter gehn
Selbst, als ich es leid war
Dass überall Wächter stehn
Ich hatte‘s mir versaut
Ja klar, hatte geklaut
Die Polizeichefs meiner Stadt
Hatten genickt
Der muss büßen, so wie er tickt
Heute schreibe ich Reime, bleibe
Arm, wer kann davon schon leben
Meine Träume muss ich erstmal neu justieren
Mit leeren Händen steh ich daneben
Deine Einbuchtung zu riskieren, dich selbst zu verraten
Ist deine Entscheidung
Und bevor ich hier abdanke, Mann,
Wollt ich nur sagen, ich hab dir was andres geraten

Refrain

Übersetzung aus dem Französischen: Odile Kennel

* die frz. Überschrift „Elle court elle court » bezieht sich auf das sehr bekannte Chanson von Michel Sardou, « La maladie d’amour ».

POÉTICA

português | Daniel Jonas

Fechar a tampa do abrigo
e respirar
com serena convulsão
lançando o grande dirigível da escrita

depois retesar o arpão
e espremer o choco polvo
seus tentáculos tensos
na placa marmórea
ou na balança

é um negócio violento,
a testa escreve-se, um mundo progride,
decanta-se a bolha do nível,
esgaça-se a gaze

depois da fenomenologia dos petroleiros
a refinaria,
o guarda-nocturno de olhos
na trovoada e solidão
no monitor.

© Daniel Jonas
from: Os Fantasmas Inquilinos
Lisboa: Cotovia, 2005
Audio production: Gravado nos Estúdios da Bica em Abril de 2017. Produção Alexandre Cortez. / Recorded at Estúdios da Bica, April 2017. Produced by Alexandre Cortez.

Poetik

alemão

Den Deckel der Zuflucht schließen
und atmen
mit ruhigem Zucken,
das große Luftschiff des Schreibens in Fahrt bringen,

dann die Harpune spannen
die schlaffe Krake ausdrücken
ihre straffen Tentakel
auf der Marmorplatte
oder Waage,

ein gewalttätiges Unterfangen
die Stirn schreibt sich, eine Welt schreitet voran,
die Wasserwaagen-Libelle zerfließt
die Gaze zerreißt,

nach der Phänomenologie der Tanker
die Raffinerie,
der Nachtwächter der Augen
im Sturm, und Einsamkeit
auf dem Monitor.

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Odile Kennel

SÃO TRISTES OS MEUS DIAS COM PEDRAS

português | Daniel Jonas

São tristes os meus dias com pedras
em lugar de mãos
ou a cabeça funda na brancura
de través do travesseiro
e o corpo depresso em moles guindastes.
São dias de chorar por menos
ou teimar queixoso com um crânio polido,
batuque convexo
no muro demorado.

Ficar a ouvir o sangue,
o som tubular do sangue. Ao vale seco
da clavícula atrair a água, o sangue
e sorver a sopa intestina
ou se o líquido escapa à boca
tantálica, calar com argila
o que me pede água.

Ficar a palpar os buracos
da ausência, as ligas
da ausência, as ribanceiras
a que caem os pensamentos, a cor
dióspiro que banha a enfermidade
e em seguida tomar o pulso
evadido, travar o touro, o soco da dor,
o infinito infinitivo presente.

Uma amálgama de alma
migra no fôlego de modorrento
pregão de dor, o condor
passa e anda andino e é uma
traça asfixiante: faço um céu rarefeito,
a dispneia é um felino
que arranha céus
e a boca rebuliço espúmeo
expele o sabor da morte
e o que mais consiga cuspir
por entre ovéns e enxárcias
e traves quebradas.

É uma desilusão com as coisas,
uma desilusão funda com as coisas,
com o vazio meio-cheio das coisas.
Meu fôlego um fólio cheio
de silêncio, uma catástrofe natural

um vulcão: no meu pulmão pôr lava
e no trovão treva.

© Daniel Jonas
from: Os Fantasmas Inquilinos
Lisboa: Cotovia, 2005
Audio production: Gravado nos Estúdios da Bica em Abril de 2017. Produção Alexandre Cortez. / Recorded at Estúdios da Bica, April 2017. Produced by Alexandre Cortez.

Traurig sind meine Tage mit Steinen

alemão

Traurig sind meine Tage mit Steinen
anstelle von Händen
oder mit dem Kopf auf dem weiten
Weiß eines Kissens,
mein Körper entmutigt wie ein schlapper Kran.
Tage an denen man zumindest weint
oder beleidigt ausharrt mit einem polierten Schädel,
konvexe Trommel
an der Wand, die auf sich warten lässt.

Dem Blut lauschen,
dem Röhrenklang des Blutes. Ins trockene Tal
des Schlüsselbeins das Wasser lenken, das Blut,
und die innere Suppe schlürfen,
oder, wenn die Flüssigkeit dem tantalischen
Mund ausweicht, mit Lehm
stopfen, was Wasser will.

Die Hohlräume der Abwesenheit
abtasten, die Seile
der Abwesenheit, die Steilküsten,
an denen die Gedanken herabstürzen, das Blassorange,
in dem das Leiden badet,
und danach den entwischten
Puls messen, den Stier ausbremsen, den Schlag des Schmerzes,
die unendliche Nennform der Gegenwart.

Ein Seelenamalgam wandert
durch den Atem eines ersterbenden
Schmerzensschreis, der Kondor
fliegt vorbei auf seine Anden-Art und ist eine
erstickende Motte: Ich baue einen verwässerten Himmel,
Atemnot ist eine Raubkatze,
die Wolken kratzt,
und der Mund ein schäumendes Wirrwarr,
er dünstet den Geschmack von Tod aus
und was er sonst noch ausspucken kann
zwischen Trossen und Tauen
und zerbrochenen Balken.

Eine Enttäuschung über die Dinge,
tiefe Enttäuschung über die Dinge,
über die halbvolle Leere der Dinge.
Mein Atem eine Seite
mit Stille gefüllt, eine Naturkatastrophe,

ein Vulkan: in meine Lunge Lava legen
und in den Donner Dunkelheit.

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Odile Kennel

OPACIDADE

português | Daniel Jonas

Estúpido outono
a tudo impondo sua ferrugem
como num velho armazém de ferragens
a artrose ganhando dobradiças
e as espirais
a parafusos zonzos.

E estas árvores são também
impossíveis: árvores
como furgonetas com seus toldos
esvoaçantes, rangendo
a grande dor da
mudança.

Estúpidas árvores: cada copa
um enleio de fios,
uma instalação eléctrica pública
de Calcutá, fundindo
o céu, seu
capote puindo.

Ou este outono é só
uma betoneira
regurgitando o seu betão zonzo.
Estúpido outono. E que erro
tomar os meus olhos
por um aterro!

© Daniel Jonas
from: Os Fantasmas Inquilinos
Lisboa: Cotovia, 2005
Audio production: Gravado nos Estúdios da Bica em Abril de 2017. Produção Alexandre Cortez. / Recorded at Estúdios da Bica, April 2017. Produced by Alexandre Cortez.

Undurchsichtigkeit

alemão

Blöder Herbst
der allen seinen Rost aufdrängt
wie in einem alten Eisenwarenlager
wo Arthrose Scharniere befällt
und Spiralen
mit taumeligen Schrauben.

Und diese Bäume sind genau so
unmöglich: Bäume
wie Lieferwagen mit flatternden
Planen knattern
vom großen Schmerz
der Veränderung.

Blöde Bäume: jede Krone
ein Durcheinander an Fäden
eine öffentliche Elektroinstallation
in Kalkutta, die den Himmel
zum Schmelzen bringt, seinen
durchgescheuerten Mantel.

Oder dieser Herbst ist nur
eine Betonmischmaschine
die ihren taumeligen Beton ausspuckt.
Blöder Herbst. Und was für ein Fehler,
meine Augen für eine
Mülldeponie zu halten!

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Odile Kennel

A RESISTÊNCIA À TEORIA

português | Daniel Jonas

Eu ficarei à espera de que as uvas
das minhas videiras
amadureçam
à luminosidade da palavra
dia

© Daniel Jonas
from: Os Fantasmas Inquilinos
Lisboa: Cotovia, 2005
Audio production: Gravado nos Estúdios da Bica em Abril de 2017. Produção Alexandre Cortez. / Recorded at Estúdios da Bica, April 2017. Produced by Alexandre Cortez.

Widerstand gegen die Theorie

alemão

Ich werde warten, bis die Trauben
meiner Reben
reifen
im Leuchten des Wortes
Tag

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Odile Kennel

PROVAVELMENTE NOUTRO TEMPO, NOUTRAS CIRCUNSTÂNCIAS

português | Daniel Jonas

Provavelmente noutro tempo, noutras circunstâncias
chegaríamos a iguais resultados
pelo que de nada adianta imaginar um almagesto
ou tabelas de paralaxe para isto
a que convencionalmente chamamos amor,
nem calcular o ângulo
entre nós e o centro da terra,
de nada nos aproveitara, tu e eu
centros escorraçados de irregular gravitação.

Porém, isso não me impediu de ver plêiades
cada vez que surgias (só
não te dizia nada) plêiades iluminando
meu Hades
com suas cabrinhas coruscantes
pascendo
o vale da sombra da morte.

E a questão hoje é: who’s gonna drive you home tonight?
quando o melancólico transístor
destila também outras perguntas, mas nenhuma
tão dura quanto essa,

por exemplo: porque é que a água tem mais tendência
a subir em tubos estreitos
ao contrário do mercúrio?
Isto é view-master e são coisas que faço
na tua ausência.

© Daniel Jonas
from: Os Fantasmas Inquilinos
Lisboa: Cotovia, 2005
Audio production: Gravado nos Estúdios da Bica em Abril de 2017. Produção Alexandre Cortez. / Recorded at Estúdios da Bica, April 2017. Produced by Alexandre Cortez.

In einer anderen Zeit, unter anderen Umständen, vermutlich

alemão

In einer anderen Zeit, unter anderen Umständen, vermutlich
kämen wir zu gleichen Ergebnissen
also bringt es nichts, sich einen Almagest zu denken
oder Tabellen von Parallaxen für das
was wir gemeinhin Liebe nennen
und auch nicht, den Winkel zwischen uns
und der Erde zu berechnen
es würde nichts nützen, nicht dir, nicht mir
verstoßene Zentren mit unbeständiger Umlaufbahn.

Und dennoch sah ich jedes Mal Plejaden
wenn du auftauchtest (ich behielt es
für mich), Plejaden, die meinen Hades
erleuchteten
mit ihren glitzernden Zicklein
die im Tal
der Todesschatten weideten.

Die Frage lautet: who’s gonna drive you home tonight?
während aus dem trostlosen Transistor
weitere Fragen tröpfeln, keine jedoch
so unerbittlich wie diese

zum Beispiel: Warum steigt Wasser in schmalen
Röhren tendenziell schneller
und Quecksilber nicht?
Das ist view-master, und solche Dinge beschäftigen mich
in deiner Abwesenheit.

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Odile Kennel

O MEU POEMA TEVE UM ESGOTAMENTO NERVOSO

português | Daniel Jonas

O meu poema teve um esgotamento nervoso.
Já não suporta mais as palavras.
Diz às palavras: palavras
ide embora,
ide procurar outro poema
onde habitar.

O meu poema tem destas coisas
de vez em quando.
Posso vê-lo: ali distendido
em cama de linho muito branco
sem perspectivas ou desejo

quedando-se num silêncio
pálido
como um poema clorótico.

Pergunto-lhe: posso fazer alguma coisa por ti?
mas apenas me fixa o olhar;
fica a li a fitar-me de olhos vazios
e boca seca.

© Daniel Jonas
from: Os Fantasmas Inquilinos
Lisboa: Cotovia, 2005
Audio production: Gravado nos Estúdios da Bica em Abril de 2017. Produção Alexandre Cortez. / Recorded at Estúdios da Bica, April 2017. Produced by Alexandre Cortez.

Mein Gedicht hatte einen Nervenzusammenbruch

alemão

Mein Gedicht hatte einen Nervenzusammenbruch.
Es erträgt keine Wörter mehr.
Es befielt den Wörtern: Wörter
ziehet von dannen
suchet euch ein anderes Gedicht
in dem ihr wohnen könnt.

Mein Gedicht hat hin und wieder
solche Anwandlungen.
So stell ich mir’s vor: ausgebreitet
auf dem Bett auf sehr weißem Leinen
perspektivlos, lustlos

versunken in Schweigen
bleich,
ein Gedicht mit Blutarmut.

Ich frage: Kann ich irgendetwas für dich tun?
Doch es starrt mich nur an.
Sitzt da mit leerem Blick
und trockenem Mund.

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Odile Kennel

GROTTO

português | Daniel Jonas

Não quero nada claro ou helénico.
Prefiro turbinas de aviões comerciais, a sua fuligem
doméstica
às velas de alabastro do veleiro de Ulisses
lá em mar alto.
Prefiro o eclipse a Calipso.
Não quero nada de verdadeiramente branco.
Dispenso a asa delta de garças,
o seu voo aerodinâmico,
troco-o pela arribação de ratos no esgoto,
a sua pressa chinesa,
o seu stress pós-traumático:
orgulham-me criaturas tão limpas.
Assim também recuso o papel branco:
trato de o desfigurar
com sangue negro, como se desfigura
um branco em Harlem.
Não quero começar a imaginar como se sentiriam
escravos nos campos de algodão.

© Daniel Jonas
from: Os Fantasmas Inquilinos
Lisboa: Cotovia, 2005
Audio production: Gravado nos Estúdios da Bica em Abril de 2017. Produção Alexandre Cortez. / Recorded at Estúdios da Bica, April 2017. Produced by Alexandre Cortez.

Grotto

alemão

Ich will nichts Helles oder Hellenisches.
Lieber sind mir die Turbinen der Handelsflugzeuge, ihr häuslicher
Ruß,
als Ulysses‘ Alabastersegel,
dort auf hoher See.
Lieber als Kalypso sind mir Eklipsen.
Ich will nichts wirklich Weißes.
Verzichte auf das Delta der Reiher,
auf ihren windschnittigen Flug
im Tausch gegen den Zug der Abflussratten,
ihre chinesische Eile,
ihren post-traumatischen Stress:
Derart saubere Kreaturen machen mich stolz.
Auch weißes Papier lehne ich ab:
Ich sorge dafür, dass es mit schwarzem
Blut entstellt wird, wie ein Weißer
entstellt wird in Harlem.
Ich male mir lieber nicht aus, wie sich Sklaven
in Baumwollfeldern fühlten.

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Odile Kennel

[Tracer des courbes]

francês | Siham Bouhlal

Tracer des courbes pour trancher ce temps qui est le mien  Ce temps qui prépare ma chute et la guette  Noue mon souffle  Ce temps qui t’est étranger  Je le vois sans toi comme un champ de tournesols prêt à être cueilli  Je le vois qui s’arrête  Qui jette son immobilité sur mes membres et dresse un épouvantail face à mon
regard  Je le vois sans rires  Sans sanglots  Le poumon perclus  Le cerveau vidé
de son sel  Où est le monde ? Pourquoi ne parle t-il plus ? Quel sommeil s’est emparé de lui en ton absence ? Et mes doigts ne savent écrire le bonheur que sur ton corps et ce temps ne plie qu’à ta présence  Et Ce temps  Et Ce temps  Qu’a t- il à faire mon corps transparence ?

from: Songes d'une nuit berbère ou la Tombe d'épines
Paris: édition Al Manar, 2007
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

[Kurven zeichnen]

alemão

Kurven zeichnen um die Zeit zu zerteilen die mein ist  Die Zeit die mein Fallen plant und darauf lauert  Mir den Atem zuschnürt  Die Zeit die dir fremd ist  Ich seh sie ohne dich  ein Sonnenblumenfeld das nur drauf wartet dass man’s pflückt Ich seh sie wie sie stehen bleibt  Ihre Starre über meine Glieder wirft  vor meinem Blick eine Schreckgestalt errichtet Ohne  Lachen  Ohne Schluchzen  Ihre gelähmten Lungen  Ihr vom Salz entleertes Hirn  Wo ist die Welt? Weshalb redet sie nicht mehr? Welcher Schlaf hat sie überwältigt während du weg warst? Und meine Finger können das Glück nur auf deinem Körper beschreiben und die Zeit beugt sich deiner Anwesenheit allein  Und die Zeit  Und die Zeit  Was macht sie meinen Körper durchscheinen?

Übersetzung aus dem Französischen von Aurélie Maurin und Odile Kennel

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português | Margarida Vale de Gato

No rascunho que Fernando Pessoa usou
para a tradução do Corvo de Edgar Poe
há no fim versos talvez seus que rasurou.
 
«Dic. de Rimas», em letra legível vem
por cima; depois, porém, o que não quis
que viessem a ler, nem ele a ter de escrever,
afigura-se tão honesto quanto sofrível.
Devo admitir que não pude coibir-me
(julgo eu que nenhum outro, ao descobrir
o bilhete ignorado de um morto)
a tentar ver se ele traduzia, se
aquilo era poesia ou um apelo
e a mim cabia, por mais
que inexacto, transcrevê-lo.
 
Se julguei entender a certo passo
o verbo «treslêem», era chato
que ao primeiro sinal faltasse o traço;
olhando de novo, talvez achasse
«conteem» (atestando no passado
mais desafogo ortográfico)
o que era menos ousado
embora não desdissesse
aquilo que me comove
na p. 229
do Livro do Desassossego,                  
«Ler é sonhar pela mão de outrem.
Ler mal e por alto é libertarmo-nos 
da mão que nos conduz.»
Isto sobretudo quando, como dizia
o galês que o Ivan Junqueira traduz,
«Grande é a mão que mantém
o seu domínio sobre um homem
por ele ter escrito um nome.»
(Neste ponto, nota de rodapé onde se lê:
Jerónimo Pizarro, em comunicação pessoal,
diz-me que o trecho não é do livro afinal.)
 
Devolvendo-me, por linhas tortas,
à reflexão do que fazer
com o papel em que um homem,
nem de propósito por muitos
considerado o maior génio
da língua portuguesa do século
vigésimo, depositou quem sabe
o seu mais pungente recado, o qual
riscou, mas não deixou por isso de guardar
numa resma arrumada que o culto nacional
não só numerou como hoje disponibiliza
digitalmente a quem quiser consultar.
 
E eu –– a tergiversar –– isto não é poema
nem condiz com sentida homenagem:
Fernando, tu dizias, da brevidade da vida
e da dor e desgraça que «ha n’ella» (anela),
e aquilo que mais doía era a falta de coragem
de confiar os desmandos do teu ser,
«oculto o meu interior aos olhares humanos»
(embora aqui talvez haja desfocagem
e possa ser «critério» o que esteja
no lugar de «interior» – onde, mais se justifica,
no início dessa estrofe, «Sinto horror»);
e ainda declinavas, pela margem
«Pensamentos.. gestos... palavras... almas»,
 
e eu que devia vir aqui dar corpo
ao inarticulado da poesia falar-te
do que perdeste, com esse teu feitio,
e a interna rima traindo-te a descarga
de eterno contentor que não explode ––
 
nem sei se a letargia tanto me sacode,
«além de que o não posso a alguém vazio».
 

© Margarida Vale de Gato
from: Fernando Pessoa e a Literatura dos EUA no século XIX
Lisboa: Oficina do Cego, 2011
Audio production: Casa Fernando Pessoa / RDP

bn-acpc-e-e3-74a-1-113_0130_63v_t24-C-R0150

alemão

Auf dem Schmierzettel, auf dem Pessoa den Raben
von Poe übersetzte, stehen zuletzt Verse, womöglich
seine eigenen, die er dann wieder strich.

„Reimlex.“, deutlich lesbar darüber; was dann
kommt, sollte keiner lesen, er wollte
es nicht einmal schreiben, und doch steht
es da, so unverborgen wie mäßig.
Ich gebe zu, ich wollte wissen
(wie jeder andere, der unerwartet auf die
unbekannten Zeilen eines Toten stieße),
gehörte es zur Übersetzung,
war es ein Aufruf oder ein Gedicht,
und mir oblag, wenn auch nicht
fehlerfrei, es zu entziffern.

Zuerst war ich mir sicher, es heißt treslêem,
(verlesen sich); doch, ärgerlich, am ersten
Buchstaben kein t-Strich. Auf den zweiten
Blick war‘s vielleicht doch conteem (sie enthalten) (ohne
Zirkumflex; man nahm es zu der Zeit vielleicht
nicht so genau mit der Orthographie),
was weniger verwegen war,
obwohl es dem nicht widersprach,
was mich berührt
im Buch der Unruhe,
Seite 229:
“Lesen heißt träumen
durch die Hand eines anderen.
Schlecht und oberflächlich zu lesen heißt, wir befreien uns
von der Hand, die uns lenkt.“
Denn, wie der Waliser schrieb
den Ivan Junqueira übersetzt:
„Groß ist die Hand, die Herrschaft ausübt über
Menschen durch einen hingekritzelten Namen“.
(Hier Fußnote: J. Pizarro, Wissenschaftler und Kaligraph,
hat mir mitgeteilt, die Passage
stamme letztlich doch nicht aus dem Buch.)

Die krakeligen Zeilen führen mich zurück
zur Überlegung, was nun zu tun sei
mit einem Stück Papier, auf dem ein Mann –
für viele das Genie des zwanzigsten
Jahrhunderts der Lusophonie – ganz nebenbei
seine womöglich berührendste
Mitteilung hinterließ, die er
dann wieder durchstrich, und dennoch
in einem ordentlichen Stapel aufbewahrte, der,
Verehrung der Nation sei Dank, zum einen
nummeriert, zum anderen digital
und öffentlich verfügbar ist.

Und ich – ich weiche aus – das hier ist kein Gedicht
und drückt nicht aus, wie sehr ich dich verehre:
du schreibst, Fernando, das Leben sei kurz, und so viel Unglück
und Schmerz sei in ihm, hà n‘ella (anela) (es sehnt sich),
und am meisten schmerze dein fehlender Mut,
Vertrauen zu haben in dein maßloses Sein,
„ich verberge mein Innerstes vor menschlichen Blicken“
(doch das ist vielleicht nur verwackelt, und es heißt
 „Urteilsfähigkeit“ und nicht „Innerstes“ ((intérior)), wo,
das spräche für den Anfang des Verses,
„ich Entsetzen verspüre“, ((horror));
dann kritzelst du an den Blattrand,
 „Gedanken … Gesten … Worte … Seelen“,

und ich, die ich hierherkam, dem Undeutlichen
des Gedichts eine Form zu verleihen, dir zu zeigen,
was du verlierst mit deiner Mäßigung
– der Binnenreim verhindert die Entladung
des ewigen Behälters, der nicht explodiert –,

weiß nicht, erschüttert mich die Lethargie, oder
dass „jemand Leeres nicht erschüttert werden kann.“ 

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Odile Kennel

Rui Costa, cabeçudo, por tudo

português | Margarida Vale de Gato

Começou com um sinal ao lado dos teus óculos escuros, Não,
o princípio foi um rebordo à noite onde quiseste ensinar-me
a soletração de versos, Não, reinicio: o pequeno almoço
num café pequeno numa rua comprida com pernas para o mar
e dom rodrigos enxovalhos de lustro postos à mesa, Não
há-de ter sido só quando esticámos as mãos e elas escorregaram
e nos encostámos aos peitos os dois chocalhavam tu riste-te eu
fiz-me de parva, Se calhar foi aí porque escrevemos sobre isso
entendendo cada um à sua maneira como sempre se
fez, Eu adverti logo aliás não tinha nenhuma esperança
que viéssemos a coincidir alguma vez e tu achaste claro
muito bem feito porque assim queríamos constantemente
aprofundarmo-nos sempre aos apalpões a ver onde derretia
quando lá no fundo doía não encaixarmos perfeita
mente, Só que sim é um privilégio acontece menos
vezes do que os dedos encontrarmos alguém
a quem queiramos continuar a bater como
disseste que me fazias a vida toda quando apertaste por
baixo dos meus braços a resistência dos materiais, E há-de
ter sido gentileza não justificares apesar do orgulho
de cumprir proezas não contamos os princípios nem os fins

fico pois à espera que apareças atrás de um sms com uma tarte
de maçã encostada ao focinho, Que não te cansa o jogo de fazeres
todos os gestos importantes entre portas para depois te pores ao
fresco como se nada fosse e largas daqui porque tens um handicap
muito menor e patas maiores e queres ver outros bichos cheios
de perguntas, Por mim punha era o vestido de Espanha para
rodopiarmos aos casais de sucesso entre os bem-pensantes com
licença vou escrever sobre os teus livros todos muitos palavrões

© Margarida Vale de Gato
from: revista Golpe d’Asa, 2: 2013
Audio production: Casa Fernando Pessoa / RDP

Rui Costa, dickköpfig, für alles

alemão

Es fing mit einem Leberfleck an neben deiner Sonnenbrille, Nein,
der Anfang war eine Kante in der Nacht wo du mir das Buchstabieren
von Versen beibringen wolltest, Nein, von vorne: Frühstück
in einem kleinen Café in einer langgezogenen Straße mit Beinen zum Meer
und Dom Rodrigos in zerknittertem Glanz auf dem Tisch, Nein,
es kann erst gewesen sein als wir die Hände ausstreckten sie verrutschten
wir Brust an Brust stießen es klirrte du lachtest ich machte
mich lächerlich, Vielleicht war es dort denn wir schrieben
beide darüber verstanden es beide auf unsere Art so wie es immer
gewesen ist, Ich warnte dich gleich es bestand ohnehin keine Hoffnung
dass wir je übereinstimmen würden du meintest
umso besser so würden wir wenigstens ständig
einander auf den Grund gehen immer ertasten wo es schmilzt
wenn es tief innen schmerzt dass wir nicht perfekt
zusammenpassen, Nur dass das eben ein Privileg ist seltener
vorkommt als zehn Finger an der Hand dass wir jemanden treffen
den wir immer weiter schlagen wollen so wie du mich
mein ganzes Leben lang sagtest du als du unterhalb
meiner Arme die widerständige Materie presstest, Und es muss
Taktgefühl gewesen sein dass du dich nicht gerechtfertigt hast trotz
des Ehrgeizes auf Heldentaten wir zählen weder Anfänge noch Enden

ich warte also dass du auftauchst hinter einer SMS mit gehisster Apfeltarte
an der Schnauze, Weil du unermüdlich das Spiel spielst alle wichtigen
Gesten zwischen Tür und Angel zu machen und mir nichts dir
nichts verschwindest dich verpisst weil du ein viel kleineres
Handicap hast und größere Pfoten und andere Tiere treffen willst
voller Fragen, Wenn’s nach mir geht zieh ich das spanische Kleid an und wir
wirbeln wie ein erfolgreiches Paar zwischen den Anständigen davon pardon aber
ich werde all deine Bücher mit Schimpfwörter beschreiben.

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Odile Kennel

MA PEUR NE SERA PAS SECOURUE

francês | Tania Langlais

ma peur ne sera pas secourue
j’ai ma belle robe rien n’y paraît
faite de toutes petites boîtes
rejetées par la mer
quand je prendrai le monde
ça fera joli

© Tania Langlais
from: Kennedy sait de quoi je parle
Montréal: Éditions Poètes de brousse, 2008
Audio production: UNEQ

MEINE ANGST WIRD NICHT GERETTET

alemão

meine angst wird nicht gerettet
unauffällig trag ich mein schönes
kleid aus winzigen kisten vom meer
angespült wenn ich
die welt suche
kann das heiter werden

Übersetzung aus dem kanadischen Französisch: Odile Kennel

LE DEHORS ME CHERCHE

francês | Tania Langlais

le dehors me cherche
je travaille ton nom
de l’herbe un peu partout
haute en ma tête où s'étire
mon chat je vois à travers
Kennedy une idée noire de la mer

© Tania Langlais
from: Kennedy sait de quoi je parle
Montréal: Éditions Les Herbes rouges, 2008
Audio production: UNEQ

DAS DRAUSSEN SUCHT MICH

alemão

das draußen legt sich an mit mir
ich bearbeite deinen namen
gras fast überall steht
hoch im Kopf wo meine katze
sich reckt durch Kennedy hindurch
seh ich einen dunklen gedanken vom meer

Übersetzung aus dem kanadischen Französisch: Odile Kennel

[desces as escadas]

português | Alice Vieira

desces as escadas

devagar
devagar
devagar

agarras o corrimão porque
nem sempre os 20 anos ressuscitam
quando se quer

perguntas pelo tempo e
pelas velhas tias     queres saber
(apenas por delicadeza    é evidente)
se já morreram todas ou ainda resistem
dalgumas trocas o nome      ou nem o lembras

tomas o remédio     tosses levemente
culpas o trabalho pelos
telefonemas que falhaste e
prometes que amanhã vai ser diferente

conto uma história que não ouves
paro a meio de uma frase
que não seguias

olhas o relógio    e procuras
cada vez com mais dificuldade
o que irás dizer à entrada de casa

o silêncio enreda-se
na tua língua
esqueceste as palavras no fundo da gaveta
onde um dia guardaste o meu retrato     e hoje
guardas os comprimidos para dormir

sobes as escadas e
desapareces

devagar
devagar
devagar

unpublished manuscript,
Audio production: Câmara Municipal de Lisboa

[du kommst die Treppe herunter]

alemão

du kommst die Treppe herunter

langsam
langsam
langsam

hältst dich am Geländer fest
weil 20 Jahre nicht einfach so wiederkehren
nur weil man es will

du fragst nach der Zeit
und den alten Tanten             willst wissen
(aus Taktgefühl          ganz offensichtlich)
ob alle schon gestorben sind oder noch widerstehen
du verwechselst ihre Namen  oder hast sie vergessen

du nimmst deine Medizin      hüstelst
gibst deiner Arbeit die Schuld
den zu häufigen Telefonaten
und versprichst dass es morgen anders sein wird

ich erzähle eine Geschichte die du nicht hörst
breche ab mitten im Satz
dem du nicht gefolgt bist

du schaust auf die Uhr           und suchst
jetzt schon nach dem was du
an der Haustür sagen wirst

die Stille lastet
auf deiner Zunge
du hast die Wörter in der Schublade vergessen
in der du früher mein Foto aufbewahrt hast             und heute
die Schlaftabletten verwahrst

du gehst die Treppe hinauf und
verschwindest

langsam
langsam
langsam

Übersetzung: Odile Kennel

[é tão fácil amar lugares]

português | Alice Vieira

é tão fácil amar lugares
que não existem

recordar praças     e pontes    e travessas
onde nunca morremos por ninguém

quartos na penumbra de estores corridos
sobre a sonolência dos gatos em Agosto
onde nunca chegámos atrasados

o tampo de mármore de mesas de café
onde as nossas mãos não se esconderam
por alguém ter entrado antes de nós

é tão fácil lembrar nomes      e rostos   e destinos
e colocá-los em nossos ombros     e festejar com eles
as luminosas horas em que a vida
nos rodeava a cintura como um amante possessivo
e nós repetíamos o nome das cidades
onde nada disso tinha acontecido

é tão fácil assim
dizer adeus

sabendo que deus nem sequer assiste
à despedida

© Editorial Caminho
from: Dois Corpos Tombando na Água”
Editorial Caminho, 2007
Audio production: Câmara Municipal de Lisboa

[es ist so einfach Orte zu lieben]

alemão

es ist so einfach Orte zu lieben
die es nicht gibt

sich zu erinnern an Plätze       Brücken          Gassen
wo wir für niemanden starben

an halbdunkle Zimmer mit schläfrigen
Katzen hinter zugezogenen Gardinen im August
wo wir uns niemals verspäteten

an die Marmorplatte eines Cafétischs
unter der unsere Hände sich nicht versteckten
weil jemand vor uns schon da war

es ist so einfach sich an Namen zu erinnern  Gesichter       Schicksale
und sie zu schultern    mit ihnen zu feiern
die leuchtenden Stunden, in denen das Leben
unsere Taille umschlang wie ein besitzergreifender Liebhaber
und wir wiederholten die Namen der Städte
in denen all das nie geschehen war

es ist so einfach auf diese Art
adieu zu sagen

und zu wissen, dass Gott dem Abschied
nicht einmal beiwohnt

Übersetzung: Odile Kennel

Je t'accompagne à la mort d'un doute

francês | Elise Turcotte

Je t'accompagne à la mort
d'un doute
d'un animal de cirque
d'une tendre prophétie.
Je  t'accompagne sous la coupole
du mensonge
qui retrouve la vue.
Notre chambre s'éloigne
dans un vaste dépotoir de mots.
La guérison ne vient pas.
Je coupe en deux le pain
de ta douleur.
Je bénis la république vaincue
de l' amour.
Tout se dit en une nuit.
Vois la nuit.
Souviens-toi.

