Daniela Seel 
ÜbersetzerIn

auf Lyrikline: 23 Gedichte übersetzt

aus: englisch, niederländisch nach: deutsch

Original

Übersetzung

[Can you give me some money]

englisch | Johannes Göransson

Can you give me some money
so I can buy my dotter
back from döden
because poetry is not enough
or it is too much
an inflation of language I have to cut
back the words so I can
buy my daughter back I can’t
buy her back I can draw her
lungs in the garden the dogs are
loose again says the neighborhood
kid who’s starving in Giovanni’s
room we write poems
with burning branches I write
my daughter’s name it’s a poem
about flowers I’m a connoisseur
of flowers so I take a photograph
of my torso my foreign torso
has to have lilies on it
will you buy the photograph
for $44,000 it won’t
be enough for my daughter it
will pay skulden the mother
debt I’m an expert on father
skulden trash the camera
there is too much
debt on the border
between the camera
and my trickle-out mouth
my treacle-out economy
I have sugar in my oskuld
I have skuld in my poetry

© Johannes Göransson
Audio production: Haus für Poesie, 2019

[Kannst du mir Geld geben]

deutsch

Kannst du mir Geld geben
damit ich meine dotter
zurückkaufen kann vom döden
weil Gedichte nicht genügen
oder sind sie zu sehr
Sprachinflation ich muss die Wörter
zurückschneiden damit ich meine Tochter
zurückkaufen kann ich kann sie nicht
zurückkaufen ich kann ihre Lungen
in den Garten locken die Hunde sind
wieder los sagt das Nachbarskind
das in Giovannis Zimmer
verhungert wir schreiben Gedichte
mit glühenden Zweigen ich schreibe
den Namen meiner Tochter es ist ein Gedicht
über Blumen ich bin Blumen
-Connoisseur also mach ich ein Foto
meines Torsos meines fremden Torsos
der von Lilien bedeckt sein muss
willst du das Foto kaufen
für 44.000 $ es wird nicht
genügen für meine Tochter es
wird die skulden begleichen die Mutter
-schuld ich bin Experte für Vater
-schuld schmeiß die Kamera weg
da ist zu viel
Schuld an der Grenze
zwischen der Kamera
und meinem Kompostiermund
meiner Kompottierwirtschaft
ich hab Zucker in meiner oskuld
hab skuld in meinem Gedicht

Übersetzt von Daniela Seel

[I can't hear you]

englisch | Johannes Göransson

I can't hear you
the lilacs are in bloom and the underworld
is slow I'm slowly listening to girls
sing about the rabble in syrénerna
they're at my door the rabble
pöblen the girls are in the lilacs in syrénerna
I can't hear them either
I have a telephone number
tattooed on my shoulder and the lyrics
of the song on the radio
seems to be: they're at the door pöblen
they're at the door drömmen it's not a dream
summer never ends
the currency has lost control of
the language inside language
treacherous lilac language
syréner made for girls
like me for me the lilacs bloom
like little finger prints hundreds of
bloody little finger prints
I can't hear you I'm listening
to the radio my wife
is feeding me pomegranate seeds
she's feeding me with bloody fingers
it's summer it's summer I can't
hear you det är sommar

© Johannes Göransson
Audio production: Haus für Poesie, 2019

[Ich kann dich nicht hören]

deutsch

Ich kann dich nicht hören
der Flieder blüht und die Unterwelt
ist langsam ich höre langsam Mädchen
über den Mob im syrénerna singen
sie sind an meiner Tür der Mob
pöblen die Mädchen Flieder im syrénerna
auch sie kann ich nicht hören
ich habe eine Telefonnummer
auf meine Schulter tätowiert und der Text
des Liedes im Radio
scheint zu sein: Sie sind an der Tür pöblen
sie sind an der Tür drömmen es ist kein Traum
Sommer endet nie
die Währung hat die Kontrolle verloren
über die Sprache im Innern der Sprache
heimtückische Fliedersprache
syréner gemacht für Mädchen
wie mich für mich blüht der Flieder
wie winzige Fingerabdrücke hunderte
winzige blutige Fingerabdrücke
ich kann dich nicht hören ich höre
dem Radio zu meine Frau
füttert mich mit Granatapfelkernen
sie füttert mich mit blutigen Fingern
es ist Sommer Sommer ich kann dich nicht
hören det är sommar

Übersetzt von Daniela Seel

snelheid traagheid

niederländisch | Rozalie Hirs

‘s nachts ontstaan de autodeur dichtslaan overdag tevoorschijn
komen alsof het niets is de stad in rijden met grijze rusteloze

wolken van regen glimmende straten uitspreken dan thuiskomen
in een flits ongewone vormen blinkend in het alledaagse

een toestand van vervoeren daar liggen rotsen onzichtbaar
tijdens vloed voor de wereld boven water en de spiegel

geeft omstandigheden die verdwijnen het andere benoemen
of dezelfde namen vinden op steeds dezelfde andere wijze

© Rozalie Hirs
aus: Geluksbrenger
Amsterdam: Querido, 2008
ISBN: 978-90-214-3503-9
Audio production: Haus für Poesie, 2018

geschwindigkeit trägheit

deutsch

nachts entstehen die autotür zuschlagen tags hervor
scheinen wie nichts in die stadt fahren mit grauen ruhlosen

wolken regenschimmernde straßen aussprechen dann
heimkommen sofort ungewohnte formen ins alltägliche blitzen

zustand der überführung wo felsen liegen bei flut
unsichtbar für die welt über wasser und der spiegel

zeigt verhältnisse die verschwinden das andere benennen
oder dieselben namen finden auf immergleiche andere weise

