Iain Galbraith 
Translator

on Lyrikline: 19 poems translated

from: anglais, rhéto-roman, allemand to: allemand, anglais

Original

Translation

Peregrines

anglais | John Burnside

Soon they will kill the falcons that breed in the quarry,
(it’s only a matter of time: raptors need space
and, in these parts, space equals money);

but now, for a season, they fly low over the fields
and the thin paths that run to the woods
at Gillingshill,

the children calling out on Sunday walks
to stop and look
                              and all of us
pausing to turn in our tracks while the mortgaged land

falls silent for miles around, the village below us
empty and grey as the vault where its money sleeps,
and the moment so close to sweet, while we stand and wait

for the flicker of sky in our bones
that is almost flight.

© Jonathan Cape
from: All one breath
London: Jonathan Cape, 2014
Audio production: Haus für Poesie, 2017

Wanderfalken

allemand

Bald werden sie die Falken töten, die im Steinbruch brüten
(es ist nur eine Frage der Zeit: Raubvögel brauchen Freiraum,
und Raum in dieser Gegend ist Geld);

doch jetzt fliegen sie noch eine Zeitlang tief
über die Felder und schmalen Wege vor dem Wald
bei Gillingshill,

weshalb uns die Kinder beim Sonntagsspaziergang zurufen,
wir sollten anhalten und hinschauen,
                                                                     und tatsächlich
drehen wir uns alle um: das verpfändete Land

liegt weithin still, das Dorf unten
so trist und grau wie der Tresor, in dem sein Geld schläft,
und der Augenblick ist nahezu selig: wir halten inne, warten

auf jenes Himmelsflackern in unseren Knochen,
das beinahe Fliegen ist.

Aus: John Burnside: Anweisungen für eine Himmelsbestattung. Ausgewählte Gedichte.
Aus dem schottischen Englisch von Iain Galbraith
© 2016 Carl Hanser Verlag, München
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages

Heatwave

anglais | John Burnside

After it rained, the back roads gusted with steam,
and the gardens along our street filled with the scent
of stocks and nicotiana,
but it didn't get properly hot till the night drew in,
humid and heavy as glass
on our well-kept lawn.
It was high in the summer. With everyone else
in town for the Lammas fair
I took the meadow-path to where the river
stalled on a sudden blackness: alders
shrouded in night and warmth, and the first slow owl
charting the further bank.

There was always movement there
beneath the slick of moonlight on the turning
water, like a life beneath the life
I understood as cattle tracks and birds:
a darker presence, rising from the stream,
to match my every move, my every breath.
Eel-black and cold, it melded in my flesh
with all the nooks and crannies of the world
where spawn appears, or changelings slip their skins
to ripen at the damp edge of the day,
still blurred with mud
and unrecovered song.

But that night, as the sky above me turned,
I found a different swimmer in the steady
shimmer of the tide,
a living creature, come from the other side
to slip into the cool
black water. I remember how she looked,
beneath the moon, so motiveless and white,
her body like a pod that had been shelled
and emptied: Mrs Pearce, my younger sister's
science teacher, turning in the lit
amazement of a joy that I could almost
smell, across the haze of drifting heat.

I was crouched beneath a stand
of willows and I guess she didn't see
the boy who watched her swim for half an hour
then turn for home beneath the August moon,
a half-smile on her face, her auburn hair
straggling and damp;
yet later, as I walked the usual streets,
I thought that she would stop and recognise
a fellow soul, with river in his eyes,
slipping home under a wave of light and noise,
and finding the key to her nights
in his soft, webbed fingers.

© Jonathan Cape
from: Selected Poems
London: Jonathan Cape, 2006
Audio production: Haus für Poesie, 2017

Hitzewelle

allemand

Nach dem Regen stieg von den Wegen Dampf empor,
und die Gärten an unserer Straße füllten sich mit dem Duft
von Levkojen und Ziertabak,
doch wirklich warm wurde es erst, als sich die Nacht,
feucht und schwer wie Glas,
auf unseren gepflegten Rasen senkte.
Es war Hochsommer. Da die anderen
zum Lammas-Fest in die Stadt gegangen waren,
nahm ich den Pfad durch die Wiesen dorthin, wo der Fluss
auf einmal langsamer wurde, schwärzer: hier waren Erlen,
umhüllt von Nacht und Wärme, und eine Eule
machte erste Erkundungsflüge am anderen Ufer entlang.

Und jedes Mal war etwas dort, das sich
unter dem schlickigen Schwarz des ruhelosen Flusses
im Mondlicht regte, als ob es unter dem mir bekannten Leben
aus Viehwegen und Vögeln ein anderes Leben gab,
eine dunklere Präsenz, die aus dem Wasser aufstieg
und mir in jedem Atemzug und jeder Geste glich.
Aalschwarz und kalt, verschmolz sie in meinen Gliedern
mit allen Winkeln und Nischen einer Welt,
wo Laich erscheint, sich Wechselbälger häuten
und am klammen Rand des Tages heranreifen,
unscharf noch vom Schlamm,
von ungeborgenen Liedern.

Doch in jener Nacht, als es dunkler wurde,
entdeckte ich eine andere Gestalt, die im steten Schimmer
der Strömung schwamm,
ein lebendiges Wesen, von der anderen Flussseite gekommen,
das ins kühle, schwarze
Wasser geschlüpft war. Ich weiß noch, wie sie aussah,
unterm Mond, so blass, so ohne Hintersinn,
ihr Körper wie eine leere Schote, von allem Inhalt
ausgelöst: Mrs.Pearce, Naturwissenschaftslehrerin
meiner jüngeren Schwester, tummelte sich im hellen
Staunen einer Freude, die ich, durch die schwebende
Schleier der Hitze hindurch, beinahe riechen konnte.

