Margitt Lehbert 
Translator

on Lyrikline: 21 poems translated

from: welsh, english, swedish to: german

Original

Translation

Murmuron

welsh | Menna Elfyn

Sut mae byw yn drugarog 
yn y byd hwn?
Dyna’r cwest, a’r cwestiwn.
 

Sut mae cerdded yn ddistaw 
heb waedd yn y gwyll?
Na’r un cysgod erchyll.
 

A throedio’r byd hwn fel pe bai 
baban yn cysgu yn y ‘stafell drws nesa’,
fel y rhown y byd rhag iddo ddeffro.
 

Murmur bendithion
o gylch y muriau
A gwres serch yn ei seiliau.

© Menna Elfyn
from: Murmur
Tarset: Bloodaxe, 2012
Audio production: Wales Literature Exchange

Ein Murmeln

german

Wie lebt man und atmet
mit Gnade?
Ein Dilemma, eine Frage.
 

Wie geht man leichtfüßig
ohne einen Ausruf im Dunkeln,
oder auch nur einen Schatten,
 

und ist mit jedem Schritt
sich des schlafenden Kindes nebenan bewußt:
wie wir die Welt hergeben würden, es nicht zu wecken.
 

Segenswünsche murmelnd
an den Wänden entlang,
Liebe im Fundament.

Übersetzt von Margitt Lehbert

Dysgu Cymraeg i Awen Dylan Thomas

welsh | Menna Elfyn

Un i wneud hwyl am ei phen oedd hi unwaith,
Wrth gael ei gweld
Mewn parc gwag— 

Hen ddynes grwca heb ei medru hi. 

Ond heddi, nid felly y mae;
Eistedd wrth ei hochr a wnaf,
a dysgu iddi eiriau pwysig
Ei chael i ddweud ar fy ôl,:
Coed, O, rhai cadarn ydynt,
Cedyrn y Cymry;
a dŵr, sbiwch fel y mae dŵr yn treiglo Y d-d-d- yn disgyn, wedi tasgu o bistyll. 

ac yna adar. dysgaf iddi ddau air – Trydar ac adar;
Yr adenydd a’r ehedeg;
ac ni fydd rhai’n gweiddi geiriau cras ar ei hôl, 

achos yn ei genau bydd geiriau i’w chynnal. 

a byddaf fel ceidwad y parc yn mynd tua thre, gan wybod nad yw’n ddigartre,
ac o bell,clywaf eiriau’n seinio
dros bob lle: 

Yn Abertawe. 

Coed cadarn,
Cedyrn y Cymry,
dŵr, ac adar,
a bydd ei geiriau‘n ddiferion,
O bistyll,
Yn codi, fel adenydd sy’n ehedeg. 

a bydd ei ffon o hyn allan
Yn pigo dail marw o’r parc
a’u troi yn las,
Mor las â thafod hen wraig grwca yn y parc. 

from: Perffaith Nam / Perfect Blemish
Tarset: Bloodaxe, 2007
Audio production: Wales Literature Exchange

Zeit, der Muse von Dylan Thomas Walisisch beizubringen

german

Einst war sie ein Gespött,
die Schrulle in dem leeren Park,
alt, hilflos, buckelig –
 
aber heute liegen die Dinge anders;
ich sitze neben ihr,
bringe ihr Wörter bei, die Gewicht haben –
verlocke sie, mir nachzusprechen:
Bäume, oh wie mächtig sie sind,
mit der Macht der Waliser:
und dŵr, schau, wie Wasser auf walisisch
schnurrt, wenn es aus dem Springbrunnen spritzt.
 
Und dann bringe ich ihr zwei Wörter bei –
adar und trydar,
die Flügel und das Licht;
und keiner wird ihr mehr böse Worte nachrufen,
denn die Wörter sind nun in ihrem Mund.

Übersetzt von Margitt Lehbert

Quintets for Robert Morley

english | Les Murray

Is it possible that hyper-
ventilating up Parnassus
I have neglected to pay tribute
to the Stone Age aristocracy?
   I refer to the fat.

We were probably the earliest
civilized, and civilizing, humans,
the first to win the leisure,
sweet boredom, life-enhancing sprawl
   that require style.

Tribesfolk spared us and cared for us
for good reasons. Our reasons.
As age’s counterfeits, forerunners of the city,
we survived, and multiplied. Out of self-defence
   we invented the Self.

It’s likely we also invented some of love,
much of fertility (see the Willensdorf Venus)
parts of theology (divine feasting, Unmoved Movers)
likewise complexity, stateliness, the ox-cart
   and self-deprecation.

Not that the lists of pugnacity are bare
of stout fellows. Ask a Sumo.
Warriors taunt us still, and fear us:
in heroic war, we are apt to be the specialists
   and the generals.

But we do better in peacetime. For ourselves
we would spare the earth. We were the first moderns
after all, being like the Common Man
disqualified from tragedy. Accessible to shame, though,
   subtler than the tall,

we make reasonable rulers.
Never trust a lean meritocracy
nor the leader who has been lean;
only the lifelong big have the knack of wedding
   greatness with balance.

Never wholly trust the fat man
who lurks in the lean achiever
and in the defeated, yearning to get out.
He has not been through our initiations,
   he lacks the light feet.

Our having life abundantly
is equivocal, Robert, in hot climates
where the hungry watch us. I lack the light step then too.
How many of us, I wonder, walk those streets
   in terrible disguise?

So much climbing, on a spherical world;
had Newton not been a mere beginner at gravity
he might have asked how the apple got up there
in the first place. And so might have discerned
   an ampler physics.

© Les Murray
from: The People's Otherworld
Audio production: 2000 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

Quintette für Robert Morley

german

Ist es möglich, daß ich es beim
Hochkeuchen auf den Parnaß
versäumt habe, der Steinzeit-
aristokratie mein Lob zu zollen?
          Ich meine da die Dicken.

Wir waren wahrscheinlich die ersten
zivilisierten und zivilisierenden Menschen,
die ersten, die die Muße, süße Langeweile
und erquickende Breite erreichten,
          die alle nach Stil verlangen.

Stammesgenossen verschonten und umsorgten uns
aus guten Gründen. Unseren Gründen.
Als Fälschungen der Zeit und Vorläufer der Städte
überlebten wir und mehrten uns. Zur Selbstverteidigung
          erfanden wir das Selbst.

Wahrscheinlich erfanden wir auch einen Teil der Liebe,
viele Aspekte der Fruchtbarkeit (siehe die Willensdorfer Venus)
Teile der Theologie (heilige Festessen, unbewegte Beweger)
ebenso wie Komplexität, Stattlichkeit, den Ochsenkarren
          und die Selbstunterschätzung.

Nicht, daß die Liste der Kampflustigen frei von
stämmigen Kerlen wäre. Frag da jeden Sumo.
Krieger verspotten uns immer noch und fürchten uns:
in heroischen Kriegen stellen wir oft die Spezialisten
          und Generäle.

Aber wir leisten Besseres im Frieden. Schon für uns
würden wir die Erde verschonen. Wir waren doch die ersten
Modernen, denn wir wurden wie der Common Man
von Tragödien ausgeschlossen. Doch für Scham empfänglich,
          subtiler als die Langen,

geben wir einsichtige Herrscher ab.
Traue nie einer mageren Elite
und auch nicht dem Führer, der mal mager war;
nur die lebenslang Dicken haben den Bogen raus
         Größe mit Ausgewogenheit zu verbinden.

Trau nie ganz dem dicken Mann
der im mageren Erfolgstyp lauert
und im Besiegten und sich sehnt hervorzubrechen.
Er ist nicht durch unsere Einweihungen gegangen,
          ihm fehlt die Leichtfüßigkeit.

Daß wir Leben im Überfluß haben, Robert,
ist in heißen Klimas nicht unbedingt gut, wo die Hungrigen
uns lange betrachten. Dann fehlt auch mir der leichte Schritt.
Wie viele von uns, frage ich mich, gehen dort umher
          in schrecklicher Verkleidung?

So viel Gekletter auf einer kugelrunden Welt;
wäre Newton nicht ein blutiger Anfänger in Sachen Gravitation gewesen,
hätte er vielleicht gefragt, wie der Apfel überhaupt
dort hochgekommen ist. Und hätte so vielleicht
          eine weiträumigere Physik erahnt.

Aus dem Englischen von Margitt Lehbert



© 1996 Carl Hanser Verlag München Wien


Aus:
Les Murray: Ein ganz gewöhnlicher Regenbogen. Gedichte. Aus dem Englischen von Margitt Lehbert. München Wien: Carl Hanser Verlag 1996<

Water-gardening in an Old Farm Dam

english | Les Murray

Blueing the blackened water
that I’m widening with my spade
as I lever up water tussocks
and chuck them ashore like sopping comets
is a sun-point, dazzling heatless
acetylene, under tadpoles that swarm
wobbling, like a species of flies
and buzzing bubbles that speed
upward like many winged species.

Unwettable green tacos are lotus leaves.
Waterlily leaves are notches plaques
of the water. Their tubers resemble
charred monstera trunks. Some I planted,
some I let float. And I bought
thumb-sized mosquito-eating fish
for a dollar in a plastic amnion.
‚Wilderness‘ says we’ve lost belief
in human building: our dominance
now so complete that we hide from it.

Where, with my levered back,
I stand, too late in life,
in a populous amber, feet deep
in digesting chyle over clays,
I love green humanised water
in old brick pounds, water carried
unleaking for miles around contour,
or built out into, or overstepping
stonework in long frilled excess.

The hands‘ pride and abysmal
pay that such labour earned,
as against the necks and billions
paid for Nature. But the workers
and the need are gone, without reaching
here: this was never canal country.
It’s cow-ceramic, softened at rain times,
where the kookaburra’s laugh
is like angles of a scrubbing toothbrush
heard through the bones of the head.

