Brian Currid 
Translator

on Lyrikline: 38 poems translated

from: german to: english

Original

Translation

"vielleicht ist es so, vielleicht ist es aber auch nicht so."

german | Michael Lentz

vielleicht ist es so, vielleicht ist es aber auch so nicht.
vielleicht. so ist es. vielleicht. aber ist es auch? so nicht.
vielleicht. ist es so? vielleicht. ist es aber auch so nicht.
vielleicht ist es. so! vielleicht ist es. aber. auch. nicht. so.
vielleicht. ist es so, vielleicht. istesaberauch nicht so.

vielleicht ist es so, vielleicht ist es aber auch nicht so.

vielleicht, vielleicht! so ist es, aber auch so ist es nicht.
vielleicht-vielleicht! so ist es auch nicht, aber so ist es.

leicht, soviel ist es, ist es aber vielleicht auch nicht.    so
leichtes ist so viel, aber vielleicht eist auch so nichts.
vieles eist so leicht, aber vielleicht ist auch so nichts.

so. vielleicht ist es viel, aber auch so ist es nicht leicht.

soso, aber ist es vielleicht auch vielleicht? ist es nicht?

so ist es viel, so ist es leicht, vielleicht aber auch nicht.

so leicht ist es nicht! vielvielleicht ist es aber auch so.

ist es auch viel so, leicht so, aber leicht ist es nicht viel.

aber es ist so. auch vielleicht ist vieles nicht so leicht.

ist es vielleicht auch bar so, vielen ist seicht so leicht.

vielleicht ist es so, vielleicht ist es aber so auch nicht.

so es auch nicht ist, vielleicht, ist es aber vielleicht so:
so es aber vielleicht so ist, ist "vielleicht" auch nicht "es".
so es aber vielleicht so ist, ist es auch nicht "vielleicht".

seit leichtes so viel ist, vielleicht aber auch so nichts,
ist es nicht so leicht, aber auch so ist es vielleicht viel.

aber es ist so. auch vielleicht ist viel nicht so leicht.    es
ist aber so es. vielleicht ist es auch nicht so vielleicht.

so es aber vielleicht nicht ist, ist es vielleicht auch so.
auch so ist es, nicht viel, aber es ist vielleicht leicht. so!
so viel, so leicht; ist es, ist es vielleicht aber auch nicht.
es ist soviel licht. vielleicht eist es aber auch nicht so.

leicht ist es viel so, aber auch viel ist es nicht so leicht.

© edition selene
from: ENDE GUT. sprechakte. Buch mit CD
Wien: Éditions Selene, 2002
ISBN: 3-85266-087-4
Audio production: 2001 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

"maybe it is so, but maybe it is also not so.”

english

maybe it is so, maybe it is but also so not
maybe. so it is. maybe. But is it also? not so.
maybe. is it so? maybe. Is it but so also not.
Maybe it is. so! Maybe is it. but. also. not . so.
maybe. It is so, maybe. But is it also not so.

maybe it is so, but maybe it is also not so.

maybe, maybe! so it is, but it is also not  
maybe maybe! so it is also not, but so it is.

be, so may it is, is it but maybe also not.  so
easy, is so many, but maybe so nothing will ice.
So much ice easy, but maybe it’s also not.

so. Maybe its may, but even so it be not easy,

soso, but may it also really easy be? Isn’t it may?

So be it, that may ease, but maybe not.

It’s not so easy!  Very maybe, it’s also so.

It is also so very busy, but easy its not much

But it is so. Also maybe much isn’t so busy.

Is it maybe even not so, but be may sleaze is ease

Maybe it is so, but maybe it isn’t like that too.

so if its not not, maybe it is maybe so:
but if it is so, then “maybe” is also not “it”
so if it maybe is so, it is also not “maybe”

Since easy is so much, maybe that way it’s so nothing,
it’s not so easy, but is is also maybe much.

but it is so. maybe is oft not so easy.   it
is however so it. maybe it is not so maybe.  

so it’s but maybe not is, it is maybe also so
it’s also so, not much, but it is maybe easy. So!
so may, so be; is it, but maybe it’s also not.
It is so much light. Maybe it will not ice so so.  

Be may, so it is, but may it is also not, so be.

Translated by Brian Currid

[Was auch geschieht]

german | Farhad Showghi

Was auch geschieht: wir haben einige Birken am
geöffneten Fenster, zu denen gleich alles paßt. Jede
Handbewegung, ein Anfang vielleicht, ein Stück Papier.
Auch der Wohnblock bei Nässe und Sonne oder als
grosser enthäuteter Lachs. Frauen und Kinder beginnen
zu rufen, binden ihre Stimmen an die Birken, versuchen
etwas, gehen fort. Wir spüren ein Winken auf den
Wangen. Unsere Finger erscheinen und spielen und
werden mehr und mehr. Wir machen nichts falsch.
Wenn wir auch zu den Birken passen, spielend die Launen
wechseln, irgendwo sitzend mit Sommerschuhen und
dem Rücken zum Lachs. Lachs, sagen wir, Lachs, und die
Frage: Wer sorgt für Wasser, wer für Wirbel und sturm-
feste Schuppen? Jede Zimmerluft ist Lachsluft jetzt, die
Aussenluft der Birken. Und die Stimmen der Frauen und
Kinder laufen ohne Frauen und Kinder um die Birken
herum.

© by Farhad Showghi
from: Die Walnußmaske, durch die ich mich träumend aß
Hamburg: Rospo-Verlag, 1998
Audio production: 2001, M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

[What ever happens]

english

What ever happens: we’ve got several birch trees by  
the open window, and anything will match with them. Every
hand gesture, a start, perhaps, a piece of paper.
Or the row of houses in rain or sun or as
large, skinned salmon. Women and children begin  
to call, bind their voices to the birches, attempt
something, go on. We feel a wave on our
cheeks. Our fingers appear and play and  
become more and more. We can do no wrong.
If  we too match the birches, playfully changing our
moods, sitting somewhere with summer shoes on,
backs to the salmon. Salmon, we say, salmon, and then ask:
Who’ll provide the water, the grates, the weatherproof
scales? Now the air in every room is salmon air, the
outer air of birches. And the voices of women and
children run without women and children around the
birches.

Translated by Brian Currid

[So haben wir uns ...]

german | Johannes Jansen


So haben wir uns die Köpfe verdorben mit Meilensteinen der
Belanglosigkeit. Rabiate Rappelköpfe, die überall Camorras wittern und keine Vernunft annehmen wollen. Oder Rappelköpfe als
Rasseln benutzbar für jede beliebige Karrieregestalt, die nach
Aufmärschen hungert. Wir brauchen Stimmung. Die Masse rast und
etwas löst sich ab von dir, zeigt dir, daß du nicht dafür
kannst. Man hat dich abgefüllt und du kannst das Material nicht
mehr ordnen.

© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2005
from: Halbschlaf. Tag Nacht Gedanken.
Zeichnungen von Regen Wachsmuth
Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag , 2005
ISBN: 3-518-12380-7
Audio production: 2005, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

[That's how we...]

english


That's how we ruined our minds with milestones of pointlessness. Savage mad minds that suspect Camorras everywhere and refuse to accept any reason. Or mad minds useful as rattles for any random career type hungering for military parades. We need spirit. The rabble raves and something comes off you, shows you that it's out of your hands. You've been tanked up and can no longer keep things straight.

Translated by Brian Currid

[Nicht ich bin es...]

german | Johannes Jansen


Nicht ich bin es, sondern die werdende Maschine in mir, gegen
die ich mich wehre durch Unterlegenheit. Sie kämpft mit der Natur, die mich ausmacht. Schweißausbrüche, das Zittern der Hände
am Beginn einer neuen Bekanntschaft. Ich weiß nicht, ob ich mich
retten könnte. Das, was der Kampf mir an Substanzen entzieht,
das wäre zu retten. Jenes kleine, kristalline Gebilde zum
Beispiel, das mit Inhalt jongliert.

© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2005
from: Halbschlaf. Tag Nacht Gedanken.
Zeichnungen von Regen Wachsmuth
Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag , 2005
ISBN: 3-518-12380-7
Audio production: 2005, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

[It's not me, ...]

english

It is not me, but the machine in me in the course of becoming, against which I am defending myself with submissiveness. It is struggling with the nature that makes me what I am. Outbreaks of sweating, the shaking of the hands at the start of new acquaintance. I do not know whether I would be able to save myself. The substance that the struggle is depriving me of, that could be saved. That small, crystalline structure, for instance, that is juggling with content.


Translated by Catherine Hales







- -  - alternativ - - -




It's not me, but the nascent machine in me, against which I defend myself by inferiority. It struggles with the nature that constitutes me. Breaking into a sweat, hands shaking with the advent of a new acquaintance. I don't know if I could save myself. What the struggle devours of me in terms of substance, that could be saved. That small, crystalline structure, for example, that juggles with content.