Ich hockte unter einer Weidengruppe;
wahrscheinlich merkte sie den Jungen nicht, der ihr
eine halbe Stunde lang beim Schwimmen zusah,
oder wie sie unter dem Augustmond
mit einem halben Lächeln und nassen, strähnigen
rotbraunen Haaren nach Hause kehrte;
doch später, als ich durch die vertrauten Straßen ging,
dachte ich, sie müsste stehen bleiben, ihn erkennen,
den Seelenverwandten mit dem Fluss in seinen Augen,
der im Strom von Licht und Lärm nach Hause schlich
und in seinen sanften Schwimmhautfingern
den Schlüssel zu ihren Nächten fand.

Aus: John Burnside: Anweisungen für eine Himmelsbestattung. Ausgewählte Gedichte.
Aus dem schottischen Englisch von Iain Galbraith
© 2016 Carl Hanser Verlag, München
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages

Poppy Day

anglais | John Burnside

The butcher arrives with a love song
he learned from his father.

Out on the kill floor, veiled in a butterslick
circumflex of marrowfat and bone,
he rinses off the knife and goes to work,
his voice so sweet, the children come to hear

the beauty of it, slipped between a vein
and what the veal calf thought would last
forever.
               Barely a shudder rises through the hand
that holds the blade
                                    and yet he guides it down
so gently, it falls open, like a flower.

And still the children come, to hear him sing,
his voice so soft, it’s no more than a whisper.

© Jonathan Cape
from: The Hunt in the Forest
London: Jonathan Cape, 2009
Audio production: Haus für Poesie, 2017

Gedenktag mit Mohnblume

allemand

Der Fleischer kommt, auf den Lippen ein Liebeslied,
das er vom Vater gelernt hat.

Drinnen im Schlachtgang, von einer schmierigen
Wölbung aus Mark und Knochen verhüllt,
spült er sein Messer ab und geht mit solch
lieblicher Stimme ans Werk, dass Kinder

seiner Schönheit lauschen wollen, eingeschlichen
zwischen Vene und etwas, was das Kalb für
ewig hielt.
                    An der Hand mit der Klinge sieht man
kaum eine Zuckung,
                                     er führt sie aber so sachte
nach unten, es ist wie eine Blume, die aufgeht.

Doch die Kinder kommen, um ihn singen zu hören,
diese Stimme so sanft wie ein Flüstern.

Aus: John Burnside: Anweisungen für eine Himmelsbestattung. Ausgewählte Gedichte.
Aus dem schottischen Englisch von Iain Galbraith
© 2016 Carl Hanser Verlag, München
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages

The Hunt in the Forest

anglais | John Burnside

How children think of death is how the shadows
gather between the trees: a hiding place
for everything the grown-ups cannot name.
Nevertheless, they hurry to keep their appointment
far in the woods, at the meeting of parallel lines,
where everything is altered by its own
momentum – altered, though we say transformed –
greyhound to roebuck, laughter to skin and bone;

and no one survives the hunt: though the men return
in threes and fours, their faces blank with cold,
they never quite arrive at what they seem,
leaving a turn of phrase or a song from childhood
deep in the forest, bent to the juddering kill
and waiting, while their knives slip through the blood
like butter, or silk, until the heart is still.

© Jonathan Cape
from: The Hunt in the Forest
London: Jonathan Cape, 2009
Audio production: Haus für Poesie, 2017

Die Jagd im Wald

allemand

So wie Schatten sich zwischen den Bäumen sammeln,
stellen sich Kinder den Tod vor: als Versteck
für alles, wofür die Erwachsenen keinen Namen haben.
Diese eilen dennoch zum ausgemachten Treffpunkt
fern im Wald, wo Parallelen zusammenlaufen
und sich alles aufgrund der eigenen Schwungkraft
ändert - ändert, doch wir sagen auch verwandelt dazu -
Windhund in Rehbock, Lachen in Haut und Knochen;

und keiner überlebt die Jagd: zwar kommen die Männer
zu dritt oder viert mit kältestarren Gesichtern zurück,
sie erreichen aber nie ganz das, was ihr Schein verspricht:
etwas, ob Redensart oder Kinderlied, lassen sie tief
im Wald zurück, noch über dem zuckenden Tier
gebeugt, abwartend, während das Messer durchs Blut
wie durch Butter oder Seide gleitet, bis das Herz ruht.

Aus: John Burnside: Anweisungen für eine Himmelsbestattung. Ausgewählte Gedichte.
Aus dem schottischen Englisch von Iain Galbraith
© 2016 Carl Hanser Verlag, München
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages

Instructions for a Sky Burial

anglais | John Burnside

Three miles west of Sue and Gerry's house
I found what remained of a young
coyote; how long dead, I couldn't say,
though all the soft tissue was gone, the eye-sockets
hollow, the viscera
scraped from the crib of the bone, leaving only the glare
of spine and a tatter of hide,
bald at the forelegs and black where the mouth had become
a rueful ventriloquist's grin.
It's hard to walk away from such a find;
there is something about a dead thing out in the open
that draws us in, a kind of gravity
both intimate and fateful, and I went back several times
to stand there, in the queasy sway of it,
flesh of its flesh, so it seemed, yet powerless
to wish it back to life
                                      - though that was what I wanted: like a child,
I wanted to make it well, to resurrect
the light in its face, the attention, the changing colours.
I remember I used to come home through the ash
and graphite of the woods on Fitty Road,
the shadows mauve and grey between the trees
and subtle, always shifting, so it seemed
a presence in the land was out to play.
On days when I timed it right, I walked back
in the blue hour, when the stands
of thistle in full seed were incandescent
- no other word for it, everything lit with a pale,
cold flame.
                      I found a sheep there once, a slur
of lanolin and rot, the fleece
yellowed and bare in patches, one eye
more or less intact, a pool
of verdigris I didn't dare to touch,
though, up till then, I'd thought I was afraid
of nothing.
It shamed me for days, remembering how I'd lost
my nerve and run away,
guilty of something - though what I couldn't tell -
alone in the dark and suddenly wanting my mother.
They say the dead still listen for a time
before they leave for good, the spirit
sifting away in the wind, or salting the grass
for the life of the world to come.
Maybe it's this that decides
the new beginning, someone
coming across a field
at evening, birdsong
high in the trees, or the first dark spots
of rain in a stand of nettles: everything
shapes what it encounters, glancing touch
or intricate refusal, requiem,
or silence.
So when that day arrives
when I shall die,
carry me out of the house, unwashed and naked,
and leave me in the open, where the crows
can find me,
dogs, if there are dogs - there will be rats,
but let them eat their fill, so what they leave
can blend into the soil
more easily.
Some moisture will be lost
to heat and wind
but something more will live again
as fodder: meadow-grass
and daisies, rue
and hawthorn, all the living knots
of larvae in the scattering of flesh
and bone, birds gathering the hair
to line their nests, the last ants
busy about the mouth while something
inexact and perfect forms itself
around the last faint wisp
of vein, or tendon: something a like a song,
but taking shape, implacably itself,
new breath and vision, gathered from the quiet.