Level water should turn out of sight,
on round a bend, behind an island,
in windings of possibility, not
be exhausted in one gesture, like an avenue.
It shouldn’t be surveyable in one look.
That’s a waterhole. Still, the trees
I planted along this one bend it
a bit, and half roof it, bringing
its wet underearth shadow to the surface
as shade. And the reeds I hate,

mint sheaves, human-high palisades
that would close in round the water,
I could fire floating petrol among them
again, and savage but not beat them,
or I could declare them beautiful.

© Les Murray
from: Subhuman Redneck Poems
Noonday Press , 1996
Audio production: 2000 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

Wassergärtnern in einem alten Farmteich

german

Es bläut das geschwärzte Wasser,
das ich mit meiner Schaufel erweitere,
indem ich Wasserbüschel herausstemme
und sie wie triefende Kometen an Land hieve,
ein Sonnenpunkt, blendendes hitzeloses
Azetylen unter Kaulquappen die eiernd
schwärmen wie eine Unterart von Fliegen
und surrende Blasen, die nach oben
preschen wie viele geflügelte Arten.

Nicht naßzukriegende Tacos sind Lotosblätter.
Teichrosenblätter sind die gezahnten Schmuckplatten
des Wassers. Ihre Knollen ähneln versengten
Monsterastämmen. Manche habe ich gepflanzt,
manche treiben lassen. Und für einen Dollar
habe ich daumengroße, moskitofressende Fische
in einem Amnion aus Plastik gekauft.
Das Wort "Wildnis" bedeutet schon, unser Glauben
an menschliches Bauen ist dahin: unsere Herrschaft
jetzt so vollkommen, daß wir uns davor verstecken.

Dort, wo ich mit meinem gehebelten Rücken
zu spät im Leben in einem dichtbevölkerten
Bernstein stehe, die Füße tief
im verdauenden Chylus über Tonschichten,
liebe ich grünes, humanisiertes Wasser
in alten Backsteinteichen, meilenweit
ohne Leck um Konturen getragenes oder
bebautes oder Steinwerk in langem,
gekräuselten Übermaß überspülendes Wasser.

Der Stolz der Feldarbeiter und der miserable
Lohn, den solche Arbeit brachte
gegen die Hälse und Milliarden,
die man für die Natur ausgibt. Aber die Arbeiter
und der Bedarf sind verschwunden, ohne je bis hierher
gedrungen zu sein: das hier war nie Kanalgebiet.
Es ist Kuhkeramik, in Regenzeiten aufgeweicht,
wo das affenartige Lachen des Kookaburras
wie das Winkeln einer schrubbenden Zahnbürste klingt
das man durch die Knochen im Kopf hört.

Waagrechtes Wasser sollte sich verlieren,
eine Kurve weiter, hinter einer Insel,
in den Windungen des Möglichen, und nicht
in einer Geste verbraucht sein wie eine Allee.
Es sollte nicht mit einem Blick überschaubar sein.
Das ist ein Wasserloch. Trotzdem biegen die Bäume,
die ich hier gepflanzt habe, den Teich
ein wenig und formen ein halbes Dach, bringen
sein nasses, unterirdisches Dunkel hoch
als Schatten. Und das Schilf, das ich hasse,

minzfarbene Garben, mannshohe Palisaden,
die immer wieder das Wasser einschließen,
ich könnte wieder brennendes Benzin dazwischen
treiben lassen und es arg zurichten, ohne zu siegen,
oder ich könnte es für schön erklären.

Aus dem australischen Englisch von Margitt Lehbert
© Ammann Verlag & Co. 2005

Aus: Les Murray: Traumbabwe. Gedichte.
Zürich: Ammann Verlag & Co. 2005

The Quality of Sprawl

english | Les Murray

Sprawl is the quality
of the man who cut down his Rolls-Royce
into a farm utility truck, and sprawl
is what the company lacked when it made repeated efforts
to buy the vehicle back and repair its image.

Sprawl is doing your farming by aeroplane, roughly,
or driving a hitchhiker that extra hundred miles home.
It is the rococo of being your own still centre.
It is never lighting cigars with ten-dollar notes:
that’s idiot ostentation and murder of starving people.
Nor can it be bought with the ash of million-dollar deeds.

Sprawl lengthens the legs; it trains greyhounds on liver and beer.
Sprawl almost never says Why not? With palms comically raised
nor can it be dressed for, not even in running shoes worn
with mink and a nose ring. That is Society. That’s Style.
Sprawl is more like the thirteenth banana in a dozen
or anyway the fourteenth.

Sprawl is Hank Stamper in Never Give an Inch
bisecting an obstructive official’s desk with a chainsaw.
Not harming the official. Sprawl is never brutal
though it’s often intransigent. Sprawl is never Simon de Montfort
at a town-storming: Kill them all! God will know his own.
Knowing the man’s name this was said to might be sprawl.

Sprawl occurs in art. The fifteenth to twenty-first
lines in a sonnet, for example. And in certain paintings;
I have sprawl enough to have forgotton which paintings.
Turner’s glorious Burning of the Houses of Parliament
comes to mind, a doubling bannered triumph of sprawl –
except, he didn’t fire them.

Sprawl gets up the nose of many kinds of people
(every kind that comes in kinds) whose futures don’t include it.
some decry it as criminal presumption, silken-robed Pope Alexander
dividing the new world between Spain and Portugal.
If he smiled in petto afterwards, perhaps the thing did have sprawl.

Sprawl is really classless, though. It’s John Christopher Frederick Murray
asleep in his neighbours‘ best bed in spurs and oilskins
but not having thrown up:
sprawl is never Calum who, drunk, along the hallways of our House,
reinvented the Festoon. Rather
it’s Beatrice Miles going twelve hundred ditto in a taxi,
No Lewd Advances, No Hitting Animals, No Speeding,
on the proceeds of her two-bob-a-sonnet Shakespeare readings.
An image of my country. And would that it were more so.

No, sprawl is full-gloss murals on a council-house wall.
Sprawl leans on things. It is loose-limbed in its mind.
Reprimanded and dismissed
it listens with a grin and one boot up on the rail
of possibility. It may have to leave the Earth.
Being roughly Christian, it scratches the other cheek
and thinks it unlikely. Though people have been shot for sprawl.

© Les Murray
from: The People's Otherworld
Audio production: 1999 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

Die Eigenschaft des Sprawls

german

Sprawl ist die Eigenschaft
des Mannes, der seinen Rolls Royce zerlegte, um einen
Kombiwagen für die Farm zu basteln, und Sprawl
ist, was der Firma fehlte, als sie sich wiederholt bemühte,
das Fahrzeug zurückzukaufen und ihr Image zu reparieren.

Sprawl ist, deine Landwirtschaft mit dem Flugzeug zu betreiben, flüchtig,
oder einen Tramper die extra hundert Meilen nach Hause zu fahren.
Es ist das Rokoko, dein eigener ruhender Mittelpunkt zu sein.
Es ist nie Zigarren mit Zehndollarscheinen anzünden:
das ist Protzerei für Idioten und Mord an Verhungernden.
Man kann es auch nicht mit der Asche von Millionen-Dollar-Urkunden
          kaufen.

Sprawl verlängert die Beine; es trainiert Windhunde mit Leber und Bier.
Sprawl sagt fast nie Warum nicht? mit ulkig erhobenen Händen,
und man kann sich für Sprawl auch nicht in Schale werfen, nicht einmal in
          Joggingschuhen
mit Nerz und einem Nasenring. Das ist Society. Das ist Style.
Sprawl ist eher wie die dreizehnte Banane in einem Dutzend
oder auf jeden Fall die vierzehnte.

Sprawl ist Hank Stamper in Sie waren Giganten, wenn er den Schreibtisch
eines hinderlichen Beamten mit der Motorsäge in zwei Stücke teilt.
Ohne den Beamten zu verletzen. Sprawl ist nie brutal,
obwohl es oft unnachgiebig ist. Sprawl ist nie Simon de Montfort
beim Stürmen einer Stadt: Tötet sie alle! Gott wird die Seinen schon
          erkennen.
Den Namen des Mannes zu kennen, dem er das sagte, das wäre vielleicht
          doch Sprawl.

Sprawl tritt in der Kunst auf. Die fünfzehnte bis einundzwanzigste
Zeile eines Sonetts, zum Beispiel. Und in bestimmten Gemälden;
ich habe Sprawl genug, vergessen zu haben, in welchen Gemälden.
Turners herrlicher Brand des Parliamentsgebäudes
fällt einem dazu ein, ein flatternder, bebannerter Triumph von Sprawl -
bloß er zündete sie nicht an.

Sprawl geht vielen Sorten von Menschen auf den Keks
(allen Sorten, die's als Sorten gibt), deren Zukunft es nicht einschließt.
Manche verurteilen es als kriminelle Anmaßung, Papst Alexander, in
          Seide gehüllt,
der die Neue Welt zwischen Spanien und Portugal aufteilt.
Wenn er hinterher in petto gelächelt hat, hatte die Sache vielleicht doch
          Sprawl.

Aber eigentlich kennt Sprawl keine Klassen. Es ist John Christopher
          Frederick Murray,
der im besten Bett seiner Nachbarn in Sporen und Ölzeug schläft,
aber ohne gekotzt zu haben:
Sprawl ist nie Calum, der betrunken die Flure unseres Hauses entlang
die Girlande neu erfand. Eher
ist es Beatrice Miles, die zwölfhundert Meilen mit dem Taxi fährt -
Keine Unanständige Anmache, Kein Schlagen von Tieren, Kein Rasen -
vom Erlös ihrer Shakespeare-Lesungen für zwei Schilling pro Sonett.
Ein Bild meines Landes. Und wäre es doch noch viel mehr so.