Translated by Brian Currid

[Hältst du nicht inne]

german | Farhad Showghi

HÄLTST DU NICHT INNE, beginnt eine ganze Gegend.
Handteller dreht sich, wird Strassenfest. Du gehst jetzt
weg und kommst deutlich zurück. Aber dein Handteller
dreht sich schon weiter. Wird Baulärm oder Geranie.
Es ist nicht zu erkennen, daß Du gerade wohnst. Dein
Heimweg macht alles alleine: Häuser, Bäume, von
unten gestrichene Balkone. Du kannst dich verspäten,
zwei Finger, drei Zimmer, eine Angst verlieren und
schließt die Tür. Dein Schlüsselbund macht dir Klänge,
wie Du ihm Luft.

© by Farhad Showghi
from: Unveröffentlichtem Manuskript
Audio production: 2001, M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

[If you don’t stop]

english

IF YOU DON't STOP, a whole region will open outward.
Palm rotates, becomes roadworthy
You now go away, quite clearly coming back. But your palm
rotates onward. Becoming construction noise or geranium.
One wouldn’t guess that you dwell exactly
Way home does it all alone: houses, trees, balconies
painted on the underside. You can be late,
 two fingers, three rooms, lose a fear and  
close the door. Your key ring makes noises for you,
just as you give it air.

Translated by Brian Currid

*** [dieses regionale getreide]

german | Daniel Falb

dieses regionale getreide war ressource, diese geste ethnisch
im sich beschleunigenden personenkarussell und du,
                                                  auf welchem gesicht du reitest.
der bericht zur misswahl fing genau jetzt an.

               vor dem umbau waren im saal provisorisch migranten
untergebracht gewesen, und jetzt wieder.
             wir mussten los, du sahst einfach hinreißend aus, oder
ich. das internationale gesicht war sicher

                ein tor zur welt, aber wer konnte da noch fernsehen.
und im offenen dieser reservate, der party,
standen wir knietief im gras und ich wusste nicht,
                                                                   wo ich suchen sollte.

© kookbooks
from: die räumung dieser parks
Idstein: kookbooks, 2003
ISBN: 3-937445-00-5
Audio production: 2006, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

[native vegetation a natural resource]

english

native vegetation a natural resource, the very gesture – ethnic
in this accelerating humanity go-round and you,
                                     the face on which you’re riding.
the miss-pageant report started right there.

                          before remodeling provisionally migrants were
housed in the hall, and now again.
           we had to go, you looked simply exquisite, or
i did. the international face was surely

       a gateway to the world, but who could keep on watching.
and in the open spaces of these reserves, the party,
we stood knee-deep in the grass, and i didn’t know
                                                                            where to look.

Translated by Brian Currid

*** [bei sonnenaufgang]

german | Daniel Falb

bei sonnenaufgang fühlte ich mich schon wie ein wirt
                      und war vom paketdienst. auf dem weg zum empfänger
kein laufband auslassen, keine spuren, nur infekte, nur verschleiß.
                  mein tourette-syndrom hatte immer für mich kommuniziert,
 aber jetzt hielten die zeremonien.
                             der witz mit der bananenschale wurde substanziell,
 und um die form zu wahren, wiederholte ich ihn noch mal.
        ich fand den briefkasten nicht, oder vielmehr nur den briefkasten.
 diese büros waren leer, aber verwanzt, das waren stallungen,
                      die viren meiner nutztiere wie erspartes noch in der luft.

© kookbooks
from: die räumung dieser parks
Idstein : kookbooks, 2003
ISBN: 3-937445-00-5
Audio production: 2006, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

[by sunrise]

english

by sunrise I already felt myself a publican
                                   but was from federal express. en route to receiver
don’t leave out a treadmill, no traces, just infections, just wear and tear.
                                my tourette syndrome always did the talking for me,
but now the ceremonies held.
   the joke with the banana peel became substantial
and for the sake of propriety, i repeated it once again.
                                I didn’t find the mailbox, or, rather, just the mailbox.
the offices were empty, but bugged, it was a stall:
                                      my livestock’s viruses, like savings still in the air.

Translated by Brian Currid

Wohnblock mit Birken

german | Farhad Showghi

Wir schauen auf Fensterstücke und Balkone wie man
auf ein Rudel Rehe schaut. Aber wir machen kein
Klopfgeräusch, wir beugen kein weites Panorama und
setzen uns hin. Wir freuen uns, trinken und rauchen,
wenn der Wohnblock jetzt knarrt, ja, sehr seetüchtig
ist, ein Schnittblumenfrachter ohne Schrauben. Die
Reihen der Fensterstücke und Balkone erfaßt eine
unverschwommene Einhelligkeit. In einem Zimmer
spielt noch ein Kind mit Schuhen, den Schnittblumen
eines Sturmkapitäns. Die Schiffbrüchigen stehen unten,
rufen. Flammender Glyzinienbogen, wir spüren die
Nähe unserer Hände und Füsse, o Kastanienzweig.
Wer, ja wer hat eine Seenot gefunden? Wer ist der
Sturm? Birken, Birken, wenn wir ertrinken, sind wir
Birken.

© by Farhad Showghi
from: Die Walnußmaske, durch die ich mich träumend aß
Hamburg: Rospo-Verlag, 1998
Audio production: 2001, M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

Row of Houses with Birches

english

We look at windows and balconies as we look
at a pack of deer. But we make no sound
to rouse them, we don’t duck down beneath any broad horizon
we just sit down.  We’re quite happy, drinking and smoking,
when the apartment block creaks, quite seaworthy
that, a screwless freighter for cut blooms. The
rows of windows and balconies are encompassed by
unblurry unanimity. In a room
another child plays with shoes, cut blooms
of a storm captain. The shipwrecked stand below,
call out. Flaming wisteria arches, we feel the
closeness of our hands and feet, o chestnunt branch
  who, but who has found a shipwreck? Who is the
storm? Birches, birches, when we drown we are
birches.

Translated by Brian Currid

Weihnachten

german | Jutta Richter

Was würdest Du machen, wenn Weihnachten wär´
und kein Engel würde singen.
Es gäbe auch keine Geschenke mehr,
kein »Süsser-die-Glocken-nie-klingen«.
Im Fernsehen hätte der Nachrichtensprecher
Weihnachten glatt vergessen.
Und niemand auf der ganzen Welt
würde Nürnberger Lebkuchen essen.
Die Nacht wäre kalt.
Dicke Schneeflocken fielen,
als hätt´ sie der Himmel verloren.
Und irgendwo in Afghanistan
würde ein Kind geboren.
In einem Stall, stell es Dir vor.
Die Eltern haben kein Haus.
Was glaubst Du, wie ginge wohl dieses Mal
eine solche Geschichte aus?

© Jutta Richter
from: unveröffentlichtem Manuskript
Audio production: 2000 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

Christmas

english

What would you do if it were Christmas
and not an angel would sing,
nor were there any presents
or sweet sounds of caroling.
On the news not a word of
Merry Christmas would be said.  
Nor would anyone in the world
eat fruitcake or gingerbread.
The night would be cold.
Thick snowflakes would fall
as if lost and forlorn
And somewhere in Afghanistan
a child would be born
In a stable, just imagine!
The parents have no house.
What do you think? How would this time
the story turn out?

Translated by Brian Currid

schönheit

german | Michael Lentz

nimmt nicht
überhand
genug
der dinge
die da sind
und zeit und
räume nehmen
(speisen füllen
blasen reste
löcher stopfen ...)

doch dann

– dazwischen –

blaupause

DU

der mundstock
die wirbelschleppe

die blaue wolke
auf weißem grund

du bist ganz live
die unverschämte
jugend

du spannst
dein blaues band

so im aufenthalt

du bist so
präzidier
so einfach
wunderbar

ganz
durchsicht
und empfindung

so
los
so losgelassen

so dringend

und das
was du so
ganz
für dich alleine
bist

denn ferner
auch
ein stück weit
mir

ach leg deine warme hand
auf mein sprachloch
"während du gleichsam
die liebe bewegst"
– eine zeit
die fort
erzählt
die zählt
einen ganz

so
los
so losgelassen

bist du

hungrig

komme ich gern

© Michael Lentz
from: unveröffentlichtem Manuskript
Audio production: 2001 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

beauty

english

takes not
upper hand
enough
of all that
that’s about
and takes up
time and spaces
(filling foodstuffs
blowing leftovers
stuffing holes ...)

but then

– in between –

blueprints

YOU

the mouth stick
the vortex tail

blue cloud
on white ground

you’re fully live
the insolence of
young ones

you stretch
your blue bow

so in staying on

you are so
precidious
so simply
wonderful

all
wisdom
and sensation

so
go
so so let go

so hurried

and then
what you are
so
all for you
alone

then further
also
a mere bit
me

oh, lay your warm hand  
on my speak whole  
"while it’s as if
you move love”
– a time
that goes
on telling
that tolls
a whole

so
go
so so let go

are you

hungry

love to come

Translated by Brian Currid

Resumé

german | Adolf Endler

Bis heute kein einziger Seepapagei in meinen vielen Gedichten
(Stattdessen schon wieder’n Dutzend Fadennudeln im Bart);
Auch dem Sabberlatz nicht das ärmste Denkmal gesetzt in Vers
oder Prosa,
So wenig wie der Elbe-Schiffahrt oder der Karpfenernte bei Peitz.