© Jonathan Cape
from: All one breath
London: Jonathan Cape, 2014
Audio production: Haus für Poesie, 2017

Anweisungen für eine Himmelsbestattung

allemand

Drei Meilen westlich des Hauses von Sue und Gerry
entdeckte ich die Überreste eines jungen
Kojoten; wann er gestorben war, konnte ich nicht sagen,
das weiche Gewebe fehlte, die Augenhöhlen
waren leer, die Eingeweide von der Wiege
des Knochengerüsts abgeschabt, es blieben nur das Helle
der Wirbelsäule und ein paar Fetzen Fell,
kahler an den Vorderbeinen, schwarz, wo das Maul
ans traurige Grinsen eines Bauchredners erinnerte.
Es ist schwer, einem solchen Fund den Rücken zu kehren;
ein verendetes Wesen unter freiem Himmel hat etwas,
das uns hineinzieht, eine Art von Schwerkraft, intim
und unausweichlich zugleich, jedenfalls kehrte ich mehrmals
dorthin zurück, setzte mich taumelnd seinem Sog aus,
Fleisch seines Fleisches, wie mir schien, doch unfähig
ihn zum Leben zu erwecken
                                                   – aber genau das wollte ich: wie ein Kind
wollte ich ihn wieder gesund machen, das Licht in seinem Gesicht
wiederherstellen, die Aufmerksamkeit, die changierenden Farben.
Ich erinnere mich, wie ich oft durchs Graphit- und Aschgrau
des Waldes am Fitty Road nach Hause lief,
und wie die Schatten, graue oder malvenfarbene, sich ständig
und fast unmerklich zwischen den Bäumen bewegten, als sei dort
irgendetwas unterwegs, das mit mir spielen wollte.
Erwischte ich an manchen Tagen den richtigen Zeitpunkt, so lief
ich in der blauen Stunde zurück, als die Disteln
in ihrer Samenpracht weißglühend leuchteten
– dafür gibt es kein anderes Wort, es loderte alles mit einer blassen,
kalten Flamme.
                             Einmal fand ich dort ein Schaf: Schlamm
aus Lanolin und Fäulnis, das Vlies
vergilbt und an manchen Stellen kahl, ein Auge
mehr oder weniger intakt, eine grünlich
säuerliche Lache, die ich nicht zu berühren wagte,
obgleich ich bis dahin geglaubt hatte,
mich vor nichts zu fürchten.
Tagelang beschämte mich die Erinnerung, wie ich
den Mut verloren hatte und weggerannt war, wie ich mich schuldig
gefühlt hatte – ohne zu wissen weswegen – und wie auf einmal,
in der Dunkelheit allein, mir meine Mutter fehlte.
Man sagt, die Toten lauschen eine Zeitlang weiter,
ehe sie endgültig gehen, erst nach und nach löse
der Geist sich in den Wind auf oder, kommendem
Leben zum Wohl, streue sein Salz ins Gras.
Das ist es vielleicht, was den neuen Anfang
bestimmt, gegen Abend läuft jemand
übers Feld, es gibt Vogelgesang
in den Baumkronen und die ersten, dunklen Regenflecken
an den Nesselblättern: Alles wird durch das geformt,
womit es in Berührung kommt, ob durch bloßes Streifen
oder komplizierte Zurückweisung, Requiem
oder Schweigen.
Wenn also der Tag kommt,
an dem ich sterbe,
tragt mich aus dem Haus, ungewaschen, nackt,
und lasst mich unter freiem Himmel liegen, wo mich die Krähen
finden werden,
und die Hunde, wenn es welche gibt – Ratten wird es wohl geben,
doch lasst sie fressen, was sie brauchen, damit das,
was sie übrig lassen, leichter
ins Erdreich übergeht.
Zwar geht ein wenig Feuchtigkeit
an Wärme und Wind verloren,
doch einiges mehr wird als Futter
abermals aufleben: Rispengras
und Gänseblümchen, Weinraute
und Weißdorn, alle Larvenknoten
auf verstreuten Fleisch- und Knochenresten,
und die Haare werden Vögel sammeln, um ihre Nester
auszupolstern, die letzten Ameisen
sich noch am Mund zu schaffen machen, derweil etwas
Ungenaues und Vollkommenes
sich aus dem einzig verbliebenen Hauch
einer Vene oder Sehne herausbildet: etwas wie ein Lied,
das aber Gestalt annimmt, unerbittlich eigen,
neuer Atem und neue Vision, von der Stille gewonnen.

Aus: John Burnside: Anweisungen für eine Himmelsbestattung. Ausgewählte Gedichte.
Aus dem schottischen Englisch von Iain Galbraith
© 2016 Carl Hanser Verlag, München
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages

Old Man Swimming

anglais | John Burnside

When I was twenty years old, on days that were
darker and brighter than now,
I got up at six and swam fifty lengths every morning,

steady and even, though not as precise, or as sure
as the one other swimmer I passed, flowing back and forth,
in the lit pool on Parker's Piece:

an old man, I thought at the time,
with a gold to his skin
that is only acquired over decades, his slicked hair

silver, his bachelor's eyes
halfway from grey to blue, when we met
in the changing rooms, silent and male,

but never so much that it bothered him not to conceal
a fleeting, and half-amused gleam
of fellow feeling.