© Élise Turcotte
from: PIANO MÉLANCOLIQUE
Montréal: Éditions du Noroît, 2005
Audio production: UNEQ

Ich begleite dich beim Tod eines Zweifels

alemão

Ich begleite dich beim Tod
eines Zweifels
eines Zirkustiers
einer zärtlichen Wahrsagung.
Ich begleite dich unter der Kuppel
der Lüge
die wieder sehen kann.
Unser Zimmer entfernt sich
auf einer riesigen Müllhalde aus Wörtern.
Die Genesung bleibt aus.
Ich schneide das Brot
deines Schmerzes entzwei.
Ich segne die besiegte Republik
der Liebe.
Alles ist sagbar in einer Nacht.
Sieh die Nacht.
Erinnere dich.

Übersetzung aus dem kanadischen Französisch: Odile Kennel

Deux

francês | Elise Turcotte

Deux. Et puis le souffle manqué,
le piano blanc,
ta main flottant sur ma hanche.
Le désordre circule entre mes
organes vitaux.
Je ne sais pas qui respire.
Pas de sujet dans la longue traversée.
Tu ouvres ma cage thoracique.
Tu accomplis des opérations
secrètes.
Pas de regrets : la nuit aime
les astres filant. Et les images
qui trompent.
Tes phrases se déroulent
comme des vagues. Les miennes
sont courtes et attendent la fin.
Piano lent. Délivré.

© Élise Turcotte
from: PIANO MÉLANCOLIQUE
Montréal: Éditions du Noroît, 2005
Audio production: UNEQ

Zwei

alemão

Zwei. Und dann der verpasste Atem,
das weiße Klavier
deine Hand, die über meiner Hüfte schwebt.
Unordnung zirkuliert zwischen meinen
lebenswichtigen Organen.
Ich weiß nicht, wer atmet.
Keine Fragestellung auf der langen Überfahrt.
Du öffnest meinen Brustkorb.
Führst geheime
Operationen durch.
Keine Reue: Die Nacht liebt
erlöschende Gestirne. Liebt
Trugbilder.
Deine Sätze rollen
wie Wellen heran. Meine
sind kurz und warten aufs Ende.
Langsames Klavier. Befreit.

Übersetzung aus dem kanadischen Französisch: Odile Kennel

Chá vermelho-ferro

português | Ana Marques Gastão

Fosse teu corpo um bule, exuberante
e esguio, de rosto oculto e mãos
como hastes a vermelho-ferro,
e de tua boca se soltasse um vento
sem tecto que de fumo desenhasse
um jardim de úberes silvos,
tornar-me-ia eu num Tu em meu
nada de alto colo e formato fruto,
asa em ansa, moldada em chama
por ti ateada, ferina e triangular.

Fosse teu corpo porcelana brava
como o sinto, leve, branco-vidrado,
aplanado de ausência e composto
em passos de bico amarelo pálido
ou beringela, nele beberia o chá
de tampa inventada num ápice de
botão, minúsculos ambos, um esfriado
de cerâmica e espanto, o outro quente
de púrpura de Cassius – recomeçando os
dois a moldar o pomo em forma de crista.

© Dom Quixote
from: Adornos
Lisboa: Dom Quixote, 2011
Audio production: Casa Fernando Pessoa /RDP

Eisenoxidroter Tee

alemão

Wäre dein Körper eine Kanne, schlank
und elegant, Gesicht verborgen,
die Hände wie eisenoxidrote Stämme,
und aus deinem Mund löste sich
ein Wind ohne Dach, der aus Rauch
einen üppig zischenden Garten
zeichnete, ich würde Du werden
in meinem langhalsigen, fruchtförmigen
Nichts, handlich, im von dir geschürten
Feuer gebrannt, ungezähmt, dreieckig.

Wäre dein Körper robustes Porzellan,
wie er sich anfühlt für mich, leicht, weiß
glasiert, von Abwesenheit poliert, blassgelb
oder dunkelviolett gesprenkelt, ich tränke
aus ihm Tee, erfände einen Deckel wie
die Spitze einer Knospe, wir beide
winzig, der eine abgekühlt aus Keramik
und Staunen, der andere heiß
vom Goldpurpur – und wir würden erneut
den Apfel erschaffen in Form einer Krone.

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Odile Kennel

Play

português | Margarida Ferra

Não há na minha lista nenhum nome incompleto,
nenhum pacto sobrevivente,
nenhuma resposta extraviada.

Não há na minha lista manhãs suspensas,
discos em escudos, cobertos ainda pela embalagem.
Não guardo qualquer registo de encomendas adiadas,
pedidos de cliente,
sobras em caixas de plástico,
desejos pendentes de ano novo.

Não há na minha lista tampas
que cheguem para todas as memórias,
nem meia dúzia de colheres com que possa remexer o que ficou.
Não há na minha lista isqueiros normais.
Não me lembro de números de telefone antigos,
qualquer palavra desnecessária,
fotografias com mais de quinze anos.
Na minha vida sempre tive dois filhos.

Nasci com dois seres inteiros –
uma menina e um menino –
dentro de mim,
toda a minha lista acabou de se fazer há dez segundos

És tu, eu, nas polaroids que nunca disparámos da ravina
(este verso que podia ser escrito por ti),
as tampas das caixas de plástico,
talvez os teus livros,
os casacos,
e uma frase com a palavra xadrez
no lugar de um complemento.

© Margarida Ferra
from: Curso Intensivo De Jardinagem
Lisboa: Ed. &etc., 2010
Audio production: Câmara Municipal de Lisboa, 2012

Play

alemão

Es gibt auf meiner Liste keinen unvollständigen Namen,
keinen überlebenden Pakt,
keine fehlgeleitete Antwort.

Es gibt auf meiner Liste keinen Morgen in der Schwebe,
keine Platten in Escudos, noch verpackt.
Unbearbeitete Bestellungen habe ich nirgendwo verzeichnet,
auch keine Kundenanfragen,
Reste in Plastikschachteln
oder ausstehende Neujahrswünsche.

Es gibt auf meiner Liste keine passenden
Schubladen für alle Erinnerungen,
kein halbes Duzend Löffel, um umzurühren, was bleibt.
Es gibt auf meiner Liste keine gewöhnlichen Feuerzeuge.
Ich erinnere mich nicht an alte Telefonnummern,
an unnötige Wörter,
an Fotos, die älter als fünfzehn Jahre sind.
Ich hatte mein Leben lang zwei Kinder.

Ich wurde mit zwei vollkommenen Wesen geboren –
ein Mädchen und ein Junge –
in meinem Inneren,
und meine ganze Liste ist erst vor zehn Sekunden entstanden.

Das bist du, bin ich, auf den Polaroids, die wir nie von der Schlucht aufnahmen
(diese Zeile hättest auch du schreiben können)
die Deckel der Schachteln aus Plastik,
vielleicht deine Bücher,
die Jacken,
und ein Satz mit dem Wort Schach
anstelle einer Ergänzung.

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Odile Kennel

Areeiro

português | Margarida Ferra

O sinal vermelho, o carro
travado. À esquerda, a bomba de gasolina;
à direita, a gaiola equívoca.
Duram um minuto e meio,
a minha espera
e os contos que me visitam,
rápidos monogramas em ponto cruz
dessa louca sem nome.

Morou ali no tempo
em que a cidade acabava antes.
Gritava no corredor
que era um pássaro, nascia de manhã
com asas, as penas caíam-lhe à mesa.
Ao fim do dia, abria-se a porta
da varanda. Arrancou
e comeu todas as petúnias brancas.
Depois, o bordado caído
e os olhos atirados para o céu,
por onde hão-de passar estes aviões
agora. Presos: o tecido no bastidor e o ar no peito
(ao contrário daquele que ainda circula
– a única coisa que as grades não podem segurar).

© Margarida Ferra
from: Curso Intensivo De Jardinagem
Lisboa: Ed. &etc., 2010
Audio production: Câmara Municipal de Lisboa, 2012

Areeiro

alemão

Die Ampel rot, das Auto
verriegelt. Links die Zapfsäule;
rechts der zweifelhafte Käfig.
Genau anderthalb Minuten
dauert mein Warten, dauern
die Geschichten, die hochkommen,
flüchtige Monogramme als Kreuzstich
dieser namenlosen Verrückten.

Sie lebte hier in der Zeit
als die Stadt weniger ausgedehnt war.
Sie schrie auf dem Flur
dass sie ein Vogel sei, sie erwachte morgens
mit Flügeln, die Beine fielen am Tisch von ihr ab.
Am Ende des Tages öffnete sich die Tür
zum Balkon. Sie riss alle weißen
Petunien ab und verspeiste sie.
Dann die heruntergefallene Stickerei,
die Augen zum Himmel gerichtet,
wo heute vermutlich Flugzeuge
vorbeiziehn. Gefangen: der Stoff im Stickrahmen und die Luft in der Brust
(im Gegensatz zu dem, was noch immer behauptet wird –
das einzige, was Gitter nicht halten können)

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Odile Kennel

A CIDADE LÍQUIDA

português | Filipa Leal

A cidade movia-se como um barco. Não. Talvez o chão se abrisse em algum
lado. Não. Era a tontura. A despedida. Não. A cidade talvez fosse de água.
Como sobreviver a uma cidade líquida?
(Eu tentava sustentar-me como um barco.)
As aves molhavam-se contra as torres. Tudo evaporava: os sinos, os relógios,
os gatos, o solo. Apodreciam os cabelos, o olhar. Havia peixes imóveis na
soleira das portas. Sólidos mastros que seguravam as paredes das coisas. Os
marinheiros invadiam as tabernas. Riam alto do alto dos navios. Rompiam a
entrada dos lugares. As pessoas pescavam dentro de casa. Dormiam em
plataformas finíssimas, como jangadas. A náusea e o frio arroxeavam-lhes os
lábios. Não viam. Amavam depressa ao entardecer. Era o medo da morte. A
cidade parecia de cristal. Movia-se com as marés. Era um espelho de outras
cidades costeiras. Quando se aproximava, inundava os edifícios, as ruas.
Acrescentava-se ao mundo. Naufragava-o. Os habitantes que a viam
aproximar-se ficavam perplexos a olhá-la, a olhar-se. Morriam de vaidade e
de falta de ar. Os que eram arrastados agarravam-se ao que restava do interior
das casas. Sentiam-se culpados. Temiam o castigo. Tantas vezes desejaram
soltar as cordas da cidade. Agora partiam com ela dentro de uma cidade
líquida.
(Eu ficara exactamente no lugar de onde saiu.)

© Deriva Editoras
from: A Cidade Líquida e Outras Texturas
Porto: Deriva Editoras, 2006
Audio production: Câmara Municipal de Lisboa

Die flüssige Stadt

alemão

Die Stadt schwankte wie ein Schiff. Nein. Vielleicht brach irgendwo der Boden. Nein. Es war Schwindelgefühl. Abschied. Nein. Die Stadt war vielleicht aus Wasser. Wie überlebt man eine flüssige Stadt?
(Ich versuchte, mich zu halten wie ein Schiff)
Die Vögel wurden an den Türmen nass. Alles verdampfte: Glocken, Uhren, Katzen, der Grund. Haare verfaulten, und Blicke. An den Türschwellen reglose Fische. Stämmige Masten stützten die Wände der Dinge. Seeleute überfluteten Spelunken. Sie lachten laut auf dort oben auf ihren Schiffen. Keine Tür hielt ihnen stand. Die Leute fischten bei sich in den Häusern. Sie schliefen auf hauchdünnen Hölzern wie auf Flößen. Bekamen blaue Lippen vor Übelkeit und Kälte. Sie konnten nichts sehen. Liebten sich eilig am Abend. Aus Angst vor dem Tod. Die Stadt schien aus Kristall. Bewegte sich mit den Gezeiten. In ihr das Spiegelbild der anderen Küstenstädte. Wenn sie heranrollte, überflutete sie Gebäude, Straßen. Sie fügte sich der Welt hinzu. Versenkte sie. Ihre Bewohner starrten sie entgeistert an, starrten sich an. Sie starben an Eitelkeit und aus Mangel an Luft. Wer mitgerissen wurde, klammerte sich an das, was vom Innern der Häuser noch blieb. Fühlte sich schuldig. Fürchtete Strafe. Wie oft hätte man am liebsten die Seile der Stadt gekappt. Nun wurden sie fortgetragen von ihr, im Inneren einer flüssigen Stadt.
(Ich war genau dort geblieben, wo sie erschienen war) 

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Odile Kennel

The shadow

inglês | Anna Crowe

in memory of my sister, Rosy (2.11.1946-21.2.2004)

Since your death,
I’ve taken to visiting this room.
I like its emptiness, its modest triumphs,
the way sun pours through gauzy curtains
to lay a block of light on the bare floor.
Matter-of-fact. Unheroic. A stillness
big enough to hold a room we shared
as girls, on holiday at Talloires,
releasing a scent of beeswax,
a shimmer of lakewater,
and mountains looming like the future.

The muslin curtains billow
in sprigged folds like a nightdress,
and I picture you, who always dressed with care,
pausing to smooth your skirt
in front of the tall pier-glass.
Like death, it renders everything clear
within its narrow compass—
the striped sofa, the engraving whose gilt frame
catches the light like a strand of hair.
And these two chairs that turn their backs on each other
have ceased a lifetime’s conversation.
The sun highlights their uselessness
while touching a curved back
to warmth and colour.

Better to focus on that rough patch
the sun picks out on the opposite wall.
Is it a shadow, banal as death itself,
cast by the world outside on the balcony,
or did the decorator simply abandon his task?
I stare at it and take courage from that baldness,
from blemished plaster with a crack at its centre
like the confluence of two rivers; from this faithful
portrayal of things as they really are.

© Anna Crowe
from: Punk with Dulcimer
Peterloo, 2006
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2014

Der Schatten

alemão

in Erinnerung an meine Schwester Rosy (2.11.1946-21.2.2004)

Seit du gestorben bist
komme ich oft in dieses Zimmer.
Ich mag seine Leere, seine bescheidenen Triumphe,
und wie die Sonne durch dünne Vorhänge scheint,
ein Stück Licht auf bloßen Boden legt.
Alles sachlich. Ohne Pathos. Die Stille
groß genug, um das Zimmer zu enthalten, das wir
als Mädchen teilten, in den Ferien in Talloires,
ein Duft nach Bienenwachs steigt auf,
ein Bild von schimmerndem Seewasser,
Berge türmten sich auf wie die Zukunft.

Die Vorhänge aus Musselin blähen sich
in geblümten Falten wie ein Nachthemd,
und ich sehe dich, immer mit Sorgfalt gekleidet,
wie du innehältst, den Rock glättest
vor dem hohen Spiegel.
In seinem schmalen Rahmen
erscheint alles doppelt so klar –
das gestreifte Sofa, der Stich, dessen goldene Umrandung
das Licht wie eine Haarsträhne einfängt.
Und die zwei Stühle, die einander den Rücken kehren,
haben ihr lebenslanges Gespräch eingestellt.
Die Sonne unterstreicht ihre Nutzlosigkeit,
streift die Rundung einer Lehne
mit Wärme und Farbe.

Besser ich halte mich an den rauen Fleck,
den die Sonne an der gegenüberliegenden Wand zeichnet.
Ein Schatten, der sich ereignet wie Tod,
Teil der Welt draußen auf dem Balkon,
oder hat der Maler einfach nur sein Werk nicht beendet?
Ich starre darauf und finde Trost in der Kargheit,
dem brüchigen Putz, in seinem Zentrum ein Riss
wie zwei Flüsse, die ineinander fließen; in der getreuen
Darstellung der Dinge, wie sie wirklich sind.

 

Aus dem Englischen übersetzt von Odile Kennel

Gollop’s

inglês | Anna Crowe

Gollop was our grandmother’s butcher.
Saying his name out loud, you swallowed
a lump of gristle whole. Even the thought
of going to Gollop’s made us gulp,
made my little green-eyed sister’s eyes
grow rounder, greener. Swags of rabbits
dangled at the door in furry curtains;
their eyes milky, blood congealed
around their mouths like blackcurrant-jelly.
You’d to run a gauntlet of paws.

Inside, that smell of blood and sawdust
still in my nostrils. Noises. The thump
as a cleaver fell; flinchings, aftershocks
as sinews parted, bone splintered.
The wet rasp of a saw. My eyes
were level with the chopping bench.
Its yellow wood dipped in the middle
like the bed I shared with Rosy.
Sometimes a trapdoor in the floor
was folded back. Through clouds of frost
our eyes made out wooden steps, then
huge shapes shawled in ice— the cold-store.

Into which the butcher fell,
once, bloody apron and all.
When my grandparents went to see
Don Juan, and told us how it ended
Like Mr Gollop! I whispered.
Mr Gollop only broke his leg, but
            Crash! Bang! Wallop!
            Went Mr Gollop!
we chanted from our sagging bed,
giggles celebrating his downfall,
cancelling his nasty shop.
As the Co-op did a few years later
when it opened on the High Street.
Giving him the chop.

© Anna Crowe
from: unpublished
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2014

Gollop

alemão

Gollop hieß der Metzger unserer Großmutter.
Seinen Namen auszusprechen war wie an einem
Stück Knorpel zu würgen. Beim bloßen Gedanken,
zu Gollop zu gehen, mussten wir schlucken,
wurden die grünen Augen meiner kleinen Schwester
größer, grüner. Hasenbündel
baumelten an der Tür, ein Vorhang aus Fell;
milchige Augen, geronnenes
Blut ums Maul wie Beerengelee.
Ein Spießrutenlauf durch Samtpfoten.

Drin der Geruch nach Blut und Sägespäne,
bis heute kann ich ihn riechen. Die Geräusche. Schlag,
wenn das Hackbeil fällt; Zurückzucken, Nachbeben
der zerschnittenen Sehnen, splitternden Knochen.
Das nasse Sägeblatt. Meine Augen
auf Höhe des Schneidebretts.
Sein gelbes Holz mittig vertieft
wie das Bett, das ich mit Rosy teilte.
Manchmal eine Falltür im Boden
hochgeklappt. Durch Kältewolken
konnten wir Holzstufen ausmachen, dann riesige
Formen in Eis eingewickelt – das Kühlhaus.

In welches der Metzger fiel,
mitsamt seiner blutigen Schürze und allem.
Als meine Großeltern Don Juan
sahen und uns sein Ende erzählten
flüsterte ich Wie Mister Gollop!
Mister Gollop brach sich zwar nur ein Bein, doch
                        Krach! Bumm! Plopp!
                        Das war Mister Gollop!
sangen wir auf unserem durchgelegenen Bett,
begangen kichernd seinen Fall,
der seinen grässlichen Laden fällte.
Wie der Supermarkt, Jahre später,
der in der Hauptstraße eröffnete.
Der versetzte ihm den letzten Schlag.

Aus dem Englischen übersetzt von Odile Kennel

Sari

inglês | Anna Crowe

for Christopher and Daphne

Four thousand miles from Scotland, we’re at home
among the rainy mountains, the fields of leeks
and cabbages, the hills that promise tea.
The train clattered and drummed like the Kandyan
dancers at your wedding, blowing its horn
like the conch that brings the bride to the Poruwa.

Those cakes of milky rice you fed each other
swelled and sweetened into days you shared
with us. And now you’re hammering at our door
in the Ella Grand Motel to tell us that dawn
is the time to see the most amazing view
in the world. Christopher’s waking us up again!

your father groans—the way you’d prise open
our eyelids, sharing your every moment, or just
a wee boy scared to go for a pee in the dark.
But all your life you’ve been opening our eyes,
and now you’ve tiptoed away from your sleeping wife
to coax us over the dew to the edge, to show us

Ella’s famous Gap: the light is grey
up here in the grassy gods, the wings dark,
but from six thousand feet we can look through
as the play begins, and day unfolds itself
like the sari a man must wrap around his bride.
A sea of rose-gold pearl whose wave-crests

are mountains as far as the horizon; peaks
appearing, sharpening as the bowl fills up
with milk. A hundred miles away, a lake
opens its eye, and though our hanging valley’s
dark, the sky is slowly whitening;
a bird tries out its xylophone of notes,

rippling up the octave towards the moment
when a tree in the wings will suddenly glitter,
and colour flood the hill and wash us home
on a tide of waterfalls and spice and sweat
to Colombo, London, Fife; into the world
and all that patterned life we can’t yet see.

© Anna Crowe
from: Punk with Dulcimer
Peterloo, 2006
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2014

Sari

alemão

für Christopher und Daphne


Viertausend Meilen von Schottland entfernt fühlen wir uns
zuhause zwischen verregneten Bergen, Feldern
mit Porree und Kohl, Hängen, die Tee versprechen.
Der Zug klopft und trommelt wie die Kandy-
Tänzer bei eurer Hochzeit, sein Horn tönt
wie das Muschelhorn, das die Braut zum Poruwa ruft.

Der Kuchen aus milchigem Reis, mit dem ihr euch füttert
geht auf und süßt die Tage, die ihr mit uns teilt. Und nun
hämmerst du an unsere Tür im Grand Ella Motel,
um uns zu sagen, dass sich bei Dämmerung
der unglaublichste Blick der Welt
auftut. Christopher weckt uns mal wieder!

stöhnt dein Vater – die Art, wie du unsere Augenlider
anhobst, um uns etwas Wichtiges mitzuteilen, oder einfach
ein winziger Kerl, der Angst hatte, im Dunkeln pinkeln zu gehen.
Dein ganzes Leben schon hast du uns die Augen geöffnet,
und jetzt hast du dich leise von deiner schlafenden Frau entfernt,
um uns über den Tau an den Rand des Tals zu locken und uns Ellas

berühmtes Gap zu zeigen: Das Licht ist grau hier oben
auf unserer grasigen Galerie, die Kulissen noch dunkel,
aber von sechstausend Fuß Höhe aus erhaschen wir
einen Blick darauf, als das Stück beginnt und der Tag sich entfaltet
wie der Sari, den ein Bräutigam um seine Braut wickelt.
Rosa-goldenes Perlmuttmeer, die Wellenkämme

bis zum Horizont sind Berge; Gipfel tauchen auf,
ihre Umrisse immer deutlicher, während die Schüssel
sich mit Milch füllt. Hundert Meilen entfernt öffnet
ein See die Augen, unser hängendes Tal
immer noch dunkel, der Himmel schon heller;
ein Vogel probiert sein Xylophon aus Tönen aus,

plätschert eine Oktave hoch zu dem Moment,
in dem ein Baum in den Kulissen plötzlich glitzert
und Farbe die Hänge überschwemmt, uns heimwärts
spült mit einer Flut aus Wasserfällen, Gewürzen, Süße,
nach Colombo, London, Fife: in die Welt und das bunt
gemusterte Leben, das wir noch nicht sehen.

Deutsche Fassung von Odile Kennel.
Die Übersetzung entstand während des Übersetzungsworkshops VERSschmuggel im Rahmen des poesiefestival berlin 2014.

Mended fence, Barra

inglês | Anna Crowe

Let no smalnesse retard thee; if thou beest not a Cedar to help towards a palace, if thou beest not Amber, Bezoar nor liquid gold, to restore princes; yet thou art a shrub to shelter a lambe, or to feed a bird; or a plantane to ease a child’s smart, or a grasse to cure a sick dog.
                       John Donne, Essays in Divinity


Darned like the heel of a sock, like boot-hose,
with baler’s twine instead of worsted, with rope
and string and twists of wire, the mended fence
reveals itself as a kind of random knitting.
Purely utilitarian, this link-work
has a beauty that’s all pro tem, ad hoc,
with textures suggestive of the wider picture,
differences: a study in tensions where
the braced immutability of the post,
split and splintered, poker-worked
by shadows of staple-ring and hook,
is relished no less than the angled span
of iron rails as flat as swords, pocked
and grizzled, and buttoned by rivets: and if a line
of galvanised steel opens its arms
like a horizon after rain, or if it receives
the downward skewering twist of wire
that feathers the light like a gannet,
it’s accidental; and there is still room
for twine and string, each with its proper weight
and implicated strength, to be roped-in.
Nylon twine radiates sun, fraying,
and ends of string are wanton tassels of frizz,
but this small net of knots and hitches, reefs
and grannies, deters the straying lamb and plays
cat’s cradle with the wind as it lingers or passes,
muttering (to a droned continuo
of shepherd’s thyme and turf and gorse, sheep’s dung,
sea-weed, diesel) snatches of things like

                          if thou beest not a Cedar
                                       and
no man is an island
                                   and
                                          make do and mend.

© Anna Crowe
from: Punk with Dulcimer
Peterloo, 2006
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2014

Geflickter Zaun auf Barra

alemão

Lass dich von Größe nicht beeindrucken; Du musst keine Zeder sein, die den Palast ermöglicht, kein Bernstein, Bezoarstein oder flüssiges Gold, um Prinzen zu heilen; Du kannst ein Busch sein zur Herberge für das Lamm und Festmahl für den Vogel, oder ein Wegerich, der den Schmerz des Kindes lindert, oder auch Gras, das den kranken Hund heilt.
                 John Donne, Essays in Divinity
 

Wie eine Strumpfferse gestopft, oder Fischersocken,
mit Bindegarn statt Kammgarn, mit Strippe,
Strick, verdrehtem Draht, ist der geflickte
Zaun eine Art Zufallshäkeln. Purer
Nutzen, Flechtwerk, und seine Schönheit
ganz ad hoc, pro tem, Texturen die aufs
Gesamtbild deuten, auf Kontrast: eine Studie
über Spannung, in der die störrische Konstanz
des Pfostens, der zerspalten und zersplittert ist,
gebrandmalt vom Schatten der Krampen
und Haken, nicht weniger Gefallen findet,
als die langgestreckten, sich kreuzenden
Stangen, flach wie Schwerter, narbig,
gesprenkelt und nietengeknöpft: Wenn eine Linie
aus verzinktem Stahl ihre Arme ausbreitet
wie ein Horizont nach dem Regen, oder wenn sie
die Abwärtsdrehung des Drahts annimmt,
die das Licht auffächert wie ein Basstölpel
im Sturzflug, dann nur aus Zufall; und es gibt
immer Gelegenheit für Garn und Faser,
durchs eigene Gewicht und gehaspelte
Kraft verwickelt zu werden. Nylonschnur
strahlt Sonne aus, franst, und Faden-
enden sind flausige zerzauste Quasten,
aber dieses kleine Netz aus Knoten und Schlägen,
aus Schotstek und Reffstich schreckt streunende
Lämmer und spielt das Fadenspiel mit dem Wind,
der still hält oder davontreibt und raunt
(zu einem dröhnenden Continuo aus Quendel
Torf und Ginster, Schafsdung, Diesel, Tang)
Fetzen von etwas wie

                      if thou beest not a Cedar
                                     oder
no man is an island
                                 oder
                                     aus alt mach neu.

Deutsche Fassung von Odile Kennel.
Die Übersetzung entstand während des Übersetzungsworkshops VERSschmuggel im Rahmen des poesiefestival berlin 2014.

A Shepherd's Voice

inglês | Anna Crowe

The river the clay was dug from
has vanished, so we must imagine

ducks squabbling
among the rushes, the flight

of cranes at sunset, night
erupting with bull-frog cries.

What's scratched into the clay
is a voice, a shepherd's, who declares

Here are 10 goats
Here are 10 sheep

His dry receipts remain
to tell us that barren desert

was pasture, watered, green;
and though his flocks have shrunk

to two baked bits of clay,
what's scratched there is

the shepherd's voice, calling
his beasts into our field of vision –

some lop-eared with rough brown coats,
others whose big horns coil like rope:

Here are 10 goats
Here are 10 sheep

coming to drink, bells clunking, sending up
bird-cries; the reeds confer, the water laps.

© Anna Crowe
from: VERSschmuggel reVERSible, Poesie aus Schottland und Deutschland
Heidelberg: Verlag Das Wunderhorn, 2014
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2014

Stimme eines Schäfers

alemão

Der Fluss, aus dem der Ton gewonnen wurde,
ist verschwunden, wir müssen uns also

vorstellen: kabbelnde Enten im Schilf,
den Flug der Kraniche abends, die Nacht

die mit dem Krawall
der Frösche hervorbricht.

In den Ton gekratzt eine Stimme
die Stimme eines Schäfers, der erklärt:

– Das hier sind 10 Ziegen
– Das hier sind 10 Schafe

Einfache Quittungen, aber sie überdauern,
erinnern uns daran, dass Wüste

Weide war, bewässert, grün.
Die Herden sind geschrumpft

zu zwei Stück gebranntem Ton
doch in den Ton gekratzt

die Stimme des Schäfers, sie ruft
seine Tiere uns ins Bewusstsein –

Hängeohren, raues, braunes Fell
Hörner, eingedreht wie Seile:

– Das hier sind 10 Ziegen
– Das hier sind 10 Schafe

Sie kommen zur Tränke mit klimpernden Glocken, lassen
Vogelrufe auffliegen. Schilf wispert, Wasser schwappt.

Deutsche Fassung von Odile Kennel.
Die Übersetzung entstand während des Übersetzungsworkshops VERSschmuggel im Rahmen des poesiefestival berlin 2014.

A Calendar of Hares

inglês | Anna Crowe

for Valerie Gillies
 

1. At the raw end of winter
the mountain is half snow, half
dun grass. Only when snow
moves does it become a hare.

2. If you can catch a hare
and look into its eye,
you will see the whole world.

3. That day in March
watching two hares boxing
at the field’s edge, she felt
the child quicken.

4. It is certain Midas never saw a hare
or he would not have lusted after gold.

5. When the buzzard wheels
like a slow kite overhead
the hare pays out the string.

6. The man who tells you
he has thought of everything
has forgotten the hare.

7. The hare’s form, warm yet empty.
Stumbling upon it, he felt his heart
lurch and race beneath his ribs.

8. Beset by fears, she became
the hare who hears
the mowers’ voices growing louder.

9. Light as the moon’s path over the sea,
the run of the hare over the land.

10. The birchwood a dapple
of fallen gold: a carved hare
lies in a Pictish hoard.

11. Waking to the cry of a hare
she ran and found the child sleeping.

12. November stiffens
into December: hare and grass
have grown a thick coat of frost.

© Anna Crowe
from: Punk with Dulcimer
Peterloo, 2006
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2014

Hasenkalender

alemão




1. Am nasskalten Ende des Winters
ist der Berg halb Schnee, halb
blasses Gras. Nur wenn der Schnee
sich bewegt wird er zum Hasen.

2. Schaffst du es, einen Hasen zu fangen
und ihm in die Augen zu schauen
siehst du die ganze Welt.

3. An dem Tag im März
als sie zwei Hasen am Feldrand
beim Boxen sah
strampelte das Kind zum ersten Mal in ihr.

4. Sicher ist, Midas hat nie einen Hasen gesehen
sonst hätte ihn Gold nicht geblendet.

5. Wenn weit oben der Bussard kreist
wie ein langsamer Drachen
lässt der Hase Schnur nach.

6. Behauptet jemand, er habe
an alles gedacht
hat er den Hasen vergessen.

7. Das Hasennest, warm aber leer.
Als er darüber stolperte, stockte
sein Herz unter den Rippen, raste.

8. Von Ängsten umzingelt, wurde sie
zum Hasen, der das Zischeln
der Sensen näher kommen hört.

9. Leicht wie der Mondstrahl über dem Wasser:
der Lauf eines Hasen übers Land

10. Der Birkenwald ein Flackern
aus Blattgold: bewegungslos
ein Hase, Statue aus einem piktischen Schatz.

11. Sie erwachte vom Schrei eines Hasen
stürzte zu ihrem Kind, es schlief.

12. November erstarrt
im Dezember: Hase und Gras
tragen einen Mantel aus Frost.

Deutsche Fassung von Odile Kennel.
Die Übersetzung entstand während des Übersetzungsworkshops VERSschmuggel im Rahmen des poesiefestival berlin 2014.

