Klaus Berr 
ÜbersetzerIn

auf Lyrikline: 22 Gedichte übersetzt

aus: shona, englisch nach: deutsch

Original

Übersetzung

Nzvimbo dzemumabhuku

shona | Chirikuré Chirikuré

wese andaita mahwekwe naye
mubvunzo ndiwo mumwe chete:
kwakadini kwamanga mapota?

mhinduro ndinopa yepasi pemoyo:
kutaura zvese handingakwanisi
zvakapinda mumusoro zvinozadza dura

vose vanozoita kunge vapatika kuhope
vobvunza zvakare, uso vasunga:
gara zviya ndepiko kwawaiva?

handinonoki kudzora mhinduro:
ndaiveko kunyika yemutsindo
kumatunhu emuzinda weTimbouctou

vose vanokapaza misoro semabhuru
vopfipfidza vachinwa rukweza rwavo:
nzvimbo dzakadaro ndedzemumabhuku chete

ndinotsikitsira wangu musoro pasi
ndozvipodza hana nemashoko mumoyo:

© Chirikuré Chirikuré
Audio production: 2005, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

Orte der Fiktion

deutsch

jedem Gesicht stellte sich
dieselbe Frage
nach Orten an denen ich gewesen bin

nur das Herz antwortet
der Mund ist schwach, doch
was im Herzen ist, füllt die Kornkammer

mit verträumten Gesichtern und Ungläubigkeit
stellen sie weitere verwunderte Fragen
fragen noch einmal, wo ich schon überall war

ich antworte prompt:
ich war im Land stummer Echos
in den Sanden des uralten Timbuktu

sie schütteln die Köpfe wie Stiere
und während sie trinken, lachen sie spöttisch:
  solche Orte gibt es nur in der Fiktion

ich senke den Kopf
und tröste mein Herz mit labenden Worten:
   die Gnade im Herzen gehört mir

übertragen von Klaus Berr

To the Oracle at Delphi

englisch | Lawrence Ferlinghetti

Great Oracle, why are you staring at me,
do I baffle you, do I make you despair?
I, Americus, the American,
wrought from the dark in my mother long ago,
from the dark of ancient Europe –
Why are you staring at me now
in the dusk of our civilization –
Why are you staring at me
as if I were America itself
the new Empire
vaster than any in ancient days
with its electronic highways
carrying its corporate monoculture
around the world
And English the Latin of our days –

Great Oracle, sleeping through the centuries,
Awaken now at last
And tell us how to save us from ourselves
and how to survive our own rulers
who would make a plutocracy of our democracy
in the Great Divide
between the rich and the poor
in whom Walt Whitman heard America singing

O long-silent Sybil,
you of the winged dreams,
Speak out from your temple of light
as the serious constellations
with Greek names
still stare down on us
as a lighthouse moves its megaphone
over the sea
Speak out and shine upon us
the sea light of Greece
the diamond light of Greece

Far-seeing Sybil, forever hidden,
Come out of your cave at last
And speak to us in the poet's voice
the voice of the fourth person singular
the voice of the inscrutable future
the voice of the people mixed
with a wild soft laughter –
And give us new dreams to dream,
Give us new myths to live by!

This is the poem written to speak to the Oracle at Delphi for UNESCO's  
World Poetry Day, March 21st, 2001.

© L.F.
aus: unveröffentlichtes Manuskript
Audio production: 2004 M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

An das Orakel in Delphi

deutsch

Großes Orakel, warum starrst du mich an,
verwirre ich dich, stürze ich dich in Verzweiflung?
Ich, Americus, der Amerikaner,
gezerrt aus dem Dunkel in meiner Mutter vor langer Zeit,
aus dem Dunkel des alten Europa –
Warum starrst du mich jetzt an
in der Abenddämmerung unserer Zivilisation –
Warum starrst du mich an
als wäre ich ganz Amerika
das neue Weltreich
größer als alle des Altertums
das mit seinen elektronischen Autobahnen
seine Konzern-Monokultur
auf der ganzen Welt verbreitet
Und Englisch das Latein unserer Tage –

Großes Orakel, Jahrhunderte hast du verschlafen,
Erwache jetzt endlich
Und sage uns wie wir uns vor uns selber retten sollen
und wie wir unsere eigenen Herrscher überleben sollen
die eine Plutokratie machen wollen aus unserer Demokratie
in dem Großen Graben
zwischen den Reichen und den Armen
in denen Walt Whitman Amerika singen hörte

Ach lange verstummte Sybille,
du mit den geflügelten Träumen
Erhebe die Stimme in deinem Tempel aus Licht
während die ernsten Sternbilder
mit griechischen Namen
noch immer auf uns herabstarren
wie ein Leuchtturm mit seinem Megaphon
das Meer bestreicht
Erhebe die Stimme und leuchte uns
mit Griechenlands Meereslicht
mit Griechenlands Diamantlicht

Weit blickende Sybille, für immer verborgen,
Komm endlich heraus aus deiner Höhle
Und sprich zu uns mit der Stimme des Dichters
der Stimme der vierten Person Einzahl
der Stimme der unergründlichen Zukunft
der Stimme der Menschen vermischt
mit einem wilden, sanften Lachen –
Und gib uns neue Träume zu träumen,
Gib uns neue Mythen zu leben!


Dieses Gedicht wurde verfasst zur Rezitation
vor dem Orakel von Delphi am World Poetry Day der UNESCO
am 21. März 2001.

Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr

The Stalinists, the Taliban

englisch | Geoff Page

In dreams they give you lines each night,
the Stalinists, the Taliban,
in trench coats or in holy white.
So, too, the mullahs of Iran.
The SS men of Hitler’s packs
and Torquemada¹s Inquisition
with jackboots or with stretching racks
assist you reaching a decision.
The judge from Salem sees you as a
devil he’s unmasked at last;
the imam in his sour madrassa
wrings your future from his past.
The certain like their sonnets neat.
And need your screams to be complete.

© Geoff Page
aus: Agnostic Skies
Melbourne: Five Islands Press, 2006
Audio production: 2005, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

Die Stalinisten, die Taliban

deutsch

Jede Nacht in deinen Träumen flüstern sie dir ein,
die Stalinisten, die Taliban,
in Trenchcoats oder in heiligem Weiß.
Und auch die Mullahs des Iran.
Die SS-Männer von Hitlers Banden
und Torquemadas Inquisition,
mit Springerstiefeln oder Folterbänken
helfen sie dir bei deiner Entscheidung.
Der Richter aus Salem sieht dich als
Teufel, den er endlich demaskierte,
der Imam in seiner mürrischen Madrasse
wringt deine Zukunft aus seiner Vergangenheit.
Die Überzeugten wollen ihre Dichtung sauber.
Und brauchen deine Schreie lauter

Übersetzt von Klaus Berr

Stolen light – Chimanimani

englisch | Chirikuré Chirikuré

Up there in the land of my mother’s ancestors
Stand the imposing, mighty, Chimanimani mountains
Their summit wearing a crown of thick grey mist

On that summit sits some jagged dull rocks
Year in, year out, squatting under the mist’s shadow
With no single hope of seeing their own shadows

One feels compassion, feels like making a prayer
For, how can such innocent pieces of creation
Spend a whole life without sight of their own shadow?