Geschiebemergel dagegen ja!, fast zu häufig die Rede von diesem
(Und meistens mit Fadennudeln im verwahrlosten Bart)!
Nicht vergessen die Gelbhalsmaus, nicht fehlt die sogenannte
Naschmarktfassade!
Selbst Sägeblätter, selbst Kühlhaus-Eier  weiß ich irgendwo
untergebracht.

Indessen nicht der kleinste Seepapagei in meinem Scheiße-Gesamtwerk!
Um ehrlich zu sein: Das Gleiche gilt für den Hüfthalter oder den
Kronenverschluß.
Und wie konnte ich fünfzig Jahre lang das Wörtchen "Wadenwickel"
verfehlen?
Es gibt keine ausreichend lichte Erklärung für das und für dies
und für das.

"Darf ich dir die Fadennudeln aus dem Bart nehmen?"
        (Sagt Georg Maurer.)

© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1999
from: Der Pudding der Apokalypse
Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1999
ISBN: 3-518-41056-3
Audio production: 1999 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

Resumé

english

Until now not but a solitary parrotfish in my copious poetry
(Instead, I've already got a dozen wispy noodles in my beard again)
Nor have I given the bib the most measly monument in verse or prose
Just as little as I've honored Elbe shipping or the carp fishing near Peitz.

But glacial till, yes indeed! Almost too frequent a theme  
(And usually with wispy noodles in an unkempt beard)!
Not overlooked: the yellow neck mouse, the so-called Naschmarktfassade is also on hand!
Even saw blades, even refrigerated eggs I know have found a place.

But not the teensiest parrotfish in all my fucking work!
To be honest: the same is true for the girdle or bottle cap
And how could I for fifty years miss the word ²cold-compress²?
There is no adequately clear explanation for this or for that or for that.

"May I pick the wispy noodles from your beard?"
        (says Georg Maurer.)

Translated by Brian Currid

rätsel, kreuz, prozeß

german | Michael Lentz

was hört was kommt vom draußen ich.
das muß ein wagen träger sein
dem niemand fehlt den kommt allein
von selber aus dem kuckuck zum.

was ich nicht bin das frißt die not
also denke beißt die runde.
denn er reicht die mühle hof
mit schlägern in der stunde.

um heimes willen drückt er zu
sieh da sieh da jambeus auch du
wie lange noch das über alles
schweig lieb heimat, kreist der dalles.

noch eh ich was fromm draußen rein
dem niemand frißt die stunde ein
will über smok und schweigen
der richter sich verneigen.

und aller fragen ofen.

© Michael Lentz
from: Jahrbuch der Lyrik 97/98
München: Verlag C.H.Beck, 1997
Audio production: 2001 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

riddle, cross, a trial

english

who hears what comes from outside I.
could only be a car mount’s tone
that no one misses, that comes alone
all on its own from where the heck.

what i am not that feeds on need  
so that thinking bites the rounder.
for he courts the miller
with sluggers every hour.

for homeland’s sake he bends a rule
look here look here iamb you too
how longer still the über allles
shush, dear country, pressed for dollars.

before I something from without
for none devours the entire hour
about the smock and silence
the judge will want to bend.


and all’s questions oven.

Translated by Brian Currid

neulich

german | Michael Lentz

komme auch nicht weiter
als wo die gleise stehn
als wo der tunnel zaghaft
so im vorüberwehn
und übern faltplan jagt
die fliege warm
ins licht da jagt
das panzertier
das rat das irrt
das rat ich dir

und übern zaun
da drüben stehts
da steht die schaukel
sandomir
das atmet schwer
das will nochmal
so flüchtig sein
so ganz so um
so ganz umsonst
mit den winden
»den weiden in eden«

zu spät ist
keine zeit
als hier und
über all
auf dieser schönen schucke
sich schnell nochmal
sich zu verneigen

dann machste dir ne liste
mit was einfällt und noch standhält
denn das biste:

ein lachsack tränenreich
ein blech so butterweich
eine bunte lampe
und auch mal bitterpampe
ein püppchen kopflos schön
zum immer anzusehn
ein mobile mit firlefanz
gehörte dir gehört dir ganz
ein zubehör ein nadelöhr
ein passepartout zur steten ruh
ein gängelband
und andrer tand

hier spinnt das garn
thesaurus spant das sprechen:
sigel signum zeigeruhr
signorina signatur

was gehört und
was zu wem
ein neuerlich
ein scheuermilch
und die reise geht
wohin
ach bitteschön und leise
»veränderlich und unabänderbar«

gleich hebst du ab
zapzapzerap
»ein tännlein grünet wo«
wer weiß auch du
mal so mal heiter
undsoweiter undwoweiter

© Michael Lentz
from: unveröffentlichtem Manuskript
auch in: Das Gedicht Nr. 7. Herbst 1999 - Sommer 2000,
Audio production: 2001 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

recent

english

come not one step further
than where the railtracks lie  
than where the tunnel, craven,
as it floats on by  
across the map a fly
chases warm to the
light there hunts
the armoured beast
advice that errs
advise you that.

and over the fence
is where it is
the swing is there
sandomir
its breathing strong
but wants again
to be so fleet
so fully for
so full for naught
with the winds blow
“the meadows of eden”

too late is
not a time
like here and
everywhere
and to once again
bend down
on this lovely swing

then make y’ self a list of
all that comes up and can hold up
for that’s all you:

a laughbag rich in tears
a tin so butter soft
a colourful lamp
and sometimes bitter slop
endlessly to look at
a doll headlessly beautiful
a mobile decked with trim
belonged to you, to you alone
accessorize: a needle’s eye
a passepartout to lasting calm
a leading string
and other

here spins the yarn
thesaurus tightens speaking:
sigel signum zeigeruhr
signorina signature

what belongs and
what to whom
a recently
an ajax clean
and the journey goes
where to
ah please and quiet,
“altering and unalterable”

you’ll soon take off
zapzap-shebop
“a pine greens somewhere”
who knows do you
sometimes so, sometimes so
and on it goes and where it goes

Translated by Brian Currid

nachtrag an die kreisauer hunde

german | Uljana Wolf

wer sagt gedichte sind wie diese hunde
im dorfkern vom eignen echo umstellt

vom warten und scharren bei halbmond
vom sturen markieren im sprachrevier

der kennt euch nicht ihr rasenden kläffer
kassandren im lautrausch der wallachei

denn ihr fügt was wort ist und was wade
hinterrücks in tollkühnem biss

zusammen als wär ein bein nur ein blatt
und die ordnung der dinge ein tausch:

in meinem stiefel noch der abdruck
eurer zähne – vom tacker vier zwacken

so lohnt ihr dem vers der euch nachlief
folgt welt wohl der dichtung     bei fuß

© kookbooks 2005
from: kochanie ich habe brot gekauft
Berlin: kookbooks, 2005
ISBN: 3937445161
Audio production: 2006, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

postscript to the kreisau dogs

english

who says that poems are like these dogs
surrounded by their own echo at the village core

of the waiting and pawing at half moon
of the stubborn marking of language terrains –

he knows you not, you frantic barkers
cassandras in wallachia’s sonic reverie

you bring what’s called and what’s calf
in a foolhardy bite from behind

together as if a leg were but a leaf  
and the order of things a trade:

in one of my boots still the imprint
of your teeth, a gnarly four nips

that’s your reward for a pursuant verse
the world follows poetry at heel

Translated by Brian Currid

muttersprache 1968/2:
sterbeverein ernst mach

german | Ulf Stolterfoht

trug sinn (-gemäß statut: erfahrung zu ersparen)
dem mißverhältnis haut zu markte rechnung
- sprach also zunftversetzt vom beil im haus des
seilers: "hast ausgeholt - nun hacke!". zu spät:

der flocht nicht mehr - der schlang bereits. und
kam der welt abhanden. sei dann "knüpft an" das
was beschreibung leisten kann? antwort: "laich
wohnt noch im kleinsten teich" zeigt was mit stum-

mel möglich ist. ein freilich leibnizscher verweis.
heute vielleicht: wie man den molch zum abfluß
führt. ganz nebenbei viel pfuhl gespart durch wirt-
schaftliches dichten IST WOHL des forschers vornehm-

stes betreiben die kreterfrage "weltbeladen" zu-
gunsten "sprachdurchtränkt" entschieden. das ganze
sach auf nichts gestellt: wenn wörter was sie selber
körpern doch allenfalls am suffix spüren muß ihr

bezug ein nehmen sein. auf AUF ihr zeichen unver-
zagt: habt abgeschnürt - nun nabelt! kommt jeweils
eine ziehung. sprach ungeschlacht von "in betracht":
am fremden knoten aus dem nunmehr unersparten sumpf.