Nein, Sprawl ist das Glanzlackgemälde an einer Sozialwohnungswand.
Sprawl lehnt sich gegen die Dinge. Es ist schlaksig in seinem Geist.
Gerügt und entlassen
hört es mit einem Grinsen und einem Stiefel auf dem Geländer
des Möglichen zu. Es muß vielleicht aus der Welt weggehen.
Da es annähernd christlich ist, kratzt es sich die andere Backe
und hält das für unwahrscheinlich. Obwohl Menschen schon erschossen
          wurden wegen Sprawl.

Aus dem Englischen von Margitt Lehbert



© 1996 Carl Hanser Verlag München Wien


Aus:
Les Murray: Ein ganz gewöhnlicher Regenbogen. Gedichte. Aus dem Englischen von Margitt Lehbert. München Wien: Carl Hanser Verlag 1996<

The Images Alone

english | Les Murray

Scarlet as the cloth draped over a sword,
white as steaming rice, blue as leschenaultia,
old curried towns, the frog in its green human skin;
a ploughman walking his furrow as if in irons, but
as at a whoop of young men running loose
in brick passages, there occurred the thought
like instant stitches all through crumpled silk:

as if he’d had to leap to catch the bullet.

A stench like hands out of the ground.
The willows had like beads in their hair, and
Peenemünde, grunted the dentist’s drill, Peenemünde!
Fowls went on typing on every corn key, green
kept crowding the pinks of peach trees into the sky
but used speech balloons were tacky in the river
and waterbirds had liftoff as at a repeal of gravity.

© Les Murray
from: unveröffentlichtem Manuskript
Audio production: 2000 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

Allein die Bilder

german

Scharlachrot wie das über ein Schwert drapierte Tuch,
weiß wie dampfender Reis, blau wie Leschenaultien,
alte gegerbte Städte, der Frosch in seiner grünen Menschenhaut;
ein Pflüger, der wie mit Fußschellen durch seine Furchen stampft, aber
wie beim Freudengeschrei junger Männer, die wild durch Gänge
aus Ziegelstein laufen, erschien auf einmal der Gedanke,
schnelle Nadelstiche durch zerknüllte Seide:

als hätte er nach der Gewehrkugel springen müssen.

Ein Gestank wie Hände aus dem Boden.
Die Weiden hatten Perlenähnliches im Haar und
Peenemünde, stöhnte der Zahnarztbohrer, Peenemünde!
Die Hühner tippten auf jeder Maistaste weiter, Grün
verdrängte immer wieder das Rosa der Pfirsichbäume in den Himmel,
aber verbrauchte Sprechblasen trieben schäbig im Fluß
und Wasservögel hoben ab wie beim Rückruf der Gravitation.

Aus dem australischen Englisch von Margitt Lehbert
© Ammann Verlag & Co. 2005

Aus: Les Murray: Traumbabwe. Gedichte.
Zürich: Ammann Verlag & Co. 2005

The Death of the Bird

english | A.D. Hope

For every bird there is this last migration:
Once more the cooling year kindles her heart;
With a warm passage to the summer station
Love pricks the course in lights across the chart.

Year after year a speck on the map, divided
By a whole hemisphere, summons her to come;
Season after season, sure and safely guided,
Going away she is also coming home.

And being home, memory becomes a passion
With which she feeds her brood and straws her nest,
Aware of ghosts that haunt the heart’s possession
And exiled love mourning within the breast.

The sands are green with a mirage of valleys;
The palm-tree casts a shadow not its own;
Down the long architrave of temple or palace
Blows a cool air from moorland scarps of stone.

And day by day the whisper of love grows stronger;
That delicate voice, more urgent with despair,
Custom and fear constraining her no longer,
Drives her at last on the waste leagues of air.

A vanishing speck in those inane dominions,
Single and frail, uncertain of her place,
Alone in the bright host of her companions,
Lost in the blue unfriendliness of space,

She feels it close now, the appointed season:
The invisible thread is broken as she flies;
Suddenly, without warning, without reason,
The guiding spark of instinct winks and dies.

Try as she will, the trackless world delivers
No way, the wilderness of light no sign,
The immense and complex map of hills and rivers
Mocks her small wisdom with its vast design.

And darkness rises from the eastern valleys,
And the winds buffet her with their hungry breath,
And the great earth, with neither grief nor malice,
Receives the tiny burden of her death.

© Hope by permission of Curtis Brown (Aust) Pty Ltd
from: A.D. Hope: Selected Poetry and Prose. edited by David Brooks
Rushcutters Bay: Halstead Press, 2000
Audio production: courtesy of the National Library of Australia, Hazel de Berg Collection

Der Tod des Vogels

german

Für jeden Vogel gibt es diesen letzten Zug:
Noch einmal entflammt das kühlende Jahr sein Herz;
Mit einer warmen Reise hin zum Sommerziel
Steckt Liebe auf der Karte in Lichtern den Weg ab.

Jahr um Jahr ein Fleck auf der Karte, getrennt
Durch eine ganze Hemisphäre, gebietet ihm: komm;
Jahr für Jahr wird er sicher und genau geführt,
Im Fortgehen selbst kommt er auch wieder heim.

Und Daheim wächst Erinnerung an zu Leidenschaft
Mit der er die Brut ernährt und das Nest mit Stroh erwärmt,
Wissend um Geister, die im Besitz des Herzens sind,
Und Liebe im Exil, die in der Brust trauert.

Der Sand ist grün mit der Illusion von Tälern;
Die Palme wirft Schatten, die nicht ihre sind;
Den langen Architrav von Tempel oder Palast hinab
Weht kalte Luft von der steinernen Böschung im Moor.

Und Tag um Tag wird das Flüstern der Liebe lauter;
Die sanfte Stimme, durch Verzweiflung dringend gemacht,
Gewohnheit und Angst halten ihn hier nicht länger,
Es treibt ihn am Ende in die wüsten Weiten der Luft.

Ein verschwindender Fleck in den leeren Ländereien,
Einsam und zart, ist er seines Platzes nicht sicher,
Allein in der leuchtenden Menge seiner Begleiter,
Verloren in der blauen Ungastlichkeit des Raumes,

Spürt er jetzt ihre Nähe, die ihm beraumte Zeit:
Der unsichtbare Faden bricht während des Fluges;
Plötzlich, ohne Warnung, ohne jeglichen Grund,
Blitzt und stirbt der leitende Funke des Instinktes.

So sehr er versucht, es liefert die spurlose Welt
Keinen Weg, die Wildnis des Lichtes kein Zeichen,
Die verzweigte, riesige Karte von Hügeln und Flüssen
verhöhnt seine kleine Weisheit mit ihren immensen Weiten.

Und Dunkelheit steigt auf von den Tälern im Osten,
Und die Winde rütteln ihn mit hungrigem Atem,
Und die große Erde empfängt ohne Trauer und Bosheit
Die winzige Last seines Todes.

Aus dem Englischen übersetzt von Margitt Lehbert

The Cows on the Killing Day

english | Les Murray

All me are standing on feed. The sky is shining.

All me have just been milked. Teats all tingling still
from that dry toothless sucking by the chilly mouths
that gasp loudly in in in, and never breathe out.

All me standing on feed, move the feed inside me.
One me smells of needing the bull, that heavy urgent me,
the back-climber, who leaves me humped, straining, but light
and peaceful again, with crystalline moving inside me.

Standing on wet rock, being milked, assuages the calf-sorrow in me.
Now the me who needs mounts on me, hopping, to signal the bull.

The tractor comes trotting in its grumble; the heifer human
bounces on top of it, and cud comes with the tractor,
big rolls of tight dry feed: lucerne, clovers, buttercup, grass,
that’s been bitten but never swallowed, yet is cud.
She walks up over the tractor and down it comes, roll on roll
and all me following, eating it, and dropping the goods pats.

The heifer human smells of needing the bull human
and is angry. All me look nervously at her
as she chases the dog me dream of horning dead: our enemy
of the light loose tongue. Me’d jam him in his squeals.

Me, facing every way, spreading out over feed.

One me is still in the yard, the place skinned of feed.
Me, old and sore-boned, little milk in that me now,
licks at the wood. The oldest bull human is coming.

Me in the peed yard. A stick goes out from the human
and cracks, like the whip. Me shivers and falls down
with the terrible, the blood of me, coming out behind an ear.
Me, that other me, down and dreaming in the bare yard.

All me come running. It’s like the Hot Part of the sky
that’s hard to look at, this that now happens behind wood
in the raw yard. A shining leaf, like off the bitter gum tree
is with the human. It works in the neck of me
and the terrible floods out, swamped and frothy. All me make the Roar,
some leaping stiff-kneed, trying to horn that worst horror.
The wolf-at-the-calves is the bull human. Horn the bull human!

But the dog and the heifer human drive away all me.

Looking back, the glistening leaf is still moving.
All of dry old me is crumpled, like the hills of feed,
and a slick me like a huge calf is coming out of me.

The carrion-stinking dog, who is calf of human and wolf,
is chasing and eating little blood things the humans scatter
and all me run away, over smells, toward the sky.

© Les Murray
from: Translations From the Natural World

New York: Farrar Straus & Giroux , 1992
Audio production: 1999 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

Die Kühe am Schlachttag

german

Alle ich stehen auf dem Futter. Der Himmel leuchtet.

Alle ich sind eben gemolken worden. Zitzen kribbeln alle noch
vom diesem trockenen, zahnlosen Saugen der eisigen Münder,
die laut keuchend ein- ein- einatmen und nie aus.

Alle ich stehen auf dem Futter, bewegen das Futter in mir herum.
Ein ich riecht, als brauche sie den Stier, dieses schwere getriebene ich,
den Rückenkletterer, der mich bucklig macht, gespannt, aber auch
leicht und friedlich, mit Kristallenem, das sich in mir bewegt.

Auf nassem Stein stehen und gemolken werden lindert den Kalbschmerz
          in mir.
Jetzt bespringt mich das brünstige ich, hüpfend, um den Stier zu locken.