But, how can one make a plea with their creator
When shadows are just but stolen light ?
When shadows are just but denied light?

But, shall one just stand aside and watch
While the mist robs the rocks of their light?
While the mist blankets them with its own shadow?

© Chirikuré Chirikuré
alongside musician: Okay Machisa
Audio production: 2005, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

Gestohlenes Licht – Chimanimani

deutsch

Dort oben im Land von meiner Mutter Ahnen
Steht der imposante, mächtige Chimanimani-Berg
Und sein Gipfel trägt eine Krone aus dichtem, grauem Nebel

Auf diesem Gipfel sitzen teilnahmslos einige zerklüftete Felsen
Jahrein, jahraus hocken sie da im Schatten des Nebels
Ohne jede Hoffnung, je ihren eigenen Schatten zu sehen

Man fühlt Mitleid, möchte fast ein Gebet sprechen
Denn wie kann ein so unschuldiger Teil der Schöpfung
Das ganze Leben verbringen, ohne je den eigenen Schatten zu sehen?

Aber wie kann man ihren Schöpfer anflehen
Wenn Schatten nur gestohlenes Licht sind?
Wenn Schatten nur verweigertes Licht sind?

Aber soll man nur abseits stehen und zusehen
Wie der Nebel die Felsen ihres Lichts beraubt?
Wie der Nebel sie mit seinem eigenen Schatten umhüllt?

übertragen von Klaus Berr

Smoke, dust, tear gas

englisch | Chirikuré Chirikuré

imi amai – mother
in the solid, thick, choking smoke
there in your leaking, tiny, rickety hut
you could still stir the black, cracked pot
    nourishing the burdened family’s future

imi amai – mother
in the heavy, belching clouds of dry dust
there in your tired, barren patch of rocky land
you could still tender the grey, shrivelled crops
    weeding the way to the starving family’s future

imi amai – mother
in the crude, suffocating thunder of enemy tear gas
there in your tense neighbourhood turned into battlefields
you could still see the damp, blood-socked secret paths
    shuttling to give direction and inspiration to the cause
imi amai – mother
in the perfume, tobacco, alcohol and laughter fumes
there in the extensive, excited victory celebration parties
your eyes could stretch beyond the beaming rainbow
    knowing that this only but a seed germinating

imi amai – mother
after all the blinking, coughing and panting
shall the lungs of your battered, strained soul
continue to live on a diet of smoke, dust and tear gas?
shall the soul of your srained, watery eyes
remain clutching the straws of blurry, convoluted dreams?


*(Imi amai = you mother. Shona language.)

© Chirikuré Chirikuré
Audio production: 2005, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

Rauch, Staub, Tränengas

deutsch

imi amai – Mutter
im dichten, dicken, erstickenden Rauch
dort in deiner undichten, winzigen, wackeligen Hütte
konntest du noch immer im schwarzen, rissigen Kessel rühren
    und die Zukunft der leidgeprüften Familie hegen

imi amai – Mutter
in den schweren, quellenden Wolken aus trockenem Staub
dort auf deinem erschöpften, öden Flecken steinigen Lands
konntest du noch immer das graue, vertrocknete Getreide pflegen
    und der hungernden Familie eine Zukunft jäten

imi amai – Mutter
im barbarischen, atemberaubenden Donner des feindlichen Tränengases
dort in der nervösen (engen) Nachbarschaft, die zum Schlachtfeld wurde,
konntest du noch immer die feuchten, blutgetränkten Geheimpfade sehen,
    die kreuz und quer der Sache Richtung und Inspiration gaben

imi amai – Mutter
in den Schwaden aus Parfüm, Tabak, Alkohol und Lachen
dort bei den ausgedehnten, aufgeregten Siegesfeiern
konnten deine Augen hinter den strahlenden Regenbogen schauen
    und ermessen, daß dies nur ein keimendes Samenkorn ist

imi amai – Mutter
nach all dem Blinzeln, Husten und Keuchen
sollen die Lungen deiner zerschundenen, erschöpften Seele
sich weiter von Rauch, Staub und Tränengas ernähren?
soll die Seele deiner erschöpften, wässrigen Augen
sich weiter an die Strohhalme verschwommener, verdrehter Träume klammern?

übertragen von Klaus Berr

Sliding game – Mutserendende

englisch | Chirikuré Chirikuré

Every little boy in my village
Can describe with joy and pride
How you play the mutserendende game.
You chop a healthy munhanzva tree
Cut the branches off the stem
Then drag the log up a mountain

Like Jesus Christ on a donkey
You mount the log, holding tight
Then, woosh, you zoom down

It’s so fast and furious
Eyes closed, breath held
You surrender all to fate

You land with a big thud
Your backsides tattered
Bleeding in hot ecstasy

So do many among us
Leading life fast and furious
Landing with tattered, bleeding souls

© Chirikuré Chirikuré
alongside musician: Okay Machisa
Audio production: 2005, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

Das Rutschen-Spiel – Mutserendende

deutsch

Jeder kleine Junge in meinem Dorf
Kann mit Freude und Stolz erklären
Wie man das Mutserendende-Spiel spielt.

Man fällt einen gesunden Munhanzva-Baum
Hackt die Äste vom Stamm
Und schleift ihn dann hoch auf einen Hügel

Wie Jesus Christus auf einen Esel
Setzt man sich auf den Stamm und hält sich fest
Und dann, wusch, saust man nach unten

Es ist so schnell und so wild
Die Augen geschlossen, den Atem angehalten
Ergibt man sich ganz dem Schicksal

Man landet mit einem großen Rumms
Der Hintern ist wund
Und blutig in heißer Ekstase

So machen es viele von uns
Leben ihr Leben schnell und wild
Und landen mit wunden, blutenden Seelen

übertragen von Klaus Berr

Pictures of the gone world 11

englisch | Lawrence Ferlinghetti

The world is a beautiful place
                                                    to be born into
if you don't mind happiness
                                            not always being
                                                                       so very much fun
       if you don't mind a touch of hell
                                                       now and then
                 just when everything is fine
                                                             because even in heaven
                                  they don't sing
                                                        all the time

             The world is a beautiful place
                                                          to be born into
      if you don't mind some people dying
                                                                 all the time
                         or maybe only starving
                                                             some of the time
                   which isn't half so bad                                  
                                                      if it isn't you