Übertragung: Rozalie Hirs und Daniela Seel

een dag

niederländisch | Rozalie Hirs

vliegende ogen met verende vleugels lichten geworpen
op een landkaart getekend in handen vlammend
klaarwakker dat zei ik toch niet een ademloos lichtgewicht
honingmerk en stuifmeel van levende klaprozen blauwe
velden korenbloemen als ontpopte hoofden eenogige
wolkeloze lucht waar dromen vandaan tevoorschijn
komen als zijderupsjes zich in duizenden meters
spinnende talen op grijsgroene moerbeibladen bedekt
met haartjes onthullende draden een verliefde zon
tegemoet komen zomaar zonder opdracht of regen
strekkende voelsprieten even een aanraking
van uitslaande vleugels naar wat is (een dag)

waar komen vlinders vandaan die invasie van lentelijke
lichtgevoeligheid ondragelijk bijna witte vleugels
gespikkeld uit een droom ontwaakte nacht zo vroeg
een hand vol ochtenddauw gedronken van glanzende
grassprieten en enige uren die klonken als zware klokken
in een dorp tussen niet gespecificeerde bergen
waar mensen wonen ergens op aarde uit haar voegen
prei en uien oogsten appels in een gaard en bomen bloeien
druiven barsten voor rijping in roestvrijstalen tonnen
en straks een neus verleiden het verhemelte dan
over de tong gaan als voorproef op wie vannacht
in enige uren aanloop van opnieuw (een dag)

verschijnt in het raam een land van ijsvogels
dan kraken ijsbloemen op warme adem naar lippen
bewegen als herinneringen losgelaten haren langs wolken
niet door gespikkelde vlinders of de wind bezochte wegen
een huis de struik in een berm bevroren regenwater
verdwijnt aarde onder een witte in lichtstralen
verpakte glinsterende oppervlakte tekenen diezelfde
wolken van weer wat nevel voorbij de koude morgen
springen vlokjes het licht in een welving
van horizonnen laten vinger voor vinger schaduwen
glijden langs bomen wakker worden zich herhalen
woord voor woord een ademen (een dag)

© Rozalie Hirs
aus: Gestamelde werken
Amsterdam: Querido, 2012
ISBN: ISBN 978-90-214-4243-3
Audio production: Haus für Poesie, 2018

ein tag

deutsch

fliegende augen mit wippenden flügeln lichter geworfen
auf eine landkarte hin schraffiert von händen flammend
quickwach das hab ich doch nicht gesagt leichtgewicht
atemlos saftmal und pollen von quirligem klatschmohn
felder kornblumenblau als köpfe entpuppte einäugige
heitere himmel die träume hervorbringen sich
als seidenraupen in tausende meter sprachen
ausspinnen auf graugrünen maulbeerblättern
flaumhaarig fäden enthüllen einer verliebten sonne
entgegen nur so ohne auftrag oder regen
sich reckende fühler flüchtiges streifen von flügeln
die aufspringen nach allem was ist (ein tag)

woher die schmetterlinge die invasion märzlicher
sonnenempfindlichkeit unerträglich fast weißer flügel
gekleckst aus einem traum erwachte nacht so früh
handvoll tau gesoffen von schillernden halmen
paar stunden die tönten wie glocken schwer
in einem dorf zwischen unspezifischen bergen
wo menschen hausen wo immer auf erden aus fugen
lauch und zwiebeln klauben obst im garten und bäume blühen
trauben platzen zur reifung in tonnen aus rostfreiem stahl
und gleich die nase reizen den gaumen die zunge
streicheln im vorgeschmack auf wen heut nacht
mit paar stunden anlauf wenn wieder (ein tag)

scheint ein land auf im fenster von eisvögeln
knistern eisblumen auf warmem atem zu lippen
schweifen wie erinnerungen an gelösten haaren wolken
pfaden unberührt von sprenkeligen schmetterlingen wind
haus strauch in einem überfrornen regenwassergraben
verschwindet erde unter einer gleißend weißen
lichtgefassten oberfläche zeichnen die gleichen
wieder was wie nebelwolken vorbei am kalten morgen
springen flocken ins licht einen bogen von horizonten
lassen finger um finger schatten
an bäumen gleiten aufwachen sich wiederholen
wort für wort ein atmen (ein tag)

Übertragung: Rozalie Hirs, Daniela Seel

wetmatigheden

niederländisch | Rozalie Hirs

in de vrijgegeven storm vind ik mijn stoel in de hemel
klimt het vliegtuig langs wolken het licht tegemoet ontdekt

slaperig vanmorgen als vliegende visser op weg onzichtbare
sprong bliksemend door een ademende vlucht vogels

de bloeiende amandelboom bloedmooiste streek aan een meer
een heuvel nevelig dal door hogere heuvels versterkt aangroeiend

tot stad waar overstromende rivieren zonnewendes glanzen
van levenden en geliefden aan niemand toebehoren aan elkaar

raken vallend het laatste nieuws opvangen vandaag
bijvoorbeeld in een omgeving van enige mensen en dingen

© Rozalie Hirs
aus: Geluksbrenger
Amsterdam: Querido, 2008
ISBN: 978-90-214-3503-9
Audio production: Haus für Poesie, 2018

gesetzmäßkeiten

deutsch

im freigesetzten gewitter finde ich meinen sitz im himmel
klettert das flugzeug wolken entlang dem licht entgegen

am morgen schläfrig wie ein fliegender fischer unsichtbaren
sprung blitzend durch eine atmende formation vögel

der blühende mandelbaum blutschönste gegend am see
ein hügel nebliges tal durch berge bewehrt anwachsend

zur stadt wo überströmende flüsse sonnenwenden glänzen
von lebenden und liebende niemandem gehören einander

berühren fallend die jüngsten nachrichten abfangen heute
zum beispiel umgeben von einigen menschen und dingen