He was my model for years,
with his gorgeous stroke
and his lack of determination,

something that looked like happiness
pushing him on
for mile after mile of easy, unnumbered laps

and I wanted to be like that,
but I never got past
the effort, the mental arithmetic; the thoughts

of later, or somewhere else
- though, at the time,
1 put it down to age, experience,

an old man's gift for knowing how much he could do,
and it's taken till now to see that he wasn't so old,
just graceful, and lit with the years

he had carried so far:
the same age as I am today, more or less,
as I pass the municipal baths in another town

and glance across the blue-grey of the park
to where the better self I meant to be
glides quietly, length by length, to his own abstention.

© Jonathan Cape
from: The Hunt in the Forest
London: Jonathan Cape, 2009
Audio production: Haus für Poesie, 2017

Alter beim Schwimmen

allemand

Mit zwanzig, als die Tage
heller und dunkler waren als heute, stand ich
immer um sechs Uhr auf und schwamm fünfzig Längen,

zwar beharrlich und gleichmäßig, aber nicht so bestimmt oder gekonnt
wie der einzige andere, den ich beim Hin- und Herschwimmen
überholte, im lichtdurchfluteten Freibad im Parker‘s Piece:

ein alter Mann, so dachte ich damals,
dessen Haut jenen Goldton hatte,
der nur über Jahrzehnte entsteht, mit silbernen, nach hinten

geglätteten Haaren und Junggesellenaugen, die nicht mehr grau
und noch nicht blau waren, der sich, als wir uns im Umkleideraum
begegnet sind, stumm und männlich gerierte,

doch auch nicht so, dass es ihn störte, einen flüchtigen
und fast belustigten Schimmer komplizenhafter Verbundenheit
nicht unterdrücken zu wollen.

Mit seinem herrlichen Schwimmstil
und seiner Lässigkeit
und mit etwas, das wie Glück aussah,

das ihn dazu antrieb,
mühelos die unzähligen Bahnen zu ziehen,
blieb er jahrelang mein Vorbild:

so wollte ich sein,
schaffte es jedoch nie
aus der Anstrengung, dem Kopfrechnen, den Gedanken

an ein Später oder ein Anderswo herauszukommen,
– obwohl ich das damals
auf Alter und Erfahrung zurückführte,

auf die Begabung eines alten Mannes, die eigenen Fähigkeiten zu erkennen,
und erst heute verstehe ich, dass er so alt gar nicht war,
sondern nur voller Anmut, von den Jahren

erleuchtet, die er bisher bewältigt hatte:
so alt eben, wie ich es heute bin, mehr oder weniger,
der ich am Freibad einer anderen Stadt vorbeilaufe

und über eine blaugraue Parklandschaft hinweg schaue,
dorthin, wo das bessere Selbst, das ich einmal sein wollte,
ruhig und enthaltsam gleitend seine Bahnen zieht.

Aus: John Burnside: Anweisungen für eine Himmelsbestattung. Ausgewählte Gedichte.
Aus dem schottischen Englisch von Iain Galbraith
© 2016 Carl Hanser Verlag, München
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages

From the Chinese

anglais | John Burnside

Turn of the year
and a white Christmas turning to slush
on my neighbour's fields,

crows on the high road,
the yard streaked with coal dust
and gritting,

geraniums turning to mush
in the bubs and baskets.

I walk to the end of the road
to ease my sciatica:
ditch water, gorse bones; how did I get so cold

so quickly?

Thaw in the hedge
and the old gods return to the land
as buzzard and pink-footed goose and that

daylong, perpetual scrape
of winter forage;

but this is the time of year
when nothing to see
gives way to the hare in flight, the enormous

beauty of it stark against the mud
and thawglass on the track, before
it darts away, across the open fields

and leaves me dumbstruck, ready to be persuaded.

© Jonathan Cape
from: All one breath
London: Jonathan Cape, 2014
Audio production: Haus für Poesie, 2017

Aus dem Chinesischen

allemand

Jahreswende,
und das weihnachtliche Weiß verwandelt sich in Matsch
auf den Feldern meines Nachbarn,

Krähen an der Straße oben,
der Hof schlierig von Kohlestaub
und Streugut,

Geranien, die in Kübeln und Körben
zur Pampe werden.

Um meinen Ischias-Schmerz zu lindern,
laufe ich bis zum Ende der Straße:
Grabenwasser, knorriger Ginster; warum wird mir so schnell

kalt?

Es taut an der Hecke,
und die alten Götter kehren ins Land zurück
als Bussard und Kurzschnabelgans und dieses

tagelang andauernde Scharren
nach Winterfutter;

aber das ist die Jahreszeit,
in der Nichts-zu-Sehen
ein fliehender Hase wird, seine großartige

schlichte Schönheit vor Schlamm
und Eisscheiben auf dem Pfad, bis er auf einmal
über die großen Felder wegflitzt

und mich sprachlos zurücklässt, ja, offen für Neues.

Aus: John Burnside: Anweisungen für eine Himmelsbestattung. Ausgewählte Gedichte.
Aus dem schottischen Englisch von Iain Galbraith
© 2016 Carl Hanser Verlag, München
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages

Koi

anglais | John Burnside

The trick is to create a world
from nothing

                         - not the sound a blackbird makes
in drifted leaves

not dogwood
                         or the unexpected scent
of jasmine by the west gate

                                                  not the clouds
reflected in these puddles all around
the bowling green
                                  deserted after rain
and darker than an early polaroid -

but nothing
                      which is present in the flesh
as ripeness is: a lifelong urgency.

The trick is in the making
                                            not the made

beginning where an idle mind spools out
to borderline and limit
                                        half a mile
of shadow in the pine woods
                                                     or a rim

of wetland - rush and willow
gathered close
                           like mourners in the dark -

                                                                           a sudden
ambiguity of liverwort or birch
suggesting no man's land
                                              or journey'send.

As everything is given
                                       and conceived
imagined real
                         a stone's throw in the mind

it's not the thing itself
                                        but where it stands

- the shadows fanned
                                        or dripping from a leaf
the gap between each named form and the next

where frogs and dragonflies arrive
from nowhere
                           and the kingdom is at hand
in every shift of colour and degree

bullfinch and squirrel
                                       hawk-moth
and antirrhinum.