Der Traktor kommt murrend getrabt; die junge Menschkuh auf
          ihm
wird durchgerüttelt und Klumpen wiedergekäuten Futters kommen mit
          dem Traktor,
große Rollen dichtes Trockenfutter: Luzerne, Klee, Butterblumen, Gras,
das abgebissen aber nie verschluckt wurde und doch wiedergekäutes
          Futter ist.
Sie geht über den Traktor und da kommt es schon herab, Rolle auf Rolle,
und alle ich folgen und fressen es und lassen die guten Fladen fallen.

Die Menschkuh riecht, als brauche sie den Stiermenschen
und ist wütend. Alle ich sehen sie nervös an,
während sie den Hund jagt, den mich träumt, mit den Hörnern
          totzustoßen: mein Feind
mit der leichten losen Zunge. Ich würde ihn in seinem Heulen
          zerquetschen.

Ich, in alle Richtungen gewendet, breite mich über dem Futter aus.

Ein ich ist noch im Hof, an der von Futter gehäuteten Stelle.
Dieses ich, alt und mit wunden Knochen, wenig Milch jetzt in diesem ich,
leckt am Holz. Der älteste Stiermensch kommt.

Ich im bepinkelten Hof. Ein Stock erscheint beim Menschen
und knallt wie eine Peitsche. Dieses ich erschaudert und fällt
mit dem Schrecklichen, dem Blut von mir, das hinter dem Ohr
          hervorkommt.
Ich, dieses andere ich, am Boden und träumt im leeren Hof.

Alle ich kommen gerannt. Es ist wie der Heiße Teil des Himmels,
der schwer anzuschauen ist, was jetzt geschieht hinter Holz
im nackten Hof. Ein glänzendes Blatt wie vom bitteren Eukalyptus
ist bei dem Menschen. Es arbeitet im Hals von mir
und das Schreckliche flutet hinaus, sumpfig und schäumend. Alle ich
          machen das Brüllen,
manche springen mit steifen Knien, versuchen, diesen schlimmsten
          Schrecken zu stoßen.
Ein Wolf-an-den-Kälbern ist der Stiermensch. Stoßt den Stiermenschen
          mit den Hörnern nieder!

Aber der Hund und die Menschkuh treiben alle mich davon.

Wenn ich zurückblicke, bewegt sich das gleißende Blatt noch immer.
Das ganze alte trockene ich liegt verschrumpelt wie die Hügel aus Futter,
und ein glitschiges ich wie ein Riesenkalb kommt aus mir hervor.

Der aasstinkende Hund, der das Kalb von Mensch und Wolf ist,
jagt und frißt kleine Blutklumpen, verstreut von den Menschen,
und alle ich laufen über Gerüche hinweg auf den Himmel zu.

Aus dem Englischen von Margitt Lehbert



© 1996 Carl Hanser Verlag München Wien


Aus:
Les Murray: Ein ganz gewöhnlicher Regenbogen. Gedichte. Aus dem Englischen von Margitt Lehbert. München Wien: Carl Hanser Verlag 1996<

The Broad Bean Sermon

english | Les Murray

Beanstalks, in any breeze, are a slack church parade
without belief, saying trespass against us in unison,
recruits in mint Air Force dacron, with unbuttoned leaves.

Upright with water like men, square in stem-section
they grow to great lengths, drink rain, keel over all ways,
kink down and grow up afresh, with proffered new greenstuff.

Above the cat-and-mouse floor of a thin bean forest
snails hang rapt in their food, ants hurry through several dimensions:
spiders tense and sag like little black flags in their cordage.

Going out to pick beans with the sun high as fence-tops, you find
plenty, and fetch them. An hour or a cloud later
you find shirtfulls more. At every hour of daylight

appear more than you missed: ripe, knobbly ones, freshy-sided,
thin-straight, thin-crescent, frown-shaped, bird-shouldered, boat-keeled ones,
beans knuckled and single-bulged, minute green dolphins at suck,

beans upright like lecturing, outstretched like blessing fingers
in the incident light, and more still, oblique to your notice
that the noon glare or cloud-light or afternoon slants will uncover

till you ask yourself Could I have overlooked so many, or
do they form in an hour? unfolding into reality
like templates for subtly broad grins, like unique caught expressions,

like edible meanings, each sealed around with a string
and affixed to its moment, an unceasing colloquial assembly,
the portly, the stiff, anf those lolling in pointed green slippers ...

Wondering who’ll take the spare bagfulls, you grin with happiness
– it is your health – you vow to pick them all
even the last few, weeks off yet, misshapen as toes.

© Les Murray
from: Lunch and Counter Lunch
Audio production: 1999 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

Die Saubohnenpredigt

german

Bohnenstengel sind in jeder Brise eine lasche Kirchenparade
ohne Glauben, flüstern im Chor Sanctissimus,
Rekruten in minzegrünem Luftwaffendacron mit aufgeknöpften Blättern.

Aufrecht vor Wasser wie Männer, viereckig im Stengelschnitt,
wachsen sie zu großen Längen, trinken Regen, kippen weg nach allen
          Seiten,
knicken ab und wachsen von neuem, bieten frisches Grünfutter an.

Über dem Katz-und-Maus-Boden eines dünnen Bohnenwaldes
hängen Schnecken verzückt in ihrem Futter, eilen Ameisen durch viele
          Dimensionen:
Spinnen straffen sich und sacken wie kleine schwarze Fahnen in ihrem
          Tauwerk ab.

Wenn du zum Bohnenpflücken gehst, die Sonne erst zaunspitzenhoch,
          findest du
jede Menge und holst sie. Eine Stunde, eine Wolke später
findest du hemdenvoll mehr. Nach jeder Stunde Tageslicht

erscheinen mehr, als du schon übersehen hast: reife, knubblige, fleischige,
dünn-gerade, dünn-halbmondförmige, stirnrunzelnde, vogelschultrige,
          bootskielige,
knöchelige Bohnen und einfach gebeulte, winzig-grüne Delphine an der
          Brust,

Bohnen aufrecht wie Dozenten, ausgestreckt wie segnende Finger
im einfallenden Licht und noch mehr, vor deinen Blicken versteckte,
die Mittagsglanz oder Wolkenlicht oder Nachmittagsschräge aufdecken
          wird

bis du dich fragst Kann ich so viele übersehen haben oder
wachsen sie in einer Stunde? entfalten sich in die Wirklichkeit hinein
wie Schablonen eines subtil-breiten Lächelns, wie einmalige, erhaschte
          Ausdrücke,

wie eßbare Bedeutungen, jede rundum mit einem Faden versiegelt
und an ihren Augenblick geheftet, ein Volksgerede ohne Punkt und
          Komma,
die stattlichen, die steifen und die, die sich in spitzen grünen Pantoffeln
          lümmeln...

Du fragst dich, wer all die vollen Tüten nehmen soll, du grinst vor Glück
- es ist deine Gesundheit - du gelobst, sie alle zu pflücken,
auch die letzten, erst in Wochen reifen, verunstaltet wie Zehen.

Aus dem Englischen von Margitt Lehbert



© 1996 Carl Hanser Verlag München Wien


Aus:
Les Murray: Ein ganz gewöhnlicher Regenbogen. Gedichte. Aus dem Englischen von Margitt Lehbert. München Wien: Carl Hanser Verlag 1996<

Spermaceti

english | Les Murray

I sound my sight, and flexing skeletons eddy
in our common wall. With a sonic bolt from the fragrant
chamber of my head, I burst the lives of some
and slow, backwashing them into my mouth. I lighten,
breathe, and laze below again. And peer in long low tones
over the curve of Hard to river-tasting and oil-tasting
coasts, to the grand grinding coasts of rigid air.
How the wall of our medium has a shining, pumping rim:
the withstood crush of deep flight in it, perpetual entry!
Only the holes of eyesight and breath still tie us
to the dwarf-making Air, where true sight barely functions.
The power of our wall likewise guards us from
slowness of the rock Hard, its life-powdering compaction,
from ist fissures and streamy layers that we sing into sight
but are silent, fixed, disjointed in. Eyesight is a leakage
of nearby into us, and shows us the taste of food
conformed over its spines. But our greater sight is uttered.
I sing beyond the curve of distance the living joined bones
of my song-fellows; I sound a deep volcano’s valve tubes
storming whitely in black weight; I receive an island’s slump,
song-scrambling ship’s heartbeats, and the sheer shear of
   current-forms
bracketing a seamount. The wall, which running blind I demolish,
heals, prickling me with sonars. My every long shaped cry
re-establishes the world, and centres its ringing structure.

© Les Murray
from: Translations From the Natural World

New York: Farrar, Straus & Giroux , 1992
Audio production: 2000 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

Der Pottwal

german

Ich töne mein Sehen, und geschmeidige Skelette wirbeln
in unserer gemeinsamen Wand. Mit einem Schallschlag aus der
          duftenden
Kammer meines Kopfes berste ich ein paar Leben vor mir
und bremse ab, daß sie mir rückströmen ins Maul. Ich werde leichter,
atme und sinke träge wieder in die Tiefe. Und schaue in langen tiefen
          Tönen
über die Krümmung des Harten auf Küsten zu, die nach Fluß schmecken
und nach Öl, auf die gewaltigen, knirschenden Küsten aus steifer Luft.
Wie die Wand unseres Mediums einen glitzernden, pulsierenden Rand
          hat:
der widerstandene Druck meines tiefen Fluges darin, ewiger Eingang!
Nur die Löcher des Augenlichts und Atems binden uns noch
an die zwergmachende Luft, wo echtes Sehen kaum funktioniert.
Die Stärke unserer Wand beschützt uns auch vor der Trägheit
des steinernen Harten, seiner lebenzermalmenden Dichte,
vor seinen Spalten und gewellten Schichten, die wir in Sicht singen,
in denen wir aber schweigen, starr, zerstückelt. Das Augensehen ist ein
          Tröpfeln
des Nahen in uns hinein und zeigt uns den Geschmack des Eßbaren
über der Wirbelsäule bestätigt. Doch unser größeres Sehen wird geäußert.
Ich singe jenseits der Krümmung der Ferne die lebend verbundenen
          Knochen
meiner Mitsänger; ich schalle die Ventiltuben eines tiefen Vulkans
der weiß stürmt in der schwarzen Schwere; ich empfange den Einsturz
          einer Insel,
den liedzerfetzenden Herzschlag der Schiffe und den steilen Schnitt von
          Strömungsformen,
die einen Meeresberg umgabeln. Die Wand, die ich blind schwimmend
          zerstöre,
heilt, bekribbelt mich mit Sonarklängen. Jeder meiner langen, geformten
          Rufe
erschafft die Welt von neuem und zentriert ihre klingende Struktur.