Übertragung: Rozalie Hirs, Daniela Seel

in één adem

niederländisch | Rozalie Hirs

buigt wat ruimte mijn richting uit speelt de wind rond de wereld met de keerkring een licht op beschilderde muren veranderend geluid het vertrek met schaduwen boven tafel en uitzicht de sterren het strand verwacht brekend handelende golven een zon te kiezen waar luister ik naar uit aarde reisvaardig gemaakte steen geeft laag voor laagtijd blootgelegde fossielen en diepere graven zijn er wereldreizen voor nodig om onze kleinste deeltjes in beweging te zetten

© Rozalie Hirs
aus: Geluksbrenger
Amsterdam: Querido, 2008
ISBN: 978-90-214-3503-9
Audio production: Haus für Poesie, 2018

in einem atemzug

deutsch

krümmt etwas raum sich in meine richtung spielt der wind um die welt im koordinatennetz aus licht gezeichnete wände geräusche die wechseln aufbruch mit schatten überm tisch und aussicht sternen strand in erwartung von wellen die im brechen für sonne stimmen worauf ich höre aus erde zur reise bereiter stein zeigt schicht um schicht freigelegte zeit fossilien und tiefere gräber sind weltreisen nötig um unsere kleinsten teilchen in bewegung zu setzen

Übertragung: Rozalie Hirs und Daniela Seel

* [vandaag probeer ik hartgrondig steeds opnieuw]

niederländisch | Rozalie Hirs

vandaag probeer ik hartgrondig steeds opnieuw
waar ik steeds zo hartgrondig stuitend goed
naar zoeken moet

een falen tegelijk onmetelijk licht
en handzaam klein genoeg
om mee te kunnen nemen –
altijd bij me te dragen

een falen bij de tijd
van nu en van mij – tegelijk
even alomvattend

onpersoonlijk

© Rozalie Hirs
aus: Gestamelde werken
Amsterdam: Querido, 2012
ISBN: 978-90-214-4243-3
Audio production: Haus für Poesie, 2018

* [heute versuche ich abgrundtief neuerlich]

deutsch

heute versuche ich abgrundtief neuerlich
was immer so abgrundtief gründlich
ich suchen muss

ein scheitern unfassbar leicht
und handlich genug
um es mitzunehmen –
jederzeit bei mir zu tragen

ein scheitern triftig
im jetzt und in mir – zugleich
eben umfassend

unpersönlich

Übertragung: Rozalie Hirs, Daniela Seel

* [de dag rolt de straat op]

niederländisch | Rozalie Hirs

de dag rolt de straat op
vanuit een diepte waar ik niets van weet
rolt de dag de straat op die ik diepte noem
want zo heet de dag vandaag: een diepte is als jij
haar weet te vinden in het onderhavige
onderzoek ritselen wij maar wat met papieren

nemen het op voor elkaars vermogen
te zien in het donker of de oever slaapt
als de eb een eind weg vandaag
de weg bewondert steeds anders bevolkt
en we de horizon naar ons toe halen –
een rode draad met flonkeringen

verschoppelingen van de schaduw
tot het asfalt onze voeten verbrandt
het vuur opgooit uit ons zweet
het lijf bestuurt als ware het een vrucht
op het wegdek uitgespuugd en geen vogel
echt geen een vogel opvliegt

met het verwisselen van de gedachte
vraagt de mond om niets
bemint de mond bevindt de groet zich
in onuitgesproken millimeesterlijk
benaderde zichtbaarheid van dit en dat
van wat en hoe de dingen zijn

het bloed blijft maar vragen stijgt
in het blozen een langskomende trein
schuift zich tussen nieuwbouw en leegte in mist
ons berovend van zicht op een vlieger
met een staart vol gekleurd licht
van goud misschien – misschien ook niet

© Rozalie Hirs
aus: Geluksbrenger
Amsterdam: Querido, 2008
ISBN: 978-90-214-3503-9
Audio production: Haus für Poesie, 2018

* [der tag rollt auf die straße]

deutsch

der tag rollt auf die straße
aus einer tiefe von der ich nichts weiß
rollt der tag auf die straße die ich tiefe nenne
denn so heißt es heutzutage: tiefe ist wenn du
sie zu finden weißt in dieser ermittlung hier
rascheln wir ein bisschen mit papieren

verbürgen uns einander für die fähigkeit
im dunkeln zu sehen ob das ufer schläft
wenn ebbe heut weit weg den weg
bewundert immer anders bewohnt
und wir den horizont einholen –
ein roter faden mit glitzerdingen

verstoßenen des schattens
bis asphalt unsere füße verbrennt
feuer aufglimmt aus unserem schweiß
den körper lenkt wie eine frucht
aufs pflaster gespuckt und kein vogel
gar kein vogel auffliegt

beim einwechseln des gedachten
fragt der mund nach nichts
liebt der mund findet der gruß sich
ungesagt in millimeterweise
angenäherter sichtbarkeit auf dies und das
auf wie und was die dinge sind

bleibt das blut immerzu fragen steigt
ins röten ein vorbeigleitender zug
schiebt sich zwischen neubau und leere in den nebel
nimmt uns die sicht auf den drachen
den schwanz voll farbigem licht
golden vielleicht – vielleicht auch nicht

Übertragung: Rozalie Hirs und Daniela Seel

The Light Keeper

englisch | Carolyn Forché

A night without ships. Foghorns calling into walled cloud, and you
still alive, drawn to the light as if it were a fire kept by monks,
darkness once crusted with stars, but now death-dark as you sail inward.
Through wild gorse and sea-wrack, through heather and torn wool
you ran, pulling me by the hand, so I might see this for once in my life:
the spin and spin of light, the whirring of it, light in search of the lost,
there since the era of fire, era of candles and hollow wick lamps,
whale oil and solid wick, colza and lard, kerosene and carbide,
the signal fires lighted on this perilous coast in the Tower of Hook.
You say to me stay awake, be like the lens maker who died with his
lungs full of glass, be the yew in blossom when bees swarm, be
their amber cathedral and even the ghosts of Cistercians will be kind to you.
In a certain light as after rain, in pearled clouds or the water beyond,
seen or sensed water, sea or lake, you would stop still and gaze out
for a long time. Also when fireflies opened and closed in the pines,
and a star appeared, our only heaven. You taught me to live like this.
That after death it would be as it was before we were born. Nothing
to be afraid. Nothing but happiness as unbearable as the dread
from which it comes. Go toward the light always, be without ships.

