일인칭은 슬프다

© Ko Un
Audio production: 2005, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

Traurigkeit, geboren aus Ich und Wir

Mein Ich ist traurig. Erleuchtende Aufklärung versank in Widersprüchen.
Am Beginn des letzten Jahrhunderts
nach der Revolution, als sowjetische Dichter
beschlossen nur noch „Wir“ zu sagen,
Dichter entschieden sich zu verschmelzen im
„Wir“.
Voller begeisterter Hingabe.
Wenn auch der Schneesturm
diesen Beschluss
von den Straßen fegte
blieb er doch gültig im Innern.
Ein Schwur, „Wir“ ... zu sagen
allein blieb.
Das „Ich“ irgendwie unfassbar verzerrt,
im Spiegelbild.
An einem herrlichen Sonnentag, bezichtigte sich auch Majakowski
und schrie dieses „Wir“ sich aus der Kehle.
Er, der ein Dichter der Straße war.
Nirgends war ein „Ich“ mehr statthaft.
„Ich“ war verrucht,
gottlos,
schlecht ...
verkündet mit magischer Kraft.

Langsam fiel das Barometer.
Gehegte Sommerblumen lagen achtlos zertrampelt.
Die Revolution frisst die Revolution.
Wie die Luft aus dem Fußball eines Kindes entweicht,
so verpufft in angespannter Atmosphäre
das „Wir“.
Irgendein Unerschrockener
schrieb „Ich bin verliebt“ aber
noch
war es Brauch zu lesen „Wir sind verliebt“.
Noch lag eine Spur vom verharschten Winterschnee.
Der Frühling blieb ungewiss.

Spät im letzten Jahrhundert
gab die Sowjetunion den Geist auf.
Die Staaten des Warschauer Paktes
wurden untreu, einer nach dem anderen.

Seither
kennen die Dichter nur noch das „Ich“.
Jeder Tag beginnt
und endet mit „Ich“.
Nichts existiert mehr
außer diesem „Ich“.
Sogar Gott ist nur noch ein anderer Name für „Ich“.

Heute überall in der pazifischen Region
begraben die Wellen unaufhörlich dieses Gespenst „Wir und Ich“.
Welche neue Schöpfung wird kommen?
Was wird sie gebären?  Weder „Wir“
noch „Ich“?
Jede Welle ist der anderen Welle Grab und der kommenden Welle Ursprung.

Aus dem Koreanischen von KIM Miy-He und Sylvia Bräsel
aus: Ko Un: Beim Erwachen aus dem Schlaf.
Wallstein-Verlag, Göttingen 2007.