Soixante-six ans à Tokyo

francês | Jacques Darras

J'ai soixante-six ans
Je suis dans un avion
Je rentre de Tokyo
J'ai soixante-six ans soixante-six fois un an
Je compte jusqu'à soixante-six
Cela prend tout au plus une minute
Six secondes
Je pourrais tout aussi bien prendre mon pouls
Me tenir le poignet droit avec la main gauche
Le pouce l'index
Soixante-six pulsations par minute
Plutôt bien pour un homme de soixante-six ans
Les chiffres
Qu'avons-nous à faire des chiffres ?
La parole chiffrée s'appelle un poème
J'ai soixante-six ans
J'imagine le steward m'apporter un gâteau
Soixante-six bougies
Panne d'électricité
Chœur des passagers Japonais
Reprenant en anglais
Happy birthday to you !
Happy birthday to you !
J'ai soixante-six ans je ne dis rien à personne
Je ne dis rien à moi-même
Je ne dis rien à rien
Je ne me représente pas naissant
II y a soixante-six ans
Je ne suis pas ma mère
Je ne suis pas la sage-femme
Onze décembre 1939 à seize heures
On attend quelqu'un
Quelqu'un va entrer dans le monde
A-t-il bien choisi son heure ?
Ne pourrait-il pas différer son entrée ?
Ne devrait-il pas attendre quatre ou cinq ans ?
11 décembre 2005
Soixante-six ans plus tard
L'avion vole au-dessus de la Sibérie
Quelque part entre Khabarov
Et Arkhangelsk
Quelque part entre Michel Strogoff
Et Blaise Cendrars
Quelque part entre Tchékov
Et Soljénitsyne
J'ai soixante-six ans je rentre de Tokyo
Je rentre de Corée
Je rentre de Russie
Je rentre de Finlande
Je suis dans le ventre d'un avion
Je suis bien au chaud dans le ventre d'un avion
Siège 35 J
Je suis assis près de l'issue de secours « Exit »
Je déplie mes soixante-six ans jambes tendues devant moi
Je lis les premières pages du Voyage au bout de la Nuit de Céline
Céline m'ennuie
Céline le geignard
Céline qui n'en finit pas de revenir de la guerre
De la nuit
De nulle part
Je laisse tomber Céline
J'aime le présent
J'aime les journaux
J'aime la littérature chiffrée la poésie
J'aime le chiffre soixante-six
J'aime que le six soit assis à côté du six
J'aime être douze à moi tout seul
Je suis l'alexandrin de moi-même
Je suis mon apostolat douze fois
Le grand oiseau rugisseur m'emporte sur ses ailes
Je suis avec d'autres dans le ventre métallique de la vérité
Nous ne sommes pas nés
Nous survolons la Sibérie il ne fait pas froid
Nous dormons au présent
Nous rêvons au présent
Le présent est une bête aviaire avec des moteurs qui rugissent
Roaring now
Le présent se raconte sa propre fable
J'ai soixante-six ans plus dix mille kilomètres de neige
Nous pourrions fondre tous d'un coup dans l'espace
Nous deviendrions flocons
Nous neigerions sur la Sibérie par moins soixante-six degrés
J'aurais soixante-six ans par moins soixante-six
Calculez !
Trouvez-vous la solution ?
J'ai soixante-six ans je ne me considère pas comme un problème
Je me résouds à avoir soixante-six ans
Je suis comme la neige
Je suis essentiellement soluble
Je sais qu'un jour je me résoudrai totalement
J'aurai quatre vingt-huit ans
J'aurai quatre vingt dix-neuf ans
J'aurai cent onze ans
J'aurai trois cent trente-trois ans
Je rendrai tous les chiffres que j'ai empruntés
Je n'aurai rien
D'ailleurs je n'ai jamais rien eu

© Jacques Darras
from: Irruption de la Manche
Bruxelles: Le Cri Edition, 2011
ISBN: 2871065853
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2014

Rückkehr aus Tokio

alemão

Ich werde sechsundsechzig
Ich sitze im Flugzeug
Ich komme aus Tokio zurück
Ich werde sechsundsechzig sechsundsechzig Mal ein Jahr
Ich zähle bis sechsundsechzig
Das dauert höchstens eine Minute
Sechs Sekunden
Ich konnte genauso gut meinen Puls messen
Das rechte Handgelenk halten mit der Linken
Dem Daumen dem Zeigefinger
Sechsundsechzig Schläge pro Minute
Nicht schlecht für einen Mann von sechsundsechzig
Alles Ziffern
Was kümmern uns Ziffern?
Zu entziffernde Worte nennt man ein Gedicht
Ich werde sechsundsechzig
Ich stelle mir vor wie der Flugbegleiter mir einen Kuchen bringt
Sechsundsechzig Kerzen
Stromausfall
Chor der japanischen Passagiere
Auf Englisch
Happy birthday to you!
Happy birthday to you!
Ich werde sechsundsechzig und teile es mit niemandem
Ich teile es nicht mit mir
Ich teile es mit nichts
Ich stelle mir nicht meine Geburt vor
Vor sechsundsechzig Jahren
Ich bin nicht meine Mutter
Ich bin nicht die Hebamme
Elfter Dezember 1939 um sechzehn Uhr
Jemand wird erwartet
Jemand kommt auf diese Welt
12
Hat er die Stunde seiner Ankunft gut gewählt?
Könnte er seine Ankunft nicht verschieben?
Sollte er nicht vier oder fünf Jahre warten?
11. Dezember 2005
Sechsundsechzig Jahre später
Das Flugzeug fliegt über Sibirien hinweg
Irgendwo zwischen Chabarowsk
Und Archangelsk
Irgendwo zwischen Michael Strogoff
Und Blaise Cendrars
Irgendwo zwischen Tschechow
Und Solschenizyn
Ich werde sechsundsechzig und komme aus Tokio zurück
Ich komme aus Korea zurück
Ich komme aus Russland zurück
Ich komme aus Finnland zurück
Ich sitze im Bauch eines Flugzeugs
Ich sitze gemütlich im warmen Bauch eines Flugzeugs
Platz 35 J
Ich sitze neben dem Notausgang ,,Exit"
Ich entfalte meine sechsundsechzig Jahre mit ausgestreckten
           Beinen
Ich lese die ersten Seiten von Célines Reise ans Ende der Nacht
Céline langweilt mich
Céline der Heulpeter
Céline der ewig aus dem Krieg zurückkehrt
aus der Nacht
aus Nirgendwo
Ich lasse Céline fallen
Ich liebe die Gegenwart
Ich liebe Zeitungen
Ich liebe die zu entziffernde Literatur der Poesie
Ich liebe die Ziffer sechsundsechzig
Ich liebe es dass die Sechs neben der Sechs sitzt
Ich liebe es ganz allein Zwölf zu ergeben
13
Ich bin der Alexandriner meiner selbst
Ich bin mein zwölffaches Apostolat
Der große tosende Vogel nimmt mich auf seinen Flügeln mit
Ich sitze mit anderen zusammen im metallischen Bauch
           der Wahrheit
Wir sind noch nicht geboren
Wir fliegen über Sibirien es ist nicht kalt
Wir schlafen in der Gegenwart
Wir träumen von der Gegenwart
Die Gegenwart ist ein fliegendes Tier mit tosenden Motoren
Roaring sixties
Die Gegenwart erzählt sich ihre eigene Fabel
Ich werde sechsundsechzig zuzüglich zehntausend
           Schneekilometer
Wir könnten plötzlich alle schmelzen im Weltraum
Wir würden zu Flocken
Wir würden über Sibirien schneien bei minus
           sechsundsechzig Grad
Ich wäre sechsundsechzig bei minus sechsundsechzig
Rechnen Sie!
Finden Sie die Lösung?
Ich bin sechsundsechzig und halte mich nicht für ein Problem
Ich gehe auf in meinen sechsundsechzig Jahren
Ich bin wie Schnee
Ich bin meinem Wesen nach löslich
Ich weiß dass ich mich eines Tages völlig auflösen werde
Ich werde achtundachtzig sein
Ich werde neunundneunzig sein
Ich werde hundertelf sein
Ich werde dreihundertdreiunddreißig sein
Ich werde alle entliehenen Ziffern zurückgeben
Ich werde nichts mehr sein
Und im Übrigen bin ich noch nie etwas gewesen

Aus dem Französischen übersetzt von Odile Kennel
Erschienen in: Transkrit n°5 Feb. 2013 S. 119/165

Chimay

francês | Jacques Darras

Qu'est-ce qui nous fait tellement aimer une frontière ?
Pourquoi ce tremblement au moment de la traverser ?
Comme lorsque vient le moment de conclure l'acte amoureux.
Comme lorsqu'on refoule l'air au fond de la poitrine pour laisser
             venir à soi l'émotion des deux corps.
Comme lorsqu'on s'éloigne courtoisement pour permettre aux :
             chairs de débattre.
De marquer leur territoire animal.
Comme s'il y avait terreur dans territoire.
Comme s'il y avait terreur dans le mot terre.
Arrive le moment de l'entre-deux.
Curieusement s'opèrent tout ensemble trêve combat.
Curieusement alors les deux amants cessent chacun de
             s'appartenir.
Chacun l'un à l'autre révélés.
Il y a quelque chose de semblable dans le passage d'une
             frontière.
L'histoire de la terre est histoire d'amour.
L'histoire de l'amour que la terre a pour elle-même.
Qu'on nomme géographie.
L'histoire de tout amour véritable est histoire de crainte en effet.
Tout amour véritable est crainte de l'amour.
Tremblement de crainte que l'amour éprouve au moment décisif.
Au moment d'abandonner la terre de son propre corps.
Au moment de la plus grande maîtrise du plus grand abandon.
Nous n'avons d'autre crainte en vérité que celle de l'amour.
Que de savoir où passe la frontière de l'amour.
Où passent les lignes amoureuses entre femmes hommes.
Que de savoir où les lignes entre pays doivent être tracées.
Notre histoire notre incapacité à nous maintenir dans l'entre-deux.
Notre histoire une histoire d'amour incertaine.
Nous craignons depuis toujours de ne pas être à la latitude de
             l'amour.

© Jacques Darras
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2014

Chimay

alemão

Wie kommt es dass wir Grenzen so sehr lieben?
Warum dieses Beben wenn wir sie überschreiten?
Wie im Moment in dem wir zum Liebesakt schreiten.
Wie wenn wir die Luft in der Lunge zurückhalten die Erregung
             zweier Körper an uns heranlassen.
Wie wenn wir uns höflichst entfernen auf dass die Körper
             alleine verhandeln.
Ihr tierisches Territorium markieren.
Als steckte in Territorium Terror.
Als steckte in Land Gewalt.
Kommt der Moment des Zwischenraums.
Erstaunlicherweise erfolgen Waffenruhe Schlacht zusammen.
Erstaunlicherweise hören die Geliebten dann auf sich zu
             gehören.
Enthüllen sich jeder dem anderen.
Beim Überqueren der Grenze passiert etwas ganz Ähnliches.
Die Geschichte der Erde ist eine Liebesgeschichte.
Die Geschichte der Liebe der Erde zu sich selbst.
Genannt Geographie.
Jede wirkliche Liebesgeschichte ist in der Tat eine Geschichte
             der Furcht.
Jede wirkliche Liebe ist Furcht vor der Liebe.
Furchtsames Beben das die Liebe im entscheidenden Augenblick
             erfasst.
Wenn wir das Land unseres Körpers aufgeben.
Im Augenblick der größtmöglichen Beherrschung der
größtmöglichen Preisgabe.
Wir fürchten in Wirklichkeit nichts so sehr wie die Liebe.
Wie nicht zu wissen wo die Grenze der Liebe verläuft.
Wo die Liebeslinien verlaufen zwischen Frauen Männern.
Nicht zu wissen wo die Linie zwischen Ländern zu ziehen ist.
Unsere Geschichte unsere Unfähigkeit im Zwischenraum zu
             verweilen.
Unsere Geschichte eine ungewisse Liebesgeschichte.
Wir fürchten seit jeher nicht auf der Höhe der Liebe zu sein.

Aus dem Französischen übersetzt von Odile Kennel
Erschienen in: Transkrit n°5 Feb. 2013 S. 119/165

Ode au Champagne

francês | Jacques Darras

Connaissez-vous beaucoup de vins de boissons qu'on empoigne par le nom
Par le pied
Par le pied de verre
Par la coupe
Par la flûte
Qu'on lève élève en l'air devant soi tout en levant élevant la voix ?
Champagne !
Champagne !
Feriez-vous la même chose avec la bière ?
Bière !
Le Beaujolais ?
Beaujolais !
Le Bordeaux ?
Bordeaux !
Non, à moins d'être ivre mort au quarantième ballon
Alsace !
Au quarantième ballon d'Alsace !
On comprend on compatit l'ascension a dû être pénible
Champagne !
Le couronnement de l'exclamation
La bulle royale la bulle papale
Le sacre du gaz carbonique !
Non?
Si!
Voyez CO2 grimper par toutes ses échelles comme une population d'anges
Comme une course de marins dans la hauteur les cordages
Champagne : j'appareille !
Je navigue dans le temps dans la craie
Vous reprendrez bien un peu de mon trias ?
Comment trouvez-vous mon crétacé ?
Ne faites pas attention à la bélemnite dans le fond !
Comment ça, un reptile dans votre Champagne ?
Je le dirai à mon œnologue
Mon marieur de cépages
II a dû se tromper d'ères
Le Champagne remonte au mésozoïque le saviez-vous ?
Soixante à deux cent millions d'années environ
Une paille un bulle !
Comment cela, vous avez noté un fond de gymnosperme ?
Tirez plus fort sur le tuyau !
C'est que le temps aura mal dégorgé
Millésimé ?
Vous n'êtes pas sérieux !
Millionisimé !
Millionicentimisé !
Jéroboam plus mathusalem plus salmanazar plus nabuchodonosor
Bibulez !
Biblonnez !
Biblionnez !
Faites le compte !
Autant que vous voudrez vous n'y êtes pas !
Vos bouteilles ne sont pas assez fortes !
Deux cent millions d'années le verre explose
C'est périlleux la préhistoire sous forme liquide
Aÿ ! Aÿ !
D'ailleurs, voyez le nombre de veuves !
Les Cliquot, les Pommery, les Perrier, les Devaux
II fallait des Dames pour prendre le bon chemin !
Trop vite exploses les maris !
Trop près des verres !
Trop proches de la bouteille de la pression des gaz !
Eussent dû mettre un masque !
Vous avez vu l'hécatombe ?
Les cimetières de croix sur les coteaux de la Marne ?
Toute cette armée de buveurs goûteurs amenés en taxi depuis Paris ?
Paf !
Boum !
Ah mais qu'est-ce qu'on s'amuse !
La fête aux Allemands aux Français directement à la vigne la veine !
Mise en perce immédiate des fûts fuites de sang service des transfusions
Du gaz à la gaze directement !
Tout cela par amnésie pure et simple du temps qu'il aura fallu pour élever
Éduquer
Tailler
Retailler
Ces petits buissons encordelés à feuille rouge à l'automne
Ces grappes pinot noir pinot blanc
Travail de craie falaise mises à sécher à la sortie de l'océan
Passage repassage rétamage du même soleil cent million d'années
Enfin enfin, nous nous rapprochons du dix-huitième siècle !
Mozart, Bach, Voltaire, Diderot etc...
Mes légers !
Mes aériens !
Champagne !
Champagne !
Vous allez vous ruiner monsieur Ruinait !
Levis levis j'élève mon verre vers le soleil mon verre solaire
Le monte au Ciel me monte au Ciel avec l'irrépressible respiration des âges
Batracien sec
Crapaud joyeux
Crapahuteur de l'air
Nouvelle ammonite monacale
Oui la lumière il faut la boire !
Il faut la croire !
Il faut aimer la conversion
Qu'elle accomplit les yeux la bouche dans l'ordre du temps
Chapeau Champagne !
Nous nous décoiffons !
Nous nous découronnons
Royalement à Reims
Toutes les fois qu'aux lèvres nous portons le breuvage le veuvage
Le coquelicot du sacre carbonique temporaire temporel
Que la créa créa
Vive la craie !
Vive la craie-action !

© Éditions Gallimard
from: Tout à coup je ne suis plus seul
L'arbalète/Gallimard, 2006
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2014

ODE AN DEN CHAMPAGNER

alemão

Kennen Sie viele Weine viele Getränke die man beim Namen nimmt
Beim Kelch
Bei der Flöte
Bei der Tulpe
Und am Stiel
hebt, hoch hebt dabei hoch lebe die Stimme erhebt?
Champagner!
Champagner!
Würden Sie das auch mit Bier machen?
Bier!
Mit Beaujoulais?
Beaujolais!
Mit Bordeaux?
Bordeaux!
Würden Sie nicht, es sei denn Sie liegen betrunken im Saale
Unstrut!
Vor lauter Saale-Unstrut sturzbetrunken!
Man hat Verständnis, fühlt mit, da kann man schon mal den Bach runtergehen!
Champagner!
Die Krönung der Ausrufe
Das Jubeljuwel, die königlichste aller Perlen,
die gebenedeite Kohlensäure!
Oder etwa nicht?
Und ob!
Sehen Sie doch, wie CO² emporsteigt auf Leitern wie ein Haufen Engel
oder Seeleute beim Wettlauf hoch oben im Tauwerk
Champagner: Ich mache klar Schiff!
Segle durch die Zeit durch die Kreide
Sie nehmen doch noch ein Schlückchen von meiner Trias?
Wie finden Sie meine Kreidezeit?
Beachten Sie die Belemniten im Bodensatz einfach nicht!
Was heißt hier, ein Reptil in Ihrem Champagner?
Ich sag’s meinem Önologen
Meinem Rebsortenverkuppler
Er muss sich wohl im Zeitalter geirrt haben
Wussten Sie, dass der Champagner auf das Mesozoikum zurückgeht?
Ungefähr sechzig bis zweihundert Millionen Jahre
Ein Strohhalm, eine Perle!
Was heißt hier, Sie haben eine Ablagerung von Nacktsamern entdeckt?
Sie müssen nur stärker am Schlauch ziehen!
Da hat die Zeit wohl nicht richtig abgeschlämmt
Jahrgangschampagner?
Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst!
Jahrtausendchampagner!
Jahrmillionenchampagner!
Jeroboam plus Methusalem plus Salmanazar plus Nebukadnezar
Heiliges Fläschchen!
Heiliger Martin!
Zechen Sie doch mal!
Rechnen Sie doch mal!
Da können Sie noch so viel zählen, es kommt nicht hin!
Ihre Flaschen sind nicht stark genug!
Nach zweihundert Millionen Jahren explodiert das Glas
Ganz schön gefährlich, so eine Urgeschichte in flüssiger Form
Aÿ! Aÿ!
Und sehen Sie im Übrigen die vielen Witwen!
Cliquot, Pommery, Perrier und Devaux
Es bedurfte der Damen, um den richtigen Weg einzuschlagen!
Einfach zu schnell in die Luft gegangen, die Männer!
Zu nah an den Gläsern!
Zu nah an der Flasche der Kohlensäure dem Druck!
Hätten eben ‘ne Gasmaske aufsetzen sollen!
Haben Sie das Massensterben gesehen?
Die Gräberfelder an den Hängen der Marne?
Diese im Taxi von Paris herangekarrte Armee von Trinkern und Probetrinkern?
Zack!
Rums!
Was haben wir für einen Spaß!
Deutsche und Franzosen gehn am Weinstock!
Vor Ort noch Durchbohrung der Fässer sprudelndes Blut Blutspendedienst
Direkt vom Gas zum Gaze!
Und all das aus purer Amnesie der Zeit der es bedurft hätte um
Diese kleinen umwickelten Sträucher deren Blätter rot sind im Herbst
großzuziehen
Zu erziehen
Zu schneiden
Ein zweites Mal zu schneiden
Diese Trauben Spätburgunder Weißburgunder
Kreidearbeit getrocknete Klippen beim Rückzug des Meers
Hundertmillionen Jahre von derselben Sonne beschienen, angeheitert
Endlich endlich rückt das achtzehnte Jahrhundert heran!
Mozart, Bach, Voltaire, Diderot usw…
Meine Leichten!
Luftigen!
Champagner!
Herr Ruinart, sie ruinieren sich am Ende noch!
Levis levis heb ich mein Glas zur Sonne mein Sonnenglas
Heb es zum Himmel heb mich zum Himmel mit der ununterdrückbaren Atmung des Alters
Trockener Lurch
Lustige Kröte
Luftkraxler
Neuer Mönchammonit
Ja, das Licht muss man trinken!
Muss ihm glauben schenken!
Muss die Wandlung lieben
Die es vollbringt, die Augen der Mund, im Lauf der Zeit
Hut ab Champagner!
Darunter lassen wir kein gutes Haar!
Und haben schon mal einen
In der Krone
In Reims
Wenn wir den Trank, die Witwenschaft an unsere Lippen führen
Die Tulpe der flüchtigen ach so vergänglichen gebenedeiten Kohlensäure
Die die Kreide kreierte
Es lebe die Kreide!
Es lebe die Krei-aktion!

Aus dem Französischen übersetzt von Odile Kennel

Volatilisation d’Édouard Darras au Bois de la Gruerie le 24 septembre 1914

francês | Jacques Darras

Pourquoi croyez-vous que 1914 m’importe?
Pourquoi croyez-vous que 1914 m’est fatidique à ce point!?
Parce que la date dit le destin, fatum dicere.
Parce que j’ai sous les yeux photographie d’un couple elle
assise lui debout devant une haie.
Frêle lui c’est, dirait-on, mon père.
C’est le sien.
Taille fine, seins ronds sous la robe, fossettes aux joues,
c’est, dirait-on, ma soeur.
Sa petite-fille.
Le photographe les fait lire à même un livre ouvert.
Ce n’est pas le bon livre !
Très vite la vie va se refermer devant eux.
Leur éclater au visage aux yeux aux oreilles.
La vie la vi-o-lence (diphtonguez bien)
La vie dévoyée, dévoyellée – la mort.
Après cette photo, plus rien !
99
Vos souvenirs deviennent mes souvenirs mémoire
unanime anonyme.
Vous moi entrons dans les allées d’un vaste cimetière
nécropole.
Appelez-le roman familial ou national.
J’arrive de mon côté avec l’outil-poème, il est tard, je suis
jardinier des vides.
Je mesure les intervalles.
Il m’aura d’abord fallu vivre ma propre vie, accompagner
mon père jusqu’au bout de la sienne.
Il m’aura fallu attendre la nuit pour lire au livre entr’ouvert
de ma propre lignée.
Dans les vides.
J’ai un compteur à vies à vides interrompus.
J’allume, j’entends rumeur d’ondes radio.
Je suis capteur d’émissions particulières au parterre de
vies florales mortes.
J’ensemence conditionnel d’existences qui eussent pu
avoir lieu.
Je me fais raccommodeur de logiques naturelles.
*
Tu es dans l’ovale d’une photo.
Tu es en 1914, tu as 27 ans.
Tu te fais photographier on ne sait jamais.
Tu as raison, ce sera ton unique ultime portrait.
Tu as cheveux bruns col amidonné.
Tu as des yeux francs, marron semble-t-il.
Tu portes moustache claire, lèvres épaisses.
Bien dessinées.
Tu as lavallière & veston noir.
Tu sors d’adolescence, jamais ne sauras l’art d’être grandpère.
Sache ceci.
Je porte ton nom, j’ai ton prénom inclus dans le mien.
Jacques-Édouard Darras.
Je me fais l’effet d’un personnage royal.
Je suis fier de toi.
Je suis fier de nous.
*
Parce que tu aurais pu être aussi bien qu’un autre le
«!soldat inconnu ».
Je serais allé ranimer ta flamme à l’insu de la Nation
entière.
Les soirs de grand vent d’ouest qui la font plier jusqu’au
pavage.
Parce que tu aurais facilement pu te tenir au garde-à-vous
couché.
Si tu n’avais fait le rebelle absolu, l’invisible total, l’anarchiste
déserteur.
L’immatériel de la mémoire même.
Toi, Édouard, pulvérisé le 24 septembre au Bois de la
Gruerie.
*

© Jacques Darras
from: Je sors enfin du Bois de la Gruerie
Arfuyen, 2014
ISBN: 978-2-845-90199-5
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2014

Das spurlose Verschwinden des Édouard Darras im Forst von La Gruerie am 24. September 1914

alemão

Warum denken Sie interessiert mich 1914?
Warum denken Sie scheint mir 1914 so fatal?
Weil Datum Schicksal voraussagt, fatum dicere.
Weil ich das Foto eines Paares vor mir habe, sie sitzend er stehend vor einer Hecke.
Er schmal, sieht aus wie mein Vater.
Ist dessen Vater.
Sie feine Taille, runde Brüste unterm Kleid, Wangengrübchen, sieht aus wie meine Schwester.
Seine Enkelin.
Der Fotograf lässt sie ein aufgeklapptes Buch lesen.
Es ist das falsche Buch!
Sehr schnell wird sich das Leben für sie wieder zuklappen.
Wird ihnen ins Gesicht in die Augen um die Ohren fliegen.
Vom wallenden Leben zur waltenden Gewalt (achten Sie bitte auf eine deutliche Aussprache)
Das Leben auf Irrwegen, irre Parabel – der Tod.
Nach diesem Foto – finito!
Meine Erinnerungen Ihre Erinnerungen alles eins, die Geister scheiden sich nicht unterscheiden sich nicht.
Ich und Sie betreten die Alleen einer totenstädtischen Totenstätte.
Nennen Sie sie Familienroman Roman einer Nation.
Ich meinerseits bring mein Gedichtwerkzeug mit, ich bin spät dran, bin der Gärtner der Leere.
Ich vermesse die Zwischenräume.
Musste mein eigenes Leben erst leben, meinen Vater bis an sein Lebensende begleiten.
Musste die Nacht abwarten um im halboffenen Buch meiner Herkunft zu lesen.
In den Leerstellen.
Mein Zähler zählt unterbrochene Leben unterbrochene Leere.
Ich schalte ihn ein, erlausche Radiowellenrauschen.
Ich empfange seltene Sendungen auf floralen Totenrabatten.
Ich säe den Konditional der Leben die ihren Lauf hätten nehmen können.
Ich werde zum Flickschuster natürlicher Logik.

*

Du im Oval eines Fotos.
Du im Jahr 1914, 27 Jahre alt.
Du lässt dich ablichten, man weiß ja nie.
Du hast Recht, es bleibt bei diesem ersten letzten Porträt.
Du hast braune Haare, Kragen gestärkt.
Du hast offenen Blick, braune Augen, wie es scheint.
Du trägst hellen Schnauzer, hast volle Lippen.
Wohl geformt.
Du trägst Krawattentuch & schwarzes Sakko.
Du hast gerade erst die Jugend hinter dir, wirst nie die Kunst des Großvaterseins kennen.
Du sollst dies wissen:
Ich trag deinen Namen, dein Vorname ist ein Teil von mir.
Jacques-Édouard Darras.
Ich komme mir irgendwie königlich vor.
Ich bin stolz auf dich.
Ich bin stolz auf uns.

*

Weil das Grabmal des unbekannten Soldaten genauso gut deins sein könnte.
Ich würde unbemerkt von der Nation dein Flämmchen wieder neu beleben.
An Abenden mit Wind von West, wenn es sich bis zum Pflaster neigt.
Weil die Habachtstellung im Liegen die Stellung deiner Wahl sein könnte.
Doch du bist ein Rebell, ein komplett Unsichtbarer, ein Anarchist in Desertion.
Bist Nichtmaterie der Erinnerung.
Du, Édouard, am 24. September im Forst von La Gruerie verheizt. (…)

Aus dem Französischen übersetzt von Odile Kennel

FOR JOHNNY DYANI

inglês | Keorapetse Kgositsile

When I swim in my music
a harmattan of colours
becomes an area of feeling
where a rainbow of feathers
peoples all space
dancing in my heart

Here I do not even know
what flowers pop out of my eye
I move
without even touching air

Johnny you take us out there
where we gasp silently
amidst a bombardment of sound
in the spell of the witchdoctor's son
where I cannot even ponder
how a witch and a doctor paradox
could be one entity

Your bass
Johnny pins nothing down. Your bass
rides on wave or height or rock
or depth or crevice of sound
to bathe us in music

And we are moved
where we cannot even
hear ourselves gasp

© Keorapetse Kgositsile
from: This way I salute you
Cape Town: Kwela Books, 2004
Audio production: LiteraturWERKstatt Berlin 2009

Für Johnny Dyani

alemão

Wenn ich in meiner Musik schwimme
verwandelt sich ein Harmattan aus Farben
zu einem Ort des Gefühls
wo ein Regenbogen aus Federn
in meinem Herzen tanzt
noch den letzten Winkel bevölkert

Hier weiß ich nicht einmal
welche Blumen mir aus den Augen fallen
ich bewege mich
ohne die Luft nur zu berühren

Johnny du führst uns weit hinaus
wo wir ruhig atmen
unter Klangbeschuss, gebannt
vom Sohn des Zauberdoktors
wo ich nicht einmal darüber nachdenken kann
wie Zauberer und Doktor in ihrem Gegensatz
eins sein können

Dein Bass
Johnny, nagelt nichts fest. Dein Bass
reitet auf einer Welle Höhe einem Felsen
einer Tiefe oder Spalte des Klangs
taucht uns in Musik

Und wir sind bewegt
hören uns nicht einmal
atmen

Übersetzung aus dem Englischen: Odile Kennel

Texto em que o poeta medita sobre a fuga inexeqüível da História como turista em Budapeste, Hungria

português | Ricardo Domeneck

Oblivion não
me assusta,
Claudette Colbert.
Evito praticar o
nado-sincronizado
no formol das evidências
fotográficas de
moi même & myself.
Se possuísse na geografia
residência fixa em Twin Peaks,
sei que talvez os tupiniquins
elegessem os tons e timbres
de minha sinfonia de ossículos
para martelo, bigorna e estribo:
echolalaica
do silenciável
se a alfândega
rege as adegas
da anomalia.
Meus autobiógrafos
impossibilitados de
narrar meu martírio
em Montmartre,
se não houve
sobreviventes
com meu nome
em Guernica
ou Treblinka.
Em meio à hipoteca
dos meus despejos
não invoco
Hiroshima mon glamour.
Escuta aqui, Titanic:
tão Aristóteles quanto
Heródoto ou aritmético
o erótico,
todo mundo
sabe que o manual
de dança
conspira pelo decreto
dos pés
como obsoletos.
Não venha
mimetizar-me o miasma.
Qualquer Xerxes
a chicotear o mar
sabe que olvido de Myrna Loy
nao é ouvido de Mina Loy
e Góngora não serve gôndolas
a canais de televisões, jornais
vespertinos em dia
crônico do hodierno
se é
hipótese a manhã.
Tal qual
este planeta
aceita satélites
ou ser terceiro
em relação
a um sol
localizável mesmo
em seu espiralar
de eixo,
que não
pausa a cada
0:00
ou advoga o
stand-by
do meu sono.
Buda não
é Manhattan,
feito aquele Guesa
em vertigem no Stock
Market ou Lorca
histérico no Harlem.
Narrar o passado
é tal ginástica odisséica,
& ! que ginga, que físico
deste acrobata do empírico.
Eu aceito, sim, da totalidade,
o resquício, poderia escrever
sobre Nova Iorque,
Manaus ou Poughkeepsie
mas nunca o pús nos pés
lá, isto aqui é Budapeste,
não Ilhas Mauritius.
Hoje em 1956 jamais
corresponder-se-ia
Reverdy a O´Hara,
aceito a ladainha
da lingüeta sem chave
à resistência da História
e a cartografia
inelegível, o mundo.
Sim, Budapest não é New York
& meu miocárdio está no bolso:
pocket book de Miklos Radnóti.

