Ryan Van Winkle 
Translator

on Lyrikline: 1 poems translated

from: allemand to: anglais

Original

Translation

DAS GEDICHT GEHT DURCH EINEN KÖRPER UND GRÜSST NICHT MAL

allemand | Björn Kuhligk

1

Wenn man durch ein Land reist, ist das Land eine Reise wert.
Wenn man eine Siedlung verlässt, erreicht man eine andere.
Wenn man ein Gedicht geschrieben hat, schreibt man ein nächstes.
Wenn das eine Freude ist, ist das eine Freude.
Wenn man ein Bier trinkt, trinkt man ein Bier.
Wenn das schön ist, ist es schön.
Wenn ich das so weiter mache, mache ich so weiter damit.
Wenn ich einen Wurstsalat esse, esse ich einen Wurstsalat.
Wenn das eine Freude ist, dann ist das eine Freude.
Wenn man das eigene Leben als Material benutzt, dann ist das so.
Wenn man eine neue Grammatik erfinden möchte, kann man das tun.
Wenn man eine neue Wahrnehmung erzeugen möchte, kann man das tun.
Wenn man etwas zertrümmern möchte, möchte man etwas zertrümmern.
Wenn man etwas tun möchte, möchte man etwas tun.
Wenn man das jetzt so weitermacht, dann macht man so weiter damit.
Wenn eine Kartoffel was zur anderen sagt, dann sagt sie: Ich möchte nicht gegessen werden. Wenn sie noch was sagen kann, dann kann sie sagen: In der Erde war es besser.
Wenn man das jetzt so weiter macht, dann macht man so weiter.


2

Fährt man von der Quelle zu den Leuchttürmen, fährt man nicht von den Leuchttürmen zur Quelle.
Rede ich über Brackwasser, rede ich nicht über Hochseefischerei.
Rede ich über Algebra, was ich nie mache, rede ich über etwas, von dem ich nichts verstehe.
Rede ich über das Wetter, kann ich darüber reden.
Rede ich über Fotografie, habe ich eine Ahnung davon.
Rede ich über Theater, weiß ich zu wenig, um darüber reden zu können.
Rede ich über Gedichte, denke ich, ich sollte nicht darüber reden.
Schreibe ich Gedichte, schreibe ich Gedichte.
Schreibt man Gedichte, genügt das.
Fährt man von der Quelle zu den Leuchttürmen, dann macht man das.
Wird man pathetisch, dann muss die Heide brennen.
Wird man leise, wird man leise.
Stellt man sich eine Schreibaufgabe, hat man eine Schreibkrise.
Hat man eine Schreibkrise, sollte man seine Zeit mit anderem verbringen.
Sagt man Krise, sollte ein Land brennen.
Schreibt man ein Gedicht, dann schreibt man es.
Schreibt man keins, dann schreibt man keins.
Sagt man immer wieder man, weiß irgendwann niemand mehr, wer gemeint ist.
Sagt man immer wieder man, meint man nur sich selbst.
Sagt man immer wieder man, sind alle gemeint.
Sage ich immer wieder wir, sagt irgendwann jemand, ich bin nicht dein wir, mein Großvater wollte niemals auf eine DGB-Demo schießen.
Fährt man von der Quelle zu den Leuchttürmen, schwimmen Lachse mit.
Fährt man von den Leuchttürmen zur Quelle, schwimmen Lachse mit.


3

Ich weiß, dass Kunst nur die traurige Zusammenballung aller Defizite ist.
Ich weiß, dass mir dieser Gedanke sehr logisch erscheint.
Ich weiß, dass ich mit diesem Gedanken Gedichte schreibe.
Ich weiß, dass ich Menschen, die Gedichte schreiben und sich öffentlich über Gedichte im Allgemeinen äußern, merkwürdig finde.
Ich weiß, dass ich haupt- oder nebenberufliche Kritiker von Gedichten merkwürdig finde, weil sie eine Vorstellung von dem haben, was ein Gedicht sein soll.
Ich habe mal in einem französischen Film eine Strandszene gesehen, in der ein Mann einer Frau sagte: „Madame, ich möchte mit ihrer Tochter schlafen. Es soll wie ein Gedicht sein, was ich ihnen widme.“
Ich weiß nicht, was ein Gedicht ist.
Ich weiß, dass jemand, der sich für einen großen oder wichtigen Dichter hält, einen Knall hat.
Ich weiß, dass jedes größere Kind ein Gedicht schreiben kann.
Ich weiß, dass Jugendliche Gedichte schreiben.
Ich weiß, dass ich erwachsen bin und immer noch Gedichte schreibe.
Ich weiß, dass jedes Gedicht die Ballung aller Defizite ist.
Ich habe mal geschrieben, dass ich das mit „Bier“ betitelte Gedicht von Karl Mickel über die Alpen tragen würde, um den Fortbestand dieses Gedichts zu sichern.
Ich weiß, dass ich die Alpen falsch einschätze.
Ich weiß, dass jedes Gedicht traurig ist.
Ich weiß, dass ich keine Traurigkeit über die Alpen tragen möchte.
Ich weiß, dass ich Gedichte schreibe, weil ich Gedichte schreiben will.
Ich weiß, dass diese Logik bahnbrechend ist.