All afternoon we've wandered from the pool
to alpine beds and roses
                                            and the freshly-painted
palm house

                       all afternoon
we've come back to this shoal
of living fish.

Crimson and black
                                 pearl-white
                                                       or touched with gold
the koi hang in a realm of their invention

with nothing that feels like home
                                                            -a concrete pool
and unfamiliar plants spotted with light
birdsong and traffic
                                    pollen and motes of dust

and every time the veil above their heads
shivers into noise
                                 they dart
and scatter

                       though it seems more ritual now
than lifelike fear
                              as if they understood
in principle
                     but couldn't wholly grasp

the vividness of loss

and every time we gaze into this pool
ofbodies
                 we will ask

how much they know of us
                                                 and whether this
is al! Illusion

                       like the play of light
across a surface gilded with a drift
of pollen

                 or the sound a blackbird makes
as it withdraws
                             one moment at a time

remembering its myth of origin.

© Jonathan Cape
from: Selected Poems
London: Jonathan Cape, 2006
Audio production: Haus für Poesie, 2017

Koi

allemand

Die Kunst besteht darin, eine Welt
aus dem Nichts zu schaffen

                                                  – nicht etwa aus dem Geräusch einer Amsel
im zugewehten Laub

nicht aus dem Hornstrauch
                                                  dem unerwarteten Jasminduft
am Westtor

                       oder aus den Wolken
die sich in den Pfützen
am Bowling-Rasen widerspiegeln
                                                             der nach dem Regen
verlassen wirkt und schummriger als ein altes Polaroidbild –

sondern aus dem Nichts
                                            das im Körper nicht weniger vorhanden ist
als die Reife: lebenslang dringlich.

Die Kunst liegt im Schaffen
                                                  nicht im Geschaffenen

angefangen, wo man in aller Muße die Gedanken bis zur Grenze
und zum Äußersten abrollen lässt:
                                                               jene halbe Meile

von Schatten im Pinienwald
                                                   oder der Rand
eines Feuchtgebiets – Schilf und Weide
wie Trauernde
                           im Dunkeln eng verbunden –

                                                                                 und
plötzlich diese Doppeldeutigkeit von Lebermoos oder Birke
die auf ein Niemandsland hindeutet
                                                                 oder aufs Ende der Reise.

Weil alles gegeben ist
                                       und erdacht
durch unsre Vorstellung real
                                                    ein Katzensprung im Kopf

ist nicht die Sache wichtig
                                               sondern wo sie steht

– aufgefächerte Schatten
                                             oder wie von einem Blatt tröpfelnd
die Lücke zwischen jeder benannten Form und der nächsten

wo Frösche und Libellen
wie aus dem Nichts auftauchen
                                                         und das Himmelreich
in jeder Verschiebung von Farbe oder Abstufung nahe ist

Dompfaff oder Eichhörnchen
                                                     Schwärmer
oder Löwenmaul.

Den ganzen Nachmittag wandern wir zwischen dem Teich
und alpinen Beeten und Rosen
                                                        sowie dem frisch gestrichenen
Palmenhaus

                      den ganzen Nachmittag lang
kehren wir zu diesem Schwarm
lebendiger Fische zurück.

Karmesinrot und Schwarz
                                                Perlmuttweiß
                                                                         mit einem Hauch von Gold
hängen die Koi in einem Reich nach eigener Erfindung

wobei nichts wie eine Heimat anmutet
                                                                       – eine Betonwanne
und fremde, mit Lichtflecken besprenkelte Pflanzen
Vogelgesang und Straßenverkehr
                                                             Pollen und Staubpartikel

und zittert der wässrige Schleier über ihren Köpfen
vor Lärm
                 schießen sie davon
und stieben auseinander

                                              doch scheint es mehr Ritual zu sein
als lebensechte Furcht
                                         als ob sie ihre Lage
zwar prinzipiell verstünden
                                                  die Schärfe des Verlusts

jedoch ihnen entginge

und immer, wenn wir in diesen Teich
voller Körper blicken
                                      werden wir uns fragen

wie viel sie von uns wissen
                                                 und ob das alles
nur Schein ist

                         wie das Lichtspiel
auf einer von wehendem Blütenstaub
vergoldeten Oberfläche

                                           oder wie die Laute, die eine Amsel
von sich gibt
                       wenn sie sich nach und nach zurückzieht

eingedenk des Mythos ihres Ursprungs.

Aus: John Burnside: Anweisungen für eine Himmelsbestattung. Ausgewählte Gedichte.
Aus dem schottischen Englisch von Iain Galbraith
© 2016 Carl Hanser Verlag, München
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages

The Pit Town in Winter

anglais | John Burnside

Everything would vanish in the snow,
fox bones and knuckles of coal
and dolls left out in the gardens,
red-mouthed and nude.

We shovelled and swept the paths,
but they melted away in the night
and the cars stood buried and dumb
on Fulford Road.

We might as well be lost, she said;
but I felt the neighbours dreaming in the dark,
and saw them wrapped in overcoats and scarves
on Sundays: careful, narrow-footed souls,
become the creatures of a sudden light,
amazed at how mysterious they were.

© Jonathan Cape
from: Selected Poems
London: Jonathan Cape, 2006
Audio production: Haus für Poesie, 2017

Zechenstadt im Winter

allemand

Alles verschwand unter Schnee,
Fuchsknochen und Kohleknubbel,
im Garten zurückgelassene Puppen,
mit rotem Mund und nackt.

Wir schippten und fegten die Wege frei,
doch nachtsüber schwanden sie erneut dahin,
und die Autos standen zugeschüttet und stumm
auf der Fulton Road.

Wir könnten genauso gut verschwinden, meinte sie;
doch ich spürte, wie die Nachbarn im Dunklen träumten,
und sonntags, eingehüllt in Schals und schwere Mäntel,
sah ich sie: vorsichtige, leichtfüßige Seelen,
Geschöpfe dieser plötzlichen Lichtfülle,
verblüfft darüber, wie geheimnisvoll sie waren.