© Ricardo Domeneck
unveröffentlichtem Manuskript,
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2008

Text, in dem der Dichter als Tourist in Budapest über das unmögliche Entkommen der Geschichte meditiert

alemão

Oblivion erschreckt
mich nicht
Claudette Colbert.
Ich vermeide
Synchronschwimmen
im Formol des fotografischen
Nachweises von
moi-même & myself.
Besäße ich einen festen
Wohnsitz in Twin Peaks
erwählten meine Landsleute
allensfalls das Schallen und Hallen
meiner Knöchelchensymphonie
für Hammer, Amboss und Steigbügel:
Echolalaika
des Verschweigbaren
sollte der Zoll
über die Weinkeller
der Anomalie herrschen.
Meine Autobiographen
können mein Martirium
in Montmartre nicht
erzählen, da es keine
Überlebenden mit meinem
Namen in Guernika
oder Treblinka gibt.
Im Herzen der Hypothek
meines Hinauswurfs
erwähne ich nicht
Hiroshima mon glamour.
Von Nezahualcóyotl
oder Nebukadnezar
blieb genauso viel übrig
wie vom LZ 129 Hindenburg
und wenn arithmetisch
betrieben wird, was erotisch
sein soll, wissen alle
dass die Tanzanleitung
heimlich ein Dekret anstrebt
das Füße für überflüssig
erklärt, sie sollen nur
die Schritte illustrieren.
Mimetisier mir bloß nicht
mein Miasma.
Genau wie dieser Planet, der
Satelliten akzeptiert
oder bereitwillig die dritte
Geige spielt in Beziehung
zu einer Sonne
die noch im Drehen
um ihre Axe
lokalisierbar ist
und nicht
pausiert bei jedem
00:00
oder sich einsetzt
für das Stand-by
meines Schlafes.
Buda ist nicht
Manhattan, so wenig
wie jener Guesa
der an der Börse
Höhenflüge macht oder
ein hysterischer Lorca
in Harlem.
Vergangenheit zu erzählen
ist eine odysseische
Gymnastik & !
was für ein Groove, toll
sieht er aus, der Akrobat
des Empirischen.
Na gut, ich akzeptiere
von der Gesamtheit
das Überbleibsel, ich könnte
über New York, Manaus
oder Poughkeepsie
schreiben, aber ich war
noch nie da, dies hier
ist Budapest
und nicht Mauritius.
Heute vor 57 Jahren
würde nicht mehr
den Poems by Pierre Reverdy
in Frank O´Haras Tasche
entsprechen, also akzeptier ich
die Litanei des Bartes
ohne Schlüssel
zur störrischen Geschichte
und die Kartographie
die ich mir nicht aussuche, die Welt.
Okay, Budapest ist nicht New York
& mein Herzmuskel ist in der Tasche:
pocket book von Miklos Radnóti.

Übersetzung von Odile Kennel

[Chaque respir]

francês | Siham Bouhlal


Chaque respir reste suspendu
A ton appel
Avant de traverser ma poitrine
Comme une boule de feu

from: Poèmes bleus
Saint-Benoît-Du-Sault: éditions Tarabuste, 2005
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

[Jeder Atemzug]

alemão


Jeder Atemzug verharrt in Erwartung
deines Rufs
Bevor er durch meine Brust fährt
Wie eine Feuerkugel

Übersetzung aus dem Französischen von Aurélie Maurin und Odile Kennel

[tu n'es jamais heureux]

francês | Florence Pazzottu

– Tu n’es jamais heureux !
– Je ne sais pas que je ne suis pas heureux. C’est parce que tu le dis que
je ne suis pas heureux...
– Parce que je le dis?...
– ...
– Tu ne dis pas que tu es heureux!
– Je ne dis pas que je suis malheureux...
– C’est vrai, tu ne dis rien!
– A quoi bon ! Tu le croirais ? Tu le croirais si je te disais que je suis
heureux ou malheureux? Comment tu pourrais croire ce que je dis ; tu
doutes toujours quand je me tais!

from: la place du sujet
L'Amourier, 2007
ISBN: http://www.amourier.com
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

[Nie bist du glücklich!]

alemão

- Nie bist du glücklich!
- Ich weiß nichts davon, dass ich nicht glücklich bin. Nur weil du es sagst,
        bin ich nicht glücklich …
- Weil ich es sage?
- …
- Du sagst nicht, dass du glücklich bist!
- Ich sage nicht, dass ich unglücklich bin …
- Stimmt, du sagst nichts!
- Warum sollte ich? Würdest du mir glauben? Würdest du es glauben,
        wenn ich sagte, dass ich glücklich oder unglücklich bin?
        Wie könntest du glauben, was ich sage, wo du doch zweifelst,
        wenn ich schweige!

Übersetzung von Odile Kennel

[tu brûles mes poèmes]

francês | Siham Bouhlal


Tu brûles mes poèmes
En quelle langue sont-ils ?
La langue d’amour n’a point de nom
Qui brûle l’autre
Ton feu ou mon poème ?

from: Poèmes bleus
Saint-Benoît-Du-Sault: éditions Tarabuste, 2005
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2005

[Du verbrennst meine Gedichte]

alemão


Du verbrennst meine Gedichte
In welcher Sprache sind sie?
Die Sprache der Liebe trägt keinen Namen
Wer verbrennt den anderen
Dein Feuer oder mein Gedicht?

Übersetzung aus dem Französischen von Aurélie Maurin und Odile Kennel

[Qui est Madjnoun]

francês | Siham Bouhlal

                                     
Qui est Madjnoun ?
A lui seul
L’expression d’Amour
Fut-elle donnée ?
En mon cœur
Mille Madjnoun
Mille Laylâ
Gémissent
Mille et mille
Colombes
Roucoulent

from: Poèmes bleus
Saint-Benoît-Du-Sault: éditions Tarabuste, 2005
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

[Wer ist Madschnun?]

alemão

Wer ist Madschnun?
Erhielt allein er
Die Gabe
Seine Liebe auszudrücken?
In meinem Herzen
Seufzen
Tausend Madschnuns
Tausend Leilas
Abertausende
Tauben
Gurren

Übersetzung aus dem Französischen von Aurélie Maurin und Odile Kennel

[On ne savait]

francês | Florence Pazzottu

On ne savait d'où elles avaient surgi, une dizaine au moins, rien que des
Femmes ; gesticulant et vociférant comme des Furies, rue des Pistoles.
On distinguait à peine la silhouette derrière la plus haute fenêtre – immobile
Dans la pénombre. Les pierres s'écrasaient toutes contre le mur. Soudain,
Les mains restèrent suspendues au bout des bras levés ; de stupeur se figèrent
Les corps et les visages en sueur ; le mot salope ébrécha l'air une dernière fois.
La jeune femme apparut tout à fait dans l'entrebâillement de la porte : elle
S'approcha lentement ; ramassa une pierre ; visa. La vitre se brisa net. Quelques
                                                                                                                é
                                                                                                                 c
                                                                                                                l
                                                                                                                  a
                                                                                                                t
                                                                                                                  s
Tombés de ce côté, firent en dégringolant un bruit de clochettes qui s'égrena,
Rue des Pistoles. – Je crois qu'elle est sortie, dit-elle, les regardant. (Et s'éloigna.)

from: la place du sujet
L'Amourier, 2007
ISBN: http://www.amourier.com
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

[Wie aus dem Nichts]

alemão

Wie aus dem Nichts waren sie aufgetaucht, mindestens zehn, und nur
Frauen; gestikulierten und zeterten wie Furien, rue des Pistoles.
Kaum wahrnehmbar, die Silhouette hinter dem höchsten Fenster – unbeweglich
Im Zwielicht. Die Steine prallten alle an die Mauer. Plötzlich verharrten
Die Hände am Ende der erhobenen Arme in der Luft; Körper und schweißnasse
Gesichter starr vor Verblüffung; das Wort Schlampe durchschnitt ein letztes Mal
Die Luft. Die junge Frau erschien in der halboffenen Tür: Kam langsam näher.
Hob einen Stein auf. Zielte. Die Scheibe zerbarst. Ein paar
                     S
                       p
                                                                                        l
                                                                                       i
                                                                                        t
                                                                                       t
                                                                                          e
                                                                                         r

fielen daneben, verursachten im Fall ein Geräusch von Glöckchen, das sich verlor,
Rue des Pistoles. - Ich glaube, sie ist nicht da, sagte sie, und schaute die Frauen an.
(Entfernte sich.)

Übersetzung von Odile Kennel

[ne plus te voir]

francês | Siham Bouhlal

Ne plus te voir
C’est chercher dans les particules d’air ta respiration
Dans chaque grain de sable ta peau
Dans chaque larme ton goût
Derrière l’arbre ton ombre

Ne plus te voir
C’est courir dans le vide pour suivre ton pas
Tourner la tête partout derrière tes yeux
Me recroqueviller sur mon corps adossé à ton bras

Ne plus te voir
C’est écouter ta voix qui tambourine contre mon âme
Ouvrir toutes les portes du temps sur ta silhouette

Ne plus te voir
C’est déshabiller  mon cœur et t’attendre sous le drap
Scruter mes mains regorgeant de ton odeur

Ne plus te voir
C’est m’étendre sur le sol et murmurer tes mots
Prendre toute poignée de terre et souffler dessus mes poumons  
Épier les bourgeons qui porteront ton visage

Ne plus te voir
C’est habiller le vent d’espérances et le laisser partir
Féconder l’eau des ruisseaux de tous les chagrins et ne  laisser nul s’y abreuver

Ne plus te voir
Ne plus te voir
Qui comprendrait?

from: Mort à vif
Paris: édition Al Manar, 2010

[dich nicht mehr sehen]

alemão

Dich nicht mehr sehen
Heißt deine Atmung in den Luftpartikeln suchen
In jedem Sandkorn deine Haut
In jeder Träne deinen Geschmack
Und deinen Schatten hinterm Baum

Dich nicht mehr sehen
Heißt ins Leere laufen um deinem Schritt zu folgen
Mich umsehen hinter deinen Augen überall
In meinem Körper kauern der lehnt an deinem Arm

Dich nicht mehr sehen
Heißt deiner Stimme lauschen die an meine Seele trommelt
Die Türen der Zeit aufreißen zu deinem Schattenbild

Dich nicht mehr sehen
Heißt mein Herz entkleiden und dich erwarten unterm Laken
Meine Hände erforschen die voll sind von deinem Duft

Dich nicht mehr sehen
Heißt mich auf den Boden legen und deine Worte murmeln
Jede Handvoll Erde nehmen und meine Lunge darauf pusten
Die Knospen belauern die dein Gesicht tragen werden

Dich nicht mehr sehen
Heißt den Wind mit Hoffnung kleiden und ihn ziehen lassen
Das Wasser der Bäche mit Kummer befruchten und keinen  davon trinken lassen

Dich nicht mehr sehen
Dich nicht mehr sehen
Wer verstünde das schon?

Übersetzung aus dem Französischen von Aurélie Maurin und Odile Kennel

[Nathan ne comprend pas]

francês | Florence Pazzottu

Nathan ne comprend pas ; la place du sujet ;
Il ne sait pas le dire. – Allons, dit la maîtresse,
Tu connais l'alphabet, sois patient pour le reste !
Omar ne le sait pas, ni Manon, ni Laïa ;
Je dois m'occuper d'eux, d'Elahmin, de Kader ;
Je veux entendre Joy réciter le poème...
Justement, dit Nathan, c'est votre poésie...
(Il ouvre grand les yeux pour chercher un appui.)
“Sans lâcher son butin / Longtemps alla Lapin...”
Mais qui le fait aller ? – Qu'est-ce que tu dis, Nathan ?
C'est lui qui va, bien sûr ! C'est Lapin le sujet !
–Mais si c'est lui qui va... pourquoi est-il derrière ?!

from: la place du sujet
L'Amourier, 2007
ISBN: http://www.amourier.com
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

[Nathan versteht es nicht]

alemão

Nathan versteht es nicht; die Stelle des Subjekts;
Er weiß nicht wie man’s spricht. – Los, sagt die Lehrerin
Du kannst das Alphabet, mit dem Rest hab nur Geduld!
Auch Omar weiß es nicht, Manon nicht und nicht Laïa;
Ich muss mich um sie kümmern, um Elahmin, Kader;
Um Joy, der ein Gedicht aufsagt, ich will ihn dabei hörn …
Genau, bestätigt Nathan, es ist ja ihr Gedicht …
(er öffnet weit die Augen, und sucht so seinen Halt.)
„Die Beute fest im Griff, lief lange Zeit der Hase …“
Doch wer macht, dass er läuft? - Was sagst du da, Nathan?
Natürlich läuft er selbst! Das Subjekt ist der Hase!
- Doch wenn er selber läuft … warum ist er dann hinten?!

Übersetzung von Odile Kennel

[Mon amour se risque encore]

francês | Siham Bouhlal

Mon amour se risque encore
N’a-il point fait repentance
Dans la brûlure de la douleur
Dans la vaillance de la blessure ?
N’a-t-il point fait repentance
Dans ces chemins sans ombre
Ces buissons obscurs ?
Il se risque encore
Comme une jument en sang
Dans un champ de bataille
N’a t-il point fait repentance
Dans ces abîmes sans voix
Dans ces bouches de violence ?
Dans les yeux des fleurs encore
Pourquoi verse-t-il son encre ?
Il se risque toujours
Mais pour combien de nuits encore ?
Pour combien de silences ?

Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

[Wieder wagt sich meine Liebe vor]

alemão

Wieder wagt sich meine Liebe vor
Hat sie nicht genug gebüßt
Verbrannte sie sich nicht am Schmerz
Ertrug Wunden voller Mut?
Hat sie nicht genug gebüßt
Auf diesen schattenlosen Wegen
Und im düsteren Gestrüpp?
Wagt sich wieder vor
Wie eine Stute die auf einem
Schlachtfeld blutet
Hat sie nicht genug gebüßt
In stimmlosen Abgründen
In Schluchten voller Gewalt?
Warum vergießt sie immer wieder
Tinte in der Blüten Augen?
Wagt sich wieder vor
Doch wie viele Nächte noch?
Wie viele Stillen?

Übersetzung aus dem Französischen von Aurélie Maurin und Odile Kennel

[Maria Andrade]

português | Adília Lopes

Maria Andrade
depois de Túlio a beijar
na boca
pela primeira vez
diz a Túlio
que Túlio é a primeira
pessoa
a beijá-la na boca
de facto
ela já tinha beijado
as avós na boca
mas as bocas fechadas
e frias
das avós
eram como papel
de embrulho
ou mata-borrão
mas agora Maria Andrade
descobre
que o morango
que come
a morde
gostaste?
sim!
Túlio não volta
a beijar
Maria Andrade pede-lhe
que o faça
Túlio fá-lo

© Adília Lopes
from: Obra
Lisboa: Mariposa Azul, 2000
Audio production: Casa Fernando Pessoa, Lisboa 2004

[Maria Andrade]

alemão

Maria Andrade
als Túlio sie
zum ersten Mal
auf den Mund küßt
sagt zu Túlio
daß Túlio der erste
Mensch ist
der sie auf den Mund küßt
tatsächlich
hatte sie schon die Großeltern
auf den Mund geküßt
aber die geschlossenen
und kalten Münder
der Großeltern
waren wie
Packpapier
oder Löschpapier
nun aber entdeckt
Maria Andrade
daß die Erdbeere
die sie ißt
sie beißt
magst du das?
ja!
Túlio küßt
Maria Andrade
nicht noch einmal sie bittet ihn
es zu tun
Túlio tu es

Aus dem Portugiesischen von Odile Kennel

[La Virgen de las Flores]

espanhol | Juan Antonio Masolivier Ródenas

La Virgen de las Flores
en la esquina de la calle
donde agonizan los caballos.
Flores de zinc y de mica
en los balcones.
Bodegones todavía sin pintar
en la sacristía
donde un aterido sacerdote
se ha quedado sin Dios
y ha olvidado lo que espera.

© J.M.
from: unpublished
Audio production: 2005, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

[Die Heilige Jungfrau der Blumen]

alemão

Die Heilige Jungfrau der Blumen
an der Straßenecke
wo die Pferde im Sterben liegen.
Blumen aus Zink und Glimmer
auf den Balkonen.
Noch ungemalte Stilleben
in der Sakristei
wo ein erstarrter, von Gott
verlassener Priester
vergessen hat, auf was er wartet.

aus dem Spanischen übersetzt von Odile Kennel

[La niña que se queja...]

espanhol | Juan Antonio Masolivier Ródenas

La niña que se queja
de que al amar le duele el vientre.
La resurrección de los días
cuando el sol lame
las sombras del invierno.
Ama sin saber que ama.
Apenas si tiene recuerdos.
Vive en el abismo del futuro
que ella ve como una llanura
sin horizontes. Y el dolor
en el vientre le hace sangrar.
Y cuando sangra
le duele el amor
y lo rechaza.

© J.M.
from: unpublished
Audio production: 2005, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

[Das Mädchen, das bei der Liebe]

alemão

Das Mädchen, das bei der Liebe
über Bauchschmerzen klagt.
Die Auferstehung der Tage
wenn die Sonne an den Schatten
des Winters leckt.
Sie liebt ohne zu wissen, dass sie liebt.
Wenn sie überhaupt Erinnerungen hat.
Sie lebt im Abgrund der Zukunft
die sie als horizontlose
Ebene wahrnimmt.
Und vor Bauchschmerzen
blutet sie.
Und wenn sie blutet
schmerzt die Liebe
und sie weist sie zurück.

aus dem Spanischen übersetzt von Odile Kennel

[La esencia]

espanhol | Juan Antonio Masolivier Ródenas

La esencia
de las significaciones
está
en lo que ha dejado
de significar.
El canto del pájaro
ya no es el pájaro.
Y no es música.
Borrar no es olvidar.
Morir es irse.
No escribir
no es silencio.
¿Qué significan
tus pechos
en mis ojos?
La mano del onanista
cede y sucumbe
a la significación.
El placer es
lo que acabamos de abandonar
cuando estaba
significándolo todo.
Un cuadro de Mondrian
en una casa abandonada
del bosque.

© J.M.
from: unpublished
Audio production: 2005, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

[Das Wesentliche]

alemão

Das Wesentliche
der Bedeutungen
liegt
in dem, was aufgehört hat
zu bedeuten.
Der Gesang des Vogels
ist schon nicht mehr der Vogel.
Und ist keine Musik.
Ausradieren ist nicht vergessen.
Sterben ist weggehen.
Nicht schreiben
ist kein Schweigen.
Was bedeuten
deine Brüste
in meinen Augen?
Die Hand des Onanisten
gibt nach und erliegt
der Bedeutung.
Vergnügen ist das
was wir soeben aufgegeben haben
wo es doch
alles bedeutete.
Ein Mondrian-Gemälde
in einem verlassenen Haus
im Wald.

aus dem Spanischen übersetzt von Odile Kennel

[L'angoisse surgit de l'enfance]

francês | Siham Bouhlal

L’angoisse surgit de l’enfance  Reclut la vie Ravit le souffle des poumons
Annihile le corps Dissout l’âme  L’angoisse se nourrit des déconvenues De
l’amour fracassé  L’angoisse brûle le sang et répand les cendres dans le cœur
L’angoisse n’a d’autre maître qu’elle-même et de limite que sa démesure
Elle boit sa force dans nos instants rompus Nos silences de l’attente Nos
sentiments perplexes
Elle jaillit au matin du bonheur et lui porte un coup de doute  Se couche dans un
geste de méfiance

from: Songes d'une nuit berbère ou la Tombe d'épines
Paris: édition Al Manar, 2007
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

[Die Angst entspringt der Kindheit]

alemão

Die Angst entspringt der Kindheit  Kapselt das Leben ab  Entführt aus den Lungen
den Atem  Löscht den Körper aus  Löst die Seele auf  Die Angst ernährt sich von
Enttäuschungen  Von zerschmetterter Liebe  Die Angst brennt im Blut und verteilt
seine Asche im Herzen  Die Angst gehorcht allein sich selbst und kennt als
Grenze nur ihre Maßlosigkeit
Sie trinkt ihre Kraft aus unseren abgebrochenen Augenblicken Unserer
Stille des Wartens Unseren ratlosen Gefühlen
Sie bricht hervor im aufgehenden Glück und versetzt ihm einen Zweifelstoß  Legt sich
schlafen mit einer Geste des Misstrauens

Übersetzung aus dem Französischen von Aurélie Maurin und Odile Kennel

[Joaninha a ladra]

português | Adília Lopes

Joaninha a ladra
a filha da moleira
vem brincar
comigo
às missas

A Maria
dá-me clisteres

Abracei o Manuel
o Manuel não me abraçou

O Pedro Nuno
faz chichi
à minha frente

© Adília Lopes
from: Obra
Lisboa: Mariposa Azul, 2000
Audio production: Casa Fernando Pessoa, Lisboa 2004

[Joaninha die Diebin]

alemão

Joaninha die Diebin
Tochter der Müllerin
komm spiel
mit mir
Messe

Maria
macht mir Einläufe

Ich habe Manuel umarmt
Manuel hat mich nicht umarmt

Pedro Nuno
macht Pipi
vor mir

Aus dem Portugiesischen von Odile Kennel

[Je voyage]

francês | Siham Bouhlal

Je voyage  Tu voyages avec moi   Je me couche  Ton corps enveloppe le mien
Je ferme les yeux  Ton souffle rafraîchit mes joues   Je me réveille  Tes yeux
s’ouvrent dans mes yeux  Tu es partout  Mais quel sens à cette douleur de
l’absence ? Ta présence se multiplie en moi  L’éloignement frappe nos corps
Quelle est cette force qui unit et déchire  Tait un coeur et le fait palpiter   Quel
est ce vertige immobile  Cette source au coeur de la soif ?

from: Songes d'une nuit berbère ou la Tombe d'épines
Paris: édition Al Manar, 2007
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

[Ich reise]

alemão

Ich reise  Du reist mit mir   Ich lege mich hin  Dein Körper umgibt meinen Körper
Ich schließe die Augen  Dein Atem kühlt meine Wangen  Ich erwache  Deine Augen
öffnen sich in meinen Augen  Du bist überall  Welchen Sinn nur hat der  Schmerz der
Abwesenheit? Deine Anwesenheit vervielfacht sich in mir  Das sich Entfernen prallt
an unsere Körper  Was ist diese Kraft die eint und zerreißt  Ein Herz zum Schweigen bringt
Zum Pochen  Was dieser regloser Schwindel Diese Quelle im Herzen des Durstes?

Übersetzung aus dem Französischen von Aurélie Maurin und Odile Kennel

[Je prendrai mon amour]

francês | Siham Bouhlal

Je prendrai mon amour
Jusqu’à l’infime infini

Je le prendrai
Comme le souffle du vent
Le mouvement de la mer
Comme la lune qui bat le soleil
Et le soleil la nuit

Je le prendrai
Comme le figuier chargé
L’abeille baisant la fleur
Le cri des grillons
Comme le liseron tendre
Et les racines crevant le sol

Je prendrai mon amour
Comme une glaise
Sur mon visage

Je le prendrai         
Comme un feu en tempête
Une grêle dans les nuages

Je prendrai mon amour
Jusqu’à l’infime infini

Comme l’eau sous la terre
La vague contre le roc
Et l’écume
L’écume
Brassant
La
Rive

Je le prendrai
Comme la rosée de toutes les feuilles
La fleur endormie encore
La vigne première et infinie

Je le prendrai  
Le fruit éclaté
Dans tous les grains
Dans  toutes les mains moissonneuses
Et les fronts en sueur

Je le prendrai
Comme un volcan qui rêve

Mon
Amour
Je
Le
Prendrai
Dans
Ma
Main
Et
        Le
                Cacherai
                            Dans
                                    La
                                            Bouche
                                                     Rieuse
                                                                De
                                                                        Dieu

from: la femme de la falaise
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

[Meine Liebe werd ich nehmen]

alemão

Meine Liebe werd ich nehmen
Bis ins winzigste Unendliche

Werd sie nehmen
Wie der Windzug
Die Bewegung des Meeres
Wie der Mond der die Sonne schlägt
Und die Sonne die Nacht

Werd sie nehmen
Wie den reifen Feigenbaum
Die Biene wenn sie die Blüte küsst
Der Grillen Geschrei
Wie die zärtlichen Winden
Und die Wurzeln die den Boden durchbrechen

Meine Liebe werd ich nehmen
Wie Lehm
Auf dem Gesicht

Werd sie nehmen
Wie ein stürmisches Feuer
Wie Hagel in den Wolken

Meine Liebe werd ich nehmen
Bis ins winzigste Unendliche

Wie Wasser unter der Erde
Und Welle gegen Fels
Wie der Schaum
Der Schaum
Der das
Ufer
aufwühlt

Werd sie nehmen
Wie den Tau aller Blätter
Die noch schlafende Blüte
Die erste noch unfertige Rebe

Werd sie nehmen
Geplatzte Frucht
Aus jeglicher Saat
Von allen erntenden Händen
Und schwitzenden Stirnen

Werd sie nehmen
Wie ein träumender Vulkan


Meine
Liebe
Werd
Ich
Nehmen
In
Meine
Hand
Und
           Sie
                   Verstecken
                                   Im
                                      Spottenden
                                                         Mund
                                                                       Gottes

Übersetzung aus dem Französischen von Aurélie Maurin und Odile Kennel

[Je n'ai duré que trois jours]

francês | Siham Bouhlal


Je n’ai duré que trois jours
Est-ce de l’hospitalité ?
Quel souvenir de moi as-tu gardé ?
Tu n’en as gardé aucun
Dans quel puits
As-tu terré mon souvenir ?

from: Poèmes bleus
Saint-Benoît-Du-Sault: éditions Tarabuste, 2005
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

[Nur drei Tage]

alemão


Nur drei Tage hab ich gedauert
Soll das Gastfreundschaft sein?
Welche Erinnerung an mich hast du bewahrt?
Keine einzige hast du bewahrt
In welchem Brunnen
Hast du meine Erinnerung vergraben?

Übersetzung aus dem Französischen von Aurélie Maurin und Odile Kennel

[Je me perds dans ton silence]

francês | Siham Bouhlal


Je me perds dans ton silence   ne sais plus guère où mène ta voix ni où doit aller
 s’achever mon souffle

Dans notre étreinte se love ton absence  dans ton regard se lève déjà le départ
Ah si le monde avait l’entendement de mes soupirs   tu te retires de moi comme
 une peau que l’on arrache   me combles puis t’effaces comme l’eau du lit d’une
 rivière   tu franchis mon être le plus secret et puis le livres à l’esseulement

Tu es le cœur et l’écorce   qui enveloppera mon dénuement ?

J’entends se froisser les draps de notre joie mais ne vois que la transparence
J’entends bruire tes doigts sur mon corps mais égare leur voie

Pourquoi emportes-tu même les mots pour ton voyage et jettes-tu le désarroi sur
 ton chemin ?

from: Songes d'une nuit berbère ou la Tombe d'épines
Paris: édition Al Manar, 2007
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

[Ich verliere mich in deiner Stille]

alemão

Ich verliere mich in deiner Stille  weiß nicht mehr wohin deine Stimme führt und nicht mehr wo mein Atem enden soll
In unsere Umarmung schmiegt sich dein Fernsein  in deinem Blick erwacht schon dein Weggehn  Ach würde die Welt doch mein Seufzen verstehen  du löst dich von mir wie eine Haut die man abreißt  machst mich glücklich und ziehst dich zurück wie Wasser aus einem Flussbett  du trittst ein in mein geheimstes Wesen und überlässt es sodann der Vereinsamung
Du bist Herz und Borke  Wer wird meine Blöße umhüllen?
Ich höre das Laken rascheln von unserer Freude und sehe doch nur ein Durchscheinen  Ich höre deine Finger auf meinem Körper murmeln und verliere ihre Spur
Warum nimmst du sogar die Worte mit auf deine Reise und wirfst Verwirrung auf deinen Weg?

Übersetzung aus dem Französischen von Aurélie Maurin und Odile Kennel

[Il dit]

francês | Siham Bouhlal

Il dit
“Ne te courbe que pour aimer”
Mon échine est brisée
Mon dos celui du vieillard
Plus vieux que la Terre
Pourquoi ne vois-je pas alors
La saison d’Amour parmi les saisons ?
Pourquoi le printemps ne vient-il pas ?
N’a-t-il point honte de ma vieillesse ?
Mes racines ont couru la Terre
Planté des yeux en chaque lieu
Pour surprendre ce printemps

from: Corps lumière
Paris: édition Al Manar, 2008
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

[Er sagt]

alemão

Er sagt
„Beuge dich nur, um zu lieben“
Mein Rückgrat ist zerbrochen
Mein Rücken der eines Alten
Der älter als die Erde ist
Warum also erblicke ich nicht
Die Zeit der Liebe unter den Jahreszeiten?
Warum nur kommt der Frühling nicht?
Schämt er sich nicht für mein Altsein?
Meine Wurzeln haben die Erde überzogen
An jedem Ort Augen gepflanzt
Um diesen Frühling zu erspähn

Übersetzung aus dem Französischen von Aurélie Maurin und Odile Kennel

[falar hoje exige]

português | Ricardo Domeneck

§

falar hoje exige
elidir a própria
voz as transações
inventivas entre
interno e externo
demandam
que a base venha
à tona e a
superfície seja
da profundidade da
história ímpeto
denotando o
centrífugo
o corpo público
que exibo como
palco fruto
da ansiedade
do remetente
o interno ao longo
da epiderme
como emily
dickinson terminando
uma carta de minúcias
com “forgive
me the personality“

© Cosac Naify
from: a cadela sem Logos
São Paulo: Cosac Naify, 2007
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2008

[sprechen verlangt heute]

alemão

§

sprechen verlangt heute
die eigene Stimme
zu meiden die findigen
Transaktionen zwischen
Innen und Außen
setzen voraus
dass der Grund sich
offenbart und die
Oberfläche tief
ist wie die
Geschichte Wucht
die Zentrifugales
zeigt
öffentlicher Körper
den ich als Bühne
ausstelle Frucht
der Furcht
des Absenders
Inneres in der Ferne
der Haut
wie Emily
Dickinson die einen
Brief voller Einzelheiten
beendet mit "forgive
me the personality"

Übersetzt von Odile Kennel

[En el último invierno de mi vida]

espanhol | Juan Antonio Masolivier Ródenas

En el último invierno de mi vida
he visto el sol, sus casas
blancas, sus calles de luz: vidrios
de mica y sal en el absorto mediodía
de lo ya vivido.
He visto el baile mío hecho de anillos
y a Lucía llorando con sus ojos belgas
suavemente estrábicos
que no saben amar, desbordados
por mi amor excesivo.
Y he visto las acequias
en el aire, los pétalos,
los caballos orinando
y llorando. He visto mi alma
en la capilla de la Virgen
que amé. En las calles
del sol, llenas de cruces.
Y yo estaba desnudo en la lluvia
pidiendo limosna, olvidando
las palabras, adivinando
esta cruz en el pecho
que me ahoga.
Soy el ciego en el sol,
en su luz que ilumina y enciende
las calles de Masnou, la casa
oscura, las flores amarillas,
la alacena y la carbonera.
Y al morir sólo quedan los recuerdos
como un sol encendido
o las puertas abiertas
de una casa vacía.