© Carolyn Forché
Audio production: Haus für Poesie / 2016

Lichthüter

deutsch

Nacht ohne Schiffe. Nebelhörner rufen durch umfriedete Wolken, und du
lebst noch, zum Licht hin gewandt, als wärs ein von Mönchen gehütetes Feuer,
Dunkelheit, sternkrustig einst, totfinster nun, da du nach innen segelst.
Durch wilden Ginster und Seegras, durch Heide und reißende Wolle
ranntest du, zogst mich an der Hand, dass ich es einmal im Leben sähe:
das Wirbeln, Kreiseln von Licht, sein Schwirren, Licht, das nach den Verlorenen sucht,
seit der Zeit des Feuers, Zeit der Kerzen und hohlbauchigen Dochtlampen,
von Tran und Stoffdocht, Raps und Schmalz, Kerosin und Karbid,
die Signalfeuer, die brannten, an dieser tödlichen Küste im Turm von Hook.
Du sagst mir, bleib wach, sei wie der Linsenmacher, seine Lungen voll Glas,
als er starb, sei die blühende Eibe, wenn Bienen darin wimmeln, sei ihre
Bernsteinkathedrale und noch die Geister der Zisterzienser werden dir wohlgesinnt sein.
In einem gewissen Licht, wie nach Regen, in perlenden Wolken oder dem Wasser jenseits,
gewusstem oder gespürtem Wasser, Meer oder See, stündest du still und schautest
für lange Zeit. Auch wenn Leuchtkäfer aufglühten und erlöschten in den Kiefern
und ein Stern erschien, unser einziger Himmel. Du lehrtest mich, so zu leben.
Dass es nach dem Tod sein würde, wie es war, bevor wir geboren wurden. Nichts
zu fürchten. Nichts als Glück, so unerträglich wie das Grauen,
aus dem her es kommt. Geh auf das Licht zu, immer, sei ohne Schiffe.

Übersetzt von Daniela Seel

Exile

englisch | Carolyn Forché

                                                 If it happened once, it happened in Odessa.

The city of your childhood rises between steppe and sea, wheat and light,
white with the dust of cockleshells, stargazers, and bones of pipefish,
city of limestone soft enough to cut with a hatchet, where the sea
unfurls and acacias brought by Greeks on their ships
turn white in summer. So yes, you remember, this is the city you lost,
city of smugglers and violinists, chess-players and monkeys,
an opera house, a madhouse, a ghost church with wind for its choir
where two things were esteemed: literature and ships, poetry and the sea.
If you return now, it will not be as a being visible to others, and when
you walk past, it will not be as if a man had passed, but rather as if
someone had remembered something long forgotten and wondered why.
If you return, your father will be alive to prepare for you
his mint-cucumber soup or give you the little sweet called bird's milk,
and after hours of looking with him for his sandals lost near the sea,
you visit again together the amusement park where
your ancestors are buried, and then go home to the apartment house
built by German prisoners of war, to whom your father gave bread
which you remember surprised you. You take the tram to a stop
where it is no longer possible to get off, and he walks
with you until he vanishes, still holding in his own your invisible hand.

© Carolyn Forché
Audio production: Haus für Poesie / 2016

Exil

deutsch

                                                               Geschah es einmal, dann in Odessa.

Die Stadt deiner Kindheit erhebt sich zwischen Steppe und Meer, Weizen und Licht,
weiß vom Staub der Herzmuscheln, Himmelsgucker und Seenadelgräten,
Stadt des Kalks, weich genug, ihn mit einem Beil zu schneiden, wo das Meer
sich ausrollt und Akazien, von Griechen auf ihren Schiffen gebracht,
weiß werden, sommers. Oh ja, du erinnerst dich, dies ist die Stadt, die du verloren hast,
Stadt der Schmuggler und Geiger, Schachspieler und Affen,
eine Oper, ein Tollhaus, eine Geisterkirche mit Wind als Chor,
wo zwei Dinge verehrt wurden: Literatur und Schiffe, Poesie und das Meer.
Wenn du jetzt zurückkehrst, wird es nicht als ein anderen Sichtbarer sein, und wenn
du vorübergehst, wird es nicht sein, als wäre ein Mensch vorübergegangen, sondern
als hätte jemand an etwas lange Vergessenes gedacht und sich gewundert, warum.
Wenn du zurückkehrst, wird dein Vater am Leben sein, um dir seine Minzgurkensuppe
zu kochen oder dir die kleine Süßigkeit zu schenken, die Vogelmilch heißt,
und nach Stunden, in denen ihr seine nahe beim Meer verlorenen Sandalen sucht,
besucht ihr noch einmal zusammen den Jahrmarkt, wo
eure Vorfahren begraben sind, und geht dann nach Hause, zu jenem Mietshaus,
das von deutschen Kriegsgefangenen gebaut wurde, denen dein Vater Brot gab,
was dich, wie du dich erinnerst, überraschte. Ihr nehmt die Tram bis zu einer Station,
wo auszusteigen nicht länger möglich ist, und er geht
mit dir, bis er sich auflöst, deine unsichtbare Hand noch immer in seiner.

Übersetzt von Daniela Seel

The Lost Suitcase

englisch | Carolyn Forché

So it was with the suitcase left in front
of the hotel—cinched, broken-locked,
papered with world ports, carrying what
mattered until then, when turning your back
to cup a match it was taken, and the thief,
expecting valuables instead found books written
between wars, gold attic-light, mechanical birds singing
and the chronicle of your country's final hours.
What, by means of notes, you hoped to become:
a noun on paper, paper dark with nouns:
swallows darting through a basilica, your hands up
in smoke, a cloud about to open over the city, pillows
breathing shallowly where you had lain, a ghost
in a hospital gown, and here your voice,
principled, tender, soughing through
a fence woven with pine boughs:
Writing is older than glass but younger
than music, older than clocks or porcelain but younger than rope.
Dear one, who even in speaking is silent,
for years I have searched, usually while asleep,
when I have found the suitcase open, collecting snow,
still holding your vade mecum of the infinite,
your dictionary of the no-longer-spoken,
a commonplace of wounds casually inflicted,
and the slender ledger of truly heroic acts.
Gone is your atlas of countries unmarked by war,
absent your manual for the preservation of hours.
The incunabulum is lost—both your earliest book
and a hatching place for your mechanical birds—
but the collection of apercus having to do
with light laying its eggs in your eyes was found,
along with the prophecy that all mass murders were early omens.
In an antique bookshop I found your catechism of atrophied faiths,
so I lay you to rest without your psalter,
nor the monograph wherein you state your most
unequivocal and hard-won proposition:
that everything must happen but to whom doesn't matter.
Here are your books, as if they were burning.
Be near now, and wake to tell me who you were. 

© Carolyn Forché
Audio production: Haus für Poesie / 2016

Der Verlorene Koffer

deutsch

So war es mit dem Koffer, vor dem Hotel
gelassen -verschnürt, Schloss kaputt,
mit Häfen der Welt beklebt, trug, was
wichtig war, bis er dann, als du dich umdrehtest,
um ein Streichholz zu zünden, weg war, und der Dieb,
Wertvolles erwartend, Bücher fand, geschrieben
zwischen Kriegen, goldenes Dachbodenlicht, mechanische Vögel singen
und die Chronik der letzten Stunden deines Landes.
Das durch Aufzeichnungen hoffentlich würde:
ein Nomen auf Papier, Papier, dunkel von Nomen:
Schwalben, die durch eine Basilika toben, deine Hände hoch
in Rauch, eine Wolke, die jeden Moment aufreißen wird über der Stadt, Kissen
atmen flach, wo du gelegen hast, ein Geist
im Krankenkittel, und hier deine Stimme,
grundsätzlich, zärtlich, leiernd durch
einen Zaun aus Kiefernzweigen:
Schreiben ist älter als Glas, aber jünger
als Musik, älter als Uhren oder Porzellan, aber jünger als Seil.
Lieber, der du im Sprechen noch schweigst,
Jahr um Jahr suchte ich, häufig im Schlaf,
da ich den Koffer offen fand, Schnee sammelnd,
noch immer dein vade mecum des Unendlichen darin,
dein Wörterbuch des Nichtmehrgesprochenen,
einen Gemeinplatz von Wunden, beiläufig zugefügt
und das dürftige Register wirklicher Heldentaten.
Verschwunden dagegen dein Atlas nicht von Krieg gezeichneter Länder,
auch dein Handbuch zur Bewahrung von Stunden fehlt.
Verloren die Inkunabel - zugleich dein frühestes Buch
und Brutplatz für deine mechanischen Vögel -
aber die Sammlung von Apercus zu
Licht, das seine Eier in deine Augen legt wurde gefunden,
zusammen mit der Prophezeiung, dass alle Massenmorde frühe Omen seien.
In einem Antiquariat fand ich deinen Katechismus verkümmerter Religionen,
und so begrabe ich dich ohne deinen Psalter,
ohne auch die Monografie, in der du deine
aufrichtigste und mühsamst errungene These formulierst:
dass alles geschehen muss, aber wem, das ist gleich.
Hier sind deine Bücher, als würden sie brennen.
Sei nahe nun, und wach auf, um mir zu sagen, wer du warst. 

Übersetzt von Daniela Seel

Morning On The Island

englisch | Carolyn Forché

The lights across the water are the waking city.
The water shimmers with imaginary fish.
Not far from here lie the bones of conifers
washed from the sea and piled by wind.
Some mornings I walk upon them,
bone to bone, as far as the lighthouse.
A strange beetle has eaten most of the trees.
It may have come here on the ships playing
music in the harbor, or it was always here, a winged
jewel, but in the past was kept still by the cold
of a winter that no longer comes.
There is an owl living in the firs behind us but he is white,
meant to be mistaken for snow burdening a bough.
They say he is the only owl remaining. I hear him at night
listening for the last of the mice and asking who of no other owl.

© Carolyn Forché
Audio production: Haus für Poesie / 2016

Morgen Auf Der Insel

deutsch

Die Lichter überm Wasser sind die erwachende Stadt.
Das Wasser schimmert von erträumtem Fisch.
Nadelbaumgräten liegen nicht weit von hier,
aus dem Meer gespült und windgeschichtet.
Manchmal morgens laufe ich auf ihnen,
Gräte um Gräte, bis zum Leuchtturm.
Ein seltsamer Käfer hat die Bäume zerfressen.
Er kam vielleicht mit den Schiffen, die Musik
spielen im Hafen, oder er war immer hier, ein geflügelter
Schmuckstein, nur früher beruhigt von der Kälte
eines Winters, der nicht mehr kommt.
In den Tannen hinter uns lebt eine Eule, die weiß ist,
um zu Schnee zu werden auf einem von Schnee schweren Ast.
Sie sagen, sie allein sei noch übrig. Ich höre sie nachts
nach der letzten Maus horchen und "Komm-mit" rufen, keiner Eule mehr zu.

Übersetzt von Daniela Seel

What Comes

englisch | Carolyn Forché

J'ai rapporté du désespoir un panier si ipetit mon amou, qu'on a pu le tresser en osier.
                                                                                                  —Rene Char
to speak is not yet to have spoken.
the not-yet of a white realm of nothing left
neither for itself nor another
a no-longer already there, along with the arrival of what has been
light and the reverse of light
terror as walking blind along the breaking sea, body in whom I lived
the not-yet of death darkening what it briefly illuminates
an unknown place as between languages
back and forth, breath to breath as a calm
in the surround rises, fireflies in lindens, an ache of pine
you have yourself within you
yourself, you have her, and there is nothing
that cannot be seen
open then to the coming of what comes

© Carolyn Forché
Audio production: Haus für Poesie / 2016

Was Kommt

deutsch

J'ai rapporté du désespoir un panier si ipetit mon amou, qu'on a pu le tresser en osier.
                                                                                                  —Rene Char
sprechen ist noch nicht gesprochen haben.
das Noch-nicht eines weißen Reichs von nichts mehr
nicht für sich noch einen anderen
ein Nicht-länger schon da, beim Eintreffen dessen, was
Licht war und die Umkehr von Licht
Terror wie blindes Gehen am Meer, das sich bricht, Körper, darin ich lebte
das Noch-nicht des Todes verdunkelt, was es kurz erhellt
unkenntlicher Ort wie zwischen Sprachen
her und hin, Atem zu Atem wie eine Gelassenheit
im Umher aufsteigt, Leuchtkäfer in Linden, ein Lärchenschmerz
du hast dich in dir
dich selbst, du hast sie, und da ist nichts
das nicht gesehen werden kann
offen dann dem Kommen dessen, was kommt

Übersetzt von Daniela Seel

Litany In Krakow

englisch | Carolyn Forché

the yes of the living
the no of the wall
the yes of the bridge
the no of the water below the bridge
the yes of wind, no of wire
the yes of bells
the no of the bolted door
the yes of air
the no of answer
the yes of swallows, the no of stone

© Carolyn Forché
Audio production: Haus für Poesie / 2016

Litanei In Krakau

deutsch

das Ja der Lebenden
das Nein der Mauer
das Ja der Brücke
das Nein des Wassers unter der Brücke
das Ja von Wind, Nein von Draht
das Ja von Glocken
das Nein der verriegelten Tür
das Ja von Luft
das Nein von Antwort
das Ja von Schwalben, das Nein von Stein

Übersetzt von Daniela Seel

[engel leg een nieuw lichaam voor me klaar]

niederländisch | Els Moors

engel leg een nieuw lichaam voor me klaar
gevoed door een verschroeiende kogel in mijn slaap
gedragen door sneeuw

een hoed om met lood en zonlicht in het papier te vlechten
een lange smalle jongen
en ik neem zijn hand

onthutsend zal ik openklappen
klap klap

zoals de zee de hemel neemt
en transformeert
tot zilte wolken
golven stormen

morgen

© Els Moors
aus: Liederen van een kapseizend paard
Amsterdam/Aalst: Nieuw Amsterdam/Het Balanseer, 2013
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2015

[Engel leg mir einen neuen Körper bereit]

deutsch

Engel leg mir einen neuen Körper bereit
vom versengenden Schrot in meiner Schläfe gespeist
aufgehoben von Schnee

einen Hut um Blei und Sonnenlicht ins Papier zu spinnen
einen Jungen, lang und schmal
ich nehme seine Hand

zerrauft werde ich aufklappen
klapp klapp

so wie das Meer den Himmel nimmt
und transformiert
zu salzigen Wolken
Wogen Orkanen

Morgen

Deutsche Fassung von Daniela Seel.
Die Übersetzung ist ein Ergebnis des Übersetzungsworkshops VERSschmuggel im Rahmen des poesiefestival berlin 2015.
Sprachmittler: Rosemarie Still

[ik gedoog dat ik werd geschapen]

niederländisch | Els Moors

ik gedoog dat ik werd geschapen
en raak me aan ik ben een en al
zeeanemoon

een koude wind komt van over
de bergen het regent al dagen
en er is geen beterschap

in zicht iedereen houdt de lippen
op elkaar in ijzig zwijgen
en de wijzer van de teller
flirt voortdurend met het nulpunt

als ik spreek dan enkel nog
met moordenaars en dieven
die zich verschansen als
bedoeïenen in de woestijn

mijn eenzame spraak
is kuis als het water van
een oceaan maar dan van
voor hij door de wereld
als stortplaats werd gebruikt

© Els Moors
aus: Liederen van een kapseizend paard
Amsterdam/Aalst: Nieuw Amsterdam/Het Balanseer, 2013
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2015

Ich dulde dass ich erschaffen wurde

deutsch

Ich dulde dass ich erschaffen wurde
und fasse mich an bin ganz und gar
Seeanemone

ein kalter Wind kommt von hinter
den Bergen es regnet seit Tagen
Besserung ist nirgendwoher

zu erwarten alle pressen die Lippen
zusammen ein eisiges Schweigen
der Zeiger, der Zähler flirtet
fortwährend mit dem Nullpunkt

wenn ich rede dann bloß noch
mit Mördern und Dieben
die sich verschanzen wie
in der Wüste Beduinen

mein einsames Quatschen
ist keusch wie Wasser
ein Ozean aber bevor
die Welt ihn als
Schrottplatz benutzt hat

Deutsche Fassung von Daniela Seel.
Die Übersetzung ist ein Ergebnis des Übersetzungsworkshops VERSschmuggel im Rahmen des poesiefestival berlin 2015.
Sprachmittler: Rosemarie Still

[het paard is geen paard]

niederländisch | Els Moors

het paard is geen paard
maar het staat in de coulissen
en ik klop het op de manen

de manen van het paard wachten
tot ze worden bevrijd door mijn mond
het zijn cirkels die op mijn bord liggen

draaiend aan het reuzenrad tot maan en rad
aan elkaar gespaakt en ikzelf in het luchtledige
mijn chocolade billen richting zijn ronde neusgaten

heb geschoven het paard naar suiker en hooi begint
te vlooien zandkastelen losliggend zeewater
de achtergrond waartegen wij beide

galopperen
haastig rollend hitsig
schuimbekkend

© Els Moors
aus: Liederen van een kapseizend paard
Amsterdam/Aalst: Nieuw Amsterdam/Het Balanseer, 2013
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2015

[die Stute ist keine Stute]

deutsch

die Stute ist keine Stute
sie duckt sich nur in die Kulissen
und ich klopf ihr über die Hufe

die Hufe der Stute erdulden‘s
bis sie erlöst werden von meinem Mund
es sind Kreisel die auf meinem Teller trudeln

zurrend am Ringelspiel bis Mond und Ring
einander Speiche sind und ich selbst im Luftleeren
meinen Schokopo Richtung ihrer runden Nüstern

bugsiere/schiebe die Stute nach Zucker und Heu zu stecknadeln
anfängt Sandburgen lose lungerndes Meerwasser
der Hintergrund gegen den wir zwei

galoppieren
hastig rollend rossig
schaumsprotzend

Deutsche Fassung von Daniela Seel.
Die Übersetzung ist ein Ergebnis des Übersetzungsworkshops VERSschmuggel im Rahmen des poesiefestival berlin 2015.
Sprachmittler: Rosemarie Still

[loop ik achter iets aan op straat]

niederländisch | Els Moors

loop ik achter iets aan op straat: een ijsblok voetsporen 
paddestoelen schieten als pistolen uit de grond
een serveerster ligt op bed begraven ze zegt
het is altijd slecht slapen of janken van geluk

maar zij zal zich moeten haasten
zij kan nu immers elk moment
worden gespiest door een grote zwarte man
respect voor de armen

het zit hem in de kleren die ze dragen niets past
de overzetboten richting lampedusa zitten vol
maar wat in de meerderheid is het volk
wil tegenwoordig al uit eigen beweging zinken
het goud voor eeuwig in de etalage laten roesten

dus wij zwijgen als god het wil
bezwangert hij de lucht
met gesmolten poedersuiker

vermommingen

ik blijf ze aan- en uittrekken
tot mijn armen ervan kraken

© Els Moors
aus: Liederen van een kapseizend paard
Amsterdam/Aalst: Nieuw Amsterdam/Het Balanseer, 2013
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2015

[lauf ich hinter was her auf der Straße]

deutsch

lauf ich hinter was her auf der Straße: ein Eisblock Stapfen
Pilze schießen aus dem Boden wie Pistolen
eine Kellnerin liegt begraben auf dem Bett sie sagt
ständig schlecht schlafen oder jammern vor Glück

sie wird sich sputen müssen
sie kann jeden Augenblick
aufgespießt werden von nem großen schwarzen Mann
Respekt vor den Armen

es sind halt die Klamotten die sie tragen nix passt
die Boote nach Lampedusa sind voll
aber was in der Mehrheit ist das Volk
will heute ja freiwillig sinken
auf ewig soll das Gold in den Auslagen rosten

also schweigen wir wenn Gott will
schwängert er die Luft
mit karamellisiertem Puderzucker

Vermummungen

ich zieh sie weiter an und aus
bis mir die Arme krachen

Deutsche Fassung von Daniela Seel.
Die Übersetzung ist ein Ergebnis des Übersetzungsworkshops VERSschmuggel im Rahmen des poesiefestival berlin 2015.
Sprachmittler: Rosemarie Still

[onderweg naar huis]

niederländisch | Els Moors

onderweg naar huis
waar een kat op me wacht is het broeierig
mijn longen kreunen onder het gewicht van
tegels vloeren en dan weer rotsblokken

de pijl die ik hartstochtelijk heb toegelaten
de voorwaarde voor mijn niet-aflatende
extase of hoe de zomer hoog
bij me naar binnen glijdt

een avondmaal van lauwe
door de zon verwarmde kerstomaten
en sardienen harde witte eieren
waarmee ik me de ogen dep

benen waarmee ik over het schoteltje melk heen
kan zitten de woorden wijd
en mijn vinger diep

© Els Moors
aus: Liederen van een kapseizend paard
Amsterdam/Aalst: Nieuw Amsterdam/Het Balanseer, 2014
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2015

[Auf dem Weg zu einem Haus]

deutsch

Auf dem Weg zu einem Haus
wo eine Katze auf mich wartet ist es schwül
meine Lungen ächzen von der Schwere aus
Fliesen Böden und wieder Felsblöcken

der Pfeil den ich in Verzückung zugelassen habe
Grund für meine unnachgiebige
Ekstase oder wie der Sommer hoch
in mich einfließt

ein Abendmahl aus lauen
sonnenwarmen Kirschtomaten
und Sardinen hartgekochten weißen
Eiern zum Augentupfen

Beine mich über ein Schüsselchen Milch hin
zu hocken die Wörter weit
wie mein Finger tief

Deutsche Fassung von Daniela Seel.
Die Übersetzung ist ein Ergebnis des Übersetzungsworkshops VERSschmuggel im Rahmen des poesiefestival berlin 2015.
Sprachmittler: Rosemarie Still

ATTENTION AND INTERPRETATION

englisch | John Wilkinson

A treatise divides between its several heads, yellow
safe as its green is matter-of-fact, ladies-mantle
bunched lustrous jar, converges & is close to oceanic -
No more no more. The earth bread, the millet, maize,

the repeated cattle voluble as though on cranes' legs,
where shall these be put? A telephone put its reply
summarily before a priest calling, stands & clicks
divining-bones like callipers, adjusted so as to nod

agreement but in a separate context. It is a protocol
followed by true, farsighted men. Their fine yellow
hegemony spreads, in pollen unconstrained but keeping
bounds, lilts towards the future thought to include

a number of specifics. Take the colourful antidote
to irony, the sexual check on starvation, shuttles of
feverish remedies would swerve through roseate water
plump the little object I which wallowed & withered

& wallowed again on the lam like an ECHO virus; take
that ragamuffin seeds & multiplies, cursed to remain
orphaned ever within its own likenesses - it is clear,
is it not, is it not, is it not, blue heaven sweats.