Aus dem Englischen von Margitt Lehbert



© 1996 Carl Hanser Verlag München Wien


Aus:
Les Murray: Ein ganz gewöhnlicher Regenbogen. Gedichte. Aus dem Englischen von Margitt Lehbert. München Wien: Carl Hanser Verlag 1996<

South Country

english | Kenneth Slessor

After the whey-faced anonymity
Of river-gums and scribbly-gums and bush,
After the rubbing and the hit of brush,
You come to the South Country

As if the argument of trees were done,
The doubts and quarrelling, the plots and pains,
All ended by these clear and gliding planes
Like an abrupt solution.

And over the flat earth of empty farms
The monstrous continent of air floats back
Coloured with rotting sunlight and the black,
Bruised flesh of thunderstorms:

Air arched, enormous, pounding the bony ridge,
Ditches and hutches, with a drench of light,
So huge, from such infinities of height,
You walk on the sky’s beach

While even the dwindled hills are small and bare,
As if, rebellious, buried, pitiful,
Something below pushed up a knob of skull,
Feeling its way to air.

© by permission of HarperCollins Publishers
from: Collected Poems, edited Dennis Haskell and Geoffrey Dutton
HarperCollins Publishers, 1994
Audio production: courtesy of the National Library of Australia, Hazel de Berg Collection.

Land im Süden

german

Nach den käsigen Anonymitäten
Von Fluß- und Kritzel-Eukalypten und von Busch,
Nach dem Reiben und Peitschen von Gestrüpp,
Kommt man zum Land im Süden

Als wäre die Debatte der Bäume dahin,
Die Zweifel und Intrigen, das Gezanke, der Schmerz,
Alles beendet durch diese Ebenen, gleitend, klar
Wie eine abrupte Lösung.

Und über der flachen Erde der leeren Farmen
Treibt der monströse Kontinent der Luft zurück,
Gefärbt von faulendem Sonnenlicht und dem Fleisch
Der Gewitter, schwarz und geschunden:

Die Luft gewölbt, gigantisch, schlägt mit einem Guß
Aus Licht den knochigen Grat, Gräben und Hütten, So riesig, aus solch unendlichen Höhen,
Daß du auf dem Strand des Himmels gehst,

Und selbst die geschrumpften Hügel sind klein und nackt,
Als wolle etwas von unten, rebellisch, begraben,
Erbärmlich, einen  Schädelbuckel heben,
Während es sich den Weg zur Luft ertastet.

Aus dem Englischen übersetzt von Margitt Lehbert

Poetry and Religion

english | Les Murray

Religions are poems. They concert
our daylight and dreaming mind, our
emotions, instinct, breath and native gesture

into the only whole thinking: poetry.
Nothing’s said till it’s dreamed out in words
and nothing’s true that figures in words only.

A poem, compared with an arrayed religion,
may be like a soldier’s one short marriage night
to die and live by. But that is a small religion.

Full religion is the large poem in loving repetition;
like any poem, it must be inexhaustible and complete
with turns where we ask Now why did the poet do that?

You can’t pray a lie, said Huckleberry Finn;
you can’t poe one either. It is the same mirror:
mobile, glancing, we call it poetry,

fixed centrally, we call it religion,
and God is the poetry caught in any religion,
caught, not imprisoned. Caught as in a mirror

that he attracted, being in the world as poetry
is in the poem, a law against its closure.
There’ll always be religion around while there is poetry

or a lack of it. Both are given, and intermittent,
as the action of those birds – crested pigeon, rosella parrot –
who fly with wings shut, then beating, and again shut.

© Les Murray
from: The Daylight Moon
Audio production: 1999 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

Dichtung und Religion

german

Religionen sind Gedichte. Sie bringen
unseren Tages- und Traumgeist in Einklang,
unsere Gefühle, Instinkte, den Atem und die uns angeborene Gestik

in das einzig vollkommene Denken: Dichtung.
Nichts ist gesagt, bis es in Worten hinausgeträumt ist
und nichts ist wahr, was nur in Worten wahr ist.

Ein Gedicht kann, verglichen mit einer geordneten Religion,
wie die kurze Hochzeitsnacht eines Soldaten sein
nach der man sterben und leben kann. Doch das ist eine kleine Religion.

Volle Religion ist das große Gedicht in liebevoller Wiederholung;
wie jedes Gedicht muß sie unerschöpflich und vollkommen sein
mit Wendungen, wo man sich fragt Warum hat der Dichter das wohl
          getan?

Man kann eine Lüge nicht beten, hat Huckleberry Finn gesagt;
man kann sie auch nicht dichten. Es ist derselbe Spiegel:
beweglich, aufblitzend nennen wir es Dichtung,

um eine Mitte verankert nennen wir es eine Religion,
und Gott ist die Dichtung, die in jeder Religion gefangen wird,
gefangen, nicht eingesperrt. Gefangen wie in einem Spiegel,

den er anzog, da er in der Welt ist, wie die Poesie
im Gedicht ist, ein Gesetz gegen jeden Abschluß.
Es wird immer Religion geben, solange es Dichtung gibt

oder einen Mangel an ihr. Beide sind gegeben, und periodisch,
wie der Flug jener Vögel - Haubentaube, Rosellapapagei -
die so fliegen: die Flügel zu, dann schlagend und wieder zu.

Aus dem Englischen von Margitt Lehbert



© 1996 Carl Hanser Verlag München Wien


Aus:
Les Murray: Ein ganz gewöhnlicher Regenbogen. Gedichte. Aus dem Englischen von Margitt Lehbert. München Wien: Carl Hanser Verlag 1996<

Poesin

swedish | Håkan Sandell

Upphunnen till sist av mina egna ord,
de lättflytande dikterna skrivs i mitt blod,
allt starkare glödande, svagare blir jag,
scharlakan och purpur, en lukt av död
som från bytesdjur; skrudad i skönhet
på tunt skrivpapper börjar jag skaka
av köld och av inget skyler mig
utifrån ingenting skyddar mig inuti,
bara sköljer igenom och ödelägger
ja förstörande leker med och överger,
med en kärlek så opersonligt kall
att inspiration vill jag inte kalla det
men ett självförverkligande av något annat
än mig, där jag skymtar vingarna
tunga och breda, skrämmande, detaljerade
i blodröda och åderblå små mönstrade fjäll
eller fjädrar som omsveper dem tätt tätt
med små bilders pilar eller rovfågelsnäbbar.
Sedan ser jag inte mer endast känner att
rummet liksom töms ut och försvinner
i viktlös svindel, fönstren vitnar till,
glädjen nyss blandas ut med lidande
och mitt i min styrka står jag vilsen.
Men även om helt urdrucken på livet
skulle mina ord grönska i tomma himlen
och dra dit levande vatten och vårvindar.
Liksom för Bileam kommer det välsignelser
lätt och rinnande som inget ont vidkände
om jag så illamående önskade förbannelser
från själva hjärtat av den blodlösa blekhet
som dikternas flöde lämnat mig med.

© Håkan Sandell
from: unveröffentlichtem Manuskript / unpublished
Audio production: 2001 M.Mechner, literaturWERKstatt berlin

Poesie

german

Am Ende eingeholt von meinen eigenen Worten,
schreiben sich die flüssigen Gedichte in meinem Blut,
immer stärker glühend, schwächer werde ich,
Scharlach und Purpur, ein Geruch von Tod
wie von Beutetieren; auf dünnem Schreibpapier
in Schönheit herausgeputzt, beginne ich zu zittern
vor Kälte und davor, daß mich nichts zudeckt
von außen, mich innen nichts beschützt,
sondern nur durchspült und verwüstet
ja zerstörerisch spielt und dann abzieht,
mit einer so unpersönlich kalten Liebe
daß ich es Inspiration nicht nennen will
sondern die Selbstverwirklichung von etwas
anderem als ich, wo ich sie undeutlich wahrnehme,
die schweren, breiten Flügel, schrecklich, detailliert
mit kleinen, gemusterten Schuppen oder Federn,
blutrot und aderblau, die sie mit den Pfeilen kleiner Bilder
oder Raubvogelschnäbeln eng eng umschließen.
Dann sehe ich nicht mehr, sondern spüre nur wie sich
das Zimmer quasi entleert und in einem schwerelosen
Schwindel verschwindet, die Fenster noch weißer werden,
die Freude von vorhin verwässert wird mit Leid
und inmitten meiner Stärke stehe ich verloren da.
Doch wäre ich auch vom Leben gänzlich ausgetrunken,
meine Worte würden im leeren Himmel grünen
und lebendes Wasser und Frühlingswinde zu sich ziehen.
Wie für Bileam kommen leicht und flüssig
Segenswünsche, die nichts Böses kannten,
auch wenn ich mir bis hin zur Übelkeit Flüche wünschte
aus dem innersten Herzen dieser blutlosen Blässe,
die das Fließen der Gedichte mir gelassen hat.