4

Das Gedicht grenzt im Westen an die Vereinigten Staaten der Zwecklosigkeit.
Das Gedicht grenzt im Osten an eine freiwillige Feuerwehr.
Das Gedicht grenzt im Süden an eine Tüte Bio-Mehl.
Das Gedicht grenzt im Norden an subventionierte Kinderbetreuung.
Das Gedicht grenzt, wenn es Grenzen hat, an seine Selbstgefälligkeit.
Das Gedicht geht durch einen Körper.
Das Gedicht geht durch meinen Körper.
Das Gedicht geht durch meinen Körper und grüßt nicht mal.
Das Gedicht holt sich, was es braucht.
Das Gedicht braucht Jahre, zwei Minuten.
Das Gedicht wird manchmal richtig scheiße.
Das Gedicht wird dann gelöscht.
Das Gedicht ist so dämlich wie der, der darüber redet, darüber schreibt.
Das Gedicht ist so klug wie der, der ins Museum geht.
Das Gedicht braucht keine Schlaumeierei, keine Milchmädchenrechnung.
Das Gedicht braucht kein Schreiben über das Gedicht.
Das Gedicht will geschrieben, will gemacht werden.
Das Gedicht will nicht geschrieben, will nicht gemacht werden.
Das Gedicht ist ein Hüttenkäse.
Das Gedicht will sagen: Lasst mich in Ruhe, wenn ich fertig bin.
Das Gedicht will sagen: In der Ziege war es besser.
Das Gedicht will sagen: Woher weißt du, was ich will und warum kann ich überhaupt reden.



5

Ich schreibe, wenn etwas kommt.
Ich schreibe, wenn etwas nicht kommt.
Ich schreibe, wenn etwas ankommt
Ich schreibe, wenn etwas nicht ankommt.
Ich schreibe, wenn die Defizite.
Ich schreibe, wenn auf einem T-Shirt steht „I´m a muslim, not a bomb“.
Ich schreibe, wenn die Tiefe, die Höhe, das Dazwischen.
Ich schreibe, wenn die Apnoe-Taucher, die Speedclimber.
Ich schreibe, wenn diese verdammten Schmerztiere.
Ich schreibe, wenn diese Verwahrlosung.
Ich schreibe, wenn dieses Dieses.
Ich schreibe, wenn die Schönheit eines Feldes.
Ich schreibe, wenn das Schweigen, die Stille.
Ich schreibe, wenn die Defizite.
Ich schreibe, wenn das gefrostete Stück Wiese vor einem Familienhaus.
Ich schreibe, wenn die Heide brennt.
Ich schreibe, wenn das Land brennt.
Ich schreibe, wenn die Hochstuhlrocker, die Badewannenwasser-Kapitäne.
Ich schreibe, wenn die Liebe, der Hass, die Leere undsoweiter.
Ich schreibe, wenn der von Schnee bedeckte, an der Ampel wartende Hund und seine Ahnungslosigkeit.
Ich schreibe, wenn größere Aufmerksamkeit versprochen wird.
Ich schreibe, wenn Geld geboten wird.


6

Ich antworte, ich schreibe sie mit den Händen.
Ich antworte, ich lebe zeitweise und teilweise davon und damit und gut und danke.
Ich antworte, dass ich darauf nicht antworten werde, Sie fragen doch auch keinen Roman-Autor, warum er keine Gedichte schreibt.
Ich antworte, dass jedes Hoch- oder Flachhaus mehr Erotik hat.
Ich antworte, dass jedes geschlossene Gewässer mehr von allem hat.
Ich antworte, dass ein Feuerwehrfest in Posemuckel mehr Menschen erfreut.
Ich antworte, dass diese Tätigkeit mehr Lächerlichkeit hat als ein Feuerwehrfest in Posemuckel.
Ich antworte, dass diese Tätigkeit mehr Ernsthaftigkeit hat als ein Feuerwehrfest in Posemuckel.
Ich antworte, dass ich etwas mache, was Jugendliche tun.
Ich antworte, dass das eine Fehlschaltung ist.
Ich antworte, dass es ein Handwerk ist.
Ich antworte, ich bin manchmal glücklich dabei.
Ich antworte, ich schreibe sie mit den Händen.

© Björn Kuhligk
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2014

The Poem Travels Through a Body and Doesn't Even Nod Hello

anglais

I

When one travels through a country, it is a country worth travelling through.
When one leaves a settled home town, one settles for another home town.
When one finishes writing a poem, one writes another poem.
If that is a joy, then that is a joy.
If one is drinking a beer, then one is drinking a beer.
If that is a pleasure, then it is a pleasure.
When I start talking like this, I keep talking like this.
When I eat franks & beans, then I eat franks & and I eat beans.
If one calls that joy, then it is joy.
When one uses one's life for material, then one's life becomes material.
When one wishes to invent a grammar, one feels free.
When one wishes to implant a new perception, one plants.
If one wishes to pound, one wishes to pound.
When one continues like this, then one is continuing like this.
When a potato speaks to another potato, it says, I don't want to be eaten.
When it says something else, it says, it was better in the dirt.
If one keeps going on like this, then one keeps going