© Urs Engeler Editor Basel, Weil am Rhein und Wien 1998
from: fachsprachen I-IX
Urs Engeler Editor, 1998
ISBN: 3-905591-01-4
Audio production: 2000 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

mother tongue 1968/2: ernst mach death league

english

did sense (true to statute: save experience)
risk its neck for the disproportion touched by
the guild, spoke of the axe in the cordmaker’s
house: ‘swung back  – now hack!’ Too late:

he twists no more – already strung  his noose
and escaped from the world. is ‘starting from’
what description can do? answer: ‘spawn dwell
in even the smallest pond’ shows what can

be done with stump. a naturally leibnizian allusion.
today perhaps: how to bring the newt to the
drain. along the way saved a lot of water by ec-
onomic verse IS CERTAINLY the scholar’s most  

noble behaviour  the cretan question ‘earthly burdened’
in favour of ‘saturated with language’. the whole
thing left to its own accord. If words what they themselves
body but at best feel it in the suffix their reference

must be a taking. on ON you signal un
daunted: you’ve corded up – now tie it off! each time
comes a drawing. spoke coarsely of ‘in light of’:
on the foreign knot from the now unavoided swamp.

Translated by Brian Currid

Diesige, tätige Gegend

german | Farhad Showghi

Diesige, tätige Gegend. Rote Häuser folgen roten
Ziegen. Wir schmieden Pläne. Sagen Ziege-und-
Wunderkerze, Ziege-statt-Kind. Das soll nicht über-
raschen, wir schütteln Glocken, die Sonne steht. Wir
ziehen uns Hosen, legen Hände, teilweise zerreißt ein
Herz. Wir können Begriffe rings um die Ziege setzen,
Gebirgsseesterne in bewegten Essenzen, einen Lid-
schlag im März, wahlweise Windberührung. Dann
finden Begegnungen statt. Hafenluft. Durchgespielte
Tagesgeschäfte, Horizonte ohne zwingenden Grund.
Wir bewegen uns, die Füsse am Kiessaum der Strasse.
Was über uns war, zog den Himmel durch.

© by Farhad Showghi
from: Die Walnußmaske, durch die ich mich träumend aß
Hamburg: Rospo-Verlag, 1998
Audio production: 2001, M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

This hazy, busy place

english

This hazy, busy place. Red houses follow red  
goats. We draw up plans. Speak goat and
sparkler, goat-not-kid. That should be no
surprise, we rattle bells, the sun’s out. We
put pants, lay hands, a heart partially
breaks. We can surround the goat with words
Mountain starfishes in moving essences, an eyelid
flutter in March, or perhaps a touch of wind. Then
encounters take place. Dockside air. Daily business
played out, horizons with no compelling reason.
We move on, our feet on the pebbles of the street.
What was over us pulled across the sky.

Translated by Brian Currid

die tasse, der henker

german | Michael Lentz

die masse, der henkel
die maßlosigkeit, die henkelsmahlzeit
der maßkrug, das henkersbeil
das maß, das teilt
die tasse, das buch

© Michael Lentz
from: unveröffentlichtem Manuskript
Audio production: 2001 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

the cup, the hangman

english

the mass, the handle
the lacking proportion, the handle’s meal
the measured tankard, the hangman’s axe
the measure that divides
the cup, the book

Translated by Brian Currid

Die Blumenbetrachtung

german | Wolfgang Hilbig

Fuhren hinaus in den Garten der Herrin
samstags: ich fuhr mit
über Preußens Chausseen
brechend voll von den Kohorten aus Chrom und Blech
umdröhnt von der Freiheit stinkreicher Untertanen –
immer gewärtig jener düster-roten Abendhimmel
und des scharfen trockenen Winds vor Gewittern.
Oh dann folgt ich ihr mit Blicken dort im Garten:
und sie
wie eine Königin schritt sie durch das Licht
um ihre Blumen zu besichtigen
und mit erlesner Wägung dreier Fingerspitzen
anzuheben jedes Blütenhaupt: anzuheben leicht wie Phalli –
so sacht wie dus nicht spüren kannst nicht wahrnimmst
und leichter als es dir im Denken dunkelte am Abend
so ohne Weh:
ach wie ich träumen werde nach dem
Abzug der Gewitter
träumen wie Tau im Licht das sich im Blick der Blüten bricht.

© Wolfgang Hilbig
from: unveröffentlichtem Manuskript
Audio production: 2003 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

Beholding Flowers

english

Set out to the gardens of her ladyship
On Saturday: traveled along
over Prussia's highways
chock full of chrome and steel cohorts
Surrounded by the droning freedom of filthy rich subjects—
always aware of the dark-red evening sky
and the sharp dry wind before a storm.
Oh then I followed her with glances into the garden
and she
             like a queen she walked through the light
her flowers to inspect
and with the exquisite poise of  three raised fingertips
to raise each blossom: elevating them slightly like phalli  
So gently you can't feel it, not perceive
and lighter than it comes to your thoughts in the evening
so without pain
oh, how I shall dream after the
thunderstorm has passed
dream as dew in light refracts when faced with flowers.

Translated by Brian Currid

Das Zimmer 7

german | Farhad Showghi

Wie eine Sommerwolke bieg ich die Hand oder lasse die
Stirn an einem Faden herunter ohne zu sprechen. So
fahre ich fort bis Osten und Westen beweglich werden
und durch die Wände ineinandergleiten. Ich atme aus
und die Stadt steht an der Fensterbank. Das Licht ist jetzt
anders geworden, weiter draußen, unberührt vom Tumult
der Dächerfarben. Wenn ich schneller werde, rücke ich
einen Stuhl, schlage die dunkelrote Decke zurück oder
trage einen Becher durch die Tür. Dann beginne ich zu
laufen und schaue auf die Gardinenfalten. Bald steh ich
im Flur, in einem Schwarm von Schatten. Hier
verschluck ich das Wörtchen Heute, werde flinker noch,
reiße den Kopf herum und drehe eine nächste Runde.
Eben ging die Sonne und zog am Horizont. Indes mein
Mund ein Hohlraum bleibt, ein aufgefangener Ball
zwischen Osten und Westen. Ich ziehe ihn an einem
Faden hoch ohne zu stoppen. Bin schon wieder im
Zimmer und ziehe ihn weiter, öffne die Lippen, und ziehe
ihn schnell über die Zunge.

© by Farhad Showghi
from: Die Walnußmaske, durch die ich mich träumend aß
Hamburg: Rospo-Verlag, 1998
Audio production: 2001, M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

The Room 7

english

Like a summer cloud, I bend my hand or let my  
brow down slowly on a thread without speaking. I
thus drive onwards, ‘til east and west become itinerant
blending through the walls. I’m exhaling now,
and the city stands on my window sill. The light’s
changed now, farther off, quite untouched by the clamour
of rooftop colours. Getting faster, I move
a chair, throw back the dark red blanket or
carry a coffee mug through the door. Then I begin to
run and look at the curtain folds. Soon I’m standing
in the entrance hall, in a swarm of shadows. Here
I choke on the wee word today, get still more agile,
whip my head about, start up a second round.
Sun’s just passed, pulling across the horizon. Yet still my
mouth remains a cave, a ball that’s caught
between east and west. I pull it up on a thread
without stopping. Am already back in the
room, pulling it further, opening my lips and pulling
it quickly along my tongue.

Translated by Brian Currid

Das Zimmer 5

german | Farhad Showghi

Der Tag hat die Vielfalt der Dächer zurückgewonnen. Die
Landschaft bricht vom Gesims und ich öffne das Fenster.
In der Wüste an der Zimmerdecke geht kein verzauberter
Wind. Zauber ist noch schwer zu sagen, auch Palmen
nicht immer nachzuweisen, kein kreisender Vogel, keine
Schlafterrassen. A. kann unten auf der dunkelroten
Wolldecke bleiben. Eben ging die Sonne und zog am
Horizont. Wo sich Nomaden, noch schwerelos, für keine
Schrift entscheiden. Ziehen lange ans Fenster Tag und
Nacht. Ein Fingerbreit Licht für eine ganze Handels-
karawane. Das sage ich langsam und zertrete kein Glas.
Wir sind still. Ohne Entsprechung.