© J.M.
from: unpublished
Audio production: 2005, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

[Im letzten Winter meines Lebens]

alemão

Im letzten Winter meines Lebens
sah ich die Sonne, ihre weißen
Häuser, ihre Straßen aus Licht: Fenster
aus Glimmer und Salz im versunkenen Mittag
des schon Gelebten.
Ich sah meinen Tanz aus Ringen
und Lucia wie sie weinte mit ihren belgischen Augen
die sanft schielen
und nicht wissen, wie man liebt, überschwemmt
von meiner maßlosen Liebe.
Und ich sah Wassergräben
in der Luft, Blütenblätter,
Pferde, die urinierten
und weinten. Ich sah meine Seele
in der Kapelle der Heiligen Jungfrau
die ich einst liebte. In den Straßen
der Sonne, voller Kreuze.
Und ich stand nackt im Regen
als Bettler, vergaß
die Wörter, erahnte
dieses Kreuz in der Brust
das mich erstickt.
Ich bin der Blinde in der Sonne
in ihrem Licht, das die Straßen von Masnou
erleuchtet und entflammt, das dunkle
Haus, die gelben Blumen
die Speisekammer und den Kohlekeller.
Und im Augenblick des Sterbens bleiben nur Erinnerungen
wie eine entflammte Sonne
oder die offenen Türen
eines leeren Hauses.

aus dem Spanischen übersetzt von Odile Kennel

[des mots à tresser en paroles]

francês | Tanella Boni

des mots à tresser en paroles
afin qu’ils serpentent
la carte du Temps
empruntent murmures
et feuilles mortes
humus de la terre
à deux ou trois voix
qui chantent en aparté
dans une famille où
l’entrebâillement de la porte
fait monter de colère
les paroles de patience
des tripes aux mille résonances
passages rêvés
vers une nouvelle résidence

© L ‘Harmattan
from: Chaque jour l’espérance
Paris: L ‘Harmattan, 2002
Audio production: 2002, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

[Wörter zu Worten flechten]

alemão

Wörter zu Worten flechten
damit sie sich schlängeln
auf der Karte der Zeit
sich ein Raunen borgen
und welkes Laub
Humus der Erde
zu zwei oder drei Stimmen
diskreter Gesang
in einer Familie wo
die halboffene Tür
geduldige Worte
aufsteigen lässt vor Wut
aus dem Bauch mit tausendfachem Hall
geträumter Übergang
zu einer neuen Bleibe.

Übersetzung aus dem Französischen: Odile Kennel

[Como dos ríos paralelos]

espanhol | Juan Antonio Masolivier Ródenas

Como dos ríos paralelos
con sus barcas paralelas
entre árboles de perfil
con ojos que no ven
el agua
sino que la navegan.

© J.M.
from: unpublished
Audio production: 2005, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

[Wie zwei parallele Flüsse]

alemão

Wie zwei parallele Flüsse
mit ihren parallelen Schiffen
zwischen den Umrissen von Bäumen
mit Augen, die das Wasser
nicht sehen
sondern es befahren.

aus dem Spanischen übersetzt von Odile Kennel

[Ce n'est pas ton coeur]

francês | Siham Bouhlal


Ce n’est pas ton cœur
Que je cherche
Je voudrais emprunter
Le chemin de ton âme

from: Poèmes bleus
Saint-Benoît-Du-Sault: éditions Tarabuste, 2005
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

[Nicht dein Herz]

alemão


Nicht dein Herz
Suche ich
Ich möchte den Weg
Deiner Seele einschlagen

Übersetzung aus dem Französischen von Aurélie Maurin und Odile Kennel

[Alice voudrait]

francês | Florence Pazzottu

Alice voudrait que ça commence – elle pressent
Que rien ne peut arriver dans l'encombrement
De l'attente, mais elle ne sait pas comment faire
Pour ne pas attendre ; elle ignore comment ça
Sera quand ça aura commencé, quel goût ça aura
Quelles couleurs ; en attendant, elle fait semblant
D'apprendre, imite la patience, – connaître,
Ce serait comme un certain battement du sang
Dans les artères ? Alice ne peut trouver chez elle
La solitude ; quand ses heures sont libres, elle se mêle
Aux promeneurs, aux clients des cafés, scrutant
Les lèvres et les regards, guettant un signe : cela
Commencera-t-il un jour ? cela
                                                       commencera-t-il ?

from: la place du sujet
L'Amourier, 2007
ISBN: http://www.amourier.com
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

[Alice hätte gern]

alemão

Alice hätte gern, dass es losgeht – sie ahnt
Dass nichts geschehen kann, solang das Warten
Raum einnimmt, doch weiß sie nicht, wie man es
Anstellt, nicht zu warten; hat keine Ahnung, wie es
ist, wenn’s losgegangen ist, wie’s schmeckt,
in welcher Farbe; einstweilen tut sie so, als
Lerne sie, schaut sich Geduld ab, – wär kennen
So etwas wie ein bestimmter Puls des Bluts
In den Arterien? Bei ihr zuhause ist Einsamkeit
nicht möglich; in ihren freien Stunden mischt sie sich
Unter Spaziergänger, Besucher von Cafés, hängt
An den Lippen an den Blicken, lauert auf Zeichen: Wird’s
Eines Tages losgehen? Wird es
                                                     losgehen?

Übersetzung von Odile Kennel

LETTER FROM HAVANA

inglês | Keorapetse Kgositsile

A while back I said
with my little hand upon
the tapestry of memory and my loin
leaning on the blues to find voice:
If loving you is wrong
I do not want to do right

Now though I do not possess
A thousand thundering voices
like Mazisi kaMdabuli weKunene
nor Chris Abani’s mischievous courage
as I trace the shape of desire and longing
I wish I was a cartographer of dreams
but what I end up with is this stubborn question:
Should I love my heart more
because every time I miss you
that is where I find you

© Keorapetse Kgositsile
Audio production: LiteraturWERKstatt Berlin 2009

BRIEF AUS HAVANNA

alemão

Vor einiger Zeit hab ich gesagt –
den Stundenzeiger an dem Stoff
aus dem Erinnerungen sind, und ich
an den Blues gelehnt, um Worte ringend –
Wenn es falsch ist, dich zu lieben
will ich nicht Recht haben

Da ich aber weder tausend
donnernde Stimmen besitze
wie Mazisi kaMdabuli weKunene
noch Chris Abanis  schelmischen Mut,
wünschte ich, während ich Linien der Lust
und des Vermissens ziehe, ich wär der Kartograph der Träume,
doch am Ende bleibt nur die unbeirrbare Frage:
Sollte ich mein Herz mehr lieben?
Denn immer wenn ich dich vermisse
finde ich dich dort

Übersetzt von Odile Kennel

[je ne souffre]

francês | Siham Bouhlal

Je ne souffre qu’une
Main
Me touche
Mon être
Est pétri de la glaise
Qui t’a fait

from: Poèmes bleus
Saint-Benoît-Du-Sault: éditions Tarabuste, 2005
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

[ich ertrage nicht]

alemão


Ich ertrage nicht dass eine
Hand
Mich berührt
Mein Wesen
ist aus dem Lehm geknetet
Der dich erschuf

Übersetzung aus dem Französischen von Aurélie Maurin und Odile Kennel

[ici, une femme]

francês | Florence Pazzottu

ici,

une femme rit ou crie au secours puis elle danse avec l’homme qui la battait
tout à l’heure et recommence,

les pires injures sont des noms de code qui disent qu’on est frères et le verbe
traiter est un intransitif,

ici une mère hurle avance ou je te tue à l’enfant qui ne se hâte pas
mais elle se tourne et couvre le petit corps avec un soin précis
(...) car il fait un peu froid

from: la place du sujet
L'Amourier, 2007
ISBN: http://www.amourier.com
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

[hier lacht eine Frau]

alemão

hier

lacht eine Frau oder ruft um Hilfe, tanzt dann mit dem Mann, der sie vorhin noch schlug,
und fängt wieder von vorn an,

die schlimmsten Schimpfwörter sind Decknamen für eigentlich sind wir Brüder, und das
Verb wettern hat kein direktes Objekt,

hier brüllt eine Mutter, mach hinne oder ich kill dich, weil ihr Kind trödelt
dreht sich dann um, zieht dem kleinen Körper mit großer Sorgfalt was über
                                                                 (…) ‘s ist ja doch etwas kühl,

Übersetzung von Odile Kennel

[Dis-moi des mots]

francês | Siham Bouhlal

Dis-moi des mots
Plus légers
Que la caresse de brise

Dis-moi des mots
Plus profonds
Que le regard du cœur

Dis-moi des mots
Plus frais
Que rosée sur le sol

Dis-moi ces mots
Qui ont perdu leur sens
Dans mon âme

Dis-moi des mots
Qui prendraient les miens
Dans leur chute solitaire
Et qu’ils ne viennent se fracasser
Contre un abîme inconnu
Dis-moi ces mots là
Sans nulle promesse

Dis-moi des mots
Que je voie
Ton miroir réfléchir
Le son de mes soupirs
Que la poésie soit
En ma chair, en mon sang
Passion et joie

Dis-moi ces mots
Que mes lèvres
Sont venues inscrire
Dans le secret de tes songes

Ces mots gardés
Sur l’envers de tes paupières

from: Songes d'une nuit berbère ou la Tombe d'épines
Paris: édition Al Manar, 2007
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

[Finde Worte für mich]

alemão

Finde Worte für mich
Die leichter sind
Als der Hauch der Brise

Finde Worte für mich
Die tiefer sind
Als der Blick des Herzens

Finde Worte für mich
Die frischer sind
Als der Tau auf dem Grund

Finde die Worte für mich
Die ihren Sinn verloren haben
In meiner Seele

Finde Worte für mich
Die meine aufhalten mögen
In ihrem einsamen Sturz
So dass sie nicht zerschellen
Im unbekannten Abgrund
Finde Worte für mich
Ohne etwas zu versprechen

Finde Worte für mich
Damit dein Spiegel
Den Klang meiner Seufzer
Wiedergebe
Möge die Poesie
In meinem Körper sein, in meinem Blut
Leidenschaft und Freude

Finde die Worte für mich
Die meine Lippen
In das Geheimnis deiner Träume
Einschreiben

Die Worte die du aufbewahrst
Auf der Rückseite deiner Lider

Übersetzt aus dem Französischen von Aurélie Maurin und Odile Kennel

Villes sans eau

francês | Nicole Brossard

à l’heure des désirs brefs du matin
une goutte d’eau et sa lumière
plus tard pour contrer la poussière
il a fallu chercher l’herbe le buisson
une quelconque trace
du temps fluide et incliné à l’heure
qui assoiffe en nous le songe

© Nicole Brossard
Audio production: Union des écrivains et des écrivaines québécois

Städte ohne Wasser

alemão

zur Stunde der flüchtigen Wünsche des Morgens
ein Tropfen Wasser und sein Licht
gegen den Staub mussten wir später
Gras suchen, den Busch
irgendeine Spur
der flüssigen Zeit die sich neigt zur Stunde
die Durst weckt in unserem Traum

Übersetzung aus dem Französischen: Odile Kennel

Villes réellement

francês | Nicole Brossard

villes avec leurs vieilles piles de malheurs
vacillantes
entre mémoire et marées d’emportements virtuels
tellement
que noir et très gris de poussière et de cris font
dans ma bouche une érosion
de vie qui ne se partage pas

© Nicole Brossard
Audio production: Union des écrivains et des écrivaines québécois

Städte tatsächlich

alemão

Städte mit ihren alten Unglücksstapeln die
schwanken
zwischen Erinnerung und Fluten virtueller Wut
so sehr
dass schwarz und ganz grau von Staub und Geschrei in meinem
Mund eine Erosion
von Leben bewirken
die unteilbar ist

Übersetzung aus dem Französischen: Odile Kennel

Villes réellement

francês | Nicole Brossard

villes effleurées d’où tu regardes
les petits bras d’Isabelle Huppert
quand elle récite
les mots de Sarah Kane
villes effleurées où quelqu’un demande
parfois si ça soulage un incendie
ou peut-être aussi un tatouage

villes dans l’eau jusqu’à la ceinture
jusqu’à la destruction lente et molle du matin
ton sourire qui remonte à si loin
puis émerger sera
un verbe utile et strident

villes suspendues au-dessus des heures
avec leurs paupières de renaissance
leurs ficelles pour guérir
repoussant le chien le singe
dans les musées
frôlant paumes et poings pour camoufler
l’odeur de peur, l’instinct quotidien

villes du très grand Nord
où j’apprends à toucher  
la matière grise des bêtes
leur peau sur les comptoirs
à essuyer le sang sur mes mains   
pour saluer qui vient
de l’horizon turquoise des glaciers
avec une soif et un appétit qui font un lien
entre la tendresse et le froid

© Nicole Brossard
Audio production: Union des écrivains et des écrivaines québécois

Städte tatsächlich

alemão

Städte kaum berührt von wo aus du
Isabelle Hupperts zarte Arme betrachtest
wenn sie Sarah Kanes
Worte vorträgt
Städte kaum berührt wo manchmal jemand
fragt ob ein Brand Erleichterung schafft
oder vielleicht auch ein Tatoo

Städte bis zum Gürtel im Wasser
bis zur langsamen und schlaffen Zerschlagung des Morgens
dein Lächeln liegt so weit zurück
auftauchen wird schließlich
als Verb nützlich und schrill

Städte in der Schwebe über den Stunden
mit ihren Renaissance-Lidern
ihren heilenden Fäden
drängen Hund und Affe
ins Museum zurück
streifen flache Hand und Faust um den
Angstgeruch zu vertuschen, den alltäglichen Instinkt

Städte des sehr hohen Nordens
wo ich lerne die graue
Substanz der Tiere anzufassen
ihre Häute auf Ladentheken
mir das Blut von den Händen zu wischen
um die zu grüßen die vom Horizont
kommt türkis von den Gletschern
und mit ihrem Durst und Appetit Zärtlichkeit
und Kälte verknüpft

Übersetzung aus dem Französischen: Odile Kennel

Villes d’écho

francês | Nicole Brossard

villes avec le mot corail
pour observer par en dedans
l’ombre des veines

au galop avec l’écume et l’écho
des mots et mirages dans nos bouches
je voudrais revient
si souvent que d’ardeur
l’horizon tressaille
surprend en petites tendresses se répète
blessures à tout coup

© Nicole Brossard
Audio production: Union des écrivains et des écrivaines québécois

Städte aus Hall

alemão

Städte mit dem Wort Koralle
durch das sich der Schatten der Venen
von innen beobachten lässt

im Galopp mit der Gischt und dem Hall
der Worte und Wachträume in unserem Mund
ich würde gerne so oft
wiederholt dass vor Eifer
der Horizont erzittert
uns überrascht, sich in Zärtlichkeiten ergeht
Verletzung jedes Mal

Übersetzung aus dem Französischen: Odile Kennel

Villes avec une pensée qui revient

francês | Nicole Brossard

je m’enflamme parfois
à cause de la population
n’importe qui peut
désormais compter les cadavres
avec leurs noms ou sans leur visage
les nuits ou c’est trop noir
je m’enflamme au moins
dans une ville
parfois c’est deux la même nuit
et je ne souris pas

© Nicole Brossard
Audio production: Union des écrivains et des écrivaines québécois

Städte mit einem wiederkehrenden Gedanken

alemão

manchmal fange ich Feuer
wegen der Bevölkerung
jeder x-beliebige kann
fortan die Leichen zählen
mit ihren Namen oder ohne ihr Gesicht
in zu dunklen Nächten
fange ich Feuer zumindest
in einer Stadt
manchmal auch in zwei in derselben Nacht
und ich lächle nicht

Übersetzung aus dem Französischen: Odile Kennel

Villes avec un visage

francês | Nicole Brossard

tant d’idées reçues comme un gouffre
dans mes muscles
tout près on dit que c’est toi mais c’est nous
avec une pensée pour les ponts, les ghâts
les fleuves en temps de paix et de torture

une caresse sur le lobe de l’oreille
villes faites pour nous embrouiller l’âme
dans la beauté bleue du rêve

© Nicole Brossard
Audio production: Union des écrivains et des écrivaines québécois

Städte mit einem Gesicht

alemão

so viele Vorurteile wie eine Kluft
in meinen Muskeln
von Nahem meint man dass du es bist doch sind es wir
in Gedanken bei den Brücken, den Ghats
den Flüssen in Zeiten von Frieden und Folter
 
Liebkosung des Ohrläppchens
Städte nur gebaut, unsre Seele zu verschaukeln
mit der blauen Schönheit des Traums

Übersetzung aus dem Französischen: Odile Kennel

Villes avec leurs morts

francês | Nicole Brossard

pas de cimetières vraiment que des morts
des mots pour ne pas dire, pas prénoms, pas son nom
pas encore un malheur, petits pas qui glacent
à chaque année je marche dans une ville neuve
avec des mots, des os, des cheveux, des lunettes
je marche avec quelqu’un qui a écrit un livre
« puis s’en est allé sur la pointe des pieds »*
retrouver l’horizon le lendemain de l’horizon


*Anne Hébert

© Nicole Brossard
Audio production: Union des écrivains et des écrivaines québécois

Städte mit ihren Toten

alemão

nicht Friedhöfe, wirklich nur Tote
Worte die nichts sagen, nicht Vornamen, nicht ihren Namen
noch nicht ein Unglück, vor lauter Nicht erstarrt
jedes Jahr gehe ich durch eine neue Stadt
mit Worten, Knochen, Haaren, Brillen
gehe mit einer die ein Buch geschrieben
„und sich dann davongestohlen hat“ *
zurück zum Horizont, zum Tag nach dem Horizont


*Anne Hébert

Übersetzung aus dem Französischen: Odile Kennel

Villes avec leurs fous de dieu

francês | Nicole Brossard

cette fois-ci je compte les mains, les pieds,
les langues, les tuniques, les cailloux
les têtes, les barbes  
les calottes, les voiles, les châles,
je ne compte pas les vertiges
les ablutions les miracles
les coups de fouet,
dans les hauts parleurs
des dizaines de crachats de mots, un feu si grand
qu’il faut de l’eau sur le front, les pieds,
je compte les yeux, les doigts,   
je compte jusqu’à la poussière
je compte jusqu’à l’enfance

© Nicole Brossard
Audio production: Union des écrivains et des écrivaines québécois

Städte mit ihren Gottverrückten

alemão

diesmal zähle ich die Hände, die Füße,
die Sprachen, die Tuniken, die Steine
die Köpfe, die Bärte
die Scheitelkäppchen, Schleier, Schultertücher,
zähle nicht das Schwindelgefühl
die Waschungen die Wunder
die Peitschenhiebe,
in den Lautsprechern
duzende ausgespuckter Wörter, ein Feuer so groß
dass Wasser auf die Stirn muss, auf die Füße,
ich zähle die Augen, die Finger
ich zähle bis hin zum Staub
ich zähle bis hin zur Kindheit

Übersetzung aus dem Französischen: Odile Kennel

The River

inglês | Phillippa Yaa de Villiers

One day the Hillbrow Tower started to cry.
Real tears poured down its sides
collected in the gutters,
and ran down Banket Street,
and when
the other buildings saw the tower's sadness
they started to weep in sympathy.
Soon the whole city was sobbing,
the tears joined other tears
and filled the depressions and valleys.
They covered the koppies,
and collected in City Deep,
cascading over Gold Reef City
flooding Fordsburg
and soaking Soweto.
They flowed until they became a river
that carried us into the night,
where our dreams grew
taller than buildings
taller than buildings

© Phillippa Yaa de Villiers
from: Taller than buildings
Cape Town: Center for the book, 2006
Audio production: LiteraturWERKstatt Berlin 2009

Der Fluss

alemão

Eines Tages begann der Hillbrow Tower zu weinen.
Tatsächlich rannen Tränen an ihm herab
sammelten sich in den Rinnsteinen
strömten Banket Street hinunter
und als
die anderen Gebäude seine Trauer sahen
weinten sie mit ihm aus Sympathie.
Bald schluchzte die ganze Stadt
Tränen vermischten sich mit Tränen
und füllten Senken und Täler
bedeckten kleine Berge
sammelten sich in City Deep
ergossen sich über Gold Reef City
fluteten Fordburg
und überschwemmten Soweto.
Sie schwollen an zu einem Fluss
der uns mitnahm in die Nacht
wo unsere Träume wuchsen
höher als ein Turm
höher als ein Turm.

Übersetzt von Odile Kennel

The rain children

inglês | Phillippa Yaa de Villiers

They permeate, the poor, their eyes and knees
as thin as rain, these children staring,
as democracy parades through the streets.

Glue substitutes for blankets and teats,
the streetmother grey concrete skirt uncaring:
they permeate, the poor, their eyes and knees

and hands reproach, demand, confront, entreat:
tightly walleted, my conscience, and unsparing
as democracy parades through the streets.

Rain fills my well-fed stomach. All my feats
are washed away with soul’s comparing:
they permeate, the poor, their eyes and knees

as cold as sorrow. Presidents decree
but rain soaks paper promises, tearing,
as democracy parades through the streets.

Like driving drops or drizzle, paring
warmth from skin, dissolving, wearing:
they permeate, the poor, their eyes and knees,
as democracy parades through the streets

© Phillippa Yaa de Villiers
from: Taller than buildings
Cape Town: Center for the book, 2006
Audio production: LiteraturWERKstatt Berlin 2009

Regenkinder

alemão

Breitet sich aus, die Armut, Augen, Knie
wie Regenfäden dünn, die Kinder starren still
und in den Straßen marschiert – Demokratie.

Klebstoff gibt’s, statt Decken und Milch, Mutter
Straße im grauen Kittel aus Asphalt sorgt nicht für sie:
breitet sich aus, die Armut, Augen, Knie

und Hände klagen an, fordern, konfrontieren, flehen:
doch mein Gewissen steckt fest im Portemonnaie, gibt lieber nie,
und in den Straßen marschiert – Demokratie.

Der Regen dringt in meinen wohlgenährten Magen. Wie wegwischt
sind meine Tricks, wenn ich nur hinseh:
breitet sich aus, die Armut, Augen, Knie

sind kalt wie Elend. Gesetze auf Papier
weichen im Regen auf, es gab sie nie
und in den Straßen marschiert – Demokratie.

Treibende Tropfen, Nieselregen, kühlt
Haut aus, durchweicht, nutzt ab:
Breitet sich aus, die Armut, Augen, Knie
und in den Straßen marschiert – Demokratie.

Übersetzt von Odile Kennel

Tea for Thabo

inglês | Phillippa Yaa de Villiers

I invited our president to tea. I said:
“I have issues with your take on identity
so bring your kneepads, it's going to be a bumpy ride."

He arrives in a shiny 2002 Rhetoric with
white leather seats. Metaphoric:
a motor car’s now equivalent to black pride

But pride lies in acacia shade,
flicking flies, watching you with its yellow hunter’s eyes.
Pride is too wild to be racial.

His silence is a contest: who will win?
Usually not the person who begins.

I say Thabo, or should I say Mr M:
you have bartered the freedom charter for a full house BM,
and the
corolla-ry to this theory,
to be or not to be a Z-3.
And the people? we cream our
fongkong  jeans, zama zama
thatha ma chance,
but who’s taking?
Who’s chancing?

He says: “the way forward is to level the playing field
to wield the consumer power.
Let’s face it, at the end of the day,
to be black is to have suffered,
cash is the salve for the nation.
So don’t come with your half-baked theories of liberation.”

Aye ye...I feel the labour coming on:
my Volvo! Au-di!!!!
The waters have broken the damn wall,
the have-nots are flooding the metropole,
contractions coming four by four!
And you’re so Anglo Saxon
reaching for the klaxon
calling cops,
locking doors,
red ants  crawling over
the repossessed possessions of the
dispossessed.
 
Too late!
Congratulations!

You’re the father of a healthy brothel nation.
Uncle America will come over her,
Auntie Europe will knit her into a nice fleecy trade policy
And she looks just like you
(except for the car)
Aunt Asia who used to be so far
Now owns the corner, trash piled like a scar.

Leaders defend us, doesn’t matter who you are,
some leaders are Mercedes, and some are Jaguar.
I didn’t fight to be freed,
to give you a license for greed.
 
He turns on me with a sudden speed:
you whites get so cross when we blacks succeed
why don’t you just bloody well go back
to where your ancestors come from?

Aha! Now I’m white!
My race is now a slur
but the line is blurred for I…

I am the product of three centuries of cross-border shopping,
horse trading, cattle thieving, dipping into gene pools,
swopping stories, swopping schools,
highland fling, ashante.
You can try to shut the stable door,
call back the galloping incidents of past deals and schpiels
they disappear into dust,
we sit in the ashes of our history,
ready to make our contribution.
Life is our inheritance.
Speaking out, our retribution.

I can’t look back to a time when everything was perfect.
I can only look forward to a time when everything will be
perfect.

A silence becomes uncomfortable after the third beat:
so much for dialogue with the elite.
He clears his throat and departs.
Well, you can’t end a conversation that never really starts.

I look out of the window at the sunset.
Jo'burg hospital, the black line of the incinerator chimney
exhaling burnt blood and dressings into the smouldering sky.

I drink my tea alone and read the leaves.

Perfect.
Perfect is the puzzle,
the piece that never fits.
a book without binding
a story never finding
never winding down.

Peace.

© Phillippa Yaa de Villiers
from: Taller than buildings
Cape Town: Center for the book, 2006
Audio production: LiteraturWERKstatt Berlin 2009

Tee für Thabo

alemão

Ich lud unsern Präsidenten zum Tee ein. Sagte:
„Ich hab 'n Problem mit deiner Idee von Identität,
also vergess deine Knieschützer nicht, 's wird 'ne holprige Fahrt.

Er kommt an in 'nem blitzblanken 2002er Rhetoric mit
weißen Ledersitzen. Es ist nicht übertrieben:
Von Black Pride ist nicht mehr als ein Wagen geblieben.

Doch Pride fängt im Schatten unter Akazien
Fliegen im Liegen und schaut dich mit gelben Jägeraugen an.
Pride ist zu wild, einer Rasse anzugehörn.

Thabo schweigt, kleiner Wettstreit: wer gewinnt?
Selten die Person, die beginnt.

Thabo, sage ich, oder besser: Mr. M.?
Du hast die Freiheitscharta für 'nen BMW „Grand Prix”
verspielt, und was ist das Korollar
zu dieser Theorie?
Ein BMW Z3, warum auch sparen.
Und die Leute? Fahren
auf Fake-Marken ab, ein Platz an der Sonne,
wer wagt, gewinnt,
doch wer wagt was?
und wer gewinnt?

Er sagt: „Wir kommen nur weiter, wenn wir die Macht
der Konsumenten stärken.
Seien wir ehrlich: Schwarz ist
Synonym für Hohn,
Cash ist die Rettung der Nation.
Also bleib mir vom Hals mit deiner Befreiungstheorie."
Gewusst wie! … Ich merk schon, gleich geht die Entbindung los:
mein Volvo! Au-di!!!!
Schon reißt der Damm, verdammt,
die Hauptstadt überschwemmt von Habenichtsen,
die Wehen haben Vierrad-Antrieb!
Was bist du ach so angelsächsisch,
wenn du auf die Hupe drückst
die Bullen rufst,
die Tür verrammelst,
rote Ameisen , mehr und mehr,
fall'n über den beschlagnahmten
Besitz der Besitzlosen her.

Zu spät!
Glückwunsch!

Du bist Vater einer gesunden und munteren Bordellnation.
Onkel Amerika wird sie überkommen,
Tantchen Europa aus ihr eine schöne weiche Handelspolitik stricken,
sie sieht dir so etwas von ähnlich
(mit Ausnahme des Wagens),
Tante Asien, die immer so weit weg war,
hat auch was abbekommen vom Idyll, wie eine Narbe stapelt sich der Müll.

Die Mächtigen verteidigen uns, ganz egal wer du bist,
Mercedes heißen sie, oder Jaguar.
Ich war nicht Aktivistin, damit andre mich befrein,
und du dich bedienen kannst ohne Gefahr.

Er dreht sich blitzschnell zu mir um:
Hat ein Schwarzer mal Erfolg, seid ihr Weißen gleich angepisst,
geh doch verdammt noch mal zurück,
wo deine Sippschaft hergekommen ist!

Hört hört! Jetzt bin ich also weiß!
Wirft der mir meine Herkunft vor,
bitte sehr, viel Spaß dabei, denn ...

... in mir treffen sich dreihundert Jahre grenzüberschreitender Markt:
Das war vielleicht ein Pferdehandel, Herdenklau, in Genpools
haben sie gestippt, Geschichten ausgetauscht, Schul-Hopping gab’s,
Hochland-Getechtel, Ashanti.
Viel Spaß bei dem Versuch, die Tür zum Stall zu schließen,
Geschichte im Galopp, die pfeift man nicht zurück, am Horizont der Staub
vergangener Deals und schpiels
wir sitzen auf dem Schutt unserer Vergangenheit,
jetzt mischen wir uns ein.
Wir haben eins geerbt: das Leben.
Vergeltung heißt für uns, unsere Stimme zu erheben.

Für mich gibt's keine früher-war-alles-besser-Zeit.
Ich freu mich nur, wenn ich irgendwann sagen kann:
alles bestens, all right.

Nach dem dritten Takt wird Schweigen peinlich:
soviel zum Dialog mit der Elite.
Er räuspert sich und fährt davon.
Nun ja, ein nie begonnenes Gespräch kann man auch nicht beenden.

Ich schau aus dem Fenster in den Sonnenuntergang.
Jo'burg Krankenhaus, das Krematorium, die schwarze Linie des Kamins
verbranntes Blut, verbrannte Kleider, Rauch steigt auf, der Himmel: Glut.

Ich trink meinen Tee allein und les in den Teeblättern Zukunft.

Bestens.
Bestens ist das Puzzle-
stück, das nirgends passt.
Das Buch, das nicht verfasst.
die Geschichte ohne Ende,
ohne Rast.

Peace.

Übersetzt von Odile Kennel

Solitude 73

francês | Fiston Mwanza Mujilla

Nervosité de chien (?)
Et je revendique ma léprosité
Et je revendique mon droit de vomir
Et je revendique mes origines russes
Et  je revendique les extraits de mon corps
De mon corps démembré
Comme il était au commencement…

© Fiston Mwanza Mujilla
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2011

Einsamkeit 73

alemão

Hundeunruhe (?)
Und ich erhebe Anspruch auf meinen Zerfall
Und ich erhebe Anspruch auf mein Recht, mich zu übergeben
Und ich erhebe Anspruch auf meine russische Herkunft
Und ich erhebe Anspruch auf die Ausschnitte meines Körpers
Meines zerstückelten Körpers
Wie er am Anfang war …

Übersetzung von Odile Kennel

Solitude 71

francês | Fiston Mwanza Mujilla

Nervosité de chien (?)  
Le fleuve Congo s'ennuie à longueur de journée
Il pleurniche sans savoir pourquoi trop
Il pleurniche depuis Babel, depuis "ya" Noé et son déluge
Depuis le prophète Ezéchiel, depuis la sœur Abigaël...
Sa morve décrit une longévité absurde...

© Fiston Mwanza Mujilla
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2011

Einsamkeit 71

alemão

Hundeunruhe (?)  
Der Fluss Kongo langweilt sich den ganzen Tag
Er greint und weiß nicht so recht warum
Er greint seit Babel, seit „ya“ Noah und seiner Sintflut
Seit dem Prophet Ezechiel, der Schwester Abigail …
Sein Rotz beschreibt eine absurde Langlebigkeit …

Übersetzung von Odile Kennel

Solitude 64 ou la nausée précède l’essence…

francês | Fiston Mwanza Mujilla

Je suis enceinte depuis 17 ans, 36 mois et 2 jours.
Je fais l’amour avec le ciel. J’attends un mioche du
ciel. L’enfant qui sortira de mon ventre ou le fleuve
qui naîtra de mes tripes ou l’enfant-fleuve que
crachera mon corps-saligaud viendra avec sa viande
remplir mes longues nuits d’insomnie… Il répondra au
nom de «Mayi wetu mayi». Je pourrais alors me targuer
(à qui veut l’entendre) d’être le père et la mère de
cette progéniture-floue, de cette progéniture-
scolopendre, de cette progéniture-crevaison et
inutilement grotesque.