     Oh the world is a beautiful place
                                                         to be born into
               if you don't much mind
                                                    a few dead minds
                            in the higher places
                                                           or a bomb or two
                                  now and then
                                                       in your upturned faces
                or such other improprieties
                                                          as our Name Brand society
                                          is prey to
                                                        with its men of distinction
                      and its men of extinction
                                                            and its priests
                                  and other patrolmen
                                                                  and its various segregations
                  and congressional investigations
                                                                      and other constipations
                                that our fool flesh
                                                               is heir to


   Yes the world is the best place of all
                                                             for a lot of such things as
         making the fun scene
                                              and making the love scene
and making the sad scene
                                     and singing low songs and having inspirations
     and walking around
                                    looking at everything
                                                                     and smelling flowers
     and goosing statues
                                    and even thinking
                                                                and kissing people and
          making babies and wearing pants
                                                             and waving hats and
                                         dancing
                                                    and going swimming in rivers
                               on picnics
                                       in the middle of the summer
            and just generally
                                         'living it up'

    Yes
      but then right in the middle of it
                                                       comes the smiling

                                           mortician

© L.F.
aus: Pictures of the Gone World
San Francisco: City Lights, 1955
Audio production: 2004 M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

Pictures of the gone world 11

deutsch

Die Welt ist ein wunderschöner Ort
                                                                        um dort zu leben
wenn man nichts dagegen hat daß Glück
                                                                 nicht immer so arg
                                                                                            viel Spaß macht
          wenn man nichts hat gegen ein bißchen Hölle
                                                                             hin und wieder
               gerade wenn alles gut ist
                                                       weil man auch im Himmel
                               nicht die ganze Zeit
                                                             singt

                 Die Welt ist ein wunderschöner Ort
                                                                          um dort zu leben
             wenn man nichts dagegen hat daß die Leute
                                                                                   die ganze Zeit sterben
                               oder vielleicht nur verhungern
                                                                                zu mancher Zeit
                         was nicht gar so schlimm ist
                                                                       wenn man es nicht selber ist

             Ach die Welt ist ein wunderschöner Ort
                                                                             um dort zu leben
                        wenn man nicht allzuviel hat gegen
                                                                                 ein paar tote Hirne
                                an höheren Stellen
                                                              oder eine Bombe oder zwei
                                        hin und wieder
                                                               ins erhobene Gesicht
      oder solch andere Ungehörigkeiten
                                                  denen unsere Namenmarkengesellschaft
                                        erliegt
                                                mit ihren Männern des Lobes
           und ihren Männern des Todes
                                                          und ihren Priestern
                    und anderen Patrouillen
                                                    und ihren verschiedenen Segregationen
       und Kongreß-Investigationen
                                                      und anderen Konstipationen
                    die unser Narrenfleisch
                                                         ererbt

  Ja die Welt ist der beste Ort von allen
                                                              für eine Menge Dinge wie
        die Spaßszene machen
                                                   und die Liebesszene machen
und die Trauerszene machen
                                          und leise Lieder singen und Einfälle haben
           und herumgehen
                                     alles anschauen
                                                              und Blumen riechen
           und Statuen pieksen
                                            und sogar denken
                                                                         und Leute küssen und
               Babys machen und Hosen tragen
                                                                    und Hüte schwenken und
                                               tanzen
                                                          und schwimmen gehen in Flüssen
                                  beim Picknick
                                                   mitten im Sommer
                 und ganz allgemein
                                                »sich ausleben«
Ja
     aber dann genau mittendrin
                                              kommt der lächelnde

                                    Leichenbestatter

Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr




In: L.F.: A Coney Island of the Mind. A Far Rockaway of the Heart. Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr. München: Sammlung Luchterhand 2005.

Pictures of the gone world 1

englisch | Lawrence Ferlinghetti

Away above a harborful
                                                            of caulkless houses
among the charley noble chimneypots
                                                      of a rooftop rigged with clotheslines
                a woman pastes up sails
                                                 upon the wind
   hanging out her morning sheets
                                                     with wooden pins
                                    O lovely mammal
                                                                her nearly naked teats
                          throw taut shadows
                                                   when she stretches up
to hang at last the last of her
                                             so white washed sins
                but it is wetly amorous
                                                    and winds itself about her
                   clinging to her skin
                                                 So caught with arms upraised
           she tosses back her head
                                              in voiceless laughter
   and in choiceless gesture then
                                                shakes out gold hair

while in the reachless seascape spaces

                                                  between the blown white shrouds

       stand out the bright steamers

                                                     to kingdom come

© L.F.
aus: Pictures of the Gone World
San Francisco: City Lights, 1955
Audio production: 2004 M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

Pictures of the gone world 1

deutsch

Weit über einem Hafenvoll
                                                         unkalfaterter Häuser
  inmitten der blitzblanken Schornsteinkappen
                                      eines Flachdachs mit Wäscheleinetakelage
                     kleistert eine Frau Segel
                                                       in den Wind
           hängt ihre Morgenlaken auf
                                                        mit hölzernen Klammern
                                 Ach reizendes Säugetier
                                                               ihre fast nackten Brustwarzen
                  werfen straffe Schatten
                                                 wenn sie sich streckt
  um aufzuhängen die letzte ihrer
                                                    so weiß gewaschenen Sünden
                  doch sie ist tropfend sinnlich
                                                                und wickelt sich um sie
                       klebt an ihrer Haut
                                                      So gefangen mit erhobenen Armen
               wirft sie den Kopf zurück
                                                       in tonlosem Lachen
  und dann in wahlloser Geste
                                               schüttelt sie goldenes Haar

während in den grenzenlosen Meeresleeren

                                                   zwischen den wehenden weißen Tüchern

     leuchtende Dampfer

                                       in alle Ewigkeit prangen

Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr




In: L.F.: A Coney Island of the Mind. A Far Rockaway of the Heart. Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr. München: Sammlung Luchterhand 2005.

Ndipo patakamuviga pano

shona | Chirikuré Chirikuré

(kumagamba ese akaradzikwa mumasango)

Ndipo patakamuviga pano,
  Pano parukakangarabwe, muchivavani,
     Pakati pezvimatombo nemiunga,
        Kunge chiya chikara chesango,
          Chisina achazocheuka mangwana.

Ndipo patakamuviga pano,
  Pasure pekunge adauka pamberi pedu,
     Achipika, uku rake gidi richipururudza,
       Akananga kuvhurira vamwe tese nzira,
          Kuti tiwane kubuda parumananzombe.

Ndipo patakamuviga pano,
  Pasure pekunge adamburwa nemhandu,
     Chake chifuva changova mamvemve,
        Iro ivhu ramedza ropa, razvimbirwa,
           Yeduwo misodzi ranwa, raguta.

Ndipo patakamuviga pano,
  Amboswera, akavata, katatu,
     Achibinyauka sedora riri muchainga,
        Nyota achipomhodza nemisodzi,
          Nzara achitapudza nemututu.

