Sabine Scho 
ÜbersetzerIn

auf Lyrikline: 18 Gedichte übersetzt

aus: litauisch, englisch, portugiesisch, französisch nach: deutsch

Original

Übersetzung

Nuo saulės iškvaišt nuo mėnulio

litauisch | Agnė Žagrakalytė

kokia pilnatis:
žiaunom užstrigusiom
nuostaboj iš gražumo
lūpas sudėk lyg
čiulptum vėjo varveklį ir
dainuok vėjo sklidinais
vamzdžiais kokia
pilnatis, vėjo šerių nublizginta
aukso lipni plėvelė
nemiga glazūruota
nėr gražesnio vamzdelio už moterį
NĖR GRAŽESNIO VAMZDELIO UŽ
MOTER Į, VĖJO SKLIDINĄ NEPAJĖGIANČIĄ
SUSI ČIAUPTI
 
2009 08 08

© Agnė Žagrakalytė
Audio production: Lithuanian Culture Institute

Irre werden von Sonne und Mond

deutsch

was für ein vollmond
den kiefer sperrangelweit aufgerissen
verschließe ich die lippen
angesichts der schönheit
als ob du einen windzapfen lutschst und
singe mit windgefüllten
pfeifen: was
für ein vollmond, windborstig poliert
eine klebrige goldfolie
somnambul glasiert
kein schöneres fallrohr als eine frau
KEIN SCHÖNERES FALLROHR ALS
EINE FRAU, WINDGEFÜLLT
AUSSERSTANDE
SICH ZU VERSCHLIESSEN

2009 08 08

Übertragung ins Deutsche von Sabine Scho
entstanden im Rahmen des Versschmuggel litauisch-deutsch (2016)

Mažybinė priešo forma

litauisch | Agnė Žagrakalytė

nėra tokios,
neegzistuoja.

2015 12 26

© Agnė Žagrakalytė
Audio production: Lithuanian Culture Institute

Diminutiv für einen Feind

deutsch

gibt es nicht
inexistent

2015 12 26

Übertragung ins Deutsche von Sabine Scho
entstanden im Rahmen des Versschmuggel litauisch-deutsch (2016)

Metro moteris grąžina man nosinaitę:

litauisch | Agnė Žagrakalytė

nuoskauda būna bekūnė,
belytė, be priežasties, be veikėjų,
be reikalo
neatsirandanti, auganti, krentant metams:
žiaunas plešiantys nutylėjimai, nuoskaudų
kąsniai it helis lengvi, didžiuliai, kas
naktį aš levituoju virš jūsų,
kas naktį mano šešėlis jūsų sapną galėtų šiurkščiai nuliežti.

nuoskauda yra gyvulys vienaragis,
nuoskauda yra kardžuvė, moteris – pjūklas,
nuoskauda yra moteris-adata,
ir nuoskaudos spygliai išsiskleidžia many
it skėtis, it dyglė, kuri yra ragulkė, dygliažuvė:

dar mailius į mane įplaukė per tylos potvynį:
o dabar plešia mane į gabalus, gabalais
trūkinėju.

© Agnė Žagrakalytė
Audio production: Lithuanian Culture Institute

In der U-Bahn gibt mir eine Frau mein Taschentuch zurück:

deutsch

kränkungen keimen nicht ohne grund,
kränkungen kennen kein geschlecht,
ohne grund mehren sie sich mit abgerissenen jahren:
ein maulaufreißendes schweigen, bisse von
kränkungen, leicht wie helium, riesig, nacht
für nacht levitiere ich über euch
nacht für nacht könnte mein schatten euren traum
rauzüngig ablecken

kränkung ist ein einhörniges tier,
kränkung ist ein schwertfisch, sägefisch,
kränkung ist eine frau seenadel
und die nadeln der kränkung spreizen sich in mir
schirmgleich wie ein stichling, kugelfisch, dornfisch

als jungfisch schon überflutete sie mich:
jetzt aber reißt sie mich in stücke,
ich zerstücke.