© Fiston Mwanza Mujilla

Einsamkeit 64 oder der Ekel kommt vor der Essenz …

alemão

Ich bin schwanger seit 17 Jahren, 36 Monaten und 2 Tagen.
Ich schlafe mit dem Himmel. Ich erwarte ein Balg vom Himmel.
Das Kind, das aus meinem Bauch kommt oder der Fluss
der meinen Eingeweiden entspringt oder das Fluss-Kind,
das mein Drecks-Körper ausspuckt, wird mit seinem Fleisch
meine langen, schlaflosen Nächte ausfüllen … Es wird auf den
Namen „Mayi wetu mayi“ hören. Und ich werde mich brüsten können
(vor dem, der es hören will), Vater und Mutter
dieses Sumpf-Sprösslings zu sein, dieses Vielfüßer-Sprösslings,
dieses unnötig grotesken Pannen-Sprösslings.

Übersetzung von Odile Kennel

Solitude 61

francês | Fiston Mwanza Mujilla

Dans mon ventre se convulse un fleuve,  bougre et fainéant, sale et
immense, lugubre et vilain, un fleuve en état (avancé) de dysenterie...

© Fiston Mwanza Mujilla
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2011

Einsamkeit 61

alemão

In meinem Bauch windet sich ein Fluss, plump und träge,
dreckig und gewaltig, düster und abstoßend, ein Fluss in
(fortgeschrittenem) Stadium der Ruhr.

Übersetzung von Odile Kennel

Solitude 57, die Poesie der Verzweiflung ou les
vociférations d’un corps vide…

francês | Fiston Mwanza Mujilla

…je cherche les débris de mon corps étendus sur les
plages du désespoir,  jambe gauche n’existant que sur
papier, ventre et bas-ventre à l’emporte-pièce, mains
puant la marchandise et mes aboiements n’arrivant
même pas aux chevilles de ce ciel privé
d’électricité, c’est-à-dire que je triche la vie qui
me tient en tenailles au niveau des mâchoires, c’est-
à-dire que je sers de déco à mon destin en sac-
poubelle, destin-batracien, destin-kipelekese,

destin-tchanga medesu…

…peut-être qu'il me faille (dans l’espoir d’un
quelconque salut) geindre et geindre en ré-mineur
telle la dernière chèvre de ma grand-mère: beum,
beum, beum...  

…et dire qu'il n'y a point d'euthanasie pour les
récalcitrants et ivrognes de mon espèce! et dire
qu'il n'y aura point deux déluges successifs pour
m'emporter dans ma bave !, cela revient à dire que
«ya» noé ne viendra pas deux fois, qu'on ne fera plus
entrer dans l'arche sept couples de tous les animaux
purs, le mâle et la femelle, cela revient à dire que
les eaux du fleuve Congo, «ebale ezanga mokuwa», ne
viendront plus lécher nos désirs de luxure et autres
débauches dans les nuits étoilées de quartiers chauds
de kinshasa et d’amsterdam…

…et entretemps, sans dieux et sans animal de
compagnie, dépourvu du sel de la vie, mon corps-
scolopendre traîne à même les plages du désespoir, en
quatrième de couverture, une douzaine de mes propres
dents arrachées de force par des lémures et autres
charognards de ce ciel privé de mazout…

…il me reste qu'à bêler telle tshela, la dernière
chèvre de ma grand-mère julienne mua mwanza, telle
tshela en mezzo-soprano: beum, beum, beum...  

© Fiston Mwanza Mujilla
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2011

Einsamkeit 57, die Poesie der Verzweiflung
oder das Keifen eines leeren Körpers …

alemão

… ich suche die Überreste meines Körpers, sie liegen an den Stränden der Verzweiflung, das
linke Bein existiert nur auf dem Papier, Bauch und Unterbauch ausgestanzt, die Hände stinken
nach Ware und mein Bellen reicht nicht einmal bis an die Knöchel dieses seiner Elektrizität
beraubten Himmels, das heißt, ich schummle das Leben, das mich auf Höhe des Gebisses in
die Zange nimmt, das heißt, ich diene meinem Müllbeutel-Schicksal als Deko, meinem
Amphibien-Schicksal, Kipelekese-Schicksal,
Tchanga medesu-Schicksal …

… vielleicht sollte ich (in der Hoffnung auf Rettung irgendeiner Art) jammern und jammern
in d-Moll wie die letzte Ziege meiner Großmutter :
beum, beum, beum …

… wenn man bedenkt, dass es keine Hilfe beim Sterben gibt für Trotzköpfe und
Trunkenbolde meiner Art! wenn man bedenkt, dass es keine zwei Sintfluten hintereinander
geben wird, die mich in meinem Speichel mit sich reißen!, will heißen, „ya“ Noah wird nicht
zweimal kommen, man wird keine sieben Paare aller reinen Tiere, Männlein und Weiblein, in
die Arche mehr einlassen, will heißen, das Wasser des Flusses Kongo, „ebale ezanga
mokuwa“, wird nicht mehr an unserem Verlangen nach Wollust oder an anderen
Ausschweifungen lecken in den sternenreichen Nächten der Rotlichtviertel von Kinshasa und
Amsterdam …

… und bis dahin, ohne Götter und ohne Haustier, das Salz des Lebens entbehrend, treibt sich
mein Vielfüßer-Körper an den Stränden der Verzweiflung herum, auf Buchrücken, ein
Dutzend meiner eigenen Zähne mit Gewalt herausgerissen von Lemuren und anderen
Aasfressern dieses seines Heizöls beraubten Himmels …

… mir bleibt nur zu meckern wie Tshela, die letzte Ziege meiner Großmutter Julienne Mua
Mwanza, wie Tshela im Mezzosopran: beum, beum, beum ...  


Übersetzung von Odile Kennel

Solitude 52

francês | Fiston Mwanza Mujilla

Nervosité de chien (?)
Et la farce qui dégèle
Entre deux rictus
Je bazarde mon corps au premier venu
En arrière plan de ce ciel qui dégaine sa bave
Enfin bref, je m’en vais aboyer avec les chiens
L’instant de l’éclipse solaire de Katako-Kombe II

© Fiston Mwanza Mujilla
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2011

Einsamkeit 52

alemão

Hundeunruhe (?)
Und der Scherz, der auftaut
Zwischen zwei Grimassen
Ich verhökere meinen Körper an den Erstbesten
Im Hintergrund dieses Himmels, der seine Spucke zückt
Kurz gesagt, ich gehe mit den Hunden den Augenblick
Der Sonnenfinsternis anbellen von Katako-Kombe II

Übersetzung von Odile Kennel

Solitude 25

francês | Fiston Mwanza Mujilla

Deux meurtres en deux jours...

© Fiston Mwanza Mujilla
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2011

Einsamkeit 25

alemão

Zwei Morde in zwei Tagen …

Übersetzung von Odile Kennel

Sex Machine

inglês | Babangoni wawa Chisale

She was the woman human being
She is the woman sex machine

She is Rita, heater, the hottest, with powerful legs no mind showing them
She is the funky honey in the winter’s drought
She is the spring & breeze where sexually heated men cools down in their ordeal
She is the Mount pleasant, where the bitterness of disappointed, sweetened with honey
dripping lips.

She was the woman human being
She is the woman sexy machine.

© Babangoni wawa Chisale
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2009

Sex machine

alemão

Sie war 'ne Frau,  'n Mensch
Sie ist 'ne Frau,  'ne sex machine

Heißt Rita, heizt uns ein, heißeste Braut, mit mächtigen Beinen, die sie gern zeigt
Ist ein echt schräges Goldstück in der Dürre des Winters
Sie ist Frühling & Brise, bringt Abkühlung für sexuell erhitzte Männer in Not
Sie ist ein Mount Wohltat, versüßt die Bitterkeit der Enttäuschten mit honigtropfenden Lippen

Sie war 'ne Frau,  'n Mensch
Sie ist 'ne Frau,  'ne sexy machine

Übersetzt von Odile Kennel

Sempre o exílio

português | Ricardo Domeneck

a Roberto Borges


a.

              surpreso a quanta terra
              não me pertence, que
              engraçado descobrir (mais
              uma vez) que trocar de país
              não significa trocar de corpo
              e a mudança
              de língua
              é acompanhada pela permanência
da produção da
mesma saliva.

b.

              esta ilegalidade do meu corpo
desaloja-me a comida no
estômago
que permanece em ângulo
suspeito, a boca
arqueia-se, tesa –
e o barbante frouxo dos braços
a nenhum peito estreita-me,
esta pele estrangeira,
este cheiro novo.

c.

              a certeza finalmente
              de que a mão é incapaz
              da linha reta,
os ouvidos mais atentos,
as pontas dos dedos
mais ativas, despertas,
os ombros caídos, menos
por cansaço que por pesos
acumulados ao longo
de outros sonos;
quando as noções
de segurança
e cidadania
desaparecem e resta-nos
a condição.

© Editora Bem-Te-Vi
from: Carta aos anfíbios
Rio de Janeiro: Editora Bem-Te-Vi, 2005
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2008

Immerzu Exil

alemão

für Roberto Borges

a.

Überrascht wie viel von der Welt
mir nicht gehört, wie
komisch (wieder
einmal) zu entdecken, dass neues Land
nicht neuer Körper heißt
und Sprach-
wechsel
begleitet wird von der andauernden
Produktion des
gleichen Speichels.

b.

die Illegalität meines Körpers
treibt mir das Essen aus dem
Magen
der in einem verdächtigen
Winkel verharrt, der Mund
wölbt sich, spannt –
und der schlaffe Faden der Arme
an keinem Rumpf beengt mich
die fremde Haut
der neue Geruch.

c.

die Gewissheit schließlich
dass die Hand unfähig ist
eine gerade Linie zu ziehen
die Ohren geschärft
die Fingerspitzen
rastlos, wach,
die Schultern hängend, weniger
vor Erschöpfung, als von der im Laufe
anderer Müdigkeiten
angesammelten Last;
wenn Sicherheit
und Bürgerrechte
unvorstellbar
sind bleibt
ein Zustand.

Übersetzt von Odile Kennel

SANTAMARIA

inglês | Keorapetse Kgositsile

Is where the vowels dream
in a name among consonants
chasing the crevices of sound
in a ritual longer than the distance
between the shores of the ocean
which cannot expose its hideous memories

Refusing to be blinded by sea water
Mongo is not from the Congo
but on conga or any drum
Mongo gathers all our memories
like the crop of an abundant harvest
from the oracle of his palms
and commands them to the bidding
of the polyrhythmic dance of life

He whose hands speak
a people's ethos on skin and wood
sagging with memory and resolve
is a sacrifice like the son

Poet, what words couId have
the eloquence of his hands at work or play
to nourish your life

© Keorapetse Kgositsile
from: This way I salute you
Cape Town: Kwela Books, 2004
Audio production: LiteraturWERKstatt Berlin 2009

Santamaría

alemão

Ist wo Vokale träumen in einem
Namen inmitten von Konsonanten
nachjagen der Spalte im Klang
in einem Ritual, das länger währt als die Fahrt
zwischen den Küsten einen Ozeans
der seine schrecklichen Erinnerungen nicht offenbaren kann

Lässt sich vom Seewasser nicht blenden
Mongo stammt nicht aus Kongo
steht auf Conga, auf Trommeln jeder Art
Mongo liest deine Erinnerungen auf
vom Orakel seiner Handflächen
wie die Frucht einer üppigen Ernte
und befiehlt sie zum polyrhythmischen
Lebenstanz, seinem Gebot

Er dessen Hände erzählen
von eines Volkes Ethos über Haut und Holz
das sich biegt vor Erinnerung und Entschlossenheit
ist eine Opfergabe wie der Sohn

Dichter, welche Worte können schon
so beredt sein wie seine Hände bei Arbeit oder Spiel
dein Leben zu nähren

Übersetzung aus dem Englischen: Odile Kennel

POUR DENIS

francês | Hélène Monette

Quand bien même tout ce qui est dans le paysage t’appartenait
quand bien même il y aurait un piano dans ton canot
quand bien même je serais sourde
il y aura le partage de ce que vieillir aura coulé de corsé
dans nos mots timides
il y aura ce café
comme un ruban de chapeau perdu
il y aura un ronronnement continu
le bruits de nos voix, attributs pacifiques
nos rêves cent fois envolés, nos rituels gauches
il y aura sans répit les demi-certitudes
les liens légers
quelques décorations de guerre à ne pas montrer
quand bien même on aurait une discussion mémorable
à propos de l’oubli
pour ou contre le fugace
qu’importe l’aléatoire
quand bien même tout ce qui est sur la table m’hallucinait
quand bien même mon âme irait au drame
pendant que tu te charpentes des rires du sud au nord
il y aura des moments
où le temps nous bousculera
bien peu sur quoi compter

il y aura ce partage d’on ne sait quoi
il y aura ce café on ne sait où
peut-être

à tout le moins
des regards fascinés de vieux
étalés dans le ciel

des regards sereins, oui
peut-être
à chacun son cheval dans le nuage qui vient

© Hélène Monette
Audio production: UNEQ

Für Denis

alemão

Selbst wenn in dieser Landschaft einst alles dir gehörte
selbst wenn es ein Klavier in deinem Kanu gäbe
selbst wenn ich taub wäre –
wir werden teilen was das Älterwerden an Starkem gebraut hat
in unseren schüchternen Worten
es wird dieses Café geben
gleich einem verlorenen Hutband
ein unablässiges Schnurren
das Geräusch unserer Stimmen, friedliche Eigenheiten
unsere hundertfach verflogenen Träume, ungeschickte Rituale
es wird stets halbe Gewissheiten geben
lose Bindungen
verborgen gehaltener Kriegsschmuck
selbst wenn wir eine denkwürdige Diskussion führten
über das Vergessen
für oder gegen das Vergängliche
was bedeutet schon das Zufällige
selbst wenn ich von allem auf dem Tisch einmal besessen war
selbst wenn meine Seele sich vom Drama angezogen fühlte
während du dir Gelächter von Süden nach Norden zimmerst –
es wird Augenblicke geben
in denen die Zeit uns drängt
nur Weniges, auf das wir zählen können

wir werden – was auch immer – teilen
es wird – irgendwo – dieses Café geben
vielleicht

auf jeden Fall aber
die faszinierten Blicke der Alten
die über den Himmel verteilt sind

heitere Blicke, ja
vielleicht
jedem sein Pferd in der kommenden Wolke

Übersetzung aus dem kanadischen Französisch: Odile Kennel

Pieds nus,
Pieds à vue

francês | Nina Kibuanda

Pieds nus,
Pieds à vue
Je suis un art............triste

Pensée floue
Pensée à vue
Songe et malaise
Songe et rêves perdus
Telle est ma vie

C.A.F caf pas de taf
Attente, faim
RMI, rien de grave

La vie d'artiste
C'est ce que je voulais
Et j'ai dit
« Je suis un art.........triste »

Désespoir et réconfort
Vivre seul
J'aurais tort
Car mes pieds sont nus
Car mes pieds sont à vue

Vivre seul
J'aurais tort
Car ma vie n'est pas triste

Paume de charbon
Tendon d'Achille
Visage sombre
Noir au fond

Je vis dare-dare
Et pars quand
Mes pieds m'enchantent

Pieds nus
Pieds à vue
Je suis un art...........triste

J'ai beau crier
J'ai beau leur dire,
Mais ils voient en moi
Un rappeur raté
Et me disent que
« C'est mon talon d'Achille »

Je leur ai dit
Allez cessons
Parler de
Mes mots
Des mots
Tes mots
Nos mots
Parler de
Ma dernière lune

Et leur ai dit

Que nous reviendrons
Et nous ferons
Clac! Clac! Clac!

Que nous reviendrons
Et nous ferons
Clac! Clac! Clac!

Ils m'ont dit
Que j'avais tort
Trop tard

Que j'avais
Plus d'encre
Dans ma plume

Car mes pieds sont nus
Car mes pieds sont à vue

Et qu'enfin bref
Tant pis pour moi
Si je voulais
Un rester un art............triste

Tant pis pour moi
Pour eux le slam
Est un art.............triste

© Nina Kibuanda
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

Barer Fuß,
Sichtbarer Fuß

alemão

Barer Fuß
Sichtbarer Fuß
Ich bin ein elender … Künstler

Vage Gedanken
Sichtbare Gedanken
Nachdenken und Unwohlsein
Nachdenken und verlorene Träume
Das ist mein Leben

Sozialamt und nix mit Maloche
Warten, Hunger
Sozialhilfe, ist ja nicht schlimm

Das Künstlerleben
Ist was ich wollte
Und ich hab gesagt
Ich bin ein elender … Künstler

Verzweiflung und Trost
Allein leben
Warum sollte ich das
Denn meine Füße sind bar
Meine Füße sind sichtbar

Allein leben
Warum sollte ich das
Denn mein Leben ist nicht elend

Kohlenstaubige Handfläche
Achillessehne
Düsteres Gesicht
Im Grunde schwarz

Ich leb auf dem Sprung
Und geh, sobald
Meine Füße mich verzaubern

Barer Fuß
Sichtbarer Fuß
Ich bin ein elender … Künstler

Da kann ich noch so schrein
Noch so beteuern
Sie sehn in mir nur
Den verfehlten Rapper
Und behaupten
Dies sei meine Achillessehne

Ich hab zu ihnen gesagt
Schluss jetzt
Von meinen
Worten sprechen
Den Worten
Deinen Worten
Unseren Worten
Sprechen von
Meinem letzten Mond

Und ich hab zu ihnen gesagt

Wir kommen zurück
Mit einem
Klack! Klack! Klack!

Wir kommen zurück
Mit einem
Klack! Klack! Klack!

Sie haben erwidert
Dass ich das besser nicht tun sollte
Zu spät

Dass ich keine
Tinte mehr in meiner
Feder hätte

Denn meine Füße sind bar
Meine Füße sind sichtbar

und auch dass, nun ja
ich selbst schuld sei,
wenn ich ein elender …
Künstler bleiben wollte

Selbst Schuld
Für sie ist Slam eine
Elende … Kunst

Übertragung aus dem Französischen Odile Kennel

o que passou pela cabeça do violinista em que
a morte acentuou a palidez ao despenhar-se com
sua cabeleira negra & seu stradivárius no
grande desastre aéreo de ontem

português | Angélica Freitas



mi
eu penso em béla bartók
eu penso em rita lee
eu penso no stradivárius
e nos vários empregos
que tive
pra chegar aqui
e agora a turbina falha
e agora a cabine se parte em duas
e agora as tralhas todas caem dos compartimentos
e eu despenco junto
lindo e pálido minha cabeleira negra
meu violino contra o peito
o sujeito ali da frente reza
eu só penso


mi
eu penso em stravinski
e nas barbas do klaus kinski
e no nariz do karabtchevsky
e num poema do joseph brodsky
que uma vez eu li
senhoras intactas, afrouxem os cintos
que o chão é lindo & já vem vindo
one
two
three

© Angélica de Freitas / Cosacnaify / 7 Letras
from: RILKE SHAKE
São Paulo / Rio de Janeiro: Cosac Naify / 7 Letras, 2007
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2008

was dem geiger durch den Kopf ging, bei dem der tod
die blässe noch betonte als er mit seinem schwarzen haarschopf
und seiner stradivari beim großen flugzeugunglück von gestern
abstürzte

alemão

ce
de
e
ich denke an béla bártok
ich denke an rita lee
ich denke an die stradivari
und was meine karriere mich
alles gekostet hat
und jetzt versagt die turbine
und jetzt bricht die kabine entzwei
und jetzt fällt das ganze gerümpel aus den gepäckfächern
und ich falle auch
schön und bleich mit meinem schwarzen haarschopf
meine geige an die brust gedrückt
der typ vor mir betet
ich denke nur
ce
de
e
ich denke an stravinski
an den bart von klaus kinski
an die nase von karabtchevsky
an ein gedicht von joseph brodsky
das ich einst las
unversehrte damen lösen sie den gurt
was ist der boden so schön & und schon kommt er näher
one
two
three

Aus dem Portugiesischen übersetzt von Odile Kennel

Nos vies - Le Hurlement des sans-voix

francês | Nina Kibuanda

Ecoute le chant de nos vies, écoute
Ce sont des pépites d’or qui brillent
Ecoute le chant de nos pas silencieux, écoute
Le hurlement des sans voix

Douze mars soixante dix sept sorti tout bas des profondeurs
Des entrailles d’une reine douce et malheureuse
Reine des bas-fonds des quartiers chauds de Barumbu
Sirène de la rivière boueuse de Kwilu non loin de Matadi

Cœur, contact, sang, cris et vie - ma vie !

Une pépite d’or parmi tant d’autres
N’ayant pas l’impact et la force du soleil

Père, fils, esprits qui lient nos vies – Nos Vies !

Sont des pépites d’or qui influencent les lunes
Dont certaines sont devenues argent
A force de côtoyer de près le soleil
Que dis-je, à force de trop...
 
Et qui retrouvent la voix et aboient
et aboient.. ahhhhhhhhhhhhh
Rient de nous, rient de nous
Et le monde urine ses malheurs sur nous
Car nous, nous prônons la liberté,
Abolish capitalisme
Personne n’est maître ou guide de personne
L’obstination mentale on prône nous
 
Alors écoute le chant de nos vies, écoute
Ce sont des pépites d’or qui brillent
Ecoute le chant de nos pas silencieux, écoute
Le hurlement des sans voix

Nos vies sont des hurlements des sans voix
Esclave et déportation sont nos forces
Champ / chaleu..........r
Sang / sueu..........r

On se bat seul avec nos démons
Hurlant dans un silence de doute, de peur
Et nos maux nous donnent une morale inépuisable
Même seul solitaire, au point mort de l’échec

Ne rien demander,
Ne rien abandonner
Rien de rien

Nous sommes à l’image de nos maux
Aussi durs et hardcore que sont nos vies

Ecoute nos chants,
Ecoute nos pas,

Nos secrets et prières lointaines
De nos pères sur les champs,
Ecoute, écoute ou regarde
Nos mots qui scintillent
Ils n’ont pas de limite, pas d’agacement
Parce qu’il n’y a pas de limite à la douleur
A la colère pour trouver cette putain de lumière. Ohhhhhhhhhh

Avenir imperceptible cherchant la clef de nous même
Alors qu’on n’a pas de serrure mais alors ?
Sommes nous en quête intellectuelle désordonnée ?
Peut-être mais le but est d’y croire

Nous sommes des jeunes en détresse
Mais avec l’espoir en nous,
Amoureux de nos mots,
amoureux de nos vies,
On veut faire entendre nos voix
Les mots sont nos cris
Silex et diamant sont nos vies

On a soif de découvrir, faim des découvertes
Quête, liberté, esprit
Pour me libérer,
J’écris ma vie,
Parce qu’il n’y a pas de mesure
à la mesure des mots de cette vie...
Ecoute le chant de nos vies, écoute
Ce sont des pépites d’or qui brillent
Ecoute le chant de nos pas silencieux, écoute
Le hurlement des sans voix
C’est par là que nous nous manifestons au monde

© Nina Kibuanda
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

Unser Leben – der Schrei der Stimmlosen

alemão

Hör den Gesang unseres Lebens, hör nur
Unsere Leben sind glänzende Stücke Gold
Hör den Gesang unserer stillen Schritte, hör nur
Den Schrei der Stimmlosen

Zwölfter März siebenundsiebzig, dort unten aus den tiefsten
Eingeweiden einer sanften und unglücklichen Königin zur Welt gekommen
Königin der Niederungen, der heißen Viertel von Barumbu
Meerjungfrau des schlammigen Kwilu-Flusses unweit von Matadi

Herz, Berührung, Blut, Schreie und Leben – mein Leben!

Ein Stück Gold inmitten so vieler andrer
Ohne die Wirkung und Kraft der Sonne

Vater, Sohn, Geister, die unsere Leben miteinander verbinden – unsere Leben!

Sind Goldstücke, die Monde bezirzen
Doch sind so manche längst silbern
Weil sie so oft der Sonne schmeichelten
aber was sag ich da, so oft Speichel leckten

Finden nun ihre Stimme wieder und bellen
Und bellen ---- ahhhhhhh
Lachen uns aus, Lachen uns aus
Und die Welt uriniert ihr Elend über uns
denn wir verkünden die Freiheit
abolish capitalism
niemand ist niemandes Herr oder Führer
den Eigensinn des Geistes verkünden wir

Hör den Gesang unseres Lebens, hör nur
Unsere Leben sind glänzende Stücke Gold
Hör den Gesang unserer stillen Schritte, hör nur
Den Schrei der Stimmlosen

Unser Leben ist der Schrei der Stimmlosen
Sklaverei und Deportation haben uns stark gemacht
Feld/Hei …… ß
Blut/Schwei ……ß

Wir kämpfen allein gegen unsere Dämonen
Schreien in der Stille voller Zweifel, voller Angst
Und unser Elend lässt uns dennoch durchhalten
Allein und einsam, schon am toten Punkt des Scheiterns
Um nichts bitten
Nichts aufgeben
Nichts, absolut nichts

Wir sind genau wie unser Elend
Genauso hart und hardcore wie unser Leben selbst

Hör unseren Gesang
Hör unsere Schritte

Die fernen Geheimnisse und Gebete
Unserer Väter auf den Feldern
Hör zu, hör zu oder sieh
Unsere schimmernden Worte
die keine Grenze, keine Gereiztheit kennen
Weil der Schmerz grenzenlos ist
Wie die Wut, dieses gottverdammte Licht zu finden. Ohhhhhhh

Unmerkliche Zukunft, wir suchen den Schlüssel zu uns selbst
und haben doch kein Schloss, was bedeutet das?
Sind wir auf einer planlosen intellektuellen Suche?
Mag sein, das Ziel ist jedenfalls, daran zu glauben

Wir sind Jugendliche in Not
Doch voller Hoffnung
Verliebt in unsere Worte
Verliebt in unser Leben
Wollen wir gehört werden
Die Worte sind unsere Schreie
Feuerstein und Diamant ist unser Leben

Wir sind entdeckungslustig, sind hungrig nach Entdeckungen
Auf der Suche sein, Freiheit, Geist
Um mich zu befreien
Schreib ich mein Leben auf
Denn es gibt kein Maß
Das sich mit den Worten dieses Lebens messen ließe

Hör den Gesang unseres Lebens, hör nur
Unsere Leben sind glänzende Stücke Gold
Hör den Gesang unserer stillen Schritte, hör nur
So machen wir uns in der Welt bemerkbar

Übertragung aus dem Französischen Odile Kennel

NO SERENITY HERE

inglês | Keorapetse Kgositsile

An omelette cannot be unscrambled. Not even the one prepared in the crucible of 19th century sordid European design.

When Europe cut up this continent into little pockets of its imperialist want and greed it was not for aesthetic reasons, nor was it in the service of any African interest, intent, or purpose.

When, then, did the brutality of imperialist appetite and aggression evolve into something of such ominous value to us that we torture, mutilate, butcher in ways hideous beyond the imagination, rape women, men, even children and infants for having woken up on what we now claim, with perverse possessiveness and territorial chauvinism, to be our side of the boundary that until only yesterday arrogantly defined where a piece of one European property ended and another began?

In my language there is no word for citizen, which is an ingredient of that 19th century omelette.  That word came to us as part of the package that contained the bible and the rifle.  But moagi, resident, is there and it has nothing to do with any border or boundary you may or may not have crossed before waking up on the piece of earth where you currently live.


Poem, I know you are reluctant to sing
when there is no joy in your heart
but I have wondered all these years
why you did not or could not give
answer when Langston Hughes who
wondered as he wandered asked
what happens to a dream deferred

I wonder now
why we are some
where we did not aim
to be.  Like my sister
who could report from any
where people live
I fear the end of peace
and I wonder if
that is perhaps why
our memories of struggle
refuse to be erased
our memories of struggle
refuse to die

we are not strangers
to the end of peace
we have known women widowed
without any corpses of husbands
because the road to the mines
like the road to any war
is long and littered with casualties
even those who still walk and talk

when Nathalie, whose young eyes know things, says
there is nothing left after wars, only other wars
wake up whether you are witness or executioner
the victim, whose humanity you can never erase,
knows with clarity more solid than granite
that no matter which side you are on
any day or night an injury to one
remains an injury to all

somewhere on this continent
the voice of the ancients warns
that those who shit on the road
will meet flies on their way back
so perhaps you should shudder under the weight
of nightmares when you consider what
thoughts might enter the hearts of our neighbours
what frightened or frightening memories might jump up
when they hear a South African accent

even the sun, embarrassed, withdraws her warmth
from this atrocious defiance and unbridled denial
of the ties that should bind us here and always
and the night will not own any of this stench
of betrayal which has desecrated our national anthem
so do not tell me of NEPAD or AU
do not tell me of SADC
and please do not try to say shit about
ubuntu or any other such neurosis of history

again I say, while I still have voice,
remember, always
remember that you are what you do,
past any saying of it
 
our memories of struggle
refuse to be erased
our memories of struggle
refuse to die

my mothers, fathers of my father and me
how shall I sing to celebrate life
when every space in my heart is surrounded by corpses?
whose thousand thundering voices shall I borrow to shout
once more: Daar is kak in die land!

© Keorapetse Kgositsile
Audio production: LiteraturWERKstatt Berlin 2009

NICHTS ZU LACHEN HIER

alemão

Ein Rührei kann nicht rückgängig gemacht werden. Nicht einmal dann, wenn es in einem nach europäischem Design getöpferten Tiegel aus dem 19. Jahrhunderts zubereitet wurde.

Als das imperialistische, gierige Europa diesen Kontinent in kleine Happen riss, ging es nicht um Ästhetik, und auch nicht um die Interessen, Intentionen oder Ziele Afrikas.

Wann aber haben wir die Brutalität des imperialistischen Appetits und seine Aggressivität so verinnerlicht, dass wir aufs Grausamste foltern, verstümmeln, schlachten, Frauen, Männer, Kinder und sogar Säuglinge vergewaltigen, nur weil sie sich zufällig auf diesem kleinen Stück Land befanden, das wir mit perversem Besitzanspruch und territorialem Chauvinismus „unsere Seite der Grenze” nennen, eine Grenze, die bis vorgestern noch selbstherrlich festschrieb, wo ein europäischer Grundbesitz endete und ein anderer begann?

In meiner Sprache gibt es kein Wort für Staatsangehöriger, das ist eine Zutat im Rührei des 19. Jahrhunderts. Es kam zusammen mit der Bibel und den Gewehren hierher. Aber es gibt das Wort moagi, Bewohner, und es hat nichts zu tun mit irgendeiner Grenze, die du vielleicht überqueren musstest, bevor du dich auf dem Stück Land niedergelassen hast, wo du heute lebst.

Ich weiß, dass du nicht singen magst, Gedicht,
wenn kein Funken Freude in dir steckt
aber schon all die Jahre frage ich mich
warum du nicht antworten wolltest oder
konntest als Langston Hughes, ein
Suchender auf Reisen, fragte
what happens to a dream deferred

Ich frage mich
warum wir sind
wo wir nicht sein
wollten. Und wie meine Schwester,
die von solchen zu berichten weiß
wo immer auch Menschen leben
fürchte ich um den Frieden
und frage mich
ob vielleicht deshalb
unsere Erinnerung an die Kämpfe
nicht verblassen will
unsere Erinnerung an die Kämpfe
nicht verschwindet.

Das Ende des Friedens
ist uns nicht fremd
wir kennen Witwen
die nie den toten Körper ihres Mannes sahen
weil die Straße zu den Minenfeldern
wie jede Straße zu einem Krieg
lang ist und übersäht mit Verletzten
auch wenn sie noch gehen können und reden

Nathalie, deren junge Augen schon einiges sahen, sagt
nach einem Krieg bleibt  nichts übrig als weitere Kriege
also wach auf, ob Zeuge oder Henker
denn das Opfer, das immer ein Mensch bleibt
weiß mit einer Gewissheit fester als Granit
dass, gleich auf welcher Seite du stehst
die Verletzung eines einzelnen immer
und überall die Verletzung aller bedeutet

irgendwo auf diesem Kontinent
warnen die Stimmen der Vorfahren
sie sagen, wer auf die Straße scheißt
hat auf dem Rückweg mit Fliegen zu kämpfen
also solltest du unter der Last der Alpträume
schwanken, wenn du bedenkst, auf welche
Gedanken deine Nachbarn kommen könnten
welche angstvollen oder beängstigenden Erinnerungen
ein südafrikanischer Akzent bei ihnen auslösen mag

sogar die Sonne zieht sich beschämt zurück
vor der Verachtung, der unmissverständlichen Abfuhr
an all das, was uns hier und auf immer verbinden sollte
selbst die Nacht will nichts wissen von dem Gestank
des Verrats, der unsere Nationalhymne entweiht
also erzähl mir nichts von NEPAD oder AU
nichts von der SADC
und bitte komm mir nicht blöd mit
Ubuntu  oder irgend einer anderen Geschichtsneurose

und ich wiederhole, solange ich noch sprechen kann
vergiss niemals
dass du bist was du tust
egal was andere sagen

unsere Erinnerung an die Kämpfe
will nicht verblassen
unsere Erinnerung an die Kämpfe
will nicht verschwinden

ach, ihr Mütter und Väter meines Vaters und mir
wie soll ich das Leben besingen
wenn mein Herz ein einziges Leichenfeld ist
wer leiht mir tausend donnernde Stimmen, um es einmal mehr
hinauszuschreien: Daar is kak in die land!