© by Farhad Showghi
from: Die Walnußmaske, durch die ich mich träumend aß
Hamburg: Rospo-Verlag, 1998
Audio production: 2001, M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

The Room 5

english

The day regained the diversity of rooftops. The
landscape breaks from the cornice and I open the window.
In the desert on the ceiling there’s no enchanted
wind. Magic is still hard to say, even palm trees
not always evident, no circling bird, no
terraces of sleep. A. can stay down on the dark red
wool blanket. Sun’s just passed, pulling  
the horizon. Where nomads, still without weight, do not choose
a writing. Pull on for long by the window day and
night. A finger’s breadth of light for a whole commercial caravan
I say this slowly, smashing no glass.
like are quiet. With no counterpart.

Translated by Brian Currid

Das Zimmer 4

german | Farhad Showghi

Die Wände sind kühl. Müde liegen wir dazwischen, die
Knie gegen die Wüste gerichtet, gegen das grobe Korn der
Fasertapete.
Wer öffnet das Fenster?
Wehe dem Mond
strengt sich an stehenzubleiben
wie jetzt das Schweigen
wir liegen hier
soweit die Augen tragen

© by Farhad Showghi
from: Die Walnußmaske, durch die ich mich träumend aß
Hamburg: Rospo-Verlag, 1998
Audio production: 2001, M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

The Room 4

english

the walls are cool. Tired, we lie between them, our
knees directed against the desert, the  rough feel of the
textured wallpaper.
Who’ll open the window?
if the moon even dares to
strain itself to stay still
like now the silence
we lie here
as far as the eyes will carry.

Translated by Brian Currid

Das Zimmer 1

german | Farhad Showghi

A. steht auf und singt. In der Wüste an der Zimmerdecke
geht kein verzauberter Wind. Zauber ist noch schwer zu
sagen. gleich wieder weg oder hinter den Palmen.
Palmen, Palmen und ein Fuchs vielleicht, einige dunkle
Katzen und alles wie vorher.
Hier sind keine beweglichen Pfoten. Kein Schlaflied, das
mir die Sicht nimmt, ich nehme die Augen. A. kann
unten auf der dunkelroten Wolldecke bleiben und wartet
darauf etwas zu hören:
Das da
ist die Eisenbahn
wie sie da rollt
wer rollt denn so wer strengt sich an
was ist da plötzlich für eine Eisenbahn
und macht keinen Wind und ist schwer zu sagen
und treibt sich herum und endet in Palmen.

© by Farhad Showghi
from: Die Walnußmaske, durch die ich mich träumend aß
Hamburg: Rospo-Verlag, 1998
Audio production: 2001, M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

The Room 1

english

A. stands up and sings. In the desert on the room’s ceiling.
there’s no enchanted breeze. Magic is still hard to
say. soon gone again or behind the palm trees.
Palm trees, palm trees, and a fox perhaps, several dark
cats and all as it had been.
There’s no movable paws here. No lullaby to
rob me of sight, I take the eyes. A. can
stay down on the dark red wool blanket and waits
to hear something
That there
is the railroad train
as it rolls on.
Who’s rolls like that, who takes the strain,
What is that sudden railroad train  
and makes no wind and is hard to say
and drifts about and ends up in palm trees.

Translated by Brian Currid

Das ist der Stand der Dinge

german | Michael Lentz

Das Ding ist der Erde Stand.
Der Rede Stand ist das Ding.
Dringend redet das: Das ist
der Stand der Dinge. Das ist
des Dinges Tand. Da irrt des
Redens Test, da das Ding dir
das Ding, das dient. Der Rest:
Dir stand das Ding. Es redet:

DAS ist der Stand der Dinge.

© edition selene
from: Neue Anagramme
Wien: Éditions Selene, 1998
ISBN: 3-85266-063-7
Audio production: 2001 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

That is the state of things

english

The thing is the earth’s state
Stating’s that is the thing
Urgently it states: that is
The state of things. That is
The thing’s estate. Here, the
The test of stating errs, and the thing
the thing, that serves. The rest:
The thing seats you. It states:

THAT is the state of things.

Translated by Brian Currid

Im Pamir (I)

german | Adolf Endler

1
Joi, dieser mein zerluderter Kamelhaarpantoffel, wie er ein-
em in der Regel als arger Störenfried im Wege herumge-
streunt ist Jahre um Jahre; hier im südwestlichen Pamir ist es
gewesen, wo ich ihn (nach dem Mißerfolg bei der ERSTEN
BIENNALE DER SOZIALISTISCHEN REIMKUNST) in die Wander-
disteln hinauszuschleudern für zwingend erachtet.

2
Joi, ganze siebenundfünfzig Monde später erneut im süd-
westlichen Pamir gelandet (als Ehrengast dieses Mal derTAGE
DES INTERNATIONALEN GHASELS), hab' ich - bei meiner Poe-
ten-Ehre! - den seit Längerem endgültig abgeschriebenen
während des morgendlichen Ausritts mit der landesüblichen
MUTTER DER POESIE recht unverhofft wiedergefunden.

3
Joi, nächsten Sonnabend geht es 'nüber und 'nunter ins Salz-
kammergut (sehr richtig!, zur WOCHE DES GEGENWARTS-
RITORNELLS), daran anschließend zur den LYRIK-WORKSHOPS
in Bristol, Brünn, Brest-Litowsk; jetzt wieder mit beiden
Kamelhaarpantoffeln im Seesack zu meiner Freude, nein,
nicht mit dem einen nur, sondern wieder mit zweien.

© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1999
from: Der Pudding der Apokalypse
Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1999
ISBN: 3-518-41056-3
Audio production: 1999 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

In Pamir (I)

english

1
Joi, this, my tawdry camelhair house slipper, how it
Usually strays about as a pesky mischief maker
Year in year out; here it was, in southwestern Pamir
(after a flop at the FIRST BIENNIAL
OF SOCIALIST VERSE), where I found it
urgently necessary to toss it out into the brushwood.

2
Joi, fifty-seven months later having wound up again in
southwestern Pamir (this time as an honored guest
of the INTERNATIONAL DAYS OF THE GHAZAL)
– by my Poet's honor! –what had long been written off for good
during the early morning ride with the MOTHER OF POETRY,
typical of the country, I quite unexpectedly found.

3
Joi, next Saturday its time to get going to the Salz-
kammergut (precisely! for the CONTEMPORARY RITORNELLO
FESTIVAL), then afterward to POETRY WORKSHOPS
in Bristol, Brünn, Brest-Litovsk; now again with both
camelhair slippers in my duffle bag to my joy, no,
Not just with one, but again with two.

Translated by Brian Currid

Guter Rat

german | Jutta Richter

Das Wünschen hilft,
wenn man fest will.
Nur eines mußt du wissen:
Versuche nie, aus einem Frosch
den Prinzen herauszuküssen.

© Jutta Richter
from: unveröffentlichtem Manuskript
Audio production: 2000 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

Good Advice

english

Wishing can help,
if you really want,
But of this be convinced:
Never try to kiss a frog
into a charming prince.

Translated by Brian Currid

gelsenkirchen

german | Michael Lentz

eine alte frau ein gehgestell
straßenrand und blanke taube
da rollt das gehgestell mal hin die alte frau
und mit dem schuh der schlecht zu fuß
wird da mal drangegangen
mal so nach links gewälzt
und angetippt mal so nach rechts
der hohle vogel und schon
fliegen drin
ach so!
kaputt
na wirklich nicht
über die brücke da rast dieser zug
und dann?

© Michael Lentz
from: Jahrbuch der Lyrik 2001
München: Verlag C.H.Beck, 2000
Audio production: 2001 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

gelsenkirchen

english

an elder lady a walker crutch
streetside curb and whitish pigeon
there rolls the walker on along old woman
and with her shoe bad to foot
will set to work there
and then turn to the left
and tipped over once to the right
the hollow swallow, and soon
flies are in
oh oh!
kaput
nah, really no
over the bridge the train does race
over the bridge a train is racing
and then?

Translated by Brian Currid

fast unverändert

german | Michael Lentz

Die Energiequelle des Hammerwerkes ist die Wasserkraft.
Ein oberschlächtiges Wasserrad überträgt
die Kraft auf riesige Hammerwelle.
Auf dieser sitzt ein Nockenring
der das Schwanzende des Hammerstieles nach unten drückt.

Dadurch wird der am anderen Ende
des Stieles aufgekeilte Hammerbär ausgehoben.
Der Hammerschwanz stößt an eine Stahlplatte
die ihn augenblicklich zurückfedern läßt
so daß der Kopf des Hammers auf den Amboß schlägt.
Dieser Vorgang wiederholt sich.

© Michael Lentz
from: unveröffentlichtem Manuskript
Audio production: 2001 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

almost unchanged

english

The power source of the iron hammer is waterpower.
An immensely embattled waterwheel transmits
power to huge hammer shaft.
On this a cam ring sits
that pushes down the tail end of the hammer shaft.

On the other end of the shaft this causes
the pulled back hammer bar to be suspended
The tail of the hammer hits a steel plate
that allows it to bounce back instantly
so that the head of the hammer strikes the anvil.
The process then repeats.