II

If one strolls from fountains to lighthouses, one is not strolling from lighthouses to fountains.
If I speak of brackish water, I am not speaking about all the fish in the sea.
If I speak of algebra, which I won't, I am speaking of ideas I don't understand.
When I talk about the weather, well, I talk just fine about that.
If I talk about photography, I'm talking with a clue.
If I talk about theatre, I don't know what I'm talking about.
If I talk about poems, I shouldn’t be talking.
When I write poems, I write poems.
If one writes poems, that is good enough.
If one wanders from fountains to lighthouses, from fountains to lighthouses one wanders.
If one wallows in melodrama then the heath & heather must burn.
When one goes quiet, one goes quiet.
If one gives oneself a 'writing exercise', one has a 'writing emergency'.
When one says 'emergency', a country sparks.
If one has a 'writing emergency', one ought to visit with friends.
If one writes a poem, then one writes a poem.
If one writes no poems, then one writes no poems.
If no one writes a poem, then no one writes a poem.
If one keeps saying 'one' then eventually no one knows which 'one' is meant.
If one keeps saying 'one', one means only oneself.
If one keeps saying 'one', everyone is meant.
Whenever I say 'we' someone raises an eyebrow and says, 'We are not we – my grandfather wasn't spurring horses into picket lines.'
If one travels from fountains to lighthouses, salmon still swim.
If one travels from lighthouses to fountains, salmon still swim.



III

I understand that art is only the sad tallying of deficits.
I know this thought seems obvious and logical to me.
I know I write my poems with this in mind.
I know people who speak openly about their poems are strangers to me.
I know I find critics strange because they have ideas about what a poem should be.
Once, I saw a French film where a man on a beach proposes to a woman on a beach: 'Madame,' he said, 'I would like to sleep with your daughter. It will be a poem I dedicate to you.'
I do not know what a poem is.
I know anyone who considers themselves to be an important poet has a hole in their head.
I know any kid can write poems.
I know teenagers write poems.
I know that I am an adult, still, I write poems.
I know every poem is an accounting of deficits.
I know I once wrote that I would carry the poem 'Snow' by Sarah Broom over the Alps to ensure its eternal existence in the hearts and minds of readers everywhere.
I know that every poem is sad.
I know I do not want to carry any more sadness over the Alps.
I understand I have lied to myself about how big the Alps are.
I know I write poems because I want to write poems.
I know, with this logic, I too am a mountaineer.



IV

The poem requires a visa to enter the United States of Aimlessness.
The poem requires a visa to enter the volunteer fire department.
The poem is stopped on the border of a sack of stoneground organic flour.
The poem is stopped on the border of subsidized child care.
The poem enforces it's own borders drawn straight from its own smugness.
The poem travels like a diplomat through a body.
The poem travels through my body and doesn't even nod hello.
The poem takes what it needs.
The poem needs years, a couple of minutes.
The poem is a piece of shit sometimes.
The poem is then deleted.
The poem is as dim-witted as the one who writes about it, talks about it.
The poem is as clever as one who reads labels at museums.
The poem doesn't need one's smart-alec, nor one's Pollyanna.
The poem turns a deaf ear to your praise, your critique.
The poem wants to be written, to be made.
The poem does not want to be written, to be made.
The poem is cottage cheese.
The poem wants to say, it was warmer inside the cow.
The poem wants to say, leave me alone, I'll be written when I'm in my right mind.
The poem wants to say, how would you know what I want and why would I ever speak to you?



V

I write when something comes
I write when something does not come
I write when something comes back
I write when something does not come back
I write when the t-shirt says 'I'm a muslim, not a bomb'
I write when the deficits
I write when the depths, the heights, the inbetweens
I write when the crushed lungs of free-divers, the flaming legs of fell runners
I write when these terminal pain junkies
I write when this self-neglect
I write when This
I write when the waving beauty of a field
I write when the shhhh, the silence
I write when the deficits
I write when the frosted front garden
I write when the heath burns
I write when the country burns
I write when children rock out in their high chairs
I write when rubber ducky brings the fun
I write when the love, the hate, the emptiness, the etcetera, etcetera, etcetera
I write when the snow-dusted dog stands clueless as the green man returns to red
I write when the circulation is healthy, the broadcast wide
I write when money is on the table



VI

I answer: I write by hand.
I answer: sometimes and partly and I don't order steak every night but I eat OK thank you very much.
I answer: any squat building, any skyscraper is more erotic than metaphor.
I answer: a still pond holds more of anything, more everything.
I answer: because of a faulty circuit.
I answer: a firefighter's festival in Dingwall offers more joy to the world.
I answer: a firefighter's festival in Dingwall doesn't take itself so seriously.
I answer: a firefighter's festival in Dingwall is less ludicrous than this act.
I answer with a question: why doesn't the novelist write a poem?
I answer: I do what teenagers do.
I answer: sometimes it does make me happy.
I answer: this is craft.
I answer: I make them by hand.

Translated by Ryan Van Winkle
VERSschmuggel 2014, Poesiefestival Berlin