Übersetzt von Odile Kennel

NO FUNDO

português | Arnaldo Antunes

em cima de cima assim e acima sobre do alto e de alto a baixo
debaixo ao lado atrás e de lado a lado detrás e sob acolá
e além de ali depois pelo centro entre de fora dentro na frente
e já de agora em frente e daqui defronte através e rente

no fundo no fundo no fundo no fundo

em pé de repente perto envolvido em torno envolvendo em volta e de volta
já e também no meio na mosca no alvo na hora fora daqui mas
a poucos pés pouco a pouco aos pés através atrás de viés e em e
ainda mais e ainda agora e a cada vez de uma vez ainda

no fundo no fundo no fundo no fundo

ante e antes de então e então durante e enquanto aqui por enquanto
adiante avante acerca e portanto ao largo ao redor e lá e nos arre-
dores nos cantos cá de passagem logo tangente longe distante
hoje de ontem onde depois de onde pra onde onde

no mundo no mundo no mundo no mundo

© Arnaldo Antunes
from: As Coisas
São Paulo: Editorial Iluminuras, 1992
Audio production: 2008 Literaturwerkstatt Berlin

IM GRUNDE

alemão

halb oberhalb hoch gehoben hoch droben von oben nach unten herum geschoben
unterhalb seitwärts von hinten nach rückwärts rückwärtig wirksam zur seite gebogen
abseits im jenseits von dort da danach mittenrein mittendrin von außen nach vorn
vormals schon damals von nun an gegenüber hindurch und dicht dran hinan und heran

im grunde im grunde im grunde im grunde

recht aufrecht ringsum vergeblich umgeben vergeben rundum und erneut
schon im zentrum herum gelungert zur stunde reihum und rundum und
ganz nah dran ganz nach mir nach mittag noch nach und nach fuß gefasst
fast noch mehr fasst mit an mit mir ist noch keinmal einer nur einmal gegangen

auf den grund auf den grund auf den grund auf den grund

lang davor nein derweil gelangweilt dann während indes solange so fort
von vorne vornüber vorübergegangen sogleich sowieso so sehr im lot
recht vage einstweilen ereilt dich die dieseits erholte vollzeit seit
wann dann von vorher woher will woher weiß wohin soll um alles

auf der welt auf der welt auf der welt auf der welt

Nachdichtungen aus dem brasilianischen Portugiesisch: Odile Kennel

NEM

português | Arnaldo Antunes

nem o que fiz por que quis me faz fe liz nem me en tris te ce o que fiz mas não quis nem me se duz o que não fiz nem me con duz o que jaz nem me a praz es se triz nem o que des faz es se triz me traz paz nem es sa paz tan to faz nem tan to diz o que a voz faz nem o que a voz diz vem só da tez nem só de deus a mu dez nem deus é só três nem se u sa a mes ma luz mais de u ma vez

© Arnaldo Antunes
from: Psia
São Paulo: Editorial Iluminuras, 1986
Audio production: 2008 Literaturwerkstatt Berlin

NICHT MAL

alemão

nicht mal was ich will ent lich be trieb be glückt mich nicht mal be glückt mich nicht was ich nicht will ent lich be trieb nicht mal treibt mich was ich nicht be trieb nicht mal lenkt mich was da liegt nicht mal liegt mir nich tig keit nicht mal die nich tig keit til gen be frie digt mich nicht mal mal ein frie den nicht mal die stim me stimmt ein wenn sie spricht nicht mal was die stim me spricht kommt vom ge sicht nicht mal von gott wenn kei ner spricht nicht mal gott ist ein zig drei nicht mal er lischt licht zwei mal gleich.

Nachdichtungen aus dem brasilianischen Portugiesisch: Odile Kennel

NASÇA

português | Arnaldo Antunes

nasça o que nasce
e que passe o que passa
e que nasça passe o que passa nasce
e que passe nasça o que nasce passa
e que nasça
o que nasce
e que passe o que passa

© Arnaldo Antunes
from: Tudos
São Paulo: Editorial Iluminuras, 1990
Audio production: 2008 Literaturwerkstatt Berlin

ENTSTEHE

alemão

Entstehe was entstehen möge
vergehe was vergehen möge
was entstehen möge vergehe was vergehen möge entsteht
was vergehen möge entstehe was entstehen möge vergeht
entstehe
was entstehen möge
vergehe was vergehen möge

Nachdichtungen aus dem brasilianischen Portugiesisch: Odile Kennel

Modern Slavery

inglês | Babangoni wawa Chisale

It's modern slavery
With modern strategies
In several dimensions
                                                    1
It’s a burning coal in our hands; it’s a fire in our hearts
We cried up they closed up their ears
We call them by name they pretend not see us
Indeed they hate us but they can’t do without us
We built cities with hard work under perpetual servitude
Am totally flabbergasted, real fatigue
It's embargoed perplexion with heaps of ambitions on an ignorant honest toiler,
harnessed with heavy economic quandaries
                                                    2
We are the African honest toilers living a hopeless life
We strive day and night to produce crop but we hardly get the bread
Whilst villains the rascals and loafers of our innocent sweat sit down the whole of their
life to deride and seize the fruit of our toil
As a result our food is so scanty, our cloths are laughs and our lodgings are dilapidated
shanties
With sycophancy and artificial perseverance
We strike for a chance of equality instead we are minimized up to complete disposable
tools of making money for their empires
We have been clashed down by tumult uproar of mythic conviction and discontention
And I feel to explode by terrible grip of agony from your cruelty and mistreatment
Imagine we worked in a clothing factory 13hours a day for $3 a week
Some of our fingers pilled off but unknown compensation
Garments they dispatched to West and America to be clothed for three weeks only
Later they sent back to us
By settling the shipping cost we possess second hand cloths from our local markets
Indeed we are rationalized as second hand people worthy for second hand items, new
ones are unknown luxuries to us
                                                      3
All handsome paying jobs diverted into their hands, cheap labour left for us
Ancestors were forced at leash to West and America for forced human toil
While us, the progeny, we scrambles at will to West and America for menial jobs in
searching for life long security and better living conditions other than what we have here
in Africa
Since we are made slaves in our own countries, prisoners of pauperism and inextricable
bankruptcy
Indeed modernized slavery is the sum of all villains with secret formulas justifiable in
oppressive commercial systems

© Babangoni wawa Chisale
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2009

Moderne Sklaverei

alemão

's ist moderne Sklaverei
Mit modernen Strategien
Der unterschiedlichsten Art                                                              
                                                     1
's ist ein glühendes Kohlenstück in unsrer Hand, ein Feuer in unsrem Herzen
Wir riefen um Hilfe, sie wollten nicht hören
Wir rufen ihren Namen, sie tun, als hätten sie nichts bemerkt
Ja, sie hassen uns, können aber nicht ohne uns
Wir bauen Städte in harter Arbeit, Sklaverei dauert an
Bin echt perplex, total erschöpft
's ist Fassungslosigkeit, vereinnahmt vom Streben nach Macht auf Kosten der
ungebildeten, aufrechten Arbeiter
In den Ketten ihrer finanziellen Not

                                                     2
Wir sind Afrikas aufrechte Arbeiter, leben ohne Hoffnung
Schuften Tag und Nacht, fahr’n die Ernte ein, und haben doch kaum Brot
Während diese Schurken, Halsabschneider, Tagediebe unseres Schweißes ihr Leben lang
herumsitzen, uns verspotten und sich die Frucht unserer Arbeit unter den Nagel reißen
Das Ergebnis: unsere Nahrung ist kärglich, unsere Kleidung ein Witz und unsere
Wohnungen sind baufällige Schuppen
Mit Speichelleckerei und künstlicher Beharrlichkeit
Bemühen wir uns um etwas Gleichberechtigung und sind doch nichts weiter als billiges,
williges Werkzeug für den Profit ihrer Imperien
Unsere ach so legendäre Überzeugung, unser Ärger, unsere Rebellion haben uns am Ende nur zerstört
Ich dreh bald durch wenn ich mir eure Misshandlungen und Grausamkeiten anseh’
Stell dir vor, wir arbeiten 13 Stunden am Tag in einer Kleidermanufaktur für 3 Dollar pro
Woche
So mancher Finger fiel wie ein Fussel, doch von Wiedergutmachung keine Spur
Kleider auf dem Weg nach Europa, nach Amerika, dort drei Wochen lang getragen
Dann zurückgeschickt
Verschiffungskosten gehn auf uns, und schon haben wir Second-Hand-Klamotten vom
lokalen Markt
Ja, wir werden zu Second-Hand-Menschen rationalisiert, für die’s nur Second-Hand-
Artikel gibt, neue Sachen sind Luxus, haben wir nie gesehen.

                                                     3
Die angenehmen, gut bezahlten Jobs sind für sie, die Billigarbeit bleibt für uns
Unsere Vorfahren wurden wie Hunde nach Europa, nach Amerika verschleppt zur
Zwangsarbeit
Während wir, ihre Nachkommen, scheinbar freiwillig nach Europa, nach Amerika
drängen wo uns nur niedere Arbeit erwartet, aber Hauptsache
Sicherheit, Hauptsache bessere Lebensbedingungen als hier in Afrika
Denn wir sind Sklaven im eigenen Land, Gefangene der Armut und unentwirrbarer Pleiten
Ja, moderne Sklaverei ist die Summe aller Schurken und ihrer geheimen Formeln, die aufgehen
in einem unterdrückerischen Wirtschaftsystem

Übersetzung von Odile Kennel

ME, MY SELF AND I ACHÈTENT LES DIEUX

francês | Hélène Monette

Me, My Self and I achètent les dieux
sur tous les marchés
les vagues électroniques
nous projettent dans le monde entier
plus d’écailles, la corde est courte
quelques brins d’années
tout est découvert
il reste cette résonance sourde
nos langues mêlées
nos pas dans les musées
et le petit cœur portatif
qui bat toujours
sympathique
comme le dernier des gadgets

conquêtes pavées de pognon
sur les talons, et ainsi de suite, clic-clac
de rafales en typhons

© Hélène Monette
Audio production: UNEQ

Me, My Self and I kaufen Götter

alemão

Me, My Self and I kaufen Götter
auf sämtlichen Märkten
elektrische Wellen
schleudern uns in die ganze Welt
kein Abblättern mehr, die Schnur ist kurz
ein paar Jährchen nur
alles ist entdeckt
bleibt der dumpfe Widerhall
das Durcheinander unserer Sprachen
unsere Schritte in Museen
und dieses kleine, tragbare Herz
das immer schlägt
freundlich
wie das letzte Spielzeug

von Zaster gepflasterte Eroberungen
auf Absätzen, und so weiter, klick-klack
vom Hagel in den Taifun

Übersetzung aus dem kanadischen Französisch: Odile Kennel

LUZ

português | Arnaldo Antunes

luz

na luz

não é nada


só sombra

é nada

na luz

© Arnaldo Antunes
from: Tudos
São Paulo: Editorial Iluminuras, 1990
Audio production: 2008 Literaturwerkstatt Berlin

LICHT

alemão

Licht

im Licht

ist nichts


nur Schatten

ist nichts

im Licht

Nachdichtungen aus dem brasilianischen Portugiesisch: Odile Kennel

Le rire

francês | Nina Kibuanda

Un réveil et puis le rire
Le rire est là
Comme un petit
Morceau de toile
Linceul d’un siècle
A sa fin
Vieux et vieilli
Par sa puérilité
 
Un réveil et puis le rire
Le rire est là comme un linceul
Mais de qui le linceul
Toile des ans

Je cherche me mots attend !
Les mots, les mots, les mots bref !
Les mots justes

J’explore mon siècle
Je le dépèce
L’autopsie avec mon cerveau pour scalpel
Et le rire pour cadavre

Le rire est là comme un linceul
Mais sais-tu, toi
Si ce dont rient les marges
Dont les rangs se gonflent
Ne sera pas demain
Ce dont rira le monde
Ce dont on rit
Est toujours
Ce dont on se défait

On se défait
De son toit
De son corps
De toi, de l'autre
Et de l'ordre social
Putain d’ordre social

On se défait
Ceux qui rient
De leur auberge étoilée
Leur peau décharnée
Griller, cramer,
Venant de cambrousse
Exilé, clandestin sans papier
Esclaves étoilés

Filles et fils de Lumumba
Toujours à la recherche
Et qui font peur à l’autorité

Le rire est là comme un linceul
Tâche de sang
Tache d'encre
Sur papier blanc
Linceul collectif
Grégaire
Le rire organisé
Le rire gras
Quand les enfants sont maigres
Au carnaval d’une fin de siècle
Qui cherche son male

Le rire complice
Celui du bourreau
De monsieur l’agent
Du criminel de guerre
De la police

Le rire est là
Sans couleur propre
Saoul ou stone
Liquide ou produit
Qu’importe l’interdit
Le nouvel ordre n’est pas !

Car le rire est là
Comme un linceul
Et le sourire pour cercueil

Celui de la pute
Qui ouvre sa porte
A celle plus profond
De l’homme qui s’en va
Vers sa nuit

Rictus satisfait rejoindre
Le corps silencieux de l’officiel
A qui il pourra rire amer-ment
Quand même connard

Le rire est là comme un linceul

Et moi je ne sais plus soki nalingui yo


                                                                           Nina KIBUANDA
                                                                 Bruno VIEILLESCAZES

© Nina Kibuanda
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

Gelächter

alemão

Man erwacht, und schon das Gelächter
Das Gelächter ist da
Wie ein kleines
Stück Stoff
Leichentuch eines Jahrhunderts
Das endet
Alt und gealtert
Vor lauter Kindischsein

Man erwacht, und schon das Gelächter
Das Gelächter ist da wie ein Leichentuch
Aber wessen Leichentuch ist das
Stück Stoff der Jahre

Ich such noch meine Worte, warte!
Worte, Worte, knappe Worte!
Die richtigen Worte

Ich erkunde mein Jahrhundert
Zerlege es
Mein Hirn ist das Skalpell bei dieser Autopsie
Und das Gelächter die Leiche
Das Gelächter ist da wie ein Leichentuch
Aber weißt du denn
Ob das, worüber die am Rande lachen
was dort die Ränge bläht
nicht morgen schon ist
worüber die Welt lacht
Worüber man lacht
Ist immer das
Wovon man sich befreit

Man befreit sich von
Seinem Dach
Seinem Körper
Dir, den anderen
der sozialen Ordnung
Scheiß auf die soziale Ordnung

Man befreit sich
Diejenigen die lachen
Von ihrem erträumten Zuhause
Ihrer abgezogenen, gebrannten
Verheizten Haut
Aus der Pampa
Ins Exil, illegale Einwanderer
Versprengte Sklaven
Töchter und Söhne Lumumbas
Immer auf der Suche
Flößen den Herrschenden Angst ein

Das Gelächter ist da wie ein Leichentuch
Blutfleck
Tintenfleck
Auf weißem Papier
Kollektives Leichentuch
Herdentuch
Organisiertes Gelächter
Obszönes Gelächter
Angesichts magerer Kinder
Beim Karneval am Ende des Jahrhunderts
Das sein Glück sucht

Komplizenhaftes Gelächter
Des Henkers
Des Herrn Zivilbullen
Des Kriegsverbrechers
Der Polizei

Das Gelächter ist da
Ohne eigene Farbe
Betrunken oder stoned
Flüssigkeit oder Stoff
Was gehen uns Verbote an
Die neue Ordnung gibt es nicht!

Denn das Gelächter ist da
Wie ein Leichentuch
Und das Lächeln ein Sarg

Das der Prostituierten
Die ihre Tür öffnet
Der noch verborgeneren Tür
Des Mannes der weggeht
In seine Nacht

Zufriedenes Grinsen, kehrt immer wieder
Zum stillen zuvorkommenden Körper zurück
Den er dann doch
Verhöhnt, der Idiot

Das Lachen ist da wie ein Leichentuch
Und ich weiß nicht mehr doki nalingui yo
(ob ich dich liebe).  


                                               Nina KIBUANDA/Bruno VIEILLESCAZES

Übertragung aus dem Französischen Odile Kennel

Le noir
[Telle une veuve sans voix...]

francês | Marc André Brouillette


Telle une veuve sans voix, je revêts le noir pour me frotter au noir, pour réduire la distance qui m’en sépare. Je porte le noir pour tenter de comprendre l’autre et me faire comprendre comme un autre. Cela exige de la concentration et un effort constant, car le noir ne se laisse pas approcher, il refuse la séduction et la protection.

© Éditions du Noroît
from: M'accompagne
Montréal: Éditions du Noroît, 2005
Audio production: 2007, Literaturwekstatt Berlin

Begleitet mich: Schwarz [Wie eine Witwe ohne Stimme]

alemão


Wie eine Witwe ohne Stimme kleide ich mich ins Schwarz,
um mich am Schwarz zu reiben, um den Abstand zu verringern,
der mich von ihm trennt. Ich trage Schwarz, weil ich den
anderen verstehen und als anderer verstanden werden will.
Das verlangt Konzentration und stete Bemühung, denn das
Schwarz entzieht sich immer wieder, verweigert Verführung
und Schutz.

Deutsche Fassung von Odile Kennel und Nico Bleutge.
Die Übersetzung entstand im Rahmen des Übersetzungsworkshops
Versschmuggel des Poesiefestivals Berlin 2007

Le noir
[Le noir repousse les illusions...]

francês | Marc André Brouillette


Le noir repousse les illusions sur lesquelles on s’appuie pour engourdir le sentiment de solitude, lorsque le sentiment de solitude est trop aigu. Derrière le noir, il n’y a pas autre chose, mais un autre noir. Je ne peux faire face au noir, parce que le noir me met face à moi-même.

© Éditions du Noroît
from: M'accompagne
Montréal: Éditions du Noroît, 2005
Audio production: 2007, Literaturwekstatt Berlin

Begleitet mich: Schwarz [Schwarz zerschlägt die Illusionen]

alemão


Schwarz zerschlägt die Illusionen, an die man sich hält,
um das Gefühl von Einsamkeit zu betäuben, wenn das
Gefühl von Einsamkeit zu stark ist. Hinter dem Schwarz
ist nur weiteres Schwarz. Ich kann das Schwarz nicht
fassen, denn das Schwarz wirft mich auf mich selbst
zurück.

Deutsche Fassung von Odile Kennel und Nico Bleutge.
Die Übersetzung entstand im Rahmen des Übersetzungsworkshops
Versschmuggel des Poesiefestivals Berlin 2007

Le noir
[La main saisit le crayon...]

francês | Marc André Brouillette


La main saisit le crayon et s’emporte : ne plus de page, ne plus de surface vierge, ne plus de vide. Aucune forme, aucune note, pas une trace ne peut survivre à un tel déversement de graphite. Les mots sont noyés dans la masse. La pointe gratte, gratte, gratte. Elle répand le sang noir d’une parole outrée par l’absence.

© Éditions du Noroît
from: M'accompagne
Montréal: Éditions du Noroît, 2005
Audio production: 2007, Literaturwekstatt Berlin

Begleitet mich: Schwarz [Die Hand nimmt den Stift]

alemão


Die Hand nimmt den Stift und vergißt sich: nicht mehr ist Seite,
nicht mehr ist unberührte Fläche, nicht mehr ist Leere.
Keine Form, keine Notiz und keine Spur kann eine solche
Graphit-Ausschüttung überleben. Die Wörter ertrinken in der Masse.
Die Spitze kratzt, kratzt, kratzt. Sie vergießt das schwarze Blut
der Worte, die über die Abwesenheit schockiert sind.

Deutsche Fassung von Odile Kennel und Nico Bleutge.
Die Übersetzung entstand im Rahmen des Übersetzungsworkshops
Versschmuggel des Poesiefestivals Berlin 2007

Le noir
[Je n’ai jamais fait face...]

francês | Marc André Brouillette


Je n’ai jamais fait face au noir, car le noir n’occupe jamais un seul côté du monde. Il apparaît devant alors qu’il remue derrière, il s’étend sur la gauche pendant qu’il infiltre le sud. Le noir est une île dont on ne quitte jamais le centre.

© Éditions du Noroît
from: M'accompagne
Montréal: Éditions du Noroît, 2005
Audio production: 2007, Literaturwekstatt Berlin

Begleitet mich: Schwarz [Ich habe nie versucht, das Schwarz zu fassen]

alemão


Ich habe nie versucht, das Schwarz zu fassen,
denn Schwarz füllt niemals einen Teil der Welt
allein. Es zeigt sich vorne, während es sich hinten
rührt, es breitet sich links aus und sickert doch
im Süden ein. Schwarz ist eine Insel, deren Mitte
man nie verläßt.


Deutsche Fassung von Odile Kennel und Nico Bleutge.
Die Übersetzung entstand im Rahmen des Übersetzungsworkshops
Versschmuggel des Poesiefestivals Berlin 2007

Le noir
[Au cœur du noir...]

francês | Marc André Brouillette


Au cœur du noir, l’espoir d’une lumière, noire peut-être, parmi ce noir, me maintient présent. L’éclat d’une chaleur, si petite soit-elle, qui se retourne vers moi et accompagne ma descente, marche après marche après marche.

© Éditions du Noroît
from: M'accompagne
Montréal: Éditions du Noroît, 2005
Audio production: 2007, Literaturwekstatt Berlin

Begleitet mich: Schwarz [Im Herzen des Schwarz]

alemão


Im Herzen des Schwarz hält mich die Hoffnung
auf ein Licht, schwarz vielleicht, inmitten von Schwarz,
in Spannung. Ein Glimmen von Wärme, und sei sie
noch so gering, das sich mir zudreht und meinen
Abstieg begleitet, Stufe für Stufe für Stufe.

Deutsche Fassung von Odile Kennel und Nico Bleutge.
Die Übersetzung entstand im Rahmen des Übersetzungsworkshops
Versschmuggel des Poesiefestivals Berlin 2007

Des mots

francês | Nina Kibuanda

Des mots
Des mots…
Des mots pour donner
Des mots pour rendre grâce
Des mots à prendre
Non pas à rendre
Des mots
Pour se nourrir, boire,
Se péter le bide le foie les neurones
Des mots
A mâcher, à ruminer, à savourer, à digérer
Des mots à laisser infuser
Des mots à diffuser
Des mots pour savoir et  pouvoir les dire oh !!!
Des mots
Des mots…
Démocratique
Des mots pour tous
Mots pour comprendre mais
Mots pour agir
Mots pour en finir
Des mots qui transforment
Mots incandescents, rebelles
Mots visionnaires
Des mots contre nos maux oh !!!
Des mots
Des mots…
Des moratoires
Des mots pour lire et démolir
Des mots de guerriers
Mots pour se battre
Des mots qui coulent comme des larmes
Mais mots qui sont nos armes
Des Molotov
Des mots de la teuf
Des mots de vision d’espoir
Des mots juteux heureux
Des mots lumineux qui traversent la nuit
Des mots comme des étoiles filantes
Mais qu’il faudrait suivre
Des mots comme des guides comme des drogues
Mots parfois acides
Mots gorgés de mescaline
Caféine benzédrine codéine nicotine
Mots extatiques.
Les mots sages du peyoté du désert de huiricuta
Qui versent en moi une goutte d’éternité
Mots de yamba
Mots de mota
Mots de marijuana
Mots en toutes les langues
Car mots pour tous…
Des mots en awate et en espagnol
Mots en anglais et en wichole
Mots sans bémol
Mots en douala
Mots en chinois
Mots en maya
Mots en hindi
Mots à paris
Des mots en hébreu comme en reubeu
Des mots des moscovites
Des mots au plus vite
Des mots en allemand
Des mots chaque jour plus urgents
Des mots en ourdou, en peul, en wolof
En catalan, en polonais, en arménien
Des mots de moldaves car ce sont des mots graves.
Des mots
Des mots…
D’hémoglobine
Des mots qui sont notre sang
Des mots
Des mots…
D’hémorragie
Des mots qu’on n’arrête pas
Des mots qui sont le soleil la pluie et la fleur à la fois
Des mots qui sont Krishna
Des mots
Des mots… Rien que des mots toujours des mots les mêmes mots
Démodés mais pas démotivés
Mots qui ne meurent jamais
Mots qui ont traversé le temps
Des mots qui ont du talent
Des mots…
Des mots…
Des mots…
Des mots jusqu’au plus profond
Même au delà des… maux…

© Nina Kibuanda
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

Worte

alemão

Worte
Worte…
Worte die wir geben
Worte mit denen wir danken
Worte die wir ergreifen
Worte die wir erheben
Worte
Die uns ernähren, die wir trinken
Bis wir platzen, dicht sind, abdrehn
Worte
Die uns auf der Zunge zergehn, die wir schlucken, die wir verdaun
Worte die was impliziern
Die aufgeschnappt sind, die kursiern
Worte die wir finden, gern verliern
  Worte
Worte …
Worte für alle heißt
Demokratie
Worte damit wir verstehen
Worte, sonst handeln wir nie
Worte wie ein reißender Fluss
Worte, dann ist endlich Schluss
Glühende Worte der Rebellion
Worte wie eine Vision
Gegen Unworte haben wir
Worte
Worte …
Die wir einlegen
Die wir lesen, und verheerende Worte
Wortgefechte und Worte
Der kämpferischen Sorte
Worte wie vergossene Tränen
Unsere Waffen sind Worte, muss ich das noch erwähnen
Hochexplosive Worte
Worte zum Spaß
Für Worte der Zukunft, der Hoffnung, kein Maß
Worte die saftig sind oder ganz sacht
Leuchtende Worte, weisen den Weg durch die Nacht
Sternschnuppenworte
Denen wir folgen sollten
Die uns leiten, Worte wie Drogen
Manchmal bitter, selten ausgewogen
Worte voller Meskalin Koffein
Amphetamin Kodein Nikotin
Worte der Extase.
Weise Peyoteworte aus Wirikuta
Sind für Unendlichkeit ’ne Paraphrase
Worte aus Yamba
Worte aus Mota
Worte aus Marihuana
Worte in allen Sprachen
Weil Worte für jeden…
Worte auf Nahuatl und Worte auf Spanisch
Worte auf Huichol  und Worte auf Englisch
Worte, um eher laut als leise zu reden
Worte auf Duala
Worte auf Chinesisch
Worte auf Maya
Worte auf Hindu
Worte auf hebräisch und auf immigrantisch
Worte aus Peru und
Worte in Nu
Worte aus Richtung Nord
Worte jetzt sofort
Eins für jeden Ort
Worte auf Fulfulde, Wolof und Urdu
Auch auf Katalanisch, Polnisch, Armenisch
Worte zum Schöpfen, keine Worte zum Scherz.
Worte
Worte …
Wir ham ‘ne Ader für Worte
Wir bluten für Worte
Worte
Worte …
Wie ein Schwall
Hält keiner auf
Worte wie Sonne Regen Blume All
Worte die Krishna sind
Worte
Worte …
Immer nur Worte, immer die gleichen Worte
Keine Modeworte und keine Worte aus der Retorte
Unsterbliche Worte
Zeitlose Worte
Worte die Schätze sind
Worte…
Worte…
Worte…
Worte die uns berühren, trotz des Elends entführen
… auf ein Wort.

Übertragung aus dem Französischen Odile Kennel

dentadura perfeita, ouve-me bem:

português | Angélica Freitas

não chegarás a lugar algum.
são tomates e cebolas que nos sustentam,
e ervilhas e cenouras, dentadura perfeita.
ah, sim, shakespeare é muito bom,
mas e beterrabas, chicória e agrião?
e arroz, couve e feijão?
dentinhos lindos, o boi que comes
ontem pastava no campo. e te queixaste
que a carne estava dura demais.
dura demais é a vida, dentadura perfeita.
mas come, come tudo que puderes,
e esquece este papo,
e me enfia os talheres.

© Angélica de Freitas / Cosacnaify / 7 Letras
from: RILKE SHAKE
São Paulo / Rio de Janeiro: Cosac Naify / 7 Letras, 2007
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2008

[MAKELLOSES GEBISS, hör mir gut zu:]

alemão

MAKELLOSES GEBISS, hör mir gut zu:
du bringst es nicht weit.
tomaten sind es und zwiebeln, die uns stärken
und erbsen und möhren, du makelloses gebiss.
ja, stimmt, shakespeare ist auch nicht schlecht
aber was ist mit roter rübe, chicoree und kresse?
mit reis, bohnen und kohl?
strahlezähnchen, das rind das du isst
graste gestern auf feld & flur. und du am quengeln
das fleisch sei zu zäh.
zu zäh ist das leben, du makelloses gebiss.
aber iss nur, iss alles was dir zwischen die zähne kommt,
vergiss diesen schwatz
und nix wie rein mit dem besteck.

Aus dem Portugiesischen übersetzt von Odile Kennel

De la douceur

francês | Denise Desautels


Tout est là: froissements de tissus, ailes brisées, bruits de salive, claquements, cris, lézardes. Toutes les musiques du corps, attachées les unes aux autres, au rythme des choses simples. Au loin, un ciel pourpre qui s'en va. Tout près, un étoilement ou une trouée, quelque chose de flamboyant qui fait signe: une table d'écriture, une femme assise, étonnée, les mains pleines d'argile et d'encre. Elle a posé son corps dans le réel, dans le brouillard que produit la terre, en se soulevant. Et son corps — ce sel ramassé dans ses os, sa folle humanité — veille contre l'oubli. Elle est là, toujours assise dans le réel, à se demander si, au ras du sol, le bonheur a un parfum. Hiver après hiver, elle glisse dans sa voix: «Cela ressemble à de la douceur.»

© Éditions Roselin et La Cour pavée
from: De la douceur ; eau-forte sur cuivre de Jacqueline Ricard
Montréal et Paris : Editions Roselin et Editions La Cour Pavée, 1997
ISBN: www.bibliopolis.net/roselin
Audio production: 2002, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

Wie Milde

alemão

Alles ist da: Rascheln des Stoffes, zerbrochene Flügel, Speichelgeräusche, Knacken, Schreie, Risse. Alle Klänge des Körpers miteinander verknüpft, im Takt der einfachen Dinge. Weit draußen ein Purpurhimmel, der verschwindet. Ganz nah Sternengesprenkel oder eine Schneise, irgendetwas Loderndes, das winkt: ein Schreibtisch, daran eine Frau, erstaunt, die Hände voller Tinte und Lehm. Sie hat ihren Körper in der Wirklichkeit abgesetzt, in den Nebel, den die Erde hervorbringt, wenn sie sich erhebt. Und ihr Körper – das in den Knochen gesammelte Salz, verrücktes Menschsein – wacht gegen das Vergessen. Hier ist sie, sitzt noch immer in der Wirklichkeit und fragt sich, ob das Glück am Boden einen Duft ausströmt. Winter um Winter flößt sie ihrer Stimme ein: « So etwas wie Milde »

Übersetzung aus dem kanadischen Französisch: Odile Kennel

Départ

francês | Pierre Nepveu

Nos mains sur la table se déjoignaient,
elle avait joué de sa flûte enchantée
en des midis d’amour et de duvet
mais déjà le frimas couvrait son visage
et ses yeux lisaient en moi
l’étranger qui a jeté ses cartes
et repris sa brassée de vêtements
vers quelque chambre terrestre
où le travail sera lourd
à déchiffrer les reliefs de la peau,
à habiter la pauvreté du lit
en craignant de sortir sous un ciel plombé
lâcheur de glaces et d’oiseaux durs.
La passion s’exclamait au-dehors,
elle y courut en telle hâte
que notre amour révolu
parut soudain plus petit sur la carte
comme une ville déclassée,
un pays devenu province
sous une lumière de vaste monde.
Elle se leva comme cent fois
mais en passant la porte
entre café et neige
sa nuque elle-même me disait
adieu, son dos était
une fenêtre condamnée
et toutes mes phrases
avaient perdu leurs verbes
et tenaient février
pour leur parfaite chute.