Ndipo patakamuviga pano,
  Mazuva matatu ekupedzisira tashushana,
     Achiti chindisiyai ndirote zvangu,
       Imi muende mberi neChimurenga,
         Isu tichiti, kwete, tiri tose muhondo.

Ndipo patakamuviga pano,
  Tose tisingazivi kana chimwe chake:
      Zita, mhuri, mutupo kana dzinza,
         Zvose kwatiri ichingova mhindo.
           Taingoziva: Uyu mwana weivhu!

Ndipo patakamuviga pano,
  Pasina ngoma kana mhururu,
    Kana muteuro kana detembo,
      Kana chitombo kana chizhuzhu,
        Kana urongwa hwekuzorova guva.

Ndipo patakamuviga pano,
  Vake amai vanongova murima,
     Vake baba hameno vakarotswa,
        Rake dzinza kuti richazochenura?
          Chinoziva chete ivhu: mwana rakamedza.

Ndipo paari, Komuredhi Kunozvarwa Vamwe,
  Gamba rakaita muchato negidi,
    Mhare yakachererwa imba nebhayoneti,
       Ndokufukidzwa ivhu nemagaro epfuti,
          Ndokuchemwa nezvipuka zvesango.

I-i-i-i-h! Varume!
  Ndipo paari pano!
       Ndipo ipo pano!

© Chirikuré Chirikuré
aus: Rukuvhute
Harare: College Press Publishers,
ISBN: 0 86925 973 3
Audio production: 2005, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

Hier legten wir ihn zur Ruhe

deutsch

Hier legten wir ihn zur Ruhe
Gleich hier in dieser steinigen, nackten Erde
Gleich hier inmitten von Dornenbüschen
Einfach hier, als wäre er eine Kreatur des Dschungels
Ein wildes Tier, ein Vieh, um das sich niemand schert

Hier liegt er begraben
Nachdem er uns allen vorausgeeilt ist
Heftig Fluchend, mit knatterndem Gewehr
Mit Feuer einen Fluchtweg bahnend
Einen Korridor für seine belagerten Kameraden

Hier legten wir ihn zur Ruhe
Nachdem der Feind ihn niedermähte
Seine Brust zerfetzt von heißen Kugeln
Die Erde unter ihm getränkt von seinem Blut
Wir, schießpulverschwere Tränen vergießend
(Und wir vergießen schießpulverschwere Tränen)

Hier liegt er begraben
Nachdem er drei Tage und Nächte lang
Sich wand wie ein lebendiger Wurm über dem Feuer
Seinen Durst mit Schmerzenstränen stillte
Und sein eigenes Blut leckte, um den Hunger zu täuschen.

Hier legten wir ihn zur Ruhe
Einen Mann, von dem wir nichts wussten
Nicht einmal Name, Familie oder Totem
Nur eins wussten wir ganz sicher:
Er war ein wahrer Sohn der Erde

Hier liegt er
Ein Kämpfer, der verheiratet war mit seiner Waffe
Ein Held, dessen Grab wir gruben mit Bajonetten
Ein Krieger, der den Staub zu seinem Grabstein hat
Ein Sohn der Erde, beweint von wilden Tieren

übertragen von Klaus Berr

Melons

englisch | Geoff Page

Lost in a field of
friendly melons

tossed in a vat of
thickened cream

licked by a thousand
fervent puppies

that was the substance
of my dream.

Did it really
howl and happen

somewhere in this
moonlit bed?

So many circles
of confusion

whirling in my
hapless head.

Did I dream
or was I there?

What acres were we
really in?

As now next morning
writing this

I smell the melons
on my skin.

© Geoff Page
aus: Agnostic Skies
Melbourne: Five Islands Press, 2006
Audio production: 2005, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

Melonen

deutsch

Verloren in einem Feld
freundlicher Melonen

geschüttelt in einem Fass
eingedickter Sahne

geleckt von tausend
eifrigen Hündchen

das war das Wesen
meines Traums.

War das tatsächlich
so gebellt und geschehen

irgendwo in diesem
mondhellen Bett?

So viele Kreise
der Verwirrung

wirbeln in meinem
unglücklichen Kopf

Habe ich geträumt
oder war ich dort?

In welchen Gefilden
waren wir wirklich?

Und da ich jetzt am Morgen
dies niederschreibe,

rieche ich die Melonen
auf meiner Haut.

Übersetzt von Klaus Berr

Dancing with the Flag

englisch | Geoff Page

A (more-or-less-well-meaning) giant
is stumbling round the world.
To signify esprit de corps
he wears his flag unfurled.

He lumbers here; he lumbers there;
he wishes he’d stayed put.
The scorpions he’s kicked by chance
are nipping at his foot.

They¹re biting on his ankle now;
they¹re midway up his calf.
Though more-or-less intending good
he can’t do things by half.

He has the power to smear the lot
at one step with his boots
or tear his row of troubles up
like turnips by the roots.

The problem is his head’s too high;
It’s too far off ground.
He kicks a rock by accident
and, look, see what he’s found

scorpions with fiery tails
and very narrow views.
It’s hard for giants to win, of course,
but, equally, to lose.

Our giant will never understand
the reasons for such hate.
Scorpions are made that way.
It¹s surely just his fate  

to stagger hugely round the world.
We buy it with the size.
He’s really well-intentioned but
He’ll never quite be wise.

No matter how the battle goes
his feet begin to drag.
It’s hard work wearing size eighteens
and dancing with the flag.

© Geoff Page
aus: Agnostic Skies
Melbourne: Five Islands Press, 2006
Audio production: 2005, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

Mit der Flagge tanzen

deutsch

Ein (mehr oder weniger wohlmeinender) Riese
stolpert durch die Welt.
Um Korpsgeist zu demonstrieren,
trägt er seine Flagge entrollt.

Hierhin tapsend, dorthin tapsend,
wünscht er sich, er wäre zu Hause geblieben.
Die Skorpione, die er zufällig geweckt,
stechen ihm in die Zehen.

Jetzt kneifen sie ihm in den Knöchel,
jetzt krabbeln sie an seinen Waden.
Auch wenn er mehr oder weniger das Gute will,
schafft er meistens nur ein Schlechtes.

Er hat die Macht, sie alle zu zermalmen
mit einem Tritt seines Stiefels
oder die Reihe seiner Probleme
wie Rüben mit der Wurzel auszureißen.

Das Problem ist, er trägt den Kopf zu hoch,
zu weit vom Boden entfernt.
Durch Zufall tritt er gegen einen Stein,
und schau, was er darunter findet.

Skorpione mit feurigen Schwänzen
und sehr engen Blickwinkeln.
Es ist natürlich schwer für Riesen, zu gewinnen,
doch ähnlich schwer auch, zu verlieren.