Übertragung ins Deutsche von Sabine Scho
entstanden im Rahmen des Versschmuggel litauisch-deutsch (2016)

„uodega neišduoda emocijų“

litauisch | Agnė Žagrakalytė

šūviai už parko tvoros:
medžiokliniai šūviai
karališkam parke, tolygūs
it vėduoklių kvėpavimas
vakaro vėjas tai
ar saldus jūsų prakaitas
kas man į smilkinius
traiško saujas
sproginėjančių pakalnučių

2009 09 01

© Agnė Žagrakalytė
Audio production: Lithuanian Culture Institute

„Der Schweif verrät keine Affekte“

deutsch

schüsse hinterm parkzaun:
jagdschüsse
im königlichen park, rhythmisch
atmend, wie ein fächer
ist das der abendwind
oder euer süßer schweiß?
wer zerdrückt an meinen schläfen
zwei handvoll
platzender maiglöckchen

2009 09 01

Übertragung ins Deutsche von Sabine Scho
entstanden im Rahmen des Versschmuggel litauisch-deutsch (2016)

YACHTS

englisch | Judith Beveridge

They are the sound of teacups wheeled off,
of a woolly butt's littlest birds rattling
song-bottles in all its sun-tiered racks.

And if you can imagine brittle bells
fiddled with and shaken, if you can hear
a woman placing her earrings in a pearl

shell, if you can hear the chime from
a lacquered box at the gateway to a Palace,
if you can hear the feet of a bird on tin

shingles in the depth of an agate sky,
then you'll know too the sound of a latch
dropping shut, and you'll know the little

shovelfuls of laughter children scatter
on the grass. You'll know the call
of an oriole on a lakeside walk and how

rain drips from branch to branch in bushes
that have broken out in buds. And you
might even know, some evening when

the weather's calm, the sky still blue,
how a child drops a soupspoon in a dish.
Or you might hear the bird, the one that

calls to whomever sits on the porch on
a summer's night and listens to the tripping
of bells from a bay, having already

struggled up a precipitous pass
and dared difficult, sultry questions
with their face open to the sea.

Maybe you only hear yourself stumble
up a staircase and drop your keys. Maybe
you only hear the sharp strike-notes

of bell-ringers announcing the passing
of another life, or hear your name on
the lips of sailors who sit with spray

on their fingers as they pull in the weights
and chip and chisel into the night.
Perhaps you hear your life winched in

under a dying sun. Or perhaps you hear
a child count stars in the water off a rickety
pier - despite clouds moving in, despite

gulls in the wind just off the masts.


woolly butt – common name for a species of eucalyptus tree with
fibrous bark on the trunk (or butt) with a “woolly” appearance

© University of Queensland Press
aus: Accidental Grace
St Lucia: University of Queensland Press, 1996
Audio production: M.Mechner, literaturWERKstatt berlin, 2003

JACHTEN

deutsch

Sie klingen wie Teetassen, die weggefahren werden,
wie die kleinsten Vögel eines langfingrigen Eukalyptusbaums –
ein glasklares Klimpern von Flaschen auf einem hellen Gestell.

Und wenn du dir schrille Schellen vorstellen kannst,
die man befingert und schüttelt, wenn du eine Frau
hören kannst, wie sie ihre Ohrringe in eine Schale voll

Perlen legt, wenn du an einem Palastportal
das Geklingel aus einer Lackdose hörst,
wenn du Vogelkrallen auf Blechschindeln

am Abgrund eines Achathimmels vernimmst,
dann kennst du auch das Geräusch eines Riegels,
der vorgeschoben wird und du kennst die kleinen

Schaufeln voll Lachen, die Kinder verstreun
im Gras. Du erkennst den Ruf eines Pirols,
wenn du um den See spazieren gehst, kennst

den Regen wie er von Zweig zu Zweig in
knospenden Büschen fällt. Und vielleicht
hörst du sogar, eines Abends, wenn kein

Lüftchen geht, und der Himmel noch blau,
wie ein Kind einen Löffel in die Schüssel schlägt.
Hörst vielleicht den Vogel, den einen, der ruft,

irgendwen, der in einer Sommernacht auf
der Veranda sitzt und hört, wie es von
einer Meeresbucht zu läuten beginnt, als

man sich schon einen steilen Pass bergan-
gekämpft und drückend schwere Fragen
gewagt, mit offenen Augen zur See.

Vielleicht aber hörst du nur dich selbst,
die Treppe hochstolpern und wie du deine
Schlüssel fallen lässt, hörst nur die scharfen

Schläge der Glöckner, welche die letzte Fahrt
eines weiteren Lebens verkünden, oder hörst
deinen Namen auf den Lippen von Matrosen,

die mit Gischt an den Fingern sitzen, wenn sie
Gewichte einholen und in die Nacht hinein gravieren
und schnitzen. Vielleicht hörst du, wie man dein Leben

windet, hinauf, unter ein sterbendes Gestirn. Oder
hörst vielleicht ein Kind Sterne zählen im Wasser
bei einem klapprigen Steg – trotz kommender Wolken,

trotz Möwen im Wind, die gerade von den Masten sind.

aus dem australischen Englisch von Sabine Scho




auch in: Hochzeit der Elemente. Zeitgenössische australische Dichtung.

Hg. von Ivor Indyk

Köln: Du Mont 2004

WHEN WILL THE KENNELMAN COME

englisch | Judith Beveridge

When will the kennelman come?
The dogs are barking and the moon is gone.
The owls are out in the eyes
of the Doberman Pinscher hunting low.

When will the kennelman come?
Deep in the forest the kittens are lost.
The dogs are gnawing the soundless bone
and stars glow in a measureless paddock.

When will the kennelman come?
The bowls are empty and the barn's gone black
and the eyes of the dogs are scratching
the scents from the winter yard.

When will the kennelman come?
The kennelmaid has fallen over
the whimpering hound by the door.
The dogs are snapping at flies,

the coonhounds are running the rivers
and lamplight is scourging the lake,
the whelps are baying like swans
nailed by their wings to the gate.

If only the kennelman would come
out of the long grass, out of the orchard
where the fruit's gone bad, out of
the shadows of the prowler's face.

When will the kennelman come?
And which one of you, my dogs, should I watch -
which for the scent of his kill
and which for his pitying whistle?

© University of Queensland Press
aus: Accidental Grace
St Lucia: University of Queensland Press, 1996
Audio production: M.Mechner, literaturWERKstatt berlin, 2003

WANN KOMMT DER HUNDEPFLEGER?

deutsch

Wann kommt der Hundepfleger?
Die Hunde bellen und der Mond ist fort.
Die Eulen sind los, in den Augen
der Dobermannpinscher fliegen sie tief.

Wann kommt der Hundepfleger?
Tief im Wald sind die Kätzchen verloren.
Die Hunde nagen an lautlosen Knochen
und Sterne funkeln im endlosen Anger.

Wann kommt der Hundepfleger?
Die Näpfe stehn leer und im Stall ist es finster
und mit Hundeaugen scharren die Köter
nach Fährten vergangener Winter.

Wann kommt der Hundepfleger?
Die Pflegerin fiel über
den winselnden Hund an der Tür.
Die Hunde schnappen nach Fliegen,

Schweißhunde jagen die Ufer entlang,
Scheinwerfer schrubben den See,
die Welpen bellen wie ein Schwan,
den man kreuzigte, Flügel an der Tür.

Käme doch endlich der Hundepfleger
aus dem hohen Gras, aus dem Garten
wo die Früchte verfaulen, träte doch
endlich der Hundepfleger aus dem
Schatten der Rumtreibergesichter.

Wann kommt der Hundepfleger?
Und welchen von euch, meine Kläffer, soll ich bewachen –
vor wessen Spürsinn mich fürchten
und über welches klägliche Röcheln lachen?

aus dem australischen Englisch von Sabine Scho




auch in: Hochzeit der Elemente. Zeitgenössische australische Dichtung.

Hg. von Ivor Indyk

Köln: Du Mont 2004

THE SAFFRON PICKERS

englisch | Judith Beveridge

It is necessary to pick 150,000 crocuses
                in order to produce one kilogram of saffron.


Soon, she'll crouch again above each crocus,
feel how the scales set by fate, by misfortune
are an awesome tonnage: a weight opposing

time. Soon, the sun will transpose its shadows
onto the faces of her children. She knows
equations: how many stigmas balance each

day with the next; how many days divvy up
the one meal; how many rounds of a lustrous
table the sun must go before enough yellow

makes a spoonful heavy. She spreads a cloth,
calls to the competing zeroes of her children's
mouths. An apronful becomes her standard -

and those purple fields of unfair equivalence.
Always that weight in her apron: the indivisible
hunger that never has the levity of flowers.

© Giramondo
aus: Wolf notes
Sydney : Giramondo, 2003
Audio production: M.Mechner, literaturWERKstatt berlin, 2003

DIE SAFRANPFLÜCKERIN

deutsch

Man muss 150. 000 Krokusse pflücken,
um ein Kilogramm Safran zu erhalten.

Bald bückt sie sich wieder über jeden Krokus,
fühlt die vom Schicksal mit Unglück befüllte Waage
als erschreckend schwere Last: Ein Gewicht gegen
 
die Zeit. Bald wirft die Sonne ihre Schatten
auf die Gesichter ihrer Kinder. Sie kennt
Gleichungen: wie viele Stigmata gleichen

die Tage aus; wie viele Tage teilen
das eine Mahl; wie oft geht die Sonne noch auf
über der glänzenden Tafel, bis dass genug Gelb

einen Löffel anfüllt. Sie breitet ein Tischtuch aus,
ruft ihre hungrigen Mäuler, konkurrierende Nullen.
Eine Schürze schafft sie im Schnitt –

auf diesen purpurnen Feldern ungleicher Äquivalenz.
Zeitlebens spürt sie dies Gewicht in ihrem Safransammelkleid:
den unteilbaren Hunger, der leichtfertig seine Blüten treibt.

aus dem australischen Englisch von Sabine Scho




auch in: Hochzeit der Elemente. Zeitgenössische australische Dichtung.

Hg. von Ivor Indyk

Köln: Du Mont 2004

THE DOMESTICITY OF GIRAFFES

englisch | Judith Beveridge

She languorously swings her tongue
like a black leather strap as she chews
and endlessly licks the wire for salt
blown in from the harbour.
Bruised-apple eyed she ruminates
towards the tall buildings
she mistakes for a herd:
her gaze has the loneliness of smoke.

I think of her graceful on her plain –
one long-legged mile after another.
I see her head framed in a leafy bonnet
of balloon-bobbing in trees.
Her hide's a paved garden of orange
against wild bush. In the distance, running,
she could be a big slim bird just before flight.

Here, a wire-cripple –
legs stark as telegraph poles
miles from anywhere.
She circles the pen, licks the wire,
mimics a gum-chewing audience
in the stained underwear of her hide.
This shy Miss Marigold rolls out her tongue

like the neck of a dying bird.
I offer her the fresh salt of my hand
and her tongue rolls over it
in sensual agony, as it must
over the wire, hour after bitter hour.
Now, the bull indolently
lets down his penis like a pink gladiolus
drenching the concrete.

She thrusts her tongue under his rich stream
to get moisture for her thousandth chew.

© J.B.
aus: The Domesticity of Giraffes
Wentworth Falls, N.S.W.: Black Lightning Press, 1987
Audio production: M.Mechner, literaturWERKstatt berlin, 2003

DIE HÄUSLICHKEIT DER GIRAFFEN

deutsch

Gleichgültig schwingt sie ihre Zunge
gleich einem schwarzen Lederriemen,
wenn sie kaut und konstant den Zaun
nach Salz ableckt, das der Hafen herüber weht.
Mit niedergeschlagenen Lidern in eine imaginäre
Herde verliebt, für die sie die Hochhäuser hält,
hat ihr stierender Blick die Einsamkeit von Rauch.