Aus dem Schwedischen von Margitt Lehbert

Meditation on a Bone

english | A.D. Hope

A piece of bone, found at Trondhjem in 1901, with the
following runic inscription (about AD 1050) cut on it:
I loved her as a maiden; I will not trouble Erlend’s
detestable wife; better she should be a widow.

Words scored upon a bone,
Scratched in despair or rage –
Nine hundred years have gone;
Now, in another age,
They burn with passion on
A scholar’s tranquil page.

The scholar takes his pen
And turns the bone about,
And writes those words again.
Once more they seethe and shout,
And through a human brain
Undying hate rings out.

‘I loved her when a maid;
I loathe and love the wife
That warms another’s bed:
Let him beware his life!’
The scholar’s hand is stayed;
His pen becomes a knife

To grave in living bone
The fierce archaic cry.
He sits and reads his own
Dull sum of misery.
A thousand years have flown
Before that ink is dry.

And, in a foreign tongue,
A man, who is not he,
Reads and his heart is wrung
This ancient grief to see,
And thinks: When I am dung,
What bone shall speak for me?

© by permission of Curtis Brown (Aust) Pty Ltd
from: A.D. Hope: Selected Poetry and Prose, edited by David Brooks
Rushcutters Bay: Halstead Press, 2000
Audio production: courtesy of the National Library of Australia, Hazel de Berg Collection.

Meditation über einen Knochen

german

Ein Knochenfragment, 1901 in Trondheim gefunden,
mit der folgenden  Runeninschrift (ca. 1050 n. Chr.):
Ich liebte sie als Jungfer; ich werde Erlends abscheuliche Frau
nicht belästigen; besser sie wäre eine Witwe.

In einen Knochen geritzte Worte,
Gekratzt in Verzweiflung oder Zorn -
Neunhundert Jahre sind verstrichen;
Heute, in einer anderen Zeit,
Brennen sie vor Leidenschaft
Auf eines Gelehrten stillem Blatt.

Der Gelehrte greift zum Stift
und wendet den Knochen um,
Und schreibt die Worte nochmals.
Noch einmal schäumen und rufen sie,
Und durch ein Menschenhirn
Erklingt unsterblicher Haß.

“Ich liebte sie als Jungfer;
Ich hasse und liebe die Ehefrau,
Die das Bett eines anderen wärmt:
Er soll sein Leben hüten!“
Die Hand des Gelehrten stockt;
Sein Stift wird zum Messer,

Das den wilden, archaischen Ruf
In lebenden Knochen schnitzt.
Er sitzt und lies sein eigenes
Lustloses Fazit an Jammer.
Tausend Jahre sind vergangen,
Bevor die Tinte trocken war.

Und in einer fremden Sprache
Liest ein Mann, der nicht er ist,
Und es tut ihm in der Seele weh,
Diesen uralten Schmerz zu sehen,
Und denkt: Wenn ich einst Dünger bin,
Welcher Knochen spricht für mich?

Aus dem Englischen übersetzt von Margitt Lehbert

Den onde

swedish | Håkan Sandell

Först liten nog för att komma genom nyckelhålet,
som jag fick lära senare, ett bi i storlek,
behöll den likafullt en gracil abnormitet
vid fullt format, en hand hög, när vingspänt prålande
den med en liten nick fick presenterat sig.
I mörka ansiktsveck skar två svarta ögonkol
igenom rummet, kroppen så trimmad och atletisk
att ryggens krökning inte alls gjort honom äldre.
Han stod där, svart i svart som i en regnbåge
för natten, smilande med mustaschens glesa morrhår
vibrerande för dunsterna av andedräkten.
”Du kallade på Oss”, väste han, ”din poesi
med all dess huggormsprakt och underjordsblå gåtor…”
En elementar? Homunculusskapt? Nephilim? –
jag undrade vad han kom av för ett gammalt släkte.
”Tror du”, han fortsatte, ”att du i Vår depot
kan gå som du behagar, hos Oss, den mäktigaste…”
Den lille svarte på mitt skrivbord fick en örfil
så guldringen i örat röck av – nu började tiggandet,
han bönade och bad, som den ynkligaste stackare,
och erbjöd samtidigt mig en obetvinglig makt.
Det värsta var när han blev nattuppesittande
med diktutkast, om morgonen förväntande sig tack.
Han klagade ofta, för fuktigt, för kallt, och hackade
med gäddgapständerna, ”man borde sätta eld
på ett eller annat, oh de vackra röda flammorna”,
och verkligen en vinterkväll, rent tillfälligt,
så brann mitt stora manuskript, det färggranna
med morgonstjärnors glöd och svartblå törnrosrankor
som fanen illustrerat men också helt rebelliskt
fört till en serie eder och förbannelser.
Det gick en tid, så började han bli magrare,
beklagade sig nu inte mer; han krympte samman
och bleknade allt mer blåaktig, om dagarna
så sov han bara, om nätterna så fläktade han
sig själv med de torra vingarna för febern.
Från ryggradsbågen hängde skinnet som ett segel,
de tidigare druvblått spända skinkorna
förtvinade och vingarna stod genomskinliga
omkring de bleka ådrorna där blodet sinat.
Jag bäddade ner den kraken i en skokartong
och fast han äcklades av mitt medlidande
så hördes bara enstaka av hans longörer
vid gnidandet av vinglädret med vaselin,
och i min hand tycktes de långa öronen
så torrspruckna och sköra att jag var nära lipen.
Jag matade honom med en kaffesked; buljong,
en droppe rom ibland, det fast han ville knipa
ihop med läpparna – en djävulsk avkomma!
Han var trots allt ett sällskap, och kväll efter kväll
så såg jag hur det glimmade ifrån hans håll
likt skymningens helt äldsta spår av ljus och eld.
En morgon låg han stelnat kall i sin kartong.
Det var en chock, och ensamheten vällde fram;
jag grät för honom på hans väg till helvetet.
Min sorg var obehärskad, vild, irrationell,
och länge blev nog kroppen bara liggande.
Till sist så tog jag han, med lådan och brände den,
och gömde undan resterna av hans skelett
från mina ögons sorg och för att skydda mig själv
från oförståelsens eventualiteter.
Men först så hade jag, för egen kunskap, mätt
den döda kroppen: tjugofyra centimeter!

© Håkan Sandell
from: Metro Nord
Stockholm: Carl Forsbergs bokförlag, 2001
Audio production: 2001 M.Mechner, literaturWERKstatt berlin

Der Böse

german

Erst klein genug, durch das Schlüsselloch zu kommen,
wie ich später erfuhr, groß wie eine Biene,
behielt er ausgewachsen doch eine grazile Abnormität,
eine Hand hoch, wenn er sich, die Flügel prahlend
ausgestreckt, mit einem kleinen Nicken vorstellte.
In dunklen Gesichtsfalten schnitten zwei schwarze Augenkohlen
durch das Zimmer, der Körper so durchtrainiert und athletisch,
daß die Wölbung seines Rückens ihn kein bißchen älter machte.
Er stand dort, schwarz auf schwarz wie in einem Regenbogen
für die Nacht, lächelnd, während die spärlichen Schnurrhaare
seines Schnauzers im Dunst seiner Atemzüge vibrierten.
"Du riefst Uns", zischte er, "deine Poesie mit all
ihrer Kreuzotterpracht, ihren unterweltblauen Rätseln..."
Ein Elementargeist? Homunkulusgeschaffen? Nephilim? -
ich fragte mich, aus welcher alten Sippe er wohl stamme.
"Glaubst du", fuhr er fort, "daß du in Unserem Depot
umhergehen kannst, wie du möchtest, bei Uns, den Mächtigsten..."
Der kleine Schwarze auf dem Schreibtisch fing sich eine Schelle ein,
daß der Goldring in seinem Ohr abflog - jetzt begann das Flehen,
er bettelte und bat wie der erbärmlichste Wurm
und bot mir gleichzeitig eine unbezwingliche Macht.
Am Schlimmste war, als er die ganze Nacht dort hockenblieb
über Gedichtentwürfen, und morgens erwartete er Dank.
Er beschwerte sich oft, zu feucht, zu kalt, und klapperte
mit seinen Hechtrachenzähnen, "man sollte Feuer legen
an das ein oder andere, oh die schönen roten Flammen",
und tatsächlich brannte eines Winterabends
rein zufällig mein großes Manuskript, das farbenfrohe
mit Morgensternglut und schwarzblauen Dornröschenranken,
das der Teufel illustriert, doch auch ganz rebellisch
zu einer Reihe von Schwüren und Flüchen geführt hatte.
Es verstrich einige Zeit und er begann, dünner zu werden,
beklagte sich nun nicht mehr; er schrumpfte zusammen,
wurde immer bleicher und bläulicher, untertags
schlief er nur noch, während er sich des Nachts
vor lauter Fieber mit den trockenen Flügeln Luft zufächerte.
Vom Bogen seines Rückgrats hing die Haut wie eine Segel,
das früher traubenblau gespannte Gesäß
verkümmerte und die Flügel breiteten sich durchsichtig
um die bleichen Adern aus, wo das Blut versiegt war.
Ich bettete den armen Teufel in einen Schuhkarton,
und obwohl er sich vor meinem Mitleid ekelte,
ließ er doch nur ein paar Weitschweifigkeiten hören
während sein Flügelleder mit Vaselin eingerieben wurde,
und in meiner Hand fühlten sich die langen Ohren
so gesprungen an und rissig, daß ich hätte heulen können.
Ich fütterte ihn mit einem Kaffeelöffel; Bouillon,
manchmal einen Tropfen Rum, das obwohl er die Lippen
zusammenkneifen wollte - diese Ausgeburt des Teufels!
Trotz allem war er mir Gesellschaft, und Abend um Abend
sah ich, wie es aus seiner Richtung funkelte
wie die allerälteste Spur von Dämmerungslicht und -feuer.
Eines Morgens lag er steif und kalt in seinem Karton.
Es war ein Schock, und Einsamkeit wallte auf;
ich weinte für ihn auf seinem Weg in die Hölle.
Meine Trauer war unbeherrscht, wild, irrational,
und lange blieb der Körper einfach liegen.
Zuletzt nahm ich ihn samt Kiste und verbrannte beide,
versteckte dann die Reste seines Skeletts
vor der Trauer meiner Augen und um mich vor allen
denkbaren Fällen von Unverständnis zu schützen.
Aber vorher hatte ich, um meines Wissens willen,
den toten Körper gemessen: vierundzwanzig Zentimeter!