© Pierre Nepveu
Audio production: Union des écrivains et des écrivaines québécois

Aufbruch

alemão

Unsere Hände auf dem Tisch lösten sich
sie hatte auf ihrer verzauberten Flöte gespielt
an helllichten Tagen aus Liebe und Daunen
doch schon überzog Raureif ihr Gesicht
und ihre Augen lasen in mir
den Fremden der seine Karten hingeworfen hat
seinen Armvoll Kleider mitgenommen
in irgendein irdisches Zimmer
wo man nur mühsam
die Reliefs der Haut entziffert
die Armseligkeit des Bettes bewohnt
weil man das Hinausgehen fürchtet unter einem Himmel aus Blei
der Eis und gefrorene Vögel fallen lässt.
Die Leidenschaft ließ sich draußen vernehmen
sie stürzte so hastig zu ihr hinaus
dass unsere vergangene Liebe
plötzlich klein schien auf der Karte
eine heruntergestufte Stadt
ein Land, das Provinz wird
im weiten Licht der Welt.
Sie erhob sich wie hundert Mal zuvor
doch auf der Türschwelle
zwischen Kaffee und Schnee
sprach ihr Nacken von
Abschied, ihr Rücken war
ein vermauertes Fenster
meine Sätze waren ihre Verben los
hielten Februar
für ihren perfekten Fall.

Übersetzung aus dem kanadischen Französisch: Odile Kennel

INFERNO

português | Arnaldo Antunes

Aqui a asa não sai do casulo, o azul

não sai da treva, a terra

não semeia, o sêmen

não sai do escroto, o esgoto

não corre, não jorra

a fonte, a ponte

devolve ao mesmo lado, o galo

cala, não canta a sereia, a ave

não gorjeia, o joio

devora o trigo, o verbo envenena

o mito, o vento

não acena o lenço, o tempo

não passa mais, adia,

a paz entedia, pára

o mar, sem maremoto,

como uma foto, a vida

sem saída, aqui,

se apaga a lua, acaba

e continua.

© Arnaldo Antunes
from: 2 ou + Corpos no Mesmo Espaço
São Paulo: Editorial Perspectiva, 1997
Audio production: 2008 Literaturwerkstatt Berlin

HÖLLE

alemão

Hier schlüpft der Flügel nicht aus der Hülle, die Fülle

wächst nicht im Werden, die Erde

säht nichts, der Samen

schaffts aus dem Hoden nicht, der Boden

hält nicht, es fällt

kein Regen, es ragt

die Brücke kaum bis zum Kahn, der Hahn

sagt nichts an, es singt nicht die Sirene, der Stieglitz

zwitschert nicht, es windet

Wicke sich um Weizen, vergiftet Verb

den Mythos, kein Lüftchen

weht durch Wäsche, die Zeit

geht nicht vorbei, vertagt sich,

verzagt ist der Frieden, es verharrt

das Meer, ohne Meerbeben eben,

ein Stillleben, verstellt

das Leben, hier

löscht man den Mond, hört auf

und geht weiter.

Nachdichtungen aus dem brasilianischen Portugiesisch: Odile Kennel

JE SUIS UNE ÉTOILE DE MER

francês | Hélène Monette

Je suis une étoile de mer
dans un motel
et je me demande ce que je fais
sur cette terre

j’habite sur le bord d’une route touristique
les gens qui roulent en vélos de location
regardent dans ma maison
en passant
ou ils se crient des sensations personnelles
par la tête, distraits de la vie
essoufflés par le ciel bleu, le soleil flamboyant
la fin du monde est oubliée, c’est dimanche

je me suis engagée
femme de ménage dans le bois

je trie des branches mortes
dans une jungle d’insectes

je suis la treizième d’une famille d’artistes
on m’appelle « B »

les accidents de la nature, ça me connaît

je vis parmi les êtres étranges dans la forêt

et le dimanche je regagne ma cabane
je regarde passer
les voitures de luxe décapotables jaune citron
les joggers à cellulaires
les fourgonnettes familiales à deux passagers
les couples en vélos
les mésanges agitées

je m’évanouis dans la lumière
quadrillée
de la moustiquaire

j’entends des voix
puis, rien
que les oiseaux qui pépient avant la nuit

je sors faire un tour
me cherche un désert
dans le soleil du soir

dans le clair-obscur, le vacarme des chants
une marmotte
m’accompagne
à travers les cocottes

© Hélène Monette
Audio production: UNEQ

Ich bin ein Seestern

alemão

Ich bin ein Seestern
im Motel
und frage mich was ich
auf dieser Erde suche

ich wohne an einer Panoramastraße
Touristen auf Leihrädern werfen
im Vorbeifahren
einen Blick in mein Haus
oder rufen sich persönliche Sensationen zu
über die Köpfe hinweg, vom Leben abgelenkt
atemlos vom blauen Himmel, der glühenden Sonne
das Ende der Welt vergessen, es ist Sonntag

ich betätige mich
als Putzfrau im Wald

sortiere tote Äste
im Insektendschungel

ich bin die Dreizehnte einer Künstlerfamilie
man nennt mich „B“

Naturunfälle sind mir wohlvertraut

ich lebe inmitten seltsamer Wesen im Wald

und sonntags kehr ich in meine Hütte zurück
seh den zitronengelben
Luxuskabrioletts hinterher
den Joggern mit Handy
den Familienkombis mit zwei Passagieren
den Paaren auf Rädern
den aufgeregten Meisen

ich löse mich auf im
Raster
des Fliegengitterlichts

ich höre Stimmen
dann nichts
als das Zirpen der Vögel vor der Nacht

ich geh raus, ‘ne Runde drehn
such mir ‘ne Wüste
in der Abendsonne

im Helldunkel, im Lärm des Gesangs
begleitet mich hier
durch Tannenzapfen
ein Murmeltier

Übersetzung aus dem kanadischen Französisch: Odile Kennel

JE SUIS DÉVERSÉE JE CESSE LÀ

francês | Tania Langlais

je suis déversée je cesse là
heureuse et noyée presque
déliée de moi j'attends
le léger bruit de l’eau sur les poumons
tranquille tu n'auras rien à dire
voici mes heures jetées sur toi

© Tania Langlais
from: Kennedy sait de quoi je parle
Montréal: Éditions Les Herbes rouges, 2008
Audio production: UNEQ

AUSGEKIPPT BIN ICH ENDE HIER

alemão

bin ausgekippt ich ende hier
glücklich und ertrunken fast
befreit von mir erwarte das leichte
geräusch des wassers auf den lungen
gelassen du wirst nichts zu sagen haben
hier meine stunden geworfen auf dich

Übersetzung aus dem kanadischen Französisch: Odile Kennel

JE COLLECTIONNE LES CHEVEUX MORTS

francês | Tania Langlais

je collectionne les cheveux morts
aux brosses des filles mortes
à la mer sauvés déjà
du désordre Kennedy et moi
à l'épreuve du temps nous savons
il fait mauvais déranger les vivants

© Tania Langlais
from: Kennedy sait de quoi je parle
Montréal: Éditions Les Herbes rouges, 2008
Audio production: UNEQ

ICH SAMMLE TOTES HAAR

alemão

ich sammle totes haar
von den bürsten der toten
mädchen im meer gerettet
schon vom chaos zeitgeprüft
wissen Kennedy und ich
es ist ungut die lebenden zu stören

Übersetzung aus dem kanadischen Französisch: Odile Kennel

INCLASSIFICÁVEIS

português | Arnaldo Antunes

que preto, que branco, que índio o quê
que branco, que índio, que preto o quê
que índio, que preto, que branco o quê

que preto branco índio
que branco índio preto
que índio preto branco o quê

aqui somos mestiços mulatos cafuzos pardos
mamelucos sararás crilouros guaranisseis e judárabes

aqui somos mestiços mulatos cafuzos pardos mamelucos sararás
crilouros guaranisseis e judárabes

orientupis, orientupis
ameriquítalos luso nipo caboclos
orientupis, orientupis
ameriquítalos luso nipo caboclos
orientupis, orientupis
iberibárbaros indo ciganagôs
orientupis, orientupis
iberibárbaros indo ciganagôs

somos o que somos
somos o que somos
inclassificáveis
inclassificáveis

não tem um, tem dois,
não tem dois, tem três,
não tem lei, tem leis,
não tem vez, tem vezes,
não tem deus, tem deuses,
não tem cor, tem cores

não há sol a sós
não há sol a sós
não há sol a sós
não há sol a sós

© Arnaldo Antunes
from: O Silêncio (CD)
Rio de Janeiro: Sony BMG Brazil, 1997
Audio production: 2008 Literaturwerkstatt Berlin

UNKLASSIFIZIERBAR

alemão

welcher schwarze, welcher weiße, welcher indio bitte was
welcher weiße, welcher indio, welcher schwarze bitte was
welcher indio, welcher schwarze, welcher weiße bitte was

welcher schwarze weiße indio
welcher weiße indianische schwarze
welcher indianische schwarze weiße bitte was

hier sind wir alle mestizen mulatten zambos
mamluken1 sararás2 kreoblondolen guaranesen3 und judeoaraber

orientupis, orientupis
ameritaliener lusojapanische halbblutindios
orientupis, orientupis3
ameritaliener lusojapanische halbblutindios
orientupis, orientupis
iberobarbaren indozigeunesen
orientupis, orientupis
iberobarbaren indozigeunesen

wir sind was wir sind
wir sind was wir sind
unklassifizierbar
unklassifizierbar

nicht einer, sondern zwei
nicht zwei, sondern drei
kein Gesetz, sondern Gesetze
nicht einmal, sondern mehrmals
kein Gott, sondern Götter
keine Farbe, sondern Farben

keine Sonne gibts solo
keine Sonne gibts solo
keine Sonne gibts solo
keine Sonne gibts solo


(1) mameluk: bezeichnung für jemanden mit europäisch-(indigen) amerikanischer Herkunft
(2) sarará: mestize mit heller haut und rötlichen haaren
(3) guaraní und tupí: indigende Völker Südamerikas

Nachdichtungen aus dem brasilianischen Portugiesisch: Odile Kennel

IN THE NAMING

inglês | Keorapetse Kgositsile

We now know past any argument
that places can have scars
and they can be warm
or cold or full of intrigue
like faces.
                 Since the settler
set his odious foot here in 1820,
my Caribbean brother might say,
these hills have not been joyful together

In Rhini you can go up
or down or any direction
in the lay of the land where
the people have memories as palpable
as anything you can see with your own eye

But in Grahamstown,
those who know say,
any where you go is uphill

© Keorapetse Kgositsile
Audio production: LiteraturWERKstatt Berlin 2009

Namensgebung

alemão

Unbestritten ist:
manche Orte haben Narben
andere sind freundlich
sind verschlagen oder kalt
wie Gesichter.
Seit die verhassten
Siedler 1820 hier Fuß fassten,
waren diese Berge, wie mein Karibischer Bruder
wohl sagen würde, nie glücklich miteinander.

In Rhini kann man bergauf oder
bergab oder in jede beliebige Richtung
gehen, kann der Landschaft folgen, wo
die Erinnerungen der Leute so greifbar sind
wie das, was man mit eigenen Augen sieht

Aber wer in Grahamstown
Bescheid weiß, sagt: wohin man
sich auch wendet, es ist steil

Übersetzt von Odile Kennel

IL Y AURA CET HIVER

francês | Benoit Jutras




Il y aura cet hiver aux orages réguliers : des leçons de ténèbres à la plus stricte observance, le ciel deviendra une brocante, un bijou éclaté, une obstination.

Tu parleras avec les fumées du soir. Tu t’enrubanneras d’algues et d’heures lasses qui vieilliront comme des
cris entre tes côtes.

D’une larme à l’autre, tes yeux changeront d’avenir.

© Benoit Jutras
from: L’année de la mule
Montréal: Éditions Les Herbes rouges, 2007
Audio production: UNEQ

Da wird dieser Winter sein

alemão



Da wird dieser Winter sein mit häufigen Gewittern: Lektionen der Finsternis, strikt zu befolgen, der Himmel verwandelt sich in einen Basar, ein zersplittertes Schmuckstück, in Beharrlichkeit.

Du wirst mit dem abendlichen Rauch sprechen, dir Bänder anlegen aus Algen und trägen Stunden, die wie Schreie zwischen deinen Rippen altern.

Von einer Träne zur nächsten ändert sich die Zukunft deiner Augen.


Übersetzung aus dem kanadischen Französisch: Odile Kennel

How to stay warm in the city

inglês | Phillippa Yaa de Villiers

The Yeoville winter evening
loves its people
skin to skin:
this seducing season that
stripped the trees now
tongues nipples into hardness;
charcoal breath caresses
naked necks and runs
its freezing fingers over faces;
strokes
the limbs with
intense
sustained
relentless
lust.

As the molten heart of day submits,
the city inherits
its transient gold,
but we resist the insistent evening’s kiss
with its
traces of death’s embraces;
we quit the cloying cold
for
our private and modular,
singular accommodations;
one by one
we blow to flame our comfort
and surrender
to domestic rituals:

Yeoville, imboula  mountain
The lights of flats like embers.

© Phillippa Yaa de Villiers
from: Taller than buildings
Cape Town: Center for the book, 2006
Audio production: LiteraturWERKstatt Berlin 2009

Wie man in der Stadt überwintert

alemão

Die Winterabende in Yeoville
gehen ihren Bewohnern
unter die Haut:
Diese betörende Jahreszeit hat schon
die Bäume entblößt, leckt nun
Brustwarzen hart;
Kohleatem streicht über
nackte Nacken, fährt mit
frierenden Fingern über Gesichter;
liebkost
die Körper mit
heftiger
haltloser
unerbittlicher
Lust.

Schmilzt das Herz des Tages dahin
erbt die Stadt
sein flüchtiges Gold
nur wir widerstehen dem drängenden Kuss des Abends
der uns etwas von einer
Todesumarmung flüstert;
wir verlassen die klamme Kälte
kriechen in unsere
vertrauten Baukasten-
Behausungen;
einer nach dem anderen
entfachen wir die Flamme der Behaglichkeit,
ergeben uns
häuslichen Ritualen:

Yeoville, Berg der Kohlebecken
deine erleuchteten Fenster: Stücke von Glut.

Übersetzt von Odile Kennel

Grace

inglês | Phillippa Yaa de Villiers

You are everybody’s child:
you stand at the intersection
of will and destiny.
There is enough of you
for everybody who wants.

You are a photograph,
an album of possibilities,
looped like a memory,
always beginning.

A small boy shakes a mossy tree
laden with ripe red apples;
as birds throw
scraps of sweetness
through the air, and bees
bend their knees to pray to the
flower god,
and streets lay their feet in the
bucket of the day,
and aching dust floats off them,
and the day sighs and its jazz,
you are the deep blue night, die verlore nag,
torn away from the stars,
saxophones run down the railway tracks,
playing catch with your fears;
pennywhistle cupids shoot hearts
with melodic arrows, and honesty
can’t sleep while injustice creeps along
slimy tunnels, looking for outlets;
and the boy under the bearded tree
thoughtfully collects this careless, leaping life,
his century, his day, his apples,
harvested in
the belly of his red, red shirt:

time flows downstream
and life swims hard against the flow,
grace jumps into the water,
grace revels in struggle and sunshine,
grace tells you that it is playing;
grace is growing.

© Phillippa Yaa de Villiers
Audio production: LiteraturWERKstatt Berlin 2009

Anmut

alemão

Du gehörst allen:
stehst an der Kreuzung
von Willen und Schicksal.
Es ist genug von dir da
für jeden, der will.

Du bist Fotograf,
ein Album der Möglichkeiten
verschlungene Erinnerung
immer bereit zu beginnen.

Ein kleiner Junge schüttelt einen moosigen Baum
voller reifer, roter Äpfel;
die Vögel reichern
die Luft an mit Stücken
von Glück, die Bienen
knien vor dem Gott
der Blumen,
die Straßen tauchen ihre Füße
in den Eimer des Tages
wirbeln schmerzenden Staub auf
der Tag seufzt, das ist Jazz —
und du bist die tiefblaue Nacht, die verlore nag,
den Sternen entrissen
Saxophonklänge wehen die Gleise entlang
spielen Fangen mit deiner Angst;
flötende Liebesgötter treffen Herzen
mit ihren melodischen Pfeilen, die Ehrlichkeit
schläft nicht, wenn Ungerechtigkeit durch schleimige
Tunnel kriecht, den Ausgang sucht;
der Baum biegt sich unter der Last, und der Junge
liest behutsam das sorglose, übermütige Leben auf,
sein Jahrhundert, sein Tag, seine Äpfel
erntet er in der Mulde seines
leuchtend roten Hemds:

Die Zeit fließt flussabwärts
das Leben kämpft gegen den Strom
die Anmut springt ins Wasser
die Anmut genießt das Kämpfen, genießt das Licht
die Anmut verrät dir: sie spielt,
die Anmut wächst.

Übersetzt von Odile Kennel

FR – Jean-Baptiste Cabaud

francês | renshi.eu [GR-RO-FI-SK-NL-LT-FR-GR]

Je suis orphelin depuis si longtemps
Et je me tiens, moi, seul
Seul contre ces mots qui pleuvent, moi
Debout devant la lumière triste
D’un crépuscule sans magie

Triste, triste à en mourir

Mon regard infatigable cherche et glisse pourtant
         — J’ai encore la faim du monde en moi —
Sans cesse caresse, physique, l’étendue du continent pourtant
Connaît, mon regard, mieux que les mots que j’entends
L’avenir que l’on devrait

Mais je ne vois monter du coeur commun
Que, biologique, l’inquiétude, depuis toujours
Des hommes face à la nuit qui vient—
La tentation de la caverne et celle du consolateur

Et je sais, moi, que là et ici et là, les feux allumés isolés petits
N’éclaireront pas l’obscurité, n’amèneront pas le jour suivant plus vite
Ne seront, ces foyers, que points rouges piqués sur une carte
Géopolitiques, ne rassurant de rien

Je me sens, moi, Nous et Nous j’irai
Debout pour traverser la nuit

© Jean-Baptiste Cabaud
Audio production: renshi.eu @ poesiefestival berlin 2012

Frankreich – Jean-Baptiste Cabaud

alemão

Bin schon so lange Waisenkind
Und lehne, ich allein
Allein an diesen Worten, die es regnet, ich
Stehe aufrecht im traurigen Licht
Einer Dämmerung ohne Magie

Traurig, todtraurig

Und doch sucht und gleitet mein unermüdlicher Blick
– Bin noch hungrig nach der Welt in mir –
Streicht stetig, physisch, über den weiten Kontinent, kennt
Mein Blick, besser als die Worte, die ich höre
Die Zukunft, die möglich

Doch seh ich vom gemeinsamen Herzen
Nur die Unruhe aufsteigen, biologisch, uralt
Der Menschen vor der anbrechenden Nacht –
Verlockung der Höhle und des Trösters

Und ich weiß, dass dort und hier und dort die kleinen, verstreuten Feuer
Die Dunkelheit nicht erhellen, den nächsten Tag nicht schneller bringen werden
Dass diese Brandherde nur geopolitische rote Fähnchen
Auf einer Karte sind, kein bisschen beruhigend

Ich fühl mich, Uns und Uns ich werde aufrecht
Gehen durch die Nacht

Übersetzung aus dem Französischen von Odile Kennel

FESTIVE HEART

inglês | Keorapetse Kgositsile

The festive heart knows that
it is always possible to do more
of what you must do
and to do it better, always

When Mingus says
he is going to play
the truth of what he is
he is not playing games

Neither is Sun Ra when he says
he actually paints pictures
of infinity with his music

And so I know that it is
always possible to do more
of what you must do
and to do it better, always
because the difference that a day
might make celebrates the day
that makes the difference

I know also that
there are scandals here
some open and loud
others closed except for
their hideous stench

So when you see me walking up
or down these streets
singing your name
it is because I’m happy
to bury the loneliness
some call freedom
as I embrace this moment where

Love leaps and soars
beyond any familiar height
or imaginable horizon
painting pictures of infinity
as it plunges into every crevice
of this festive heart of mine

© Keorapetse Kgositsile
Audio production: LiteraturWERKstatt Berlin 2009

Beschwingtes Herz

alemão

Ein beschwingtes Herz weiß, dass man
das Notwendige noch
überbieten kann
dass es noch besser geht, immer.

Wenn Mingus sagt
er spiele jetzt die
Wahrheit über sich
so ist das kein Spiel

Auch nicht, wenn Sun Ra sagt
er male Bilder der
Unendlichkeit mit seiner Musik

Deshalb weiß ich, dass man
das Notwendige noch
überbieten kann
dass es noch besser geht, immer,
denn was ein einziger Tag
ausmacht, macht auch
den entscheidenden Tag aus.

Ich weiß auch von den
Skandalen hier, manche
öffentlich und laut
andere erkennt man nur
am Gestank

Wenn du mich also deinen
Namen singend durch die
Straßen gehen siehst
heißt das, ich bin froh
die Einsamkeit zu begraben
die manche Freiheit nennen
ich gebe mich hin dem Moment, wenn die

Liebe plötzlich sich erhebt
über alles je Gekannte
Horizonte überschreitet
Bilder der Unendlichkeit malt
sich in jedem Winkel ausbreitet
meines beschwingten Herzens

Übersetzt von Odile Kennel

Exercice de survie.

francês | Pierre Nepveu

Les verbes majeurs
nous obsèdent au milieu
d’un été sans mouvement :

naître, grandir, aimer,
penser, croire, mourir,

et tandis qu’un enfant
gratte le sol où gisent
les urnes enfouies,
nous cherchons une phrase
qui fixera un but
à l’équipée du lendemain,

-- à moins de vivre à l’infinitif
comme un grand vent
qui ne sait d’où il vient,
vide de tout feuillage,
 
ou comme un moine bouddhiste
qui a enfoui au fond de lui-même
la destination du verbe aller.

© Pierre Nepveu
Audio production: Union des écrivains et des écrivaines québécois

Übung im Überleben

alemão

Die wichtigsten Verben
lassen uns mitten im
unbewegten Sommer nicht los:

geboren werden, wachsen, lieben
denken, glauben, sterben

und während ein Kind
in der Erde scharrt wo die
verbuddelten Urnen ruhen
suchen wir einen Satz
der ein Ziel festlegt
für die Belegschaft von morgen

– es sei denn, man lebte im Infinitiv
wie ein starker Wind
der nicht weiß, woher er kommt
der sein Laub los ist

oder wie ein buddhistischer Mönch
der in seinem Innern die Richtung
des Verbs gehen vergraben hat.

Übersetzung aus dem kanadischen Französisch: Odile Kennel

eTHEKWINI

inglês | Keorapetse Kgositsile

for Edessa and all the poets and celebrants: Poetry Africa 2002

I plunge into language
hoping to emerge with the shout
or whisper of the quiet and secret places
my sister celebrates
the tender and blue flame
of her voice moving us
deep
in
to all that we are
or could be. Here we must

jump to recreate ourselves where
Keith Jarrett warns us, there's no way
to practise jumping except by jumping

Like any child you know
I grow. When they ask me then, since
I have been to these big waters here
how does the tree in water grow
will I know what to say?

Here amongst the sounds
of the ocean, the river that moves
like the dancer, and the hills
whose back you must ride
any where you want to go,
I have met the whole world
in motion like this ocean

© Keorapetse Kgositsile
from: This way I salute you
Cape Town: Kwela Books, 2004
Audio production: LiteraturWERKstatt Berlin 2009

eTHEKWINI

alemão

für Edessa und alle Dichter und Zelebranten: Poetry Africa 2002

Ich tauche in Sprache
tauche hoffentlich wieder auf mit einem Schrei
oder Geflüster über die stillen, geheimen Orte
meine Schwester zelebriert
die zarte blaue Flamme
ihrer Stimme die uns bewegt
tief
in
das was wir sind
oder sein könnten. Hier müssen wir

springen, um uns neu zu erschaffen, während
Keith Jarrett uns ermahnt: Springen kann man
nur beim Springen üben

Denk dran, wie alle Kinder
werde ich groß. Und wenn sie mich fragen, weil
ich bei diesen mächtigen Gewässern war
wie wächst ein Baum im Wasser
weiß ich dann eine Antwort?

Hier, inmitten der Klänge
des Ozeans, des Flusses der sich bewegt
wie ein Tänzer, inmitten der Berge
dessen Rücken du erklimmen musst
wo auch immer du hingehen willst
bin ich der ganzen Welt begegnet
in Bewegung wie dieser Ozean

Übersetzung aus dem Englischen: Odile Kennel

CET HIVER SI LOURD

francês | Jean Portante

CET HIVER SI LOURD plus lourd qu'un bateau
bateau bavard avec ses marins humides
bateau qui alourdit les murs des maisons

est-ce lui que nous attendons
ou plutôt l'eau plus lourde
qu'un bateau épargné par la mer

ou une feuille de papier
avec ses nuages habitués ou non au silence
comme si une échelle descendait vers la terre
ou plus bas encore

échelle promise ralentie par la promesse
échelle comme un bruit pendu à sa descente

© Éditions phi, 44 rue du Canal
L - 4004 Esch-sur-Alzette, Luxembourg
www.phi.lu
from: Point. Poèmes. Avec dessins de Marek Szczesny
Esch-sur-Alzette, Luxembourg: Éditions PHI, 1999
ISBN: 2-87962-113-5
Audio production: 2000 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

POINT DE SUSPENSION (Auszüge)

alemão

DIESER SO SCHWERE WINTER schwerer als ein Schiff
schwatzhaftes Schiff mit seinen feuchten Matrosen
Schiff das die Wände der Häuser belastet

warten wir darauf oder warten wir nicht
vielmehr auf das Wasser
noch schwerer als ein vom Meer verschontes Schiff

oder ein Blatt Papier mit seinen
Wolken die Schweigen gewohnt sind oder nicht
als stiege zur Erde herab
oder tiefer noch eine Leiter

versprochene Leiter verlangsamt durch das Versprechen
Leiter wie ein an seinen Abstieg gehängtes Geräusch

Übersetzung aus dem Französischen von Odile Kennel

CES MEUBLES QUI SORTENT

francês | Jean Portante

CES MEUBLES QUI SORTENT d'un bois mobile
la table et ses arbres voyageurs
les chaises attelées aux murs de la forêt

mort qui parle et galope dans la prairie du living
est-ce là que se croisent les chemins

l'un s'introduisant comme un cheval dans la ville
l'autre cachant sous son manteau le feu volé la veille
l'un versant un litre d'origine dans la cafetière
l'autre plus fier qu'un futur
enchaîné au rocher du début

© Éditions phi, 44 rue du Canal
L - 4004 Esch-sur-Alzette, Luxembourg
www.phi.lu
from: Point. Poèmes. Avec dessins de Marek Szczesny
Esch-sur-Alzette, Luxembourg: Éditions PHI, 1999
ISBN: 2-87962-113-5
Audio production: 2000 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

POINT DE SUSPENSION (Auszüge)

alemão

DIESE MÖBEL entstiegen aus einem beweglichen Holz
der Tisch und seine reiselustigen Bäume
die Stühle vor die Mauern des Waldes gespannt

sprechender Tod im Galopp auf der Wohnzimmerwiese
kreuzen da sich die Wege

der eine schleicht sich pferdegleich in die Stadt
der andere versteckt das tags zuvor gestohlene Feuer unter dem Mantel
der eine gießt einen Liter Herkunft in die Kaffeekanne
der andere ist stolzer als eine Zukunft
an den Felsen vom Anfang gekettet

Übersetzung aus dem Französischen von Odile Kennel

CES MAISONS SUSPENDUES

francês | Jean Portante

CES MAISONS SUSPENDUES à ta poitrine
disent-elles que retirer la tête ou la couper
c'est comme plonger une sonde dans le coeur

ou un couteau ou la branche d'un arbre
afin que passent de toi à moi le nord
et l'orage et quelques gouttes de sang

et que brûle le bois qui les pense
coeur sondé tête qui vacille
couteau qui questionne et coupe

c'est ainsi que travaille le cerf
avec ses branches plongées dans ta poitrine

© Éditions phi, 44 rue du Canal
L - 4004 Esch-sur-Alzette, Luxembourg
www.phi.lu
from: Point. Poèmes. Avec dessins de Marek Szczesny
Esch-sur-Alzette, Luxembourg: Éditions PHI, 1999
ISBN: 2-87962-113-5
Audio production: 2000 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

POINT DE SUSPENSION (Auszüge)

alemão

DIESE HÄNGENDEN HÄUSER an deiner Brust
sagen sie den Kopf entfernen oder abtrennen
ist wie eine Sonde ins Herz versenken

oder ein Messer oder einen Ast
damit von dir zu mir der Norden fließe
und Gewitter und ein paar Tropfen Blut

damit das Holz verbrenne das sie denkt
Herz ausgelotet wankender Kopf
Messer das Fragen stellt und schneidet

so arbeitet der Hirsch
mit seinen Ästen tief in deiner Brust

Übersetzung aus dem Französischen von Odile Kennel

CES FLEUVES QUI PASSENT

francês | Jean Portante

CES FLEUVES QUI PASSENT par les villes
et les badauds sur les ponts observant leur salive
partie d'eux-mêmes qui descend vers la mer
et plus loin encore et traverse l'univers
comme une étoile saignante

comédie tant d'arrachement ou souvenir
nuque un rien renversée envoyée en éclaireuse
lait qui tourne et part et paralyse

la rivière vaut-elle ce que veut la salive

sel qui vieillit visages qui partent
mort un rien diluée dans la partance

© Éditions phi, 44 rue du Canal
L - 4004 Esch-sur-Alzette, Luxembourg
www.phi.lu
from: Point. Poèmes. Avec dessins de Marek Szczesny
Esch-sur-Alzette, Luxembourg: Éditions PHI, 1999
ISBN: 2-87962-113-5
Audio production: 2000 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

POINT DE SUSPENSION (Auszüge)

alemão

DIESE DURCH DIE STÄDTE TREIBENDEN FLÜSSE
und die Schaulustigen auf den Brücken
die den Lauf ihrer Spucke verfolgen
ein Teil ihrer selbst der hinunter zum Meer schwimmt
und weiter hinaus noch und durchs Universum
wie ein blutender Stern

Komödie so viel Entreißen oder Erinnerung
Nacken nur ein wenig geneigt als Späher geschickt
Milch die kippt und sich fort macht und lähmt

ist der Fluß wert was die Spucke will

Salz das altert Gesichter die aufbrechen
Tod nur ein wenig im Aufbruch verdünnt

Übersetzung aus dem Französischen von Odile Kennel

CE VENT NOIR ASSOUPI

francês | Jean Portante

CE VENT NOIR ASSOUPI dans le fauteuil du ciel
la bouche fermée comme pour ne pas donner
trop de vie à ce qui dort à ses pieds

aubes pleines d'espoir encore
lits à peine revenus avec à leur bord
de passagères moissons

premiers coups de feu comme
pour compter les heures

est-ce ainsi que commence le jour
les yeux bandés comme le condamné
devant son peloton d'exécution

poussière que soulève le corps en tombant
poussière qui monte et redevient poussière

© Éditions phi, 44 rue du Canal
L - 4004 Esch-sur-Alzette, Luxembourg
www.phi.lu
from: Point. Poèmes. Avec dessins de Marek Szczesny
Esch-sur-Alzette, Luxembourg: Éditions PHI, 1999
ISBN: 2-87962-113-5
Audio production: 2000 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin