Marcel Beyer 
ÜbersetzerIn

auf Lyrikline: 7 Gedichte übersetzt

aus: englisch, estnisch nach: deutsch

Original

Übersetzung

Metempsychosis

englisch | Michael Hofmann

Your race run, the rest of us,
mother, sisters, sisters' boyfriends,
ran repairs. Trimmed the hedge,
whited the walls, weeded the stones.

The place looked five years younger—
you might not have recognised it.
It took you dead to harness us,
give us some common, Tolstoyan purpose.

It was the day the ants queened themselves,
or whatever they do. Got to the end,
and came back all self-conscious with silver wings,
folding stuff they hardly knew what to do with.

Like the Ossis in Berlin, they got everywhere
(a run on cuckoo clocks). The clever ones
would go far, to be in position for
the next pedestrian incarnation.

© Michael Hofmann
aus: Selected Poems
London: Faber & Faber, 2008
Audio production: Haus für Poesie, 2019

Seelenwanderung

deutsch

Dein Rennen gemacht, wir Zurückgebliebenen,
Mutter, Schwestern, Freunde der Schwestern,
machten uns ans Reparieren. Stutzten die Hecke,
weißten die Mauer, entmoosten die Platten.

Alles sah fünf Jahre jünger aus –
du hättest womöglich nichts wiedererkannt.
Tot mußtest du sein, um uns in die Gänge zu bringen,
uns ein gemeinsames, Tolstoisches Ziel zu geben.

Es war der Tag, an dem sich die Ameisen in Königinnen
verwandeln, oder wie man das nennt. Kamen zum Ende
und kehrten ganz schüchtern mit Silberflügeln zurück,
blaue Scheine, mit denen sie kaum etwas anfangen konnten.

Sie schwärmten in alle Richtungen aus, wie die Ossis in Berlin
(der Ansturm auf Kuckucksuhren). Die Allertüchtigsten
kämen weit genug, um bei der nächsten
Inkarnation gut dazustehen.

Aus: Michael Hofmann: Feineinstellungen. Gedichte in zwei Sprachen. Englisch – Deutsch. Übertragen von Marcel Beyer. Köln: DuMont Buchverlag 2001, S. 146 / 147.

Withdrawn from Circulation

englisch | Michael Hofmann

My window gave on to a street-corner where the air currents
(Berliner Luft!) were of such bewildering complexity
that the snow, discouraged, fell back up the sky ...

It stayed shut, and I sweated in the central heat
as I sweated in my pyjamas at night, snug as a worm
in my slithery tapering orange-and-green sleeping bag.

For a whole month, the one soiled bedsheet
was supposed to knit together, to join in matrimony
the shiny blue tripartite mattress, borrowed or looted

from a ruined office, but good as new.
Small wonder I hugged it in sleep! On the floor
lay the door that was to have made me a table.

It was said there was nothing between here and Siberia—
except Poland—but indoors was the tropics.
I was eighteen, and frittering away.

I picked up just enough politics to frighten my mother,
and the slick, witless phrases I used about girls
were a mixture of my father's and those I remembered

from Mädchen or Bravo ... Nothing quite touched me.
I put on weight, smoked Players and read Dickens
for anchorage and solidity. Come the autumn,

I was going to Cambridge. A few doors down
was the cellar where the RAF kept the Berlin Senator
they had kidnapped and were holding to ransom.

From time to time, his picture appeared
in the newspapers, authenticated by other newspapers
in the picture with him. He was news that stayed news.

                            (kreuzberg)

© Michael Hofmann
aus: Selected Poems
London: Faber & Faber, 2008
Audio production: Haus für Poesie, 2019

Aus dem Verkehr gezogen

deutsch

Mein Fenster mit Blick auf eine Kreuzung, draußen die Fallwinde
(Berliner Luft!) waren so turbulent und verwirrend,
der Schnee fiel entmutigt in den Himmel zurück . . .

Es blieb zu, und die Heizungsluft ließ mich schwitzen,
wie nachts mein Pyjama mich schwitzen ließ, in meinen Schlafsack
eingepackt, eine Raupe, grün-orange, glänzig und glatt.

Einen ganzen Monat lang sollte das schmutzige Laken
die drei speckigen blauen Matratzenteile zusammenhalten,
im Ehestand verbinden, die Leihgaben oder Beutestücke

aus einem aufgegebenen Bürokomplex, aber wie neu.
Klar, daß ich sie im Schlaf umklammert hielt! Auf dem Boden
die Tür, die für mich einen Tisch hätte abgeben sollen.

Außer Polen, sagte man, trenne uns nichts von Sibirien,
im Zimmer aber herrschten die Tropen.
Ich war achtzehn und hing herum.

Von Politik bekam ich gerade genug mit, um meine Mutter das Fürchten zu lehren,
und was ich an schlüpfrigen, dummen Jungssprüchen draufhatte,
stammte teils von meinem Vater, teils aus Mädchen oder

der Bravo . . . Nichts ging mir wirklich nah.
Ich nahm zu, rauchte Players und las Dickens,
meine Übungen in Gereiztheit. Im nächsten Herbst

stand mir Cambridge bevor. Ein paar Häuser weiter
befand sich der Keller, in dem die RAF den entführten
Berliner Senator als Geisel hielt.

Sein Bild erschien immer wieder
in der Zeitung, jeweils mit einer anderen Zeitung in der Hand,
damit das Bild glaubwürdig wirkte. Dahinter steckte ein kluger Kopf.

Aus: Michael Hofmann: Feineinstellungen. Gedichte in zwei Sprachen. Englisch – Deutsch. Übertragen von Marcel Beyer. Köln: DuMont Buchverlag 2001, S. 62 / 63.

LV

englisch | Michael Hofmann

The luncheon voucher years
(the bus pass and digitized medical record
always in the inside pocket come later,
along with the constant orientation to the nearest hospital).
The years of “sir” (long past “mate”, much less “dearie”),
of invisibility, of woozy pacifism,
of the pre-emptive smile of the hard-of-hearing,

of stiff joints and the small pains
that will do me in. The ninth complement
of fresh -  stale – cells, the Late Middle Years
(say, 1400 AD – on the geological calendar),
the years of speculatively counting down
from an unknown terminus,

because the whole long stack –
shale, vertebrae, pancakes, platelets, plates –
won´t balance anymore, and doesn´t correspond anyway
to the thing behind the eyes that says “I”
and feels uncertain, green and treble
and wants its kilt as it climbs upt to the lectern to blush
and read “thou didst not abhor the virgin´s womb”.

The years of takin the stairs two at a time
(though not at weekends)
a bizarre debt to Dino Buzzatti´s Tartar Steppe,
the years of a deliberate lightness of tread,
perceived as a nod to Franz Josef
thinking with his knees and rubber-tyred Viennese Fiaker.
The years when the dead are starting to stack up.

The years of incuriosity and novarum rerum
incupidissimus
, the years of cheap acquisition
and irresponsible postponement, or cheap
postponement and irresponsible acquisition,
of listlessness, of miniaturism, of irascibility,
of being soft on myself, of being hard on myself,
and neither knowing nor especially caring which.

The years of re-reading (at arm´s length).
The fiercely objected-to professional years,
the appalling indulgent years, the years of no challenge
and comfort zone and safely within my borders.
The years of no impressions and little memory.
The years of “I would prefer not”
and “leave me in the cabbage”.

The years of standing in elevators
under the elevator lights in the elevator mirror,
feeling and looking like feathered frizz,
an old cheese-topped dish under an infrared hotplate,
before the kindly took out the lights
and took out the mirror, and slipped in screens
for news, weather, and sponsors´ handy messages.

The years of one over the thirst
and another one over the hunger, of insomnia
and sleeping in, of creases and pouches and heaviness
and the barker offering to trim my eyebrows.
the years of the unbeautiful corpse in preparation.
The years to choose: sild, or flamber

© Faber & Faber
aus: One Lark, One Horse
London: Faber & Faber, 2018
Audio production: Haus für Poesie, 2019

LV

deutsch

Die Essensmarkenjahre
(Busausweis und digitale Krankenakte,
stets parat in der Innentasche, kommen später,
auch das ständige Einnorden aufs nächstgelegene Krankenhaus).
Die Jahre mit „mein Herr“ (nicht mehr „Digger“, erst recht nicht „Schätzchen“),
mit Unsichtbarkeit, wirrem Pazifismus,
mit dem Präventivlächeln der Schwerhörigen,

mit steifen Gelenken und den Wehwehchen,
die mich umbringen werden. Der neunte Satz
frischer – verbrauchter – Zellen, das Spätmittlere Alter
(so um 1400 n. Chr. – im geologischen Kalender),
die Jahre der sich unberechenbar auswölbenden Mitte,
die Jahre des spekulativen Rückwärtszählens
von einem unbekannten Endpunkt aus,

weil der ganze hohe Stapel –
Schiefer, Wirbelsäule, Teller, Blutplättchen, Plätzchen –
instabil wird, sowieso nicht entspricht
dem Ding dort hinter den Augen, das „ich“ sagt
und sich unsicher fühlt, unreif und piepsig,
seinen Kilt will, als es das Pult erklimmt, errötend
vorliest: „Du hast der Jungfrau Schoß nicht verschmäht“.

Die Jahre, in denen zwei Stufen auf einmal genommen werden
(wenn auch nicht am Wochenende),
mit seltsamen Anleihen bei Dino Buzzattis Tatarenwüste,
die Jahre mit einem betont behutsamen Auftretens,
wahrgenommen als Anspielung auf Franz Joseph,
von wegen seinen Knien, dem gummibereiften Wiener Fiaker.
Die Jahre, wenn die Toten sich aufzutürmen beginnen.

Die Jahre von Neugierlosigkeit und novarum rerum
incupidissimus, die Jahre billigen Erwerbs
und unverantwortlichen Aufschubs, oder billigen
Aufschubs und unverantwortlichen Erwerbs,
von Lustlosigkeit, Miniaturismus, Reizbarkeit,
von Nachsichtigkeit mit mir selbst, Strenge mit mir selbst,
ohne zu wissen oder wirklich wissen zu wollen, was jetzt genau.

Die Jahre widerholter Lektüre  (mit ausgestreckten Armen).
Die erbittert abgelehnten Berufsjahre,
die schrecklichen Duldsamkeitsjahre, die Jahre ohne Herausforderung
und Komfortzone, geborgen innerhalb meiner Grenzen.
Die Jahre ohne Eindrücke und mit wenig Erinnernswertem.
Die Jahre von „Ich möchte lieber nicht“
und „laßt mich hier zurück in diesem Salat“.

Die Jahre des Stehens in Aufzügen
unter Aufzuglicht, in Aufzugspiegeln,
wo ich aussah wie eine ledrige Krause,
ein aufgewärmter Käseauflauf unter Infrarot,
bevor man so gütig war, die Lampen zu entfernen
und den Spiegel abzumontieren, Bildschirme einbaute
für Nachrichten, Wetter, dienliche Sponsorenbotschaften.

Die Jahre mit einem übern Durst
und noch einem übern Hunger, mit Schlaflosigkeit
und Längerliegenbleiben, mit Falten, Tränensäcken, Gewichtszunahme
und dem Friseur, der mir rät, die Augenbrauen zu stutzen.
Die Jahre des unschönen Kadavers in Vorbereitung.
Die Jahre der Entscheidung: silt, oder flamber
...?


(Übersetzung: Jan Wagner)


- - - alternativ - - -


LV


Die Jahre der Essensgutscheine
(Monatskarte und digitalisierte Krankenakte
stets in der Innentasche, das kommt später,
wie die ständige Orientierung am nächstgelegenen Krankenhaus).
Die Jahre des »Herr« (»Kollege« lange vorbei, »Schatz« sowieso),
der Unsichtbarkeit, des duseligen Pazifismus,
des vorauseilenden Lächelns eines Schwerhörigen,

der festen Joints und der Wehwehchen,
die mich ausknipsen. Der neunte Satz
frischer – abgestandener – Zellen, die Späten Mittleren Jahre
(ungefähr 1.400 unserer Zeit – nach dem geologischen Kalender),
die Jahre der sich unberechenbar ausbreitenden Mitte,
die Jahre des spekulativen Runterzählens
von einem unbekannten Ende her,

weil der ganze Riesenstapel –
Schiefertafeln, Wirbelsäulen, Pfannkuchen, Blutplättchen, Teller –
aus dem Gleichgewicht gerät und ohnehin nicht
mit diesem Ding hinter den Augen korrespondiert, das »ich« sagt
und sich unsicher vorkommt und unreif und mit hoher Stimm’,
und das seinen Kilt will, da es das Rednerpult erklimmt, um zu erröten
und zu rezitieren »der Jungfrau Leib nicht hast verschmäht«.

Die Jahre des Zwei-Treppenstufen-auf-einmal
(wenn auch nicht am Wochenende),
einer krausen Verpflichtung gegenüber Dino Buzzatis Tartarenwüste,
die Jahre eines betont leichten Schritts,
wie um sich vor Franz Josef zu verneigen,
mit den Knien denkend und gummibereiften Fiakern in Wien.
Die Jahre, in denen die Toten anfangen, sich zu stapeln.

Die Jahre der Neugierlosigkeit und der Unversessenheit
auf novarum rerum, die Jahre der leichtfertigen Anschaffung
und des schwerwiegenden Aufschubs, oder des leichtfertigen
Aufschubs und der schwerwiegenden Anschaffung,
der Teilnahmslosigkeit, der Verzwergung, der Reizbarkeit,
der Weichheit mir selbst gegenüber, der Härte mir selbst gegenüber,
ohne zu wissen oder mich sonderlich darum zu scheren, was nun genau.

Die Jahre der Relektüre (auf Armeslänge).
Die Jahre des grimmigen Mißtrauens gegenüber Professionalität,
die erschreckend duldsamen Jahre, die herausforderungslosen Jahre
und Kuscheligkeit und Sicherheit innerhalb meines Reviers.
Die Jahre ohne Eindrücke und mit kaum einer Erinnerung.
Die Jahre des »Ich möchte lieber nicht«
und »Laß mich im Quark«.

Die Jahre des Im-Aufzug-Stehens
unter den Aufzuglampen im Aufzugspiegel,
und man fühlt sich und sieht aus wie ledrig gewordener Krissel,
ein mit altem Käse überbackenes Gericht in der Mikrowelle,
bis sie so höflich waren, die Lampen zu entfernen
und den Spiegel zu entfernen, die sie durch Bildschirme ersetzten
mit Nachrichten, der Wettervorhersage und griffigen Werbebotschaften.

Die Jahre des Einen-über-den-Durst
und Noch-einen-über-den-Hunger, der Schlaflosigkeit
und des Einschlafens, der Falten und Tränensäcke und Schwere,
und der Friseur schlägt vor, mir die Brauen zu stutzen.
Die Jahre dieser unhübschen Leiche im Werden.
Die Jahre der Wahl: Matjes oder Flambé
...?


(übertragen von Marcel Beyer)

Ins Deutsche gebracht sowohl von Jan Wagner als auch von Marcel Beyer.

Idyll

englisch | Michael Hofmann

The windows will reflect harder, blacker, than before,
and fresh cracks will appear in the yellow brick.

There is no milkman or paper boy, but presumably
the lurid pizza flyers and brassy offers of loans

will continue to drop thorugh the letterbox.
The utilities will be turned off one by one,

as the standing orders keel over or lose their address,
though there was never that much cooking or bathing or

phoning went on here anyway – the fridge will stop its buzz,
the boiler its spontaneous combusting – till there is nothing.

but a mustiness of gas. The dust will coil and thicken
ultimately to hawsers around pipes and wires;

ever more elaborate spiders´ webs will sheet off the corners;
rust stains and mildew and rot will spread chromatically

below the holes in the roof, radiate from the radiators;
eventually mosses and small grasses and even admirable

wild flowers, hell, an elder or buddleia, push their heads
through the chinks between the boards; a useless volume of books –

who could ever read that many – will keep the moths entertained,
genertions of industrious woodlice and silverfish

will leave their corpses on the clarty work surfaces,
and a pigeon or two will hook its feet over the tarnished sink

and brood vacantly over its queenly pink toes.

© Faber & Faber
aus: One Lark, One Horse
London: Faber & Faber, 2018
Audio production: Haus für Poesie, 2019

Idyll

deutsch

Die Fenster werden kontrastreicher, schwärzer reflektieren als früher,
und im gelben Ziegel werden sich neue Risse zeigen.

Hier kommt kein Milchmann, kein Zeitungsjunge, doch
die knalligen Pizzaflyer und dreisten Kreditangebote

werden wohl weiterhin durch den Briefschlitz fallen.
Schritt für Schritt wird die Grundversorgung gekappt,

da Daueraufträge schlappmachen oder ihren Empfänger verlieren,
obwohl hier ohnehin nie sonderlich viel gekocht oder gebadet oder

telefoniert wurde – der Kühlschrank hört auf zu brummen,
der Boiler wirft seine Flamme nicht mehr an – bis nichts mehr

übrig bleibt als das Gemüffel nach Gas. Der Staub wird sich verdicken,
verstricken und irgendwann Rohre und Kabel umwickeln;

unendlich viele feingebaute Spinnennetze werden die Ecke verhängen;
Rost und Mehltau und Fäule werden sich in chromatischer Folge

unter den Löchern im Dach verteilen, Strahlenkränze um Heizkörper bilden,
irgendwann werden Moose und Kleingräser und selbst wunderbare

Wildblumen, Spinnenlilien, Holler oder Schmetterlingsflieder ihre Köpfe
durch die Dielenritzen schieben; eine nutzlose Menge Bücher –

wer könnte das alles jemals lesen – wird den Motten zur Zerstreuung dienen,
Generationen emsiger Asseln und Silberfischchen

werden ihre Leichen auf den siffigen Arbeitsflächen zurücklassen,
und ein, zwei Tauben werden sich die stumpfe Spüle unter den Nagel reißen

und dumpf über ihren königlich-pinken Krallen brüten.


(übertragen von Marcel Beyer)


- - - alternativ - - -


Idylle

Die Fenster wird härter, schwärzer spiegeln als vorher,
frische Risse auftauchen in den gelben Ziegeln.

Weder Milchmann noch Zeitungsjunge, doch vermutlich
werden quietschbunte Pizzazettel, dreiste Kreditangebote

auch weiterhin durch den Briefschlitz fallen.
Die Hausanschlüsse, nach und nach abgestellt,

wenn die Daueraufträge kollabieren, Sinn und Zweck verlieren,
obwohl hier sowieso nie viel gekocht oder gebadet oder

telefoniert wurde – der Kühlschrank wird sein Summen einstellen,
der Heizkessel sein jähes Auflodern – bis nichts mehr da ist

als Muffigkeit von Gas. Der Staub wird sich winden, schließlich
zu Trossen verdicken um Rohre und Kabel;

immer kunstvollere Spinnweben werden die Ecken beschirmen,
Rost und Schimmel und Fäulnis chromatisch sich ausbreiten

unter den Löchern im Dach, aus den Heizungen züngeln;
zuletzt werden Moose und Gräslein, selbst staunenswerte

Wildblumen, ach was: Holunder oder Sommerflieder ihre Kronen
durch die Dielenritzen drücken; ein Haufen nutzloser Bücher –

wer könnte all das je lesen – werden Motten bei Laune halten,
Generationen emsiger Asseln und Silberfische

ihre Kadaver auf den peeksigen Arbeitsflächen hinterlassen,
ein, zwei Tauben sich festkrallen an der angelaufenen Spüle

und überm Königinnenrosa ihrer Zehen ins Leere sinnen.


(Übersetzung: Jan Wagner)

Ins Deutsche gebracht sowohl von Jan Wagner als auch von Marcel Beyer

Lisburn Road

englisch | Michael Hofmann

Ah, if one could at least live like that, not at odds whit things.
                                                                  GEORGE SEFERIS

A few yards of vinyl records, well-thumbed,
Under the cistern that sometimes overflows over the
    front door in London,
The drips giving visitors Legionnarie´s disease. Books in
    four countries,
The same books. No turntable. None of this is a boast.

Boots, sweaters, jeans, from pre-designer days.
Papers, birth certificate, dead passports, their corners
    docked,
My degree, my decree.
Unopened letters from my mother.

Three sets of taxes, old boarding passes,
Coins, bundled stationery envelopes that are stuck
   down or won´t stick.
The whatever world of passwords, streaming and
   clouds –
Oh, streams and clouds by.

A trunk holding a suitcase holding a holdall,
The travel equivalent of the turducken,
Motheaten to buggery.
Children´s clothes, Oshkosh, never worn.


Two paintings by a man called Smith, American in
   Paris, or Brit in New York,
One by “Puck” Dachinger, a black canted nude in a pink
  camisole,
With a stove in the corner, scratched with the back of
   the brush:
Ravings from internment on the Isle of Man.

Blood on one of the doors, peach on one of the walls
   (don´t ask).
Two plastic bottles of yellowing samogon mezcal
From Mexico, sealed with extra twists of plastic.
Imagine travelling with liquids.

Afghan rugs. A reamer, a garlic press.
A funny cup. The Porky Prime Cut greetings tched in
   the lead-off grooves,
When not only did you listen to records,
You held them up to the light and read them.

© Faber & Faber
aus: One Lark, One Horse
London: Faber & Faber, 2018
Audio production: Haus für Poesie, 2019

Lisburn Road

deutsch

Ach, könnte man doch leben, ohne daß einem die Dinge in die Quere kommen
George Seferis


Ein paar Meter Schallplatten, abgegriffen,
unterm Wasserkasten, der ab und zu überläuft überm Eingang in London,
an den Tröpfchen infizieren Besucher sich mit der Legionärskrankheit. Bücher in vier Ländern,
die gleichen. Kein Plattenspieler. Nichts hiervon ist Angeberei.

Stiefel, Pullis, Jeans aus der No-Name-Ära.
Unterlagen, Geburtsurkunde, verendete Pässe, die Ecken kupiert.
Mein Abschluß, mein Beschluß.
Ungeöffnete Briefe von meiner Mutter.

Dreifache Buchführung, alte Bordkarten,
Münzgeld, Packen selbstklebender Umschläge, zugeklebt oder nicht mehr klebend.
Das Egalistan der Passwörter, des Streamings, der Cloud –
ah, wie es vorüberwölkt und strömt.

Ein Koffer, in dem ein Handkoffer steckt, in dem ein Kleidersack steckt,
Cordon bleu wie Schniposa des Reisens,
von Motten zerfressen bis zur Sodomie.
Kinderkleidung, Oshkosh, ungetragen.

Zwei Gemälde von einem Mann namens Smith, Ami in Paris oder Brite in New York,
und eins von »Puck« Dachinger, ein schiefer schwarzer Akt in pinkem Leibchen,
in der Ecke hinten ein Herd, mit dem Pinselstiel in die nasse Farbe geritzt:
Pallaksch aus der Lagerzeit auf der Isle of Man.

An einer Tür Blut, an einer Wand Pfirsich (frag nicht).
Zwei Plastikflaschen gilbender, schwarzgebrannter Mezcal
aus Mexiko, mit Blitzbindern zusätzlich versiegelt.
Reisen mit Flüssigkeiten, was für ein Bild.

Kelims aus Afghanistan. Eine Reibe, eine Knoblauchpresse.
Eine Scherztasse. A Porky Prime Cut grüßt die Gravur an der Auslaufrille,
aus einer Zeit, als du Platten nicht nur gehört hast,
als du sie gegen das Licht hieltest, um sie zu lesen.

Übertragen von Marcel Beyer

Ebenböckstraße

englisch | Michael Hofmann

For my mother

A plaster – piece of sticking plaster – on the wall
Where the doorknob of the cold-water bathroom door
  might hit.
Has shit. A bruise in the other kind of plaster, a dent.
Mend and make do. Guest bathroom, if you will.

It never gets any better; just an embarrassing display
  of solicitude.
A naked concern with wear, like mylar or antimacassar.
The basin still to small for one hand to wash the other.
A crust of soap. No one´s died, at least not recently.

One playpen in the living room, penal, receiving.
Obsolescent photographs of grandchildren.
Small sticky fingerprints. An actual cobweb in my
  cobwebby hair.
Knick-knacks no one understands trembling for their
  lives.

© Faber & Faber
aus: One Lark, One Horse
London: Faber & Faber, 2018
Audio production: Haus für Poesie, 2019

Ebenböckstraße

deutsch

für meine Mutter

Ein Pflaster – ein Streifen Heftpflaster – an der Wand,
Wo der Knauf der Kaltwasserbadezimmertür aufschlagen könnte.
Aufschlug. Die Prellung im anderen Pflaster, dem aus Kacheln, die Delle.
Aus alt mach neu. Das Gästebad, so sieht’s aus.

Es wird nie besser; bloß dies beschämende Zurschaustellen
     von Fürsorglichkeit.
Die unverhüllte Angst vor Verschleiß, sprich: Zierleisten, Sofaschoner.
Das Becken noch immer so klein, daß eine Hand nicht die andere
     waschen kann.
Eine Seifenkruste. Niemand ist gestorben, jedenfalls nicht in der letzten
     Zeit.

Ein Laufstall im Wohnzimmer, knastartig, aufnahmebereit.
Veraltete Fotografien von Enkelkindern.
Kleine klebrige Fingerabdrücke. Eine wahrhaftige Spinnwebe in meinen
     spinnwebrigen Haaren.
Nippes, die keiner begreift, die um ihr Leben zittern.


(Übersetzung: Jan Wagner)


- - - alternativ - - -


Ebenböckstraße

für meine Mutter

Ein Pflaster – ein Heftpflaster – an der Stelle,
wo die Klotürklinke die Wand treffen könnte.
Getroffen hat. Im Putz eine Druckstelle. Eine Delle.
Selbst ist der Mann. Gästetoilette sozusagen.

Besser wird es nicht mehr; alles zeugt von genierlicher,
blanker Sorge um Abnutzung, hier Sofaschoner und Tesamoll.
Das Lavabo noch immer zu klein, als daß eine Hand die andere waschen könnte.
Ein Seifenfilm. Niemand ist gestorben, jedenfalls nicht in letzter Zeit.

Ein Laufstall in der Stube, Stubenarrest, offen für alles.
Nicht ganz taufrische Bilder von den Enkelkindern.
Kleine, klebrige Fingerabdrücke. Echte Spinnweben in meinem Spinnwebhaar.
Undurchdringliche Hinstellerchen, die um ihr Leben zittern.


(übertragen von Marcel Beyer)

Ins Deutsche gebracht sowohl von Jan Wagner als auch von Marcel Beyer

Lumevalgus äärelinna puiesteel

estnisch | Paul-Eerik Rummo

Kaugus paisub, maantee magab, maantee vähkreb unes
kusagil siinsamas lähedal. Kusagil siinsamas lähedal
telefonipostid puusadeni lumes
seisavad. Üks, teine, vaevu kolmas
ühel pool. Üks, teine, vaevu kolmas
teisel pool. Muud pimedusse kaovad
kusagil siinsamas lähedal.
Naaber-naabrilt traatkäed õlgadel
läbi pimeduse, kauguse ja talve
ühel pool. Ja läbi pimeduse,
läbi kauguse ja talve teisel pool
ja läbi lumevalguse ja minu
äärelinna puiesteel, ja läbi linna
ja jälle läbi pimeduse, kauguse ja talve
teisel pool. Naaber-naabrilt traatkäed õlgadel.
Kusagil siinsamas lähedal
kaugelt tuleb ümin, laul või itk
läbi kõigi. Lumevalgus läbi kõige,
lumevalgus äärelinna puiesteel.

© Paul-Eerik Rummo
aus: Lumevalgus... lumepimedus
Tallinn: Perioodika, 1966
Audio production: Eesti Kirjanduse Teabekeskus [Estonian Literature Centre]

Schneelicht im Vorort, Allee

deutsch

Dehnt sich die Ferne, schläft die Chaussee, dreht die Chaussee sich im Schlaf
in nächster Nähe wo, dicht. In nächster Nähe wo, dicht
stecken die Masten, Telefonmasten lendentief fest
im Schnee. Einer, zwei, kaum ein dritter
zur einen Seite. Einer, zwei, kaum ein dritter
zur andern Seite. Die andern verlieren sich ins Dunkel
in nächster Nähe wo, dicht.
Nachbar dem Nachbarn Drahthände auf die Schultern
durch Dunkel, Ferne und Winter
zur einen Seite. Und durch Dunkel,
durch Ferne und Winter zur andern Seite
und durch Schneelicht und mich
im Vorort, Allee, und durch den Ort
und wieder durch Dunkel, Ferne und Winter
zur andern Seite. Nachbar dem Nachbarn Drahthände auf die Schultern.
In nächster Nähe wo, dicht
von ferne kommt Murmeln, Gesang oder Jammern
durch alles. Schneelicht durch alles,
Schneelicht im Vorort, Allee.

Übersetzt von Marcel Beyer