Aus dem Schwedischen von Margitt Lehbert

Första gången . . .

swedish | Håkan Sandell

Första gången jag kan minnas
blodet sköljde över huvudet
rös jag till av värmen,
skön och liksom lockande.
Kall är döden, men blodet
kom så tryggt ur såret,
mammas varma hand så kändes det.
Skallen trädde fram ur håret
när jag strök det bakåt.
Mitt kranium, jag skapade det,
förlossades av handen!
Hjässan av en människa,
var det så den kändes,
inget vasst och kantigt djurs
men ingen stenhård marmorguds.
Bara detta lilla skrin av ben
att vårda in i framtiden.
Barnets skallben, åldringens,
båda sprungna ur en mytisk tid.
Blodet föll i stinna droppar,
ljummet som ett sommarregn.
Huvudskålen låg där tung i håret,
likt en skärva slungat järn
runtom vilken allting snurrade.
En skalbit,kanske,gömd i gräset,
kvarglömd efter någots skifte.
Huden skrumpen, som av vatten;
blodet rann med livets värme
fast jag märkte att jag huttrade.
Hela tiden lugn, behärskad,
tills jag fick syn på handen: röd!

© Håkan Sandell
from: Midnattsfresken
Stockholm: Wahlström o Widstrand, 1999
ISBN: 91-46-17437-0
Audio production: 2001 M.Mechner, literaturWERKstatt berlin

Das erste Mal...

german

Das erste Mal an das ich mich erinnere
das Blut über meinen Kopf spülte,
schauderte ich auf vor Wärme,
behaglich und irgendwie verlockend.
Kalt ist der Tod, aber das Blut
kommt so gelassen aus der Wunde,
wie Mamas warme Hand fühlt es sich an.
Als ich die Haare zurückstrich
zeichnete sich drunter der Schädel ab.
Mein Kranium, ich erschuf es,
es wurde von der Hand entbunden!
Der Scheitel eines Menschen,
so fühlte er sich also an,
nicht der eines scharfen, kantigen Tieres
oder der eines steinharten Marmorgottes.
Nur dieser kleine Schrein aus Knochen,
den es bis in die Zukunft zu schützen gilt.
Schädelknochen des Kindes, des Greises,
beide einer mythischen Zeit entsprungen.
Das Blut fiel in prallen Tropfen,
warm wie ein Sommerregen.
Die Hirnschale lag dort schwer im Haar,
wie ein Splitter geschleudertes Eisen
um den herum sich alles drehte.
Ein Stück Schale, vielleicht, im Gras versteckt,
vergessen, nachdem sich etwas häutete.
Die Haut verschrumpelt wie von Wasser;
das Blut lief mit der Wärme des Lebens
obwohl ich merkte, daß ich zitterte.
Die ganze Zeit ruhig, beherrscht,
bis ich dann die Hand sah: rot!

Aus dem Schwedischen von Margitt Lehbert

Ernest Hemingway and the Latest Quake

english | Les Murray

In fact the Earth never stops moving.

Northbound in our millimetric shoving
we heap rainy Papua ahead of us
with tremor and fumarole and shear
but: no life without this under-ruckus.

The armoured shell of Venus doesn’t move.
She is trapped in her static of hell.
The heat of her inner weight feeds enormous
volcanoes in that gold atmosphere

which her steam oceans boil above.
Venus has never known love:
that was a European error.
Heat that would prevent us gets expressed

as continent-tiles being stressed and rifted.
These make Earth the planet for lovers.
If coral edging under icy covers
or, too evolutionary slow

for human histories to observe it, a low
coastline faulting up to be a tree-line
blur landscape in rare jolts of travel
that squash collapsing masonry with blood

then frantic thousands pay for all of us.

© Les Murray
from: unveröffentlichtem Manuskript
Audio production: 2000 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

Ernest Hemingway und das neueste Beben

german

Eigentlich hört die Erde nie auf, sich zu bewegen.

In unserem millimeterweisen Nordwärtsschieben
häufen wir mit Beben und Fumarole und Scherkraft
das verregnete Papua vor uns auf
aber: kein Leben ohne dieses Unter-Tohuwabohu.

Die gepanzerte Schale der Venus rührt sich nicht.
Sie bleibt in ihrer statischen Hölle gefangen.
Die Hitze ihres inneren Gewichts speist riesige
Vulkane in ihrer goldenen Atmosphäre

über denen ihre Dampfozeane brodeln.
Venus hat noch nie die Liebe gekannt:
das war ein europäisches Mißverständnis.
Hitze, die uns ausschließen würde, wird als belastete

und gesprungene Kontinentenkacheln ausgedrückt.
Sie machen die Erde zum Planeten für Liebende.
Wenn Korallen unter Eisdecken vorankriechen
oder, zu langsam in ihrer Entwicklung

für die Beobachtungen menschlicher Geschichte, eine niedrige
Küstenlinie sich zu einer Baumlinie verwirft
und die Landschaft in seltenen Reisestößen verwackelt,
die einstürzendes Mauerwerk mit Blut zerquetschen,

dann zahlen tausende Verzweifelte für uns alle.

Aus dem australischen Englisch von Margitt Lehbert
© Ammann Verlag & Co. 2005

Aus: Les Murray: Traumbabwe. Gedichte.
Zürich: Ammann Verlag & Co. 2005

Country Town

english | Judith Wright

This is no longer the landscape that they knew,
the sad green enemy country of their exile,
those branded men whose songs were of rebellion.
The nights were cold, shepherding; and the dingoes
bawling like banshees in the hills, the mist coming over
from eastward chilled them. Beside the fire in the hut
their pannikin of rum filled them with songs
that were their tears for Devonshire and Ireland

and chains and whips and soldiers. Or by day
a slope of grass with small sheep moving on it,
the sound of the creek talking, a glimpse of mountains,
looked like another country and wrenched the heart.
They are dead, the bearded men who sang of women
in another world (sweet Alice) and another world.

This is a landscape that the town creeps over;
a landscape safe with bitumen and banks.
The hostile hills are netted in with fences
and the roads lead to houses and the pictures.
Thuderbolt was killed by Constable Walker
long ago; the bones are buried, the story printed.

And yet in the night of the sleeping town, the voices:
This is not ours, not ours the flowering tree.
What is it we have lost and left behind?
Where do the roads lead? It is not where we expected.
The gold is mined and safe, and where is the profit?
The church is built, the bishop is ordained,
and this is where we live: where do we live?
And how should we rebel? The chains are stronger.

Remember Thunderbolt, buried under the air-raid trenches.
Remember the bearded men singing of exile.
Remember the shepherds under their strange stars.

© by permission of ETT Imprint
from: A Human Pattern: Selected Poems
Bondi Junction: ETT Imprint, 1996
Audio production: courtesy of the National Library of Australia, Hazel de Berg Collection

Provinzstadt

german

Das ist nicht mehr die Landschaft, die sie kannten,
das traurige grüne Feindland ihres Exils,
die gebranntmarkten Männer mit ihren rebellischen Liedern.
Die Nächte waren kalt, beim Schafe hüten, und die Dingos
brüllten in den Hügeln wie Todesfeen, während der Nebel
aus dem Osten sie frösteln ließ. Am Feuer in der Hütte
füllte sie der Rum in ihren Blechbechern mit Liedern,
die ihre Tränen waren für Devonshire und Irland

und Ketten, Peitschen und Soldaten. Oder bei Tag:
eine abfallende Wiese, auf der sich kleine Schafe bewegten,
der Laut eines sprechenden Baches, ein kurzer Blick auf Berge
sahen aus wie ein anderes Land und verwundeten das Herz.
Sie sind tot, die bärtigen Männer, die die Frauen einer anderen
Welt (sweet Alice) besangen und einer anderen Welt.

Das ist eine Landschaft, über welche die Stadt kriecht;
eine Landschaft, gesichert mit Asphalt und Böschungen.
Die feindseligen Hügel sind mit Zäunen eingedämmt
und die Straßen führen zu Häusern und den Bildern.
Thunderbolt wurde schon vor langem von Constable Walker
getötet; die Knochen begraben, die Geschichte gedruckt.

Und doch, in der Nacht der schlafenden Stadt, die Stimmen:
Das ist nicht unser, nicht unser der blühende Baum.
Was haben wir verloren, was zurückgelassen?
Wo führen diese Straßen hin? Nicht wohin wir erwarteten.
Das Gold ist gefördert und sicher, und wo ist der Profit?
Die Kirche ist gebaut, der Bischof geweiht,
und hier ist es, wo wir wohnen: wo wohnen wir?
Und wie sollten wir rebellieren? Die Ketten sind stärker.

Gedenke Thunderbolts, begraben unter Luftschutzgräben.
Gedenke der bärtigen Männer, die vom Exil singen.
Gedenke der Hirten unter ihren fremden Sternen.

Aus dem Englischen übersetzt von Margitt Lehbert

Beach Burial

english | Kenneth Slessor

Softly and humbly to the Gulf of Arabs
The convoys of dead sailors come;
At night they sway and wander in the waters far under,
But morning rolls them in the foam.