Unser Riese wird nie die Gründe
für einen solchen Hass verstehen.
Skorpione sind eben so.
So kann es nur sein Schicksal sein

gigantisch durch die Welt zu taumeln.
Wir nehmen’s wie die Größe hin.
Auch wenn er wirklich nur Gutes will,
zur Klugheit wird’s ihm nie gereichen.

Wie die Schlacht auch gehen mag,
die Füße werden ihm bald schwer.
Es ist harte Arbeit, in Schuhgröße fünfzig
mit der Flagge zu tanzen.

Übersetzt von Klaus Berr

Dancing mother

englisch | Chirikuré Chirikuré

that rugged, shriveled woman
dancing with a vigorous smile
just for a cup or two of home brew
is my mother, beacon of my life

the IMF structured her dignity

© Chirikuré Chirikuré
Audio production: 2005, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

Tanzende Mutter

deutsch

diese zerfurchte, verschrumpelte Frau
die mit vitalem Lächeln tanzt
für einen Becher oder zwei vom Selbstgebrauten
ist meine Mutter, Leitstern meines Lebens

der IWF strukturierte ihre Würde

übertragen von Klaus Berr

I Think I Could Turn Awhile

englisch | Geoff Page

1.
I think I could turn awhile and write like the Americans,
they are so at ease in their syllables, irregular as eyelids,
various as the sea.
They do not hear the iamb ticking, tetchy with its small demands.
Their pronouns are huger than Texas.
I too would find my metaphysics
as I sliced my sedan through a long prairie night.
The turkey sheds of Minnesota, the slanted dusk of Iowa,
the breakers on the Big Sur coast and the stillness in the Rockies
would each be a part of my redemption.
I too would be an heir of Whitman
despite all his curious shyness with women.
I¹d rummage through his catalogues, those holy repetitions,
hearing the King James Bible singing
through cirrus the size of all the eastern states
drifting by splendidly over my head.

2.
But somehow after
half a book
I know that I
would then turn back.
That rhetoric is
someone else’s;
it works with very
different vowels.
I’d hear the clipped
iambics calling,
my template just
below the line.
I¹d feel the need for
tighter turns,
a tiredness with the
larger flourish,
their drumroll of a
flag unfurled.
‘That would be good,’
as Frost surmised,
‘both going and coming back’,
back to something
leaner, drier,
back to something
lower-key:
the chicken sheds of
Wallabadah
a summer on the
Clarence maybe

© Geoff Page
aus: Agnostic Skies
Melbourne: Five Islands Press, 2006
Audio production: 2005, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

Ich denke, eine Weile könnte ich mich ändern

deutsch

1.
Ich denke, eine Weile könnte ich mich ändern und schreiben wie die Amerikaner,
sie sind so locker mit ihren Silben, unregelmäßig wie Lidschläge,
wechselvoll wie das Meer.
Sie hören nicht den Jambus ticken, so launisch in seinen Ansprüchen.
Ihre Pronomen sind größer als Texas.
Auch ich würde meine Metaphysik finden,
unterwegs in meiner Limousine durch ein lange Prärie-Nacht.
Die Truthahnställe von Minnesota, die schräge Dämmerung von Iowa,
die Brecher an der Big-Sur-Küste und die Stille der Rockies
wären alle ein Teil meiner Erlösung.
Auch ich wäre ein Erbe Whitmans
trotz seiner merkwürdigen Scheu vor Frauen.
Ich würde in seinen Katalogen blättern, diesen heiligen Repetitionen,
und die King-James-Bibel singen hören
durch Zirrus-Wolken, wie alle Oststaaten groß
ziehen sie prächtig über mich hinweg

2.
Aber irgendwie, nach einem
halben Buch,
weiß ich, daß ich
mich wieder ändern würde.
Diese Rhetorik ist
die eines anderen,
der mit ganz anderen Vokalen schreibt.
Ich würde den Ruf der
knappen Jamben hören,
mein Silbenmaß dicht
unterhalb der Zeile.
Ich würde den Drang
nach engeren Wendungen spüren,
den Überdruss an der
größeren Geste,
ihrem Trommelwirbel der
entrollten Flagge.
„Es wäre gut“,
wie Frost vermutete,
„zugleich zu gehen und zurückzukehren“,
zurück zu etwas
Knapperem, Trockenerem,
zurück zu etwas,
das nicht so grell die Farbe streicht:
die Hühnerställe von
Wallabadah
ein Sommer auf dem
Clarence vielleicht.

Übersetzt von Klaus Berr

History of the airplane

englisch | Lawrence Ferlinghetti

And the Wright brothers said they thought they had invented
something that could make peace on earth
(if the wrong  brothers didn’t get hold of it)
when their wonderful flying machine took off at Kitty Hawk
into the kingdom of birds but the parliament of birds was freaked out
by this man-made bird and fled to heaven

And then the famous Spirit of Saint Louis took off eastward and
flew across the Big Pond with Lindy at the controls in his leather
helmet and goggles hoping to sight the doves of peace but he did not
Even though he circled Versailles

And then the famous Yankee Clipper took off in the opposite
direction and flew across the terrific Pacific but the pacific doves
were frighted by this strange amphibious bird and hid in the orient sky

And then the famous Flying Fortress took off  bristling with guns
and testosterone to make the world safe for peace and capitalism
but the birds of peace were nowhere to be found before or after Hiroshima

And so then clever men built bigger and faster flying  machines and
these great man-made  birds with jet plumage flew higher than any
real birds and seemed about to fly into the sun and melt their wings
and like Icarus crash to earth

And the Wright brothers were long forgotten in the high-flying
bombers that now  began to visit their blessings on various Third
Worlds all the while claiming they were searching for doves of
peace

And they kept flying and flying until they flew right into the 21st
century and then  one fine day a Third World struck back and
stormed the great planes and flew them straight into the beating
heart of Skyscraper America where there were no aviaries and no
parliaments of doves and in a blinding flash America became a part
of the scorched earth of the world

And a wind of ashes blows across the land
And for one long  moment in eternity
There is chaos and despair

And buried loves and voices
Cries and whispers
Fill the air
Everywhere

© L.F.
aus: unveröffentlichtes Manuskript
Audio production: 2004 M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

Geschichte des Flugzeugs

deutsch

Und die gerechten Gebrüder Wright sagten, sie dachten, sie hätten etwas
erfunden, das der Erde Friede bringen könnte
(wenn es nicht die falschen Gebrüder in die Hände bekamen)
als ihre wunderbare Flugmaschine abhob bei Kitty Hawk
ins Reich der Vögel doch das Parlament der Vögel fürchtete sich                                                           
vor diesem Menschenwerk-Vogel und floh in den Himmel

Und dann hob ab die berühmte Spirit of Saint Louis nach Osten und                
flog über den großen Teich mit Lindbergh am Steuer in seinem Lederhelm
und der Brille der hoffte die Friedenstauben zu sehen doch er sah sie nicht
obwohl er über Versailles kreiste

Und dann hob ab der berühmte Yankee Clipper in die entgegengesetzte            
Richtung und flog über den prächtigen Pazifik doch die pazifistischen Tauben
hatten Angst vor diesem komischen Wasservogel und versteckten  sich den Wolken des Orients

Und dann hob ab die berühmte Fliegende Festung starrend vor Waffen
und Testosteron um die Welt sicher zu machen für Frieden und  Kapitalismus                                  
doch Vögel des Friedens waren nach Hiroshima nirgends zu sehen
                                                        
Und so bauten dann schlaue Männer größere und schnellere  Flugmaschinen und
diese prächtigen Menschenwerk-Vögel mit Düsengefieder flogen höher als jeder
echte Vogel als wollten in die Sonne sie fliegen um ihre Flügel  zu schmelzen
und wie Ikarus zur Erde stürzen

Und die Gebrüder Wright waren längst vergessen in den hoch fliegenden
Bombern die jetzt mit ihren Segnungen heimsuchten diverse Dritte
Welten und dabei so taten als sie suchten die Tauben des
Friedens.

Und sie flogen und flogen und flogen direkt ins 21.
Jahrhundert und dann schlug eines Tages eine Dritte Welt zurück und
stürmte die prächtigen Flieger und flog sie direkt ins schlagende            
Herz des Wolkenkratzer-Amerika wo es keine Häuser und keine
Parlamente der Tauben gab und in einem grellen Blitz wurde Amerika Teil
der verbrannten Erde der Welt

Und ein Wind bläst Asche über das Land
Und für einen langen Augenblick in der Ewigkeit
Herrscht Chaos und Verzweiflung

Und verschüttete Lieben und Stimmen
Schreien und Flüstern
Erfüllen die Luft
Allüberall

Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr

Allen Ginsberg dying

englisch | Lawrence Ferlinghetti

Allen Ginsberg is dying
It's in all the papers
It's on the evening news
A great poet is dying
But his voice
                     won't die
His voice is on the land
In Lower Manhattan
in his own bed
he is dying
There is nothing
to do about it
He is dying the death that everyone dies
He is dying the death of the poet
He has a telephone in his hand
and he calls everyone
from his bed in Lower Manhattan
All around the world
late at night
the telephone is ringing
This is Allen
                      the voice says
Allen Ginsberg calling
How many times have they heard it
over the long great years
He doesn't have to say Ginsberg
All around the world
in the world of poets
there is only one Allen
I wanted to tell you he says
He tells them what's happening
what's coming down
on him
Death the dark lover
going down on him
His voice goes by satellite
over the land
over the Sea of Japan
where he once stood naked
trident in hand
like a young Neptune
a young man with black beard
standing on a stone beach
It is hightide and the seabirds cry
The waves break over him now
and the seabirds cry
on the San Francisco waterfront
There is a high wind
There are great whitecaps
lashing the Embarcadero
Allen is on the telephone
His voice is on the waves
I am reading Greek poetry
The sea is in it
Horses weep in it
The horses of Achilles
weep in it
here by the sea
in San Francisco
where the waves weep
They make a sibilant sound
a sibylline sound
Allen
         they whisper
                             Allen

© L.F.
unveröffentlichtes Manuskript,
Audio production: 2004 M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

Allen Ginsberg liegt im Sterben

deutsch

Allen Ginsberg liegt im Sterben
Es steht in allen Zeitungen
Es kommt in den Abendnachrichten
Ein großer Dichter liegt im Sterben
Aber seine Stimme
                              stirbt nicht
Seine Stimme ist über dem Land
In Lower Manhattan
in seinem eigenen Bett
liegt er im Sterben
Man kann nichts
dagegen tun
Er stirbt den Tod den jeder stirbt
Er stirbt den Tod des Dichters
Er hat ein Telefon in der Hand
und er ruft jeden an
von seinem Bett in Lower Manhattan
Überall auf der Welt
spät nachts
klingelt das Telefon
„Allen hier“
                  sagt die Stimme
„Hier ist Allen Ginsberg“
Wie oft hat man das gehört
in all den langen großen Jahren
Er muss nicht Ginsberg sagen
Überall auf der Welt
gibt es in der Welt der Dichter
nur einen Allen
„Ich wollt’s euch erzählen“ sagt er
Er sagt ihnen was passiert
was hereinbricht
     über ihn
Tod der dunkle Geliebte
stürzt sich auf ihn
Seine Stimme weht via Satellit
über das Land
über das japanische Meer
wo er einst nackt stand
Dreizack in der Hand
wie ein junger Neptun
ein junger Mann mit schwarzem Bart
der an einem Kiesstrand steht
Es ist Flut und die Seevögel schreien
Die Wellen brechen sich über ihm
und  die Seevögel schreien
am Gestade von San Francisco
Ein Sturm kommt auf
Große weiße Schaumkronen
peitschen über den Embarcadero
Allen ist am Telefon
Seine Stimme ist auf den Wellen
Ich lese griechische Dichtung
Das Meer ist in darin
Pferde weinen darin
Die Pferde des Achill
weinen darin
hier am Meer
in San Francisco
wo die Wellen weinen
Sie machen ein raues Geräusch
ein raunendes Geräusch
Allen
         murmeln sie
                             Allen

Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr

A Far Rockaway of the heart 21

englisch | Lawrence Ferlinghetti

O
heart
involuntary muscle

O
heart
mute lover
without a tongue
of your own

I would speak for you
whenever you
(seeing a certain someone)
feel love

© L.F.
aus: A Far Rockaway of the heart
New York: New Directions, 1997
Audio production: 2004 M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

A Far Rockaway of the heart 21

deutsch

Ach
Herz
willenloser Muskel

Ach
Herz
stummer Geliebter
ohne eigene
Zunge

Ich würde für dich sprechen
wann immer du
(beim Anblick eines gewissen Jemand)
Liebe spürst

Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr




In: L.F.: A Coney Island of the Mind. A Far Rockaway of the Heart. Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr. München: Sammlung Luchterhand 2005.

A Coney Island of the mind 9

englisch | Lawrence Ferlinghetti

See
      it was like this when
                              we waltz into this place
a couple of Papish cats
                             is doing an Aztec two-step
And I says
                 Dad let's cut
but then this dame
                       comes up behind me see
                                       and says
                           You and me could really exist
Wow I says
                   Only the next day
                        she has bad teeth
                                  and really hates
                                                           poetry

© L.F.
aus: A Coney Island of the Mind
New York: New Directions, 1958
Audio production: 2004 M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

A Coney Island of the mind 9

deutsch

Also
       es war so daß
                      wir da reinschneien
und zwei Katholen-Schicksen
                                legen einen Azteken-Twostep hin
Und ich sag
                   Alter verschwinden wir
doch dann kommt diese Dame weißte
                                       von hinten auf mich zu
                                                   und sagt
                                          Du und ich das wär schon was
Wow sage ich
                       Nur am nächsten Tag
                              hat sie schlechte Zähne
                                     und haßt nichts so sehr wie
                                                                                 Gedichte

Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr




In: L.F.: A Coney Island of the Mind. A Far Rockaway of the Heart. Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr. München: Sammlung Luchterhand 2005.