Translated by Brian Currid

ende gut, frage.

german | Michael Lentz

kann ich irgendetwas für dich tun.
kann ich etwas für dich tun.
kann ich was für dich tun.
kann ich was tun.
kann ich was.
kann ich.
kann ich für dich ich mein für dich.
kann ich mein für dich was.
kann ich da was tun.
kann ich was tun mein ich da für dich so gehts nicht.

kann ich irgendetwas anderes für dich tun.
kann ich irgendetwas anderes ich mein was dir spaß macht.
kann ich ich meine kann ich dir mal eine frage stellen die dir spaß macht.
kann ich mal eine frage für dich stellen die so richtig spaß macht.
oder soll ich das lieber nicht tun.
oder soll ich lieber ich meine soll ich.
oder soll es nicht sein.
oder ist es das schon gewesen.
oder wars das schon.

oder was.

oder was denn.

was ist denn.

was ist denn eigentlich los hier.
was ist denn eigentlich los hier mit.
was ist denn eigentlich hiermit los.
was ist denn das hier für ein saustall.
so gehts aber wirklich nicht.
so macht das keinen spaß hier.
was liegen denn da für leichen rum.
das stinkt ja zum himmel.
das ist ja eine hausgemachte sauerei.
das ist ja eine verwitterung.
das ist ja offenbar eine zumutung.
was liegen denn da für verwilderte leichen rum.
was liegen die da denn rum wenn ich mal fragen darf.
die gehören doch nicht da so rum. die gehören doch in den abfall.
die sind doch tot wenn ich mal fragen darf.
das sind doch leichen wenn ich mal fragen darf.
das sind doch nicht wir wenn ich mal fragen darf.
das sind doch andere wenn ich mal fragen darf.
das sind doch anderer leuts leichen wenn ich mal fragen darf.
die gehören doch verboten hier.
die gehören doch in anderer leuts abfall.
die gehören doch in die wüste.
das ist doch keine welt hier.
das ist doch eine verdrehung.
eine täuschung.
eine maske.
eine miete.
das ist doch eine falsche behauptungstatsache.
das sind doch keine menschenkinder.
das sind doch andere leut.
die sollen mal abhauen hier.
das ist doch kein heimspiel hier.
das ist doch wohl ein witz wenn ich mal fragen kann.
das verjährt sich doch oder
das hört doch mal auf wann oder
das ergibt sich doch wohl selber oder
da muß man doch nicht lange fragen oder
das hört doch alles auf.
das geht aber auch gar nichts.
da kann man nichts mehr ansehen.
das ist ja bedauernlich.
das ist ja zeitverwendung.
ja wortlos
jawohl
ja

wenn ich mal fragen darf

wenn ich mal fragen darf

wenn ich mal

© edition selene
from: ENDE GUT. sprechakte. Buch mit CD
Wien: Éditions Selene, 2002
ISBN: 3-85266-087-4
Audio production: 2001 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

all’s well that ends, question.

english

can I do something at all for you?
can I do something for you at all
can I do something for you.
can I do something
can I do
can I
can I for you I mean for you
can I mine for you something
can I help something
can I do something I mean since for you it can’t go like that.

is there anything else at all I can do for you?
is there anything else, I mean something you’d find fun
can I, I mean, can I ask you a question you’d find fun.
can I ask a question that’s really fun for you.
or should I rather not
or should I rather I mean should I
or should it not be
or is that already all
or was that it


or what

or what now

what is it then.

what is it then that’s really going on here
what is it then that’s really going on herewith
what is it then that’s really herewith going on
what is it then that here for a pigpen
that’s really not how things work.
that here’s no fun for anyone
what kind of corpses lying about are they then.
that stinks to high heaven.
that is disgusting.
that’s a storm.
that is clearly an ordeal.
what kind of corpses gone wild are lying about here.
Why do they lie about, if I might ask.
They don’t belong like that. They belong in the trash.
They’re dead aren’t they if I might ask
they are in fact corpses if I might ask.
they are in fact not us if I might ask.
they are in fact others if I might ask.
they are the corpses of other people if I might ask.
they should indeed  be forbidden here.
they should indeed be in other people’s rubbish.
they should indeed be in the desert
that is indeed no world.
that is in fact a
a fraud
mask
the rent.
that is indeed a false fact of claim.
they’re no sons  of man
that’s someone else.
they should get out of here.
this here is not a home game.
that’s surely a joke if I may ask.
that will be past due, right
that will stop at some point when, right?
that solves itself, right?  
you don’t have to ask long, right?
that’ll all come to an end.
that works, but also not at all.
can’t bear to look at that any more.
that is ashameful.
that is a vaste of time.
yes wordlessly
yes, certainly
yes

if I might ask

if I might ask

if I might

Translated by Brian Currid

Ende des Stadtplans 9

german | Farhad Showghi


Ich öffne etwas, aber Sonnenlicht löst mein
Schulterblatt. Ein Lebensmittelladen leuchtet
verletzbar, schaukelt im Hof des Nachbarn. Jetzt
gehe ich an der Straße, im Austausch mit Sträuchern
und Salaten und der Linienbus wird gleich ein
schneller Garten. Schöner Tag, es ist mit  Flugzeugen
zu rechnen, die weisse, kleine Finger brechen, sagen
wir, so beginnt das Blau, es lohnt, sich dort weiter
zu verletzen, die Luft ist gut, wirkt hörbar auf meine
Pulloverbrust. Ein Wohnblock geht mir mit Fenstern
und Türen durch alle Glieder, bewegt klingelnd
meine Fahrkartenhand. Und ich beginne gleich
meinen Unfall zu haben.

© by Farhad Showghi
from: Ende des Stadtplans
Weil am Rhein/Basel/Wien: Urs Engeler Editor, 2003
Audio production: 2001, M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

End of the City Map 9

english

I open something, but sunlight separates my
shoulder blade. A grocery shop shines
vulnerable, swinging in the neighbour’s backyard. Now
I walk along the street, exchanging words with bushes
and lettuce and the public bus becomes like a
fast garden. Nice day, you can expect
 aeroplanes that break white, small fingers, we
say, thus the blue begins, it’s still worth
the injuries, the air is good, seems audible on my
sweater chest. A row of houses shudders me
with all its windows and doors, moved, ringing,
my ticket card hand. And I’m about to begin
having my accident.

Translated by Brian Currid

Ende des Stadtplans 1

german | Farhad Showghi


Der Stadtplan hört auf. Nach außen gekehrte Steppen –
und Kistenbrände, Märsche über Böden für Zwiebeln
und Zedern. Wir versuchen etwas, wissen die Namen,
aber eine Landschaft kommt. Wer zeitig antwortet,
geht hinüber in den Garten des Nachbarn und wird
Schneeballstrauch. Auf die ungewisse, auf sich
gestellte Weise. Kein Fenster aus der Reihe klettert
um mehr zu bieten. Niemand nimmt die Häuser, die
Plätze vor den Häusern zum Fischen mit. Mittags-
wasser sickert aufwärts in sonnenhelle Platanenwipfel.
Leichter als die Hand aus der Jackentasche, schlüpft
die große Entfernung aus. Die Hand öffnet sich. Der
Gelassenheit der Ausfallstraße. Die bald ans Denken
zurückfällt.

© by Farhad Showghi
from: Ende des Stadtplans
Weil am Rhein/Basel/Wien: Urs Engeler Editor, 2003
Audio production: 2001, M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

End of the City Map 1

english

The city map doesn’t stop. Extroverted bush
and boxfires, marches across beets for onions
and cedars. We try something, know the names
but a landscape comes. Whoever answers promptly
goes over to the neighbour’s garden and becomes a
snowball shrub. In an uncertain way,
left to its own accord. No window steps out of line  
to offer more. No one takes the houses, the
yards before the houses fishing. Midday-
water seeps towards sunbright sycamore tree tops.
More lightly than the hand out of the jacket pocket,
a great distance slips out. The hand opens up. The
equanamity of a traffic artery. That soon falls back
on thinking.

Translated by Brian Currid

Berlin. Sublunar

german | Wolfgang Hilbig

Die Zeit ist wieder eingekehrt in Berlin
und die Hochstapler defilieren in der Oranienburger Straße
um Mitternacht gen Himmel deutend: die Zeit
ist retour aus dem Exil.

Die ganze Stadt in den Fesseln silbergrauer Magie
der Vollmond rollt: und wir die Marionetten seines Lichts –
Unwirklichkeiten die uns glänzend informieren.
Wir und die Toten
      über Schattengräben wandelnd
wir sprechen uns ein letztes Mal die Unsterblichkeit zu.
O dieser stark leuchtende Staub zwischen den Investruinen
und welcher April noch so kurz vor dem dritten Jahrtausend!
Wir wollen nicht mehr weiterzählen

die grünen Wasser in den alten Häusern brennen langsam ab.