Aus: John Burnside: Anweisungen für eine Himmelsbestattung. Ausgewählte Gedichte.
Aus dem schottischen Englisch von Iain Galbraith
© 2016 Carl Hanser Verlag, München
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages

[Te chësc lüch, a pascentada resta nosc dagnì]

rhéto-roman | Roberta Dapunt

Te chësc lüch, a pascentada resta nosc dagnì.
Mostra inant cun lecaćiadin, n vare indolater
rovarunse inće nos pro florì,
döta tera nes fajarà curtina y spizorada nöia.
Jënt ladina, tan pice inom
rodosa i ödli y ćiara lunć,
mënder tlap inće nos adinfit söl monn

© Folio Verlag
from: Nauz
Folio Verlag, 2012
Audio production: Haus für Poesie / 2016

[On this farm we must put our future to autumn grazing]

anglais

On this farm we must put our future to autumn grazing.
Point your finger forwards, and one step after another
we too shall come to blossom, the whole earth
covering us then letting us burgeon anew.
Ladin people, so small a name,
but turn your eyes and gaze into the distance:
a small band, we too are tenants on Earth.    

English translation by Iain Galbraith

[Vers ladin, tan rî che al é te scrì]

rhéto-roman | Roberta Dapunt

Vers ladin, tan rî che al é te scrì.
Ciara da finestra fora y vëiga dantadüt tëmp y sajun,
degun pinsier a jënt ladina, degun paîsc nadè.
Tan püćia crëta a mia confesciun,
n Pater, Ave, Gloria vigni iade da pié ia.
Dejciolè raîsc, desraijé ödli y orëdles, madër s’un trà
y lascè jì pîsc y mans fora por pastöra plö grassina.
Miorè, ingrassè parores y punt d’odüda
y tla finada ćiarè zoruch da n cucher ite.

© Folio Verlag
from: Nauz
Folio Verlag, 2012
Audio production: Haus für Poesie / 2016

[Ladin poem, how hard it is for me to write you]

anglais

Ladin poem, how hard it is for me to write you.
You look out of the window and see mainly weather and season,
no thought for Ladin people, for your native village.
So little trust do you have in my faith
you recite Pater, Ave, and Gloria each time you set off.
To pull up roots, deracinate eyes and ears, simply go
and let hands and feet flit to more fertile pastures.
To fatten your text and compost your way of seeing
and look back nonetheless as through a peephole.

English translation by Iain Galbraith

what is poetry?

allemand | Ulrike Draesner

putzen staubsaugen rotz abwischen geschürftes knie
bauch streicheln zum einschlafen oder wenn er wehtut
ein bettlied singen vorlesen die beine spreizen empfänglich
und tröstlich sein die wäsche in die trommel stopfen
schamhaare aus dem abfluß fischen zum zehnten mal
den klodeckel schließen die gesamten becher der familie
auf der spülmaschine abgestellt in die maschine räumen
fluchen aber unhörbar an die erziehung des mannes
denken jede erziehung aufgeben sich bücken den hund
füttern mensch ärgere dich nicht spielen wie ein trottel
endlich im bad tür von innen abschließen nach einer minute
riesengeschrei: rotz abputzen marmeladenbrot schmieren
marmeladenbrot vom teppich klauben badeanzüge
auswaschen selbst den ganzen tag nicht rausgekommen
hausschlüssel suchen multi-tasking bewundern
und verachten als mutti-tasking verhören toten vogel
vom fensterbrett schippen sich nicht ekeln ihn
in den garten bringen blick auf den sonnensturm
schmetterlinge das ganze zeug am tümpel (muss
auch endlich saubergemacht werden) libellen
für sekunden die spiegelung
sehen: sich selbst
             halbdämmrig, klein
             ein kind das die weißen
             zähne zeigt, deine zähne

es ist dein körper
du weißt kein besseres wort
             für das, was du siehst, lebendig
             und von dir
             unterschieden
weiß es mehr über dich als dir recht
sein kann es sagt: ich liebe
dich tiefer als einen wald

es sagt: dunkel ist das innere des mundes
und alles was denkt

© 2014 Luchterhand Literaturverlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH
from: Subsong. Gedichte
München: Luchterhand Literaturverlag, 2014
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2014

what is poetry?

anglais

cleaning vacuuming wiping runny noses a scraped knee
stroking tummy to put her to sleep or when it’s sore
singing bedtime songs spreading one’s legs being
responsive consoling stuffing dirty washing in the drum
for the tenth time fishing pubic hair out of the drain
closing the toilet lid clearing mugs the entire family
has left on top of the dishwasher into the machine
swearing but inaudibly pondering the parenting
of men abandoning all parenting and bending to feed
the dog playing parcheesi like a total noodle
locking oneself in the bathroom at last pandemonium
a minute later: wiping snot spreading a jam sandwich
picking jam sandwich out the shag-pile washing
their swimsuits not having set a foot out all day
hunting the house-key admiring and despising multi-
tasking mishearing it as mummi-tasking shovelling
a dead bird off the window-ledge not finding it
icky taking it into the garden glancing at the solar storm
butterflies all that stuff left around the pond (which
is desperately in need of cleaning) dragonflies
a seconds long re-
flection: oneself
bleary, small
a child showing its
         white teeth, your teeth

         it is your body
you have no better words
for what you see, vital
and detached
         from yourself
         knowing more about you than you
can bear and it says: my love
for you is deeper than a forest

it says: dark is the inside of the mouth
and everything that thinks

Translated by Iain Galbraith

der veteranengarten

allemand | Jan Wagner

„Again he fighting with his foe, counts o’er his scars,
                      Tho‘ Chelsea’s now the seat of all his wars,
                      And fondly hanging on the lengthening tale,
                      Reslays his thousands o’er a mug of ale.“

                      - Sir John Soane, Inschrift im Summerhouse
                      des Royal Hospital, London -


die veteranen wachsen aus dem gras
empor in ihren ehrenuniformen;
die schweren messingknöpfe blinzeln matt
ins späte licht des nachmittags zurück.
sie wachsen aus dem gras wie in den mythen
das heer der ausgesäten drachenzähne.