A Coney Island of the mind 29

englisch | Lawrence Ferlinghetti

And that's the way it always is and that's the way
it always ends and the fire and the rose are one
and always the same scene and always the same
subject right from the beginning like in the Bible
or The Sun Also Rises which begins Robert Cohn
was middleweight boxing champion of his class
but later we lost our balls and there we go again
there we are again there's the same old theme
and scene again with all the citizens and all
the characters all working up to it right from
the first and it looks like all they ever think of
is doing It and it doesn't matter much with who
half the time but the other half it matters more
than anything O the sweet love fevers yes and
there's always complications like maybe she has
no eyes for him or him no eyes for her or her no
eyes for her or him no eyes for him or something
or other stands in the way like his mother or
her father or someone like that but they go right
on trying to get it all the time like in Shakespeare
or The Waste Land or Proust remembering his Things
Past or wherever And there they all are struggling
toward each other or after each other like those
marble maidens on that Grecian Urn or on any market
street or merrygoround around and around they go
all hunting love and half the hungry time not even
knowing just what is really eating them like Robin
walking in her Nightwood streets although it isn't
quite as simple as all that as if all she really
needed was a good fivecent cigar oh no and those
who have not hunted will not recognize the hunting
poise and then the hawks that hover where the
heart is hid and the hungry horses crying and
the stone angels and heaven and hell and Yerma
with her blind breasts under her dress and then
Christopher Columbus sailing off in search and
Rudolph Valentine and Juliet and Romeo and John
Barrymore and Anna Livia and Abie's Irish Rose
and so Goodnight Sweet Prince all over again
with everyone and everybody laughing and crying
along wherever night and day winter and summer
spring and tomorrow like Anna Karenina lost in
the snow and the cry of hunters in a great wood
and the soldiers coming and Freud and Ulysses
always on their hungry travels after the same
hot grail like King Arthur and his nighttime knights
and everybody wondering where and how it will all
end like in the movies or in some nightmaze novel
yes as in a nightmaze Yes I said Yes I will and he
called me his Andalusian rose and I said Yes my
heart was going like mad and that's the way Ulysses
ends as everything always ends when that hunting
cock of flesh at last cries out and has his glory
moment God and then comes tumbling down the sound
of axes in the wood and the trees falling and down
it goes the sweet cock's sword so wilting in the
fair flesh fields away alone at last and loved
and lost and found upon a riverbank along a
riverrun right where it all began and so begins again

© L.F.
aus: A Coney Island of the Mind
New York: New Directions, 1958
Audio production: 2004 M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

A Coney Island of the mind 29

deutsch

Und so ist es immer und so
endet es immer und das Feuer und die Rose sind eins
und immer dieselbe Szene und immer dasselbe
Thema von allem Anfang an wie in der Bibel
oder in Fiesta das anfängt mit Robert Cohn
war Mittelgewichtsboxchampion seiner Klasse
aber später verloren wir unseren Mumm und da haben wir’s wieder
da sind wir wieder da ist dasselbe alte Thema und
die Szene wieder mit all den Bürgern und all
den Figuren die nur darauf hinarbeiten von
Anfang an und es sieht aus als würden sie nur daran denken
Es zu tun und die halbe Zeit ist es mir egal mit wem
und die andere halbe ist es das wichtigste auf
der Welt Ach die süßen Liebesfieber ja und
es gibt immer Komplikationen wie daß sie vielleicht
ihn keines Blickes würdigt oder er sie keines Blickes oder sie
sie keines Blickes oder er ihn keines Blickes oder irgendwas
anderes steht im Weg wie seine Mutter oder
ihr Vater oder sonst jemand aber sie versuchen stur
weiter es zu kriegen wie in Shakespeare
oder Das Wüste Land oder Proust der sich an die Verlorene
Zeit erinnert oder sonstwo Und sie alle kämpfen sich
aufeinander zu oder hintereinander her wie die
marmornen Mädchen auf jener Griechischen Urne oder auf
’ner Marktstraße oder ’nem Ringelspiel ringeln sich rein und raus
auf der Jagd nach Liebe und wissen die halbe hungrige Zeit
nicht mal was wirklich an ihnen nagt wie Robin die
durch ihre Nachtgewächs-Straßen wandert obwohl es nicht
ganz so einfach ist so als würde sie eigentlich
nur eine gute Fünf-Cent-Zigarre brauchen o nein und wer
nicht gejagt hat der erkennt die Jagdhaltung
nicht und dann die Falken die über dem Versteck des
Herzens kreisen und die hungrigen Pferde schreien und
die steinernen Engel und Himmel und Hölle und Yerma
mit ihren blinden Brüsten unter dem Kleid und dann
Christoph Kolumbus der suchend in See sticht und
Rudolph Valentino und Julia und Romeo und John
Barrymore und Anna Livia und Abie’s Irish Rose
und so Goodnight Sweet Prince und noch mal von vorn
und alle und jeder lachen und weinen immer und
überall Tag und Nacht Winter und Sommer
Frühling und morgen wie Anna Karenina verirrt im
Schnee und der Schrei der Jäger in einem großen Wald
und die Soldaten kommen und Freud und Ulysses
immer auf ihrer hungrigen Suche nach demselben
heißen Gral wie König Arthur und seine nächtlichen Ritter
und jeder fragt sie wo und wie das alles enden
wird wie im Kino oder in einem Alpgraun-Roman
ja wie in einem Alpgraun Ja sagte ich Ja ich will und er
nannte mich seine Andalusische Rose und ich sagte Ja mein
Herz hämmerte wie verrückt und so endet Ulysses
wie alles immer endet wenn diese jagende
Schwanz des Fleisches am Ende aufschreit und seine Triumph-
sekunde hat Gott und dann poltert herunter der Lärm
von Äxten im Wald und stürzenden Bäumen und abwärts
geht’s des süßen Schwanzes Schwert so schlaff in
Feldern feinen Fleisches nun endlich allein und geliebt
und verloren und gefunden an einem Flußufer bei einem
Flußlauf wo alles begann und fängt von neuem an

Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr




In: L.F.: A Coney Island of the Mind. A Far Rockaway of the Heart. Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr. München: Sammlung Luchterhand 2005.