© Wolfgang Hilbig
from: unveröffentlichtem Manuskript
Audio production: 2003 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

Berlin: Sublunar

english

Time has returned to Berlin  
and imposters parade along Oranienburger Straße
around midnight pointing at the sky: time
has returned from exile.

The whole city in the bonds of silver gray magic
the full moon rolls: and we the marionettes of its light—
Irrealities that brilliantly inform us.
We and the dead
strolling over shadow trenches
we grant each another immortality once more.
O this strong glowing dust among investment ruins
and what an April so briefly before the third millennium
we don't want to go on counting

the green waters in the old buildings slowly burn away.

Translated by Brian Currid

übersetzen

german | Uljana Wolf

mein freund: das ist
unsere schlaglochliebe
unser kleiner grenzverkehr
holprig unter zungen

unser zischgebet
und jetzt streichel mich
auf diesem stempelkissen
bis der zoll kommt

mein freund: oder wir
schmuggeln flügge
geschmacksknospen
gazeta wyborcza und

münzen münzen
in einer flüchtigen
mundhöhle randvoll
zur stoßzeit

© kookbooks 2005
from: kochanie ich habe brot gekauft
Berlin: kookbooks, 2005
ISBN: 3937445161
Audio production: 2006, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

translating

english

my dear: this is
our pothole love
our little border traffic
awkward under tongues

our whispered prayer
and now stroke me
on this ink stamp pad
until customs comes

my dear: maybe we’ll
smuggle utterly
full-fledged taste buds
gazeta wyborcza and

mint some money
stuffing a suspect
oral cavity
at rush hour

Translated by Brian Currid

Aufbruch vor Morgen

german | Peter Rühmkorf

Wieviel Uhr? Es kommen auf einmal so viele
              fipsige Vögel auf, verflucht!
Bald wird mir die Sonne ihr Zitronenlicht
              ins verkniffene Auge träufeln. . .
Und keine Lehre wird mal daraus-nachhaus
              und kein Gedanke an
Bewegung / Besserung.

Aufwachen? – Wozu?
Es ist doch so, laut EMNID folgt für 44%
              aller Bundesbürger auf den Tod das Nichts.
Von denen völlig zu schweigen, für die nach dem Nichts
              gleich der Tod kommt –
Hab leider vergessen, was ich damit eigentlich
              aussagen wollte, achja:
Wer das kapiert hat,
den versteht bald keiner mehr.

Im Verhältnis kannst du natürlich nicht klagen
             (das nebenbei) –
Man soll aber auch nicht glauben, hier läg noch derselbe rum
              wie damals im letzten Jahr.
Oder wüßtest du grad ne Idee, für die du bedenkenlos
              deinen Kopf hinhalten würdenst?
Na-bong, ein Präser hängt sich aus. . .
Das muß aber ja nicht gleich Zustand werden.

Wie ich immer gesagt hab, in solcher Verfassung soll man
              eigentlich keine Gedichte schreiben.
Da muß der Kunde doch unvermittelt denken,
              hier wär der Ausguck verstopft,
beziehungsweise gar kein Leben mehr
              in dieser Rolle –

S o  i s t  e s  a b e r  n i c h t!
Der Tag lehnt in der Drehtür:
Wo es meine Lieblingsbouletten gibt, ist noch erleuchtet,
mein Fuß schon unterwegs. . .
Gleich wird – dein Telefon – im Schlaf – aufschrein!
und dir den Aufbruch meiner Leiche
feierlich eröffnen: - : - : -

from: Haltbar bis Ende 1999
Rowohlt Verlag, 1979
ISBN: 3-499-12115-8
Audio production: Der HörVerlag 1999

[Aufbruch vor Morgen]

english

What’s the time? Suddenly so many
  beeping birds about, bollocks!
Soon the sun will drip its lemon light
into my eye squeezed shut.
And no lessons will be learned, brought home
no thought of
Movement/improvement.

Wake up? – What for?
That's how it is, according to the polls for 44 percent
of all citizens of this republic death is followed by naught.
Not to mention all those for whom naught
means immediate death –
Unfortunately forgot what I really
wanted to say—that's right,
Whoever got that
will soon be understood by none.

In comparison of course you cannot complain
(just by the way) –
But you shouldn't think here the same is lying about
as that time last year.
Or you have an idea, for which you without thinking
would risk your head?
Na-bong, a rubber hangs itself out….
But it doesn't have to immediately become a state.

As I've always said, in such a state one should
really not write any poetry.
For the customer can only think
that the lookout was blocked.
or perhaps there's no life at all left
in this role –

But that's not how it is!
The day leans in the revolving door:
There's still light at the place with my favourite burgers  
my foot already underway...
Your phone – will soon – scream – in sleep!
And ceremonially announce to you
the opening of my corpse:- : - : -

Translated by Brian Currid

Außer der Liebe nichts

german | Peter Rühmkorf


Flüchtig gelagert in dieses mein Gartengeviert,
wo mir der Abend noch nicht aus dem Auge will,
schön ist’s,
hier noch sagen zu können: schön,
wie sich der Himmel verzieht und die Liebe zu Kopf steigt,
all nach soviel Unsinn und Irrfahrt
an ein seßhaftes Herz zu schlagen, du spürst
einen Messerstich tief in der ledernen Brust
DIE FREUDE.

Wo nun dieser mein Witz das Land nicht verändert,
mein Mund auf der Stelle spricht,
- hebt sich die Hand und senkt sich für garnichts das Lid -
doch solang ich noch atmund-rauchund-besteh,
solang mich mein Kummer noch rührt
und mein Glück mich noch angeht,
will ich
was uns die Aura am Glimmen hält,
mit langer Zunge loben!

Unnütz in Anmut: Dich,
wo die Nacht schon ihr Tuch wirft
über dein ungebildetes Fleisch, es kehren
alle Dinge sich ihre endliche Seite zu,
und aus ergiebigem Dunkel rinnt
finstere Fröhlichkeit...
Ich aber nenne diesseits und jenseits der Stirn
außer der Liebe nichts,
was mich hält und mir beikommt.

from: Gesammelte Gedichte
Reinbek: Rowohlt Verlag, 1976
Audio production: Der HörVerlag 1999

Nothing at All but Love

english

Fleetingly stored in my garden's rectangular plot
Where evening stubbornly sticks to my eyes  
Lovely
Here still able to utter: lovely,
how the heavens withdraw and love gets to one's head,
after all the nonsense and odyssey
to strike a sedentary heart, you feel
a knife stab deep in your leathery chest
ELATION.

But since this, my wit does not change the country,
my mouth can but speak in place
– a hand raised, the eyelids drop for nothing at all –
But as long as I still breathe and smoke and persist
as long as my worries still touch me
and my luck is still my concern
I want
to praise with a long tongue whatever
can keep the aura smould'ring!

Useless in gracefulness: you,
where the night already cloaks
your unformed flesh, all things now
turn to their finite side,
and from fertile darkness
flows dismal delight
But here and beyond the brow I name
Nothing at all but love
That can hold me and bear me.

Translated by Brian Currid

an die kreisauer hunde

german | Uljana Wolf

o der dorfhunde kleingescheckte schar: schummel
schwänze stummelbeine zähe schnauzen am zaun

euch gehört die straße der staub am asphaltsaum
euch die widerhallende nacht im schlafenden tal

jedes echo gehört euch: der zuckende rückstoß
von klang an den hügeln hierarchisches knurren

und bellen in wellen: heraklisch erst dann hünen
haft im abklang fast nur ein hühnchen das weiß:

wer hier nicht laut und geifer gibt den greift sich
die meute in lauffeuer kehlen verliert sich der ort

so mordio etc. vermesst ihr die welt in der senke
beherrscht jeden weg jeden fremden und mich –

euch gehört meine fährte mein tapferes stapfen
euch meine waden             dorfauswärts zuletzt

© kookbooks 2005
from: kochanie ich habe brot gekauft
Berlin: kookbooks, 2005
ISBN: 3937445161
Audio production: 2006, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

to the dogs of kreisau

english

oh the skein of raggle-taggle village dogs: trickly
tails, stubbly legs, tough teeth fletching at the fence

yours is the street, the dust on an asphalt hem
yours the resonant night in the dormant valley  

every echo is yours, the shivering repercussion
of sound from the hills, hierarchic growling

and bellowing barking: at first herculean, then hu-
mongous. reverberations recall hens in the know:

whoever doesn’t loudly drive his drivel gets mobbed
by the pack, in brushfire throats the place loses itself

so crying wolf you survey the cosmos of this depression
dominating every route, every stranger, and me:

yours is my scent trail, my brave steps
yours are my calves finally out of the village

Translated by Brian Currid

fachsprachen X (5)
[appell an alle hoch armierten böhmen]

german | Ulf Stolterfoht

appell an alle hoch armierten böhmen (vier werke
seien schon zerfetzt!) den straßenkampf in zukunft
"kunstfern" auszutragen. vielstimmig klages weh und
ach - war man doch aufs betonteste asphalten. das

village vanguard noch zur selben nacht. langjährige
(sogenannte anerkannte) oppositionsbiographien. um-
fraktionierung wird bedacht. einerseits das schicht-
spezifische interesse neu-weimar zu errichten (etwa:

lies schneller genosse / radical chic) andrerseits
natürlich weiterhin der wunsch das kissen zu besticken:
wir werden belesen sein / uns wird der text zu klein.
die saalschlacht fällt erquicklich aus. die ersten räte

bilden sich. was folgt ist seitdem lediglich: revolution
als in sich beruhigte stilposition. man richtet feme-
räume ein. dort wimmert sich um kopf und kragen: ein ich.
"hätte ich mich seinerzeit nicht zum experiment bekannt

- mein verleger ließe mich am ausgestreckten arm verhun-
gern." der kunstwart davon ungerührt verhängt nach hoch-
notpeinlichem prinzip. aber - psychotische systeme sind
nicht selten von bestechender binnenlogik: hatte sich doch

bereits schelling über hölderlins subversive frisur be-
klagt - so viel haare und kein kamm! nimmt man heute viel-
mehr an: einer entwuchs den kampfstiefeln und wurde er-
wachsen. der andere blieb darin stecken und wurde gesang.