die veteranen zeigen ihre zähne
auf fotos, die so braun wie altes gras
geworden sind – vergilbter noch als mythen.
der kampf, sagt jener grieche, ist der formen
beginn, und alles führt zu ihm zurück.
die veteranen steigen auf das matt-

erhorn ihrer erinnerung, das matt
im gegenlicht erstrahlt. die falschen zähne,
die längst schon in der ebene zurück-
geblieben sind. fast unbemerkt im gras
die enkel, glücklich mit geringsten formen
des spiels - ein gegensatz zum kaum bemühten

versuch der veteranen, sich beim mythen-
umrankten spiel der könige ins matt
zu setzen. (die die weißen steine formen
benutzen elfenbein und walroßzähne.)
im veteranengarten wächst das gras.
die schnecke gleitet in ihr haus zurück.

die veteranen denken oft zurück
und kaum nach vorne. so entstehen mythen.
die enkelkinder spielen auf dem gras
in das die kameraden bissen, matt
vom kampf. zu leben heißt: man muß die zähne
zusammenbeißen. und das schicksal formen.

die schwestern tragen weiße uniformen
und sind doch warm. sie rollen sie zurück
ins haus wenn erste sterne ihre zähne
entblößen, und ein ganzes heer von mythen
folgt ihnen auf die zimmer. wo es matt
war vom gewicht erhebt sich nun das gras.

die dunklen formen wandern übers gras -
man mag an zähne denken. oder mythen.
der könig bleibt zurück in seinem matt.

© Berlin Verlag
from: Guerickes Sperling
Berlin: Berlin Verlag, 2004
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

the veterans’ garden

anglais

„Again he fighting with his foe, counts o’er his scars,
                        Tho’ Chelsea’s now the seat of all his wars,
                        And fondly hanging on the lengthening tale,
                        Reslays his thousands o’er a mug of ale.“
                        - Sir John Soane, inscription at the summerhouse
                        of the Royal Hospital, London -


the veterans grow out of the grass
attired in emeritus uniforms;
their heavy buttons seem so matt
in the late sunlight – the brass glinting back.
they grow from the grass as in the myths
when an army was sowed with dragon’s teeth.

indeed the veterans bare their teeth
on photographs as brown as parched grass
in summer – more faded even than myths.
battle, said the greek, is where all forms
begin, to battle too all things lead back.
and now the veterans assault their matt-

erhorn of memories, its glow grown matt
against the light. their false teeth
however, long forgotten, they’ve left back
in the plain. easily overlooked in the grass
are grandchildren happy with the basest forms
of game – unlike the veterans themselves, smiths

of fate in a game surrounded with myths,
where king meets king and knights give mate.  
(small wonder then the craftsman who forms
the pieces uses ivory and walrus teeth).
in the veterans’ garden grows the grass.
the snail with one foot out slides back.  

the veterans’ thoughts often take them back
but rarely forward. what transpires are myths.
their grandchildren play on the very grass
on which their comrades fell, whose eyes were matt
in death. survival means to clench your teeth
and master fate in all its manifold forms.

their nurses wear white uniforms
and still feel warm. they roll them back
inside when first stars flash their teeth,
and then a mighty army of myths
follows them up to their rooms. once matt,
their imprints soon dissolve in the grass.  

the dark forms drift across the grass –
some might think of teeth. or myths.
but the king stays back: checkmate.

Translated into English by Iain Galbraith

[Sehnliches oder Sehen]

allemand | Michael Donhauser

Sehnliches oder Sehen, es
beugen die Zweige sich und
wärmer noch oder bricht
von Früchten schwer, was
zärtlich entlang im Laub
verirrt und leuchtend liegt

Denn einsam und mild, nah
hieß es, dem letzten Schein
sinkt, von Stimmen umspielt
das Haupt, die Hand, es
war, ich nannte dich und
Stille das herbstliche Licht

Dein Park, deine Bank mit
Gezwitscher, Kastanien, die
fallen, die schlagen, auf am
Kies, Sand, ich sah deinen
Fuß, eine Feder fast weiß
schaukeln nieder und ruhn

© Urs Engeler Editor
from: Sarganserland
Basel: Urs Engeler Editor, 1998
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2004

[The fervent or seeing...]

anglais

The fervent or seeing
the branches bend and
warmer still or breaking
heavy with fruit what
tender along the leaves
and lost lies shining

For lonely and mild close
it was said to last light
sinks haloed by voices
the head the hand it
was I called you and
stillness the autumn light

Your park your bench
with chirping chestnuts
falling splitting open on the
gravel sand I saw your
foot a feather almost white
see-saw down and rest

Translated by Iain Galbraith.

From: Shearsman No. 57, Winter 2003/2004.

[Feiernder Abend, Talweg]

allemand | Michael Donhauser

Feiernder Abend, Talweg und
Gewalt, aufgebrochen die
Augen, Knospen, wir sagten
sieh, und glühend war der
Himmel, tönten die Berge

Flußherwärts der Verkehr, es
strömte das Wasser, waren
Steine, ti penso und immer
habe ich mit Kieseln, Reisig
Laub und an dich gedacht

Wärmende Böschung, der
Flattich, du weintest, deine
Hände sanken, müde, und
Schatten, kahle, streiften den
Asphalt, flüchtig mit Lippen

Schnatternd flog auf, rief eine
Amsel und flötete, schlug
jubelnd mit Pausen, es naht
hieß ein Versiegen, wehende
Bänder, Drähte, der Weg

© Urs Engeler Editor
from: Sarganserland
Basel: Urs Engeler Editor, 1998
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2004

[Rites of the evening glen]

anglais

Rites of the evening glen
path and violence the eyes
burst open buds we said
look and the sky glowed
the mountains attuned

From over the river the
traffic flowing water the
stones ti penso and always
with pebbles brushwood
leaves I’ve thought of you

Warming levee coltsfoot
you wept your hands
sank tired and fleeting
shadows bare brushed
the asphalt with their lips

Up flew a blackbird jabbering
called whistling warbling
jubilant with pauses and now
comes they called it a dwindling
ribbons rippling wires the path

Translated by Iain Galbraith.

