Susan Bernofsky 
ÜbersetzerIn

auf Lyrikline: 13 Gedichte übersetzt

aus: deutsch nach: englisch

Original

Übersetzung

Vor einem hellen Vokal

deutsch | Yoko Tawada

Gleich werde ich meinen
Bauch zeigen und tanzen an einem
Teich wo eine deutsche
Eiche steht. Ein gottloses
Buch werde ich
euch schreiben und steige
hoch auf den Galgen. Ich bin ein fliegender
Teppich mit einem
Kopftuch. So ein
Pech! Kann ich fliehen? Kennst du das Land
CH?
Die Lesart der heiligen S-
chriftzeichen c und h bleibt weiter offen


© 多和田 葉子/Yoko Tawada
Audio production: Haus für Poesie / 2017

Chagrin

englisch

Should I take a chance and chase
a slouching wretch
along the beach,
or lunch beneath a birch
in the country CH?

A chef reads a chic
brochure beneath a
chandelier.

Meanwhile an alchemist
chronicles chaos, which he
characterizes as a
chimera.

I always get a stomach-
ache
in a
church.

Free translation by Susan Bernofsky

Fukushima 24

deutsch | Yoko Tawada

„Heute Ruhetag“ steht an der
Tür eines Friseursalons. Seit
drei Jahren hört der
Tag „Heute“ nicht
mehr auf und die Haare
wachsen woanders.

© 多和田 葉子/Yoko Tawada
Audio production: Haus für Poesie / 2017

Fukushima No. 24

englisch

“Closed today” says the door
of the beauty salon. For
three years now the day
called today has lasted,
and all the hair
is growing someplace else.

Translated by Susan Bernofsky

Widder

deutsch | Yoko Tawada

Ich sei ein Tier mit Hörnern, sagte er,
würde immer in den ersten sieben Jahren des Lebens
verweilen. Verließe ich sie,
würde ich eingehen. Bleibe ich dort, gäbe es keinen
Sex. Mein Versuch, ein bewohnbares Alter zu finden.
Du hast es schon gefunden.
Offen die Hügellandschaft, Eingeschlossen
im Gehäuse der Kamera.
Es gibt keine Haiku über das Innere,
in dem es keine Jahreszeiten gibt.

© 多和田 葉子/Yoko Tawada
Audio production: Haus für Poesie / 2017

Aries

englisch

He said I was an animal with horns
dwelling eternally in the first seven years
of life. If I leave them,
I’ll perish. If I remain, I’ll never have
sex. My attempt to find a habitable age.
You have already found it.
An open landscape of hills, shut up
within the body of the camera.
There is no haiku about the interior
in which no seasons exist.

Translated by Susan Bernofsky

Die zweite Person Ich

deutsch | Yoko Tawada

Als ich dich noch siezte,
sagte ich ich und meinte damit
mich.
Seit gestern duze ich dich,
weiß aber noch nicht,
wie ich mich umbenennen soll.

© 多和田 葉子/Yoko Tawada
Audio production: Haus für Poesie / 2017

Second-Person I*

englisch

Back when you were still a Sie
I said I, meaning
me.
Yesterday you became a du
but I still don’t know
What to change my name to.




*German uses formal (Sie, pronounced “zee”) and informal (du) forms of address, corresponding to vous and tu in French.

Translated by Susan Bernofsky

diagonal

deutsch | Yoko Tawada

Entlegene Ähnlichkeiten
Von einer Hand getragen durch Jahre
Ohne Einschreibung

Die Schlange sagt:

Was

Gebärdensprache der Initiale
Aus Deinem Namen herausgeschnitten

Wann

Gestutzte Fragen
Kurzschluß in meiner Vokabel
Busch der Reibung

Millionenfache
Überlagerung von Sternbildern
Hungrig unermüdlich tanzsüchtig

Keine Absprache
Über die Tetrapackung für die Milchstraße
Ungeteilter Alltag
Bei mir und zwischen uns

Bin in dieser windigen Stadt
Zurückgeblieben
Habe Sterne beobachtet
Im Bildschirm
Vielleicht ein Versuch
Das verlorene Netz mit einem Fisch zu fangen

Vom Stammbaum hinuntergefallen
Die Bauchkabel zerrissen
Jede gebärt jede
Mutterschaft als Übertreibung

Wohin

Schlaflose Fenster
In einem Spiel wird jedes Rätsel streng gelöst
Bügeleisenförmig

Ortsnamen sind seßhaft
Wohnen im Nirgendwo-Papier

Es funkt
Sendezeit erfüllt meine Ohren
Verschiebt aber den Augenblick der Adressierung