A Coney Island of the mind 20

englisch | Lawrence Ferlinghetti

The pennycandystore beyond the El
is where I first
                        fell in love
                                         with unreality
Jellybeans glowed in the semi-gloom
of that september afternoon
A cat upon the counter moved among
                                             the licorice sticks
                         and tootsie rolls
            and Oh Boy Gum

Outside the leaves were falling as they died

A wind had blown away the sun

A girl ran in
Her hair was rainy
Her breasts were breathless in the little room

Outside the leaves were falling
                                 and they cried
                                                      Too soon! too soon!

© L.F.
aus: A Coney Island of the Mind
New York: New Directions, 1958
Audio production: 2004 M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

A Coney Island of the mind 20

deutsch

Im Süßigkeitenladen jenseits der Hochbahn
wo ich mich erstmals
                                  verliebte
                                                in die Unwirklichkeit
glühten Gummibärchen im Halbdunkel
jenes Septembernachmittags
Eine Katze schlich herum auf der Theke
                                               zwischen Lakritzstangen
                                  und Sahnebonbons
             und Kaugummis

Draußen fielen sterbend die Blätter zu Boden

Ein Wind hatte die Sonne fortgeweht

Ein Mädchen rannte herein
die Haare waren regenfeucht
die Brüste atemlos in dem kleinen Raum

Draußen fielen die Blätter zu Boden
                                             und sie schrien
                                                                   Zu früh! Zu früh!

Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr




In: L.F.: A Coney Island of the Mind. A Far Rockaway of the Heart. Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr. München: Sammlung Luchterhand 2005.

A Coney Island of the mind 1

englisch | Lawrence Ferlinghetti

In Goya's greatest scenes we seem to see
                                                                  the people of the world
          exactly at the moment when
                    they first attained the title of
                                                                  'suffering humanity'
              They writhe upon the page
                                                in a veritable rage
                                                                       of adversity
                Heaped up
                              groaning with babies and bayonets
                                                                    under cement skies
                  in an abstract landscape of blasted trees
                       bent statues bats wings and beaks
                                     slippery gibbets
                      cadavers and carnivorous cocks
                   and all the final hollering monsters
                         of the
                                   'imagination of disaster'
                  they are so bloody real
                                                it is as if they really still existed

        And they do

          landscape is changed

They still are ranged along the roads
           plagued by legionaires
                                       false windmills and demented roosters

They are the same people,
                                         only further from home
       on freeways fifty lanes wide
                                on a concrete continent
                                         spaced with bland billboards
                           illustrating imbecile illusions of happiness
The scene shows fewer tumbrils
                            but more strung-out citizens
                                                       in painted cars
       and they have strange license plates
and engines
                   that devour America

© L.F.
aus: A Coney Island of the Mind
New York: New Directions, 1958
Audio production: 2004 M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

A Coney Island of the Mind 1

deutsch

In Goyas besten Bildern scheinen wir
                                                           die Menschen dieser Welt
   in jenem Augenblick zu sehen da
            sie den Titel
                                „leidende Menschheit“ erhielten
       Sie winden sich übers Blatt
                                    in einer wahren Raserei
                                                              des Elends
        Zuhauf
               jammernd mit Babys und Bajonetten
                                                            unter Zementhimmeln
          in einer abstrakten Landschaft aus verdorrten Bäumen
              krummen Statuen Fledermausflügeln und Schnäbeln
                                     glitschigen Galgen
              Leichen und fleischfressenden Hähnen
           und den brüllenden Endzeitmonstern
               der         
                     „Vision des Schreckens“
         sie sind so verdammt real
                                             als würden sie noch immer existieren

   Und sie tun es

                 Nur die Landschaft ist verändert

Sie stehen noch immer an den Straßenrändern
             gequält von Legionären
                                            falschen Windmühlen und verrückten Gockeln

Es sind dieselben Leute
                                       nur weiter weg von zu Hause
    auf Autobahnen mit fünfzig Spuren
                        auf einem betonierten Kontinent
                              zerhackt von rüden Reklametafeln
                    Illustrationen idiotischer Illusionen des Glücks

Die Szene zeigt weniger Schinderkarren
                                      aber mehr gepeinigte Bürger
                                                               in lackierten Wagen
         und sie haben komische Nummernschilder
und Motoren
                     die Amerika verschlingen

Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr




In: L.F.: A Coney Island of the Mind. A Far Rockaway of the Heart. Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr. München: Sammlung Luchterhand 2005.

Hakurarwi

shona | Chirikuré Chirikuré

Gore rino hakuvatwi
    tisina kuzvigadzira
Rino gore hakurarwi
    tisina kuzvipedza

Hatingaregi uchiwondonga, takangotarisa
Hatingaregi uchibvoronga, takangonyarara
Hatingaregi uchiwondomora, takangodzvondora
Hatingaregi uchibvonyonga, takangoduka

Zuva riya wakatuka mbuya, tikazvinyarara
Riya zuva wakatengesa pfuma, tikangonyarara
Nezuro wakapisa dura, tikazvinyarara
Nhasi woisa tsvina mutsime?
                    tsvina mutsime?
                    tsvina mutsime?

© Chirikuré Chirikuré
Audio production: 2005, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

Wir werden nicht schlafen

deutsch

Dieses Jahr werden wir nicht schlafen
    bis wir dieses Problem gelöst haben
Dieses Jahr werden wir nicht schlafen
    bis wir diese Sache zu Ende gebracht haben

Wir können nicht zulassen dass ihr alles kaputtmacht während  wir zusehen
Wir können nicht zulassen dass ihr alles durcheinander bringt,  während wir stillhalten
Wir können nicht zulassen dass ihr zerstört, während wir nur verträumt schauen
Wir können nicht zulassen dass ihr alles verpfuscht, während wir uns verängstigt ducken

An einem Tag habt ihr Großmutter beleidigt
    aber wir haben stillgehalten
Am nächsten Tag habt ihr den Familienbesitz verkauft
    aber wir haben stillgehalten
Gestern habt ihr die Kornkammer niedergebrannt
    aber wir haben stillgehalten
Aber heute scheißt ihr in den Brunnen?
                   scheißt ihr in den Brunnen?
                   scheißt ihr in den Brunnen?

übertragen von Klaus Berr

A brief history of Pakistan

englisch | Harris Khalique

With their backpacks full of shallowness
the men in uniform arrive
commanded by generals cut out in tin
law makers made of straw.

People wait for the sun to die.
Happiness lives in the moon.

© Harris Khalique
aus: between You & Your Love. Selected and New Poems
Karachi: Fazleesons. Preface by Dr Tariq Rahman. Compiled by Adnan Sattar , 2004
Audio production: 2005, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin

Eine kurze Geschichte Pakistans

deutsch

Mit ihren Rucksäcken voller Seichtheit
kommen die Männer in Uniform
befehligt von Generälen aus Blech
Gesetzgebern aus Stroh.

Die Menschen warten, dass die Sonne stirbt.
Glück lebt im Mond.

Aus dem Englischen von Klaus Berr