© Urs Engeler Editor
from: fachsprachen X-XVIII. Gedichte
Basel, Weil am Rhein und Wien: Urs Engeler Editor, 2002
Audio production: 2000 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

jargons (10/5) [call to all highly armed bohemians]

english

call to all highly armed bohemians (four works already
ripped to shreds!) in future, the streetwar is to be
fought ‘away from art’. lamentation’s polyvocal ohs and ahs
– but one was asphalted in the most concrete way. the

village vanguard still that very night. (so-called recognised)
resistance biographies lasting many years. Con-
sidering refractioning. On the one hand, the class-
specific interest in erecting new weimar (like:

read faster comrade / radical chic) at the same time
of course the wish to needlepoint the pillow goes on:
we will be well-read / the text is getting too short
for us. the hall fight ends refreshingly. committees

formed. what came since, merely: revolution
as pacified stylistic position. interrogation rooms are
then set up. wimpering about a question of life or
death: an I. ‘if I didn’t take the side of experiment

the publisher would let me die of hunger, arms outstretched’.
the art watchman’s unsympathetic, but all the same judg-
ments based on torturing principles. but – psychotic
systems often possess their own persuasive logic: schelling

already complained about hˆderlin’s subversive hairdo
– all that hair and no comb! now we get used to so
much more: one outgrew his battle shoes and became
adult. the other got stuck in them, turned into song.

Translated by Brian Currid

fachsprachen X (3) [götzenhammer oder:
wie man mit dem lama spricht]

german | Ulf Stolterfoht

götzenhammer oder: wie man mit dem lama spricht.
ganz schlicht - doch stirbt daran wers vorbelastet
liest: "diese maschine tötet faschisten". reformgedicht.
was man hingegen mit dem kaiser macht so man ihn

denn (verhohenzollert bis zum klassenhaß) SAMT ZUBEHÖR
in händen hält? wir haben da was angedacht! vernich-
tung durch leipziger küche: "die ausgekochten fleische /
diese geradezu viehischen nachgußbedürfnisse". sehr

gut. doch übers ziel hinaus. wir gehen zehn zurück. der
dreh dabei entzückt: die stirn wird zum zentralorgan.
darüber rötet alpenfirn. genaue anschrift momentan ver-
gessen. "ein inneres bayreuth" erscheint fürs erste an-

gemessen. wahnhaftes sich verzetteln. schon droht (gedacht
vielleicht als siegfried-klon) die manfred-notation. ge-
meinnordisches mendeln. hier tritt der erbarzt auf den plan.
kichert bedrohlich artenschwarm. verspricht den golem zu

veredeln. benns züchtung III. blondierungen auf wunsch. nun
solltet ihr das unthier sehn. es rastet förmlich aus. be-
harrt auf noblem polentum. erstarrt zum göttlichen hanswurst.
der habe dieser tage folgendes vollbracht: ICH BEBE KEINE

PFERDE / SUMMARISCH TOT. sowie: sie können von diesem gedicht
"jeden gebrauch machen der mich in der achtung der basler
nicht herabsetzt ...". kurz nur des rembrandt- deutschen
lindernde tortur. dann abbruch des werkes durch die natur.

© Urs Engeler Editor
from: fachsprachen X-XVIII. Gedichte
Basel, Weil am Rhein und Wien: Urs Engeler Editor, 2002
Audio production: 2000 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

jargons (10/3) [hammer of the idols, or: how to speak with the llama]

english

hammer of the idols, or: how to speak with the llama.
quite simply – but those with a past who read it shall
die. ‘this machine kills fascists’. Reform poetry.
but what to do with the kaiser, in contrast

as long as we’ve got him there (hohenzollered to class hate)
with attrapments in custody? we’ve got something for that!
annihilate with leipzig cuisine: ‘overcooked meats /
these bestial prandial drinking habits’. quite

good. but overshoots the goal. walk back ten spaces. the
spin thereby is charmed: brow becomes central organ.
above, the alpine firn turns red. exact address forgotten
for the mom-ent. ‘my own private bayreuth’ seems at first just-

ified. losing himself madly in detail. already looms (perhaps
intended as siegfried-clone), a manfred notation. ur-
nordic mendel-ing. here enters genome doctor gig-
gles threateningly species flock. swears to noble the

golem. benn’s ‘breeding III’.  blonding on demand. now
you should see the savage beast. gets out of control. In-
sists on noble polish-ry. petrifies to divine hanswurst.
in the past days he says he’s accomplished: I TREMBLE NO

HORSES / SUMMARILY DEAD. And: you can use this poem  
‘in any way that does not damage my reputation in the eyes of the  
baslers...’. in brief: only the palliative torture
of the rembrandt-german. oeuvre ends of natural causes.

Translated by Brian Currid

fachsprachen X (2)
[stand stramm der trepanierte wundenmann]

german | Ulf Stolterfoht

stand stramm der trepanierte wundenmann. bewehrt
mit wissensdienst-dekret. so wird die langeweile
zum programm: menschliches verdauen durch das
loch im bauch des heiligen martin zu betrachten

(es geht mit rechten dingen zu) als wille zum wech-
sel des stoffs. wehmüller mit dem nationalgesicht.
blickdicht am zeugzusammenhang geflickt - es bergson
wesensmäßig zu besorgen. und so viel NEIN muß sein:

zum führer fällt ihm nichts mehr ein. außer vielleicht:
"die wunderbaren hände". ek-stasen der zierlichkeit -
vom bindestrich geweiht. täuscht leibesnähe vor. das
unzuhandene "jedoch" überführt sich selbst im ge-

schwollenen "schillern bis begönnern": da muß doch
was zu retten sein! das staunen vor dem nackten "daß":
daß es daß gibt! rührt zugegeben an. natur kommt nur
am rande vor. in abschweifung begreifend: umwelt als

ausgedehnten körper. grenzfluß dabei bekanntermaßen
schmerzhaft "ziehend". man mag entgegnen: aber! nichts
aber: gesprochnes schweige im gedruckten! die lage ist
der fall. gedicht was bricht. "vom zaun" bedarf der

zurüstung. du besser entscheidest die seite du stehst
wenns heißt: methodenmann versus die herrschaft des
gestells. abstimmung mit den drüsen: im zweifel lie-
ber pfropf als keil. so glaub ich kann man schließen.

© Urs Engeler Editor
from: fachsprachen X-XVIII. Gedichte
Basel, Weil am Rhein und Wien: Urs Engeler Editor, 2002
Audio production: 2000 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

jargons (10/2) [trepanned, the wound man stood attention]

english

trepanned, the wound man stood attention. armed
with calls to join the knowledge service. that’s
how boredom gets routine: studying man’s digestion
through the hole in saint martin’s stomach.

(but it all goes off right) as will to metaboli-.
sm. wehm¸ller with the national face. opaque-
ly sewn onto thingly relations – to benefit
bergson with some essence. and so much NO must be:

about the f¸hrer nothing occurs to him. except:
‘his marvelous hands’. ec-stasies of delicacy –
sanctified with a dash. pretends physical intimacy. the
‘nevertheless’ not on hand betrays itself in a

intumescent ‘iridescence to condescension’: something
must be worth redemption! awe before the naked ‘that’:
that there is that! is admittedly touching. nature appears
but briefly. digression brings comprehension. surroundings as

outstretched body. border river ‘draws’ by painfully,
as is well known. but one might answer: but wait! there’s
no but: what’s spoken be mute in print! the state
is now the case. a verse that terse.  –ly breaks out requires

preparing. better you decide the tack you’ll take
when asked: a man of method or rule of the rack.
then voting with your glands: in doubt
the wad, not gusset. now i think we’ll close.

Translated by Brian Currid