From: Shearsman No. 57, Winter 2003/2004.

teebeutel

allemand | Jan Wagner

I

nur in sackleinen
gehüllt. kleiner eremit
in seiner höhle.


II

nichts als ein faden
führt nach oben. wir geben
ihm fünf minuten.

© Berlin Verlag
from: Achtzehn Pasteten
Berlin : Berlin Verlag, 2007
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

tea bag

anglais

I

draped only in a
sackcloth mantle. the little
hermit in his cave.


II

a single thread leads
to the upper world. we shall
give him five minutes.

Translated into English by Iain Galbraith

störtebeker

allemand | Jan Wagner

„Ich bin der neunte, ein schlechter Platz.
Aber noch läuft er.“

(Günter Eich)

noch läuft er, sieht der kopf dem körper zu
bei seinem vorwärtstaumel. aber wo
ist er, er selbst? in diesen letzten blicken
vom korb her oder in den blinden schritten?
ich bin der neunte und es ist oktober;
die kälte und das hanfseil schneiden tiefer
ins fleisch. wir knien, aufgereiht, in tupfern
von weiß die wolken über uns, als rupfe
man federvieh dort oben – wie vor festen
die frauen. vater, der mit bleichen fäusten
den stiel umfaßt hielt, und das blanke beil,
das zwinkerte im licht. das huhn derweil
lief blutig, flatternd, seinen weg zu finden
zwischen zwei welten, vorbei an uns johlenden kindern.

© Berlin Verlag
from: Guerickes Sperling
Berlin Verlag, 2004
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

störtebeker

anglais

„I am the ninth, a bad position.
                        But he’s still walking.”
                        (Günter Eich)

he’s still walking, a head watching a body
as it staggers on. but where is he really,
his real self? in those last looks
he gave from the basket, or in his blind steps?  
i am the ninth and the month is october;
the cold and the hempen rope cut deeper
into the flesh. we kneel in a row, high
above us dabs of downy white in the sky
as though our women, on the eve of a feast,
were plucking fowl. father’s pale fist
clutched the haft of the axe, its shiny blade
glinting in the sun. and the hen, a mess of blood
and fluttering feathers, sought a way between
two worlds, past us cheering children.

Translated into English by Iain Galbraith

guerickes sperling

allemand | Jan Wagner

„...köstlicher als Gold, bar jeden
Werdens und Vergehens...“
- Otto von Guericke -

was ist das, unsichtbar und doch so mächtig,
daß keine kraft ihm widersteht? der kreis
von bürgern rund um meister guericke
und seine konstruktion: die vakuumpumpe,
die auf drei beinen in das zimmer ragt,
vollendet und mit der obszönen grazie
der mantis religiosa. messingglanz,
die kugel glas als rezipient: hier sitzt
der sperling, der wie eine weingeistflamme
zu flackern angefangen hat – die luft
die immer enger wird. vorm fenster reifen
die mirabellen, summt die wärme, wächst
das gras auf den ruinen. an der wand
ein kupferstich vom alten magdeburg.
die unbeirrbarkeit der pendeluhr,
diopter, pedometer, astrolabium;
der globus auf dem tisch, wo eben erst
neuseelands rückenflosse den pazifik
durchschnitten hat, und wie aus weiter ferne
das zähe trotten eines pferdefuhrwerks.
„dieser tote sperling“, flüstert einer,
„wird noch durch einen leeren himmel fliegen.“

© Berlin Verlag
from: Guerickes Sperling
Berlin : Berlin Verlag, 2004
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

guericke’s sparrow

anglais

„ … more exquisite than gold, devoid
                              of all becoming or passing away …”
                              - Otto von Guericke -

what is invisible, yet so powerful
that no force can withstand it? a circle
of burghers gathered around master guericke
and his construction: the vacuum pump
towering on three legs in the room, a perfect
piece, standing there with the obscene grace
of the mantis religiosa. polished brass,
its recipient a glass sphere: and here too
is the sparrow, now beginning to flutter
like the flame on a spirit of wine – its air
growing ever thinner. before the window
the yellow plums ripen in the buzzing heat,
the grass spreads on the ruins. and on the wall  
hangs this engraving: old magdeburg.
the unswerving progress of the pendulum clock,
diopter, pedometer, astrolabe;
the globe on the table where new zealand’s
dorsal has shortly cut through
the great pacific, and as if from afar
the dogged trot of a passing horse and cart.
“that dead sparrow,” whispers one,
“will yet fly through an empty sky”.

Translated into English by Iain Galbraith

botanischer garten

allemand | Jan Wagner

dabei, die worte an dich abzuwägen -
die paare schweigend auf geharkten wegen,
die beete laubbedeckt, die bäume kahl,
der zäune blüten schmiedeeisern kühl,
das licht aristokratisch fahl wie wachs -
sah ich am hügel gläsern das gewächs-
haus, seine weißen rippen, fin de siècle,
und dachte prompt an jene walskelette,
für die man sich als kind den hals verdrehte
in den museen, an unsichtbaren drähten,
daß sie zu schweben schienen, aufgehängt,
an jene ungetüme, zugeschwemmt
aus urzeittiefen einem küstenstrich,
erstickt an ihrem eigenen gewicht.

© Berlin Verlag
from: Guerickes Sperling
Berlin : Berlin Verlag, 2004
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

botanic garden

anglais

weighing up my words to you –
silent couples drifting to and fro,
beds of fallen leaves, the naked trees,
the blooms of fences blue as verdigris,
the light like wax, aristocratic, pale –
i saw the greenhouse on the hill,
glass, white ribs and fin de siècle,
and recalled those skeletons of whales,
how as a child i’d crane my neck to see them
hovering, it seemed, in the museum,
hung from ceilings on transparent threads,  
monstrous beasts washed up by the tides
from depths unplumbed and times remote,
suffocated under their own weight.

Translated into English by Iain Galbraith