© John Wilkinson
aus: Schedule of Unrest. Selected Poems
Norfolk: Salt Publishing, 2014
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2014

SORGFALT UND AUSLEGUNG

deutsch

Eine Abhandlung unterteilt zwischen ihren Kopfzeilen, Gelb
gewiss wie ihr Grün faktisch nüchtern, Frauenmantel Gebinde
Einmachglas Schimmer, fließt ineinander & ist beinah ozeanisch –
Nie mehr nie mehr. Das Erdenbrot, die Hirse, Mais,

das wiederholte Vieh geläufig wie auf Kranichbeinen,
wohin damit? Ein Telefon bringt seine Antwort kurzerhand
vor einen Priesterruf, steht & knackt Wünschelknochen
nach Schublehrenart, eingestellt auf zustimmendes

Nicken, aber in gesondertem Kontext. Es ist ein Protokoll,
dem wahre Männer folgen, weitsichtig. Ihre feine gelbe
Hegemonie breitet sich aus, in Blütenstaub, ungezwungen,
doch rückgebunden, trällert in Richtung Zukunft, ein paar

Spezifika zählen im Soll. Nimm das bunte Gegengift
zu Ironie, den Sextest auf Hungern, und fiebrige
Balsamschiffchen würden Rosenwasser durchschlingern,
drall das bisschen Ding Ich, das sich wälzte, welkte

& wieder wälzte auf der Flucht wie ein ECHO-Virus, nimm
das Lumpengesindel, sät & vermehrt sich, verflucht immer
verwaist zu bleiben in seinen eigenen Ähnlichkeiten – es ist klar,
ist es nicht, ist es nicht, ist es nicht, Blauhimmel schwitzt.

Aus dem Englischen übersetzt von Daniela Seel

CAJOLING

englisch | John Wilkinson

If I let myself
freely to spill,
here is a wolf
amidst forest petals

carrying a small
grey harbinger,
here is a blue woollen
empty. Its shelf.

Either it freezes
or coagulates
or sets firm.
Every sweet piece

picked up, melts.
Never think.
Never feel.
I won't give leave.

© John Wilkinson
aus: Schedule of Unrest. Selected Poems
Norfolk: Salt Publishing, 2014
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin, 2014

UMSCHMEICHELN

deutsch

Ließ ich mich
frei tollen,
hier ist ein Wolf
unter Waldblüten

bringt einen kleinen
griesigen Herold,
hier ist ein blau wollener
leer. Sein Lager.

Entweder friert‘s
oder gerinnt
oder bestimmt.
Jede Süßigkeit

aufgeschnappt, schmilzt.
Nie denken.
Nie fühlen.
Ich gebe nicht nach.

Aus dem Englischen übersetzt von Daniela Seel

Love of the Loveless

englisch | Kate Fagan

Cento for Tom Lee

And finding nothing
you look back over your shoulder
happy lives, a lot of time
that one image. On bad days
you don’t trust yourself.
It was –
It was as if –
But this is an old story,
the specific weight of an image.
Pretty much alone with
the eye unrecounted,
heart almost telescopic.
A glorious early summer’s day
behind glass. At home with ever
greater frequency    I hardly
I heard I lived I didn’t
I become. Old photographs
seem to have this, people walking
around you    never  always
empty
something
image
day
shine

 

aus: First Light
Giramondo Press, 2012
Audio production: The Red Room Company, 2014

Liebe der Lieblosen

deutsch

Cento für Tom Lee

Und nichts findend
schaust du über deine Schulter zurück
glückliche Leben, viel Zeit
das eine Bild. An schlechten Tagen
traust du dir nicht.
Es war –
Es war, als würde –
Aber das ist eine alte Geschichte,
das spezifische Gewicht eines Bildes.
Ziemlich alleine mit
dem Auge nicht erzählt,
Herz fast teleskopisch.
Ein herrlicher Frühsommertag
hinter Glas. Zu Hause in immer
größeren Abständen         kaum ich
hörte ich lebte ich nicht
ich werde. Alten Fotografien
scheint das eigen, Menschen gehen
um dich herum         niemals je
leer
etwas
Bild
Tag
Glanz

Aus dem Englischen übersetzt von Daniela Seel

Through a Glass Lightly

englisch | Kate Fagan

Cento for Beginners

The nasturtium is to itself already
a memory. It opens its leaves
its fire
ribbed impression in the grass
that forms like shadow.
I see it plain
as a living fretwork
in the distortion of sound,
press a leaf to a winter dream
of your hand
translated, given.
Our love calls and we lie
in the future of cells dividing,
a water drop
clean in its own shape.
A nasturtium between itself
and us, showing the light.
Time to be born.

aus: First Light
Giramondo Press, 2012
Audio production: The Red Room Company, 2014

Durch ein Glas leicht

deutsch

Cento für Anfänger

Die Brunnenkresse ist sich selbst schon
Erinnerung. Öffnet ihre Blätter
ihr Feuer
Rippenprägung im Gras
das sich formt wie Schatten.
Ich sehe sie einfach
als lebende Laubsägearbeit
in der Lautverzerrung,
presse ein Blatt zu einem Wintertraum
deiner Hand
übersetzt, gegeben.
Unsere Liebe ruft und wir liegen
in der Zukunft sich teilender Zellen,
ein Wassertropfen
klar in seiner eigenen Form.
Eine Brunnenkresse zwischen sich
und uns, die das Licht zeigt.
Zeit, geboren zu werden.

Aus dem Englischen übersetzt von Daniela Seel