Between the sob and clubbing of the gunfire
Someone, it seems, has time for this,
To pluck them from the shallows and bury them in burrows
And tread the sand upon their nakedness;

And each cross, the driven stake of tidewood,
Bears the last signature of men,
Written with such perplexity, with such bewildered pity,
The words choke as they begin –

Unknown seaman’ – the ghostly pencil
Wavers and fades, the purple drips,
The breath of the wet season has washed their inscriptions
As blue as drowned men’s lips,

Dead seamen, gone in search of the same landfall,
Whether as enemies they fought,
Or fought with us, or neither; the sand joins them together,
Enlisted on the other front.

© by permission of HarperCollins Publishers
from: Collected Poems, edited Dennis Haskell and Geoffrey Dutton
HarperCollins Publishers, 1994
Audio production: courtesy of the National Library of Australia, Hazel de Berg Collection.

Strandbegräbnis

german

Ergeben und sanft zum Golf der Araber
Kommen die Konvois der toten Matrosen;
Nachts irren sie schwankend im Wasser tief unten,
Doch der Morgen läßt sie im Schaum rollen.

Zwischen dem Schluchzen und Knüppeln von Geschützen
Hat jemand, so scheint es, die Zeit gefunden,
Sie an seichten Stellen aufzusammeln und in Reihen zu begraben
Und den Sand über ihrer Nacktheit festzutreten;

Und jedes Kreuz, ein getriebener Pfahl aus Treibholz,
Trägt die letzte Unterschrift eines Mannes,
Geschrieben mit solcher Bestürzung, mit solch verwirrtem Mitleid,
Die Worte ersticken, sobald sie beginnen -

Unbekannter Seemann“ - der gespenstische Stift
Zittert  und verblaßt, das Purpur tropft,
Der Atem der nassen Jahreszeit hat jede Inschrift
Blau wie die Lippen der Ertrunkenen gefärbt,

Tote Seemänner, fort, denselben  Landfall zu suchen,
Wo sie sich als Feinde bekämpft,
Oder mit uns kämpften, oder keines davon, im Sand jetzt zusammen,
Angeworben an der anderen Front.


____________

El Alamein
Ort in Ägypten, etwa 100 km südwestlich von Alexandria.
Hier brachte die britische Armee im Juni/Juli 1942 die
Offensive General Rommels zum Stehen.

Anmerk. von M. Lehbert

Aus dem Englischen übersetzt von Margitt Lehbert

Bats' Ultrasound

english | Les Murray

Sleeping-bagged in a duplex wing
with fleas, in rock-cleft or building
radar bats are darkness in miniature,
their whole face one tufty crinkled ear
with weak eyes, fine teeth bared to sing.

Few are vampires. None flit through the mirror.
Where they flutter at evening’s a queer
tonal hunting zone above highest C.
Insect prey at the peak of our hearing
drone re to their detailing tee:

ah, eyrie-ire, aero hour, eh?
O’er our ur-area (our era aye
ere your raw row) we air our array,
err, yaw, row wry – aura our orrery,
our errie ü our ray, our arrow.

A rare ear, our aery Yahweh.

© Les Murray
from: The Daylight Moon
Persea Books , 1987
Audio production: 1999 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

Fledermaus-Ultraschall

german

Geschlafsackt in einem Doppelflügel
mit Flöhen, in Felsspalten oder Gebäuden
sind Radarfledermäuse Dunkelheit in Miniatur,
ihr ganzes Gesicht ein zerknittertes Ohr,
schwachäugig, mit zum Singen gebleckten Zähnen.

Wenige sind Vampire. Keine flattert durch Spiegel.
Wo sie am Abend fliegen ist eine seltsame
tonale Jadgzone über dem höchsten C.
Insektenbeute an der Obergrenze unseres Hörens
summen zu ihrem detaillierenden ti ihr re:

ah, fliegen Flügelzeiten feiner eh?
Über unsre frühen Felder (über Lüften
fliegen wir hier, über Hügel her) wir
lüften diese Tiere die Reviere hier
durch Tür und Trieb - die Kür der Flüge,
unsre süßen fliegend kreischend Teile
die vielen Quietscher dieser Pfeile.

Ein feines Ohr, unser lüftener Elohim.

Aus dem Englischen von Margitt Lehbert



© 1996 Carl Hanser Verlag München Wien


Aus:
Les Murray: Ein ganz gewöhnlicher Regenbogen. Gedichte. Aus dem Englischen von Margitt Lehbert. München Wien: Carl Hanser Verlag 1996<

Överfallet

swedish | Håkan Sandell

Ryggen fångar upp en första överraskning;
slaget når en - blinda pilar
riktade mot allt och ingen.
Trevande små pojkaktiga stilar
genomsöker gatan efter storhet.
De har skickat fram nybörjarkillen,
följd av granskarblickarna hos koret
som väntar solot, framför halvringen.
Det andra slaget kommer in från sidan
som väntat, min vänsterarm blockerar
och där följer högern smidigt
som en kattdjurstass, chockerande,
ett krasande och ljudet ekar vidare
som asplöv, knäckta grenar, genom flocken.
Jag skänker lidande tillbaka för lidande
och det finns inget annat sätt att lära.
Nu känner han, liksom på baksidan
av världen, obönhörlig närhet,
värmen sippra ner i hans adidas,
urin och blod, och hur det bär ens
steg i en förvandling, strilande
från stora floder till en ränna
där man ändå är en del av
förudmjukelsens hemliga gemenskap.
Så nytt, förvirrande, att lära känna
kroppens kärleksfulla eftergivenhet
och över ögonbrynen hur det bränner
till - förunderligt - ett knytnävsslag,
där en lycklig allmakt skulle rivet
alla hinder för svallningen i jaget
ger offret otillfrågad korrektivet.
Fem man bakom sig,men killens litenhet
vid nattens fot, hans sköra drag
och ryckningarna i rosenhudens spändhet
inger mest av allt en lust att stryka
honom över kinden: Jag svär vid
Samsons blindhet, vid lampan Psyke
synade den nakna vingen; Getsemene
med Petrus svärd, och Brutus kniv,
att jag önskade mig ett annat skeende
och utan ens en droppe raseri
fördelade det uppföljande tunga slaget.
Är det ett skäl, att komma levande
ur obehagligheter, och att svaghet
gärna dräper en? Men lammets liv
är det inte hellre inkarnerat i
den pojkkropp som här rystit till,
ett nedfällt vilddjur med droppande saliv
från de vita jämna tänderna?
Kan jag falla ner och lossa skobanden,
eller - Mästare! - kyssa de skrapade händerna,
utan att näste man, mittöver min panna
sätter ett skoavtrycks solkiga stjärna?
Är det meningen, att det höga skallbenet
och den mjuka fyllningen i hjärnan
som med sköra trådar vävde identitet
ska spricka som en såpbubbla i intet?

© Håkan Sandell
from: unveröffentlichtem Manuskript / unpublished
Audio production: 2001 M.Mechner, literaturWERKstatt berlin

Der Überfall

german

Der Rücken fängt die erste Überraschung auf;
der Schlag erreicht einen - blinde Pfeile,
gegen alles und niemanden gerichtet.
Tastende kleine knabenhafte Stile
durchsuchen die Straße nach Größe.
Sie haben den Anfänger losgeschickt,
gefolgt von Prüferblicken aus dem Chor,
der auf das Solo wartet, vor dem Halbring.
Der zweite Schlag kommt wie erwartet
von der Seite, mein linker Arm blockt ab
und schon folgt der rechte geschmeidig
wie eine Raubtiertatze, schockierend,
ein Knirschen und der Laut hallt wie Espenlaub,
geknickte Äste, durch das Rudel wider.
Ich vergelte nun Leid mit Leid
und es gibt keine andere Art zu lernen.
Jetzt spürt er, sozusagen auf der Rückseite
der Welt, eine unerbittliche Nähe,
wie die Wärme in seine Adidas sickert,
Urin und Blut, und wie das die Stufen
einer jeden Verwandlung trägt, rieselnd
von breiten Strömen zu einem Rinnsal,
wo man trotz allem ein Teil ist von
der heimlicher Gemeinschaft der Demütigung.
So neu, verwirrend, die liebevolle Nachgiebigkeit
des Körpers jetzt kennenzulernen
und wie es über den Augenbrauen plötzlich
brennt - verblüffend - ein Faustschlag,
wo eine glückliche Allmacht alle Hindernisse
für das Wallen im Ich hätte niederreißen sollen,
gibt das Opfer ungefragt das Korrektiv.
Fünf Mann hinter sich, aber die Kleinheit des Kerls
am Fuße der Nacht, seine zarten Züge
und das Zucken in der Spannung dieser Rosenhaut
wecken vor allem die Lust, ihm über
die Wangen zu streichen: Ich schwöre bei
Samsons Blindheit, bei der Lampe, mit der Psyche
den nackten Flügel untersuchte; Gethsemane
mit Petrus' Schwert, und bei Brutus' Messer,
daß ich mir ein anderes Geschehen wünschte
und ohne auch nur einem Tröpfchen Wut
den nächsten schweren Schlag austeilte.
Ist das ein Grund, daß man lebend
aus Widrigkeiten kommt, und Schwäche
einen gerne tötet? Aber das Leben
des Lammes, ist es nicht lieber inkarniert in
dem Körper des Jungen, der hier plötzlich erbebt,
ein gefälltes Wild, dem der Speichel
von den weißen, ebenen Zähnen tropft?
Kann ich niederfallen und die Schuhbänder lösen,
oder - Meister! - die geschundenen Hände küssen,
ohne daß der nächste Mann mir mitten auf die Stirn,
den schmutzigen Stern seines Schuhabdrucks setzt?
Ist das der Sinn der Sache, daß der hohe Schädelknochen
und die weiche Füllung des Gehirnes,
die mit zarten Fäden die Identität webten,
wie eine Seifenblase im Nichts zerspringen?

Aus dem Schwedischen von Margitt Lehbert