Nach der Wiedergeburt als erstes
In den Briefkasten hineingeschaut
Dann schnell zurück
Ins Mischwesen des Buches

Ein geschriebener Garten
Ein Verstummen auf der Brücke der Aufzählung
Abwesenheit der Gänse
Ihre Füße sind Wunderkerzen
Autoren stehen hinter den Gittern
der Autogramme
Von Dir her eine heitere Stufe - hellsichtig


Unser seltsamer Spaziergang
Durch einen augenlosen Fleck
Kein Denkmal steht dort
Flüchtig erscheint es
In einem Blitz
Die Einzige
Bis jetzt

Schreiben
In die Arme der Wiederholung
Deiner Worte

© 多和田 葉子/Yoko Tawada
Audio production: Haus für Poesie / 2017

diagonal

englisch

Remote resemblances
Hand-carried through these years
Without registered mail

The snake says:

What

A sign-language of initials
carved from your name

When

Questions trimmed to size
A vocabulary short-circuit
Fricative bushes

Millionfold overlapping con-
Stellations
Hungry indefatigable dance-happy

No agreement
On Tetra-packing the Milky Way
An undivided routine
Mine and between us

Left behind
In this windy city
I watched stars falling
On a screen
Perhaps an attempt
To catch the lost net with a fish

I tumbled out of my family tree
Umbilical cable ripped
Birth begets birth
Motherhood is an exaggeration

And where now?

Insomniac windows
In a game each riddle has a rigorous solution
Shaped like an iron

Place-names are sedentary
They live in the nowhere-paper

Transmission!
Airtime fills my ears
But postpones the moment of address

First thing after reincarnation
Have a look in the mailbox
Then dash back
Into the book’s hybridity

A written garden
A falling-silent upon the bridge of enumeration
The absence of geese
The roman candles of their feet
Authors trapped behind the bars
Of autographs
One cheerful step up from
where you stand – clairvoyant

Our strange perambulations
Through an eyeless village
No monument here
Fleetingly it appears
In a flash
All alone
Until now

Writing
Into the arms of repetition
The repetition of
Your words




____

Translator’s note: In German, quotation marks are colloquially referred to as “little geese feet” (Gänsefüßchen).

Translated by Susan Bernofsky

Westerland oder The Waste Land

deutsch | Yoko Tawada

Humane Hormone
fließen als Fußgängerzone
zwischen Knochenhäusern
Fischfrikadellen
Matjesbrötchen
Urlaubsromane mit verschwitzten Busen auf dem Titelbild
Eine einheitliche Augenfarbe ultraviolett
Deine Ebbe und Flut
synchronisieren sich mit der Schaumwirtschaft
Eine Brise streut Salz
ins Gesicht
Hast du gesehen
Der Koch liegt tot
neben ihm seine drei Arme
abgeschnitten und hingeworfen
eine Schürze, faltig
wie die Nordsee, die er
täglich auf den Teller brachte
Nahrhaftes, Buntes, Gemischtes
Die Servietten sind beschmutzt von Hagebutten und dem Himmel
Als Nationalfahne nicht definierbar
Auch die Bettlaken mit ihren Traumspuren
lassen sich nicht waschen mitten in
verblassten Ordnungsresten ein Wachstum
oder industrielle Milchzähne als Säulen
ohne Dach

© 多和田 葉子/Yoko Tawada
Audio production: Haus für Poesie / 2017

Westerland or The Waste Land

englisch

Humane hormones
a pedestrian zone flowing
between bonehouses
Fish patties
Herring on a bun
Beach reads featuring perspiring bosoms
Ultraviolet the universal eye color
Your ebb and flow
synchronized with foam economics
A breeze shakes salt
in your face
Did you see
The cook is dead
lying beside his three arms
chopped off and thrown on the ground
an apron, wrinkly
as the North Sea, which he
dished up daily
a nourishing medley
The napkins are stained with rosehips and sky
A poorly-defined national flag
Not even the bedsheets with their dreamstains
can be washed clean amid these
faded scraps of order an expansion
or industrial milk teeth: pillars
without a roof

Translated by Susan Bernofsky

Transformation Richard III

deutsch | Yoko Tawada

Ein Seeteufel hängt seine zackige Flosse nach oben
Transparent die Schuppen Die Gräten einer Harfe
So viel Shakespeare hast du gespeist und getrunken
Eine Opfergabe für Götter: dein Fleisch und eine Karaffe

Die Theaterbühne ist dein Kostüm gesteinskörnig
Die Materie der Kulisse verletzt deine Haut
Ein Hemd zum Ausziehen aus Halsketten geknüpft
Der Buckel im Netz der Lederriemen ist ein Ich

Obszön und ungeschützt ist das Königreich der Insel
Erfolg stammt aus der Geschwulst im Herrscherhirn
Vom Gewand der Rede zieht sich zurück der Zungenzipfel
In die Stummheit eines Tiers Es trauert nicht gern

Regieren wollte der der hängt und baumelt Einsam
Überlebt der Schauspieler den König jeden Abend
Das Innere des Schuhs bleibt dunkel im Publikum
Deine Nachttieraugen erkennen jedes Gesicht

© 多和田 葉子/Yoko Tawada
Audio production: Haus für Poesie / 2017

Transformation Richard III

englisch

An anglerfish dangles its jagged fin up above
The scales transparent Harpstring bones
That’s how much Shakespeare you’ve eaten and quaffed
A sacrifice for gods: your flesh and a carafe

The theater stage is your costume, granitic
The sets’ materiality scrapes at your skin
A shirt of knotted necklaces to strip off
The hump in its net of leather thongs an ego

Obscene and unshielded the kingdom of islands
Success stems from the tumor in the tyrant’s brain
From the garment of speech the tip of the tongue withdraws
Into animal silence The beast refuses to mourn

He who would rule now dangles and sways Lonely
The actor outlives his king every night
The interior of the shoe remains dark in the audience
Your nocturnal creature eyes uncover every face

Translated by Susan Bernofsky

Traumschrift, Händel

deutsch | Matthias Göritz

Zuviele Antlitze hast du gesehen
Bälle dir angehängt
Perückenpuder und
Kerzenlicht, im Anzug befindliche
Inszenierungen, Königsjungfern, die Zeremonie der Verbeugung vor
Ministern, Kammerjunkern, den Adelsgreisen vom Hof
Parlamentariern anderer (Mumien!-) Ordnung
Vorzügliche Repräsentationskunst

Eingewickelt haben sie dich
mit ihren Pfunds-
ihren höflichen Noten
der Schrift, jenen Glückshormonen des
‚grad sich in Mode Befindlichen‘ während nebenan
auf dem Haymarket bereits eine neue
alte Oper gespielt wird: die Bettler –

Sie ist nicht von dir

Du stürzt dich wieder
auf Geigen
und Kontrafagotte (Musick!), die
Einzelfarben der Holz- und der
Blechbläser, die
steigen auf
himmel-, nein flußwärts
Rettung verheißend
als maltest du eine andere Landschaft

Hätten wir einen Augenblick
Zeit
gehabt
diese Welt zu begreifen
was für ein Fest wäre das
geworden, was für ein Schluß

Er hätte uns aufgehoben
trotz seiner 3maligen Wiederholung
2mal vor, 1mal nach
dem Abendessen
(am Anfang)
für immer

Hätten wir einen Augenblick
Zeit gehabt oder
einen Ort
die Klangwelt der Wassermusik
zu bewohnen, die Sagenwelt
Londons Fluß damals zu verbinden
jene Folge von Tänzen
mit Tod
und Händel?
Mit Not. Gäbe es nach
den Maskeraden des Vergänglichen
in denen wir auf dem Haymarket tanzten
jene Wetten auf Hähne, jene Ausschreitungen des englischen
Jahrmarkts am Bartholomäus-Tag (Puritaner gegen
alle vortrefflich Besoffenen - Puritaner und Nicht-Puritaner)
jene Ausschweifungen in der Oper (gegen Queen Anns Verdikt
während der Szenen im Saal nicht zu poppen)
Gäbe es winters ein Licht, ein Kristall vielleicht
in dem wir uns brechen, an den wir uns halten
könnten wie weiter südlich ans Auftauchen
einer anderen Jahreszeit
Zeit!, Zeit!, hätten wir sie
was könnten wir tun?

Wir könnten wandern
in einer zerplatzenden Welt
als Maden und Würmertrauben
aus den Ritzen der Augen, den Ecken
in unserm Gesicht, wir könnten glauben

© Berlin Verlag
Berlin: Berlin Verlag, 2006
ISBN: 3-8270-0662-2
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

Dream Text, Handel

englisch

You have beheld too many faces
endured too many balls
wig powder and
candlelight, tableaux
in the offing, royal damsels, the ceremony of bowing before
ministers, chamberlains, aristocratic graybeards at court
parliamentarians of other orders (mummies!)
Exquisite posing
 
They’ve wrapped you up
with their pound
notes, their courtly
documents, those feel-good hormones of the
‘momentarily fashionable’ while next door
on Haymarket already a new
opera is being staged: the beggars —
 
Not one written by you
 
Once more you dive
into violins
and contrabassoons (Musick!), the
individual hues of woodwinds and
brass, rising up
skywards, no: riverwards
promising salvation
as though you were painting some other landscape
 
Had we had but a moment’s
time
to fathom this world
what a feast we’d have had
what a culmination
 
It would have raised us up
despite its threefold repetition
twice before and once
after supper
(in the beginning)
forever
 
Had we had but a moment’s
time or at least
a place
to inhabit the water music’s
world of sound, link
London’s river then
to the world of sagas
and that series of dances
with death
and Handel?
Under duress. If after
the masquerades of the ephemeral
when we danced on Haymarket
there were those bets placed on cockfights, those riots at the English
carnival on St. Bartholomew’s Day (Puritans against
all the glorious drunkards – Puritans
and non-Puritans alike)
those excesses at the opera
(against Queen Anne’s verdict
no screwing in the hall during scenes)
If in winter there were a light, perhaps a crystal
to bend our rays while we cling to it
as further south we cling to the advent
of a new season
Time! time! if we had it,
what might we do?
 
We might wander
an exploding world
as maggots and clustered worms
from eye-chinks, the corners
in our faces; we might believe

Translation: Susan Bernofsky

Selbstgespräche

deutsch | Matthias Göritz

Kompromisse führen zu
nichts, die Erinnerung schläft
sie verfolgt
weiter
eigene Ziele. Es herrschen
Selbstgespräche
und Träume. Einzelne
leise Geräusche des Zimmers, Pling
das Verlieren
von Haar-
klammern, Handys und
Haltung, das
was es ausmacht
das ganze Erinnern
Rauschen der Bäume

Du siehst: ich denke an dich

Manchmal
ist die Zeit
ein ungeheurer Schlitz

Alles
scheint schon geschehen

Man steckt eine Münze hinein

Du trittst sacht in das Zimmer
verstehst
daß es dich
ohne mich
gibt

das
war´s

was wir meinten
als wir von Liebe sprachen

du oder ich

wir spielen den Song
weiß ich nicht

© Berlin Verlag
aus: Pools. Gedichte
Berlin: Berlin Verlag, 2006
ISBN: 3-8270-0662-2
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

Soliloquies

englisch

Compromises lead to
nothing, memory sleeps
still
chasing goals
of its own. Soliloquies
and dreams
line the path. Isolated
faint sounds in the room, the plink
of lost
bobby pins, cell phones
composure, the stuff
memory is made of
all of it
rustling trees
 
You see, I’m thinking of you
 
Now and then
time
is a monstrous slit
 
Everything, it seems
has already happened
 
You drop a coin in
 
Softly you walk into the room
and understand
there is a you
without
me
 
that’s
just
 
what we meant
when we spoke of love
 
you and I
 
still playing the song
wish I knew why

Translation: Susan Bernofsky

Papa, Nicki und ich

deutsch | Matthias Göritz

Mein heutiges Personenpensum
Papa, Nicki und ich

Nachts hängen wir alle am Faden
Keine Sorge, einmal ist Kindheit

Vor allem kein Ende
Wer sich anstrengt, wird auf unserer Fläche ein Nichts

Tisch, Stuhl, Kante, Bein
Das kann nicht alles sein

Einmal einen Sommer haben wir
Einmal einen Frühling

Wir haben gerade
Gerade haben wir

Musik gespielt
Das war einfach

Papa spielte die Flöte
Nicki konnte den Finger ans Glas halten

Der Ton, sagt sie, kommt in die Finger
Als alles aufgehört hat

lege ich meinen Finger ans Glas
Nicht einmal Sommer haben wir hier

© Literaturverlag Droschl
aus: Loops. Gedichte
Graz : Literaturverlag Droschl, 2001
ISBN: 3-85420-576-7
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

Papa, Nicki and me

englisch

My day's allotment of people
Papa, Nicki and me
 
At night we all hang by a thread
Don't worry, one day there'll be childhood
 
Above all no end
He who labors on our plane becomes a nothing
 
Table, chair, corner, slat
There must be more than that
 
One day we have a summer
One day a spring
 
We have just now
Just now we have
 
Played music
That was easy
 
Papa played the flute
Nicki held her finger to the glass
 
The sound, she says, goes into the finger
When it's all over
 
I put my finger to the glass
Not even summer do we have here

Translation: Susan Bernofsky

Leere Plastiktüte, taumelnd im Wind

deutsch | Matthias Göritz

Der Mond hängt wie ein leeres Gebäude
über dem kahlen Ast eines Baums
Die Labimmel-Labammel-Laterne des Kinds
ein Versuch Caspar David nachzuahmen
sagst du

Niemals wissen wir wo wir sind
Auf einer Waldstrecke auf der Erde, im Wind
auf einem Bild, auf einem Blatt Papier
‚Hier‘ ist die tödliche Vokabel

Sie gehört Faltern an
den geliebten Nachtschmetterlingen
gepinnt
an die Kästchenwand

© Berlin Verlag
aus: Pools. Gedichte
Berlin: Berlin Verlag, 2006
ISBN: 3-8270-0662-2
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

Empty Plastic Bag Tumbling in the Wind

englisch

 
The moon hangs like an empty building
above the bare branch of a tree
The child’s dingling-dangling lantern
an attempt to ape Caspar David
you say
 
We don’t ever know where we are
In a patch of woods on Earth in the wind
in a picture, on a piece of paper
‘Here’: that deadliest of words
 
A word for moths
beloved nocturnal flutterers
pinned
in their wooden box

Translation: Susan Bernofsky

Für Wolodja in Moskau

deutsch | Matthias Göritz

Ich gehe ans Fenster
und werde ein schöner Abend

Was macht man im Himmel?
Wer stirbt ist nicht mehr auf der Welt

Im Himmel essen sie Eiscreme
Und wenn es die Farbe gibt?

Ist die Farbe nur ein geträumter Raum
Ich bin im Bauch von Mama

Gott macht dort Pizza
Wenn ich rauskomm, gibt´s Lärm

Mama schreit
Ich schreit

Die Hölle stell ich mir lieber gar nicht erst vor
Ich bin mir ziemlich sicher, daß es sie gibt

Im Unterschied zu den vielen Dingen
hat das Nichts die Farbe weiß

Meine Mütter kommen vom Affen
Ich kann keine Banane mehr sehn

All das macht Lärm
Und das Fegefeuer ist, glaube ich, wie die chemische Reinigung

Alles was auf der Welt ist, stirbt
Und wenn wir dann weiterleben, zum Beispiel im Himmel

regnet es

© Literaturverlag Droschl
aus: Loops. Gedichte
Graz : Literaturverlag Droschl, 2001
ISBN: 3-85420-576-7
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

For Wolodja in Moscow

englisch

I go to the window
and become a beautiful evening
 
What does one do in heaven?
He who dies is no longer in the world
 
In heaven they eat ice cream
And if there is color?
 
Is color only a space one dreams of
I'm in the belly of Mama
 
God makes pizza there
When I come out there's noise
 
Mama screams
I screams
 
As for hell I'd rather not think of it
I'm fairly convinced it exists
 
In contrast to the many things
Nothingness is white in color
 
My mothers come from the monkey
I can't look at another banana
 
All this makes noise
And purgatory, I believe, is like dry-cleaning
 
Everything in the world dies
And if we live on, for example in heaven
 
it rains

Translation: Susan Bernofsky

Aus einem alten Anzug

deutsch | Matthias Göritz

Mein Vater war ein geeigneter Mann
Er trug immer was in den Taschen
Schokolade für die Satyrn
geputzte Fünfer, den Heiermann

Ihm kam man nicht bei
mit einem Gedicht
mit einem langen Gesicht
mit getrockneten Strümpfen und der Versicherung
daß alles beim Alten blieb

Er wußte es: Nichts bliebe beim Alten
alle verließen ihn
sperrten ihn in die Einsamkeit
ließen ihn in den Schlaf
einschlafen, einschlafen

Auch das Album macht ein Geräusch: explodiert
Auch die Gräber sind Zimmer
Und auch seinen Anzug, bildete er sich dann ein
würden die Würmer irgendwann
mit der Zunge sehen

© Berlin Verlag
aus: Pools. Gedichte
Berlin : Berlin Verlag, 2006
ISBN: 3-8270-0662-2
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2010

From an Old Suit

englisch

 
My father was a suitable man
He always had things in his pockets
Chocolate for the satyrs
fat polished coins for the ferryman
 
You certainly couldn’t impress him
with a poem
with a glum face
with nice dry socks and the promise
that all would remain as it was
 
He knew: nothing would remain as it was
everyone would leave him
shutting him up in loneliness
lulling him into somnolent
slumber, slumber
 
Even the album makes a noise: it explodes
Even the grave is a room
And even his suit, or so he imagined—
one day the worms would read it
with their tongues
 

Translation: Susan Bernofsky