Ich weiß sie anmutig auf ihrer Steppe –
langbeinig, abertausend Meilen weit entfernt.
Ich sehe ihren Kopf von Blättern umhüllt,
in den Wipfeln ein wippender Luftballon.
Ihr Fell, ein orange gepflasterter Garten
im Steppenlandschaftsbild. Von fern, im Lauf,
ein großer schlanker Vogel vor dem Flug.

Hier, ein Käfigkrüppel –
Beine, nackte Telegraphenmaste,
irgendwo im nirgendwo
misst sie ihr Gehege aus, leckt am Zaun,
kopiert ein wiederkäuendes Publikum
in der befleckten Unterwäsche ihres Fells.
Die schüchterne Miss Marigold rollt ihre Zunge aus

wie ein sterbender Schwan seinen kraftlosen Hals.
Ich biete ihr das frische Salz meiner Hand
und ihre Zunge fährt darüber
in sinnlicher Agonie, genauso wie
über den Zaun, Stunde um bittere Stunde.
Nun lässt der Bulle lethargisch
seinen Penis herab, eine rosa Gladiole
flutet den Beton.

Sie stößt ihre Zunge in den kräftigen Strahl,
befeuchtet zum Kauen ihr Maul zum tausendsten Mal.

aus dem australischen Englisch von Sabine Scho




auch in: Hochzeit der Elemente. Zeitgenössische australische Dichtung.

Hg. von Ivor Indyk

Köln: Du Mont 2004

THE CATERPILLARS

englisch | Judith Beveridge

On the headland to the lighthouse,
a brown detour of caterpillars
crimped end-to-end across the road.

Poke away the pilot and the line
would break up, rioting,
fingering for the scent.
Put him back, they'd straighten.
You could imagine them humming
their queue numbers.

I've only seen such blind following
in the patient, dull dole queues,
or old photos of the Doukhobors
the world's first march of naked people.

I watched over the line for hours
warding off birds whose wings, getting close,
were like the beating of spoons
in deep bowls. I put a finger to the ground
and soft prickles pushed over,
a warm chain of hair.

This strange sect, wrapped in the sun
like their one benefit blanket
marched in brotherhood and exile.

Later, a group of boys
(their junta-minds set on torture),
picked off the leader.
Each creature contorted,
shut into its tight burr.
I could only stand like a quiet picket
and watch the rough panic.

I remember them, those caterpillars,
pacifists following their vegetable passion -
lying down in the road and dying
when they could no longer touch each other.

© J.B.
aus: The Domesticity of Giraffes
Wentworth Falls, N.S.W.: Black Lightning Press, 1987
Audio production: M.Mechner, literaturWERKstatt berlin, 2003

DIE RAUPEN

deutsch

Auf der Landzunge zum Leuchturm
schlängelt sich eine braune Umgehung
von Raupen dicht an dicht über den Weg.

Schnipp den Lotsen weg und die Reihe
bräche auf, randalierend,
tastend nach der verlorenen Spur.
Setz ihn zurück, sind sie wieder linientreu.
Man kann sie sich vorstellen in Reih und Glied
wie sie ihre Nummern brummen.

Blinde Gefolgschaft sah ich zuletzt
in den schicksalsergebenen Stempelgeldschlangen
oder auf alten Fotos von Doukhobors,
dem allerersten Marsch nackter Menschen.

Für Stunden habe ich über die Linie gewacht,
Vögel vertrieben, deren Flügel beim Anflug
wie das Klappern von Löffeln
in Blechschüsseln klangen. Einen Finger legte ich
auf den Boden und samtweiche Stacheln schoben
darüber, eine warme Kette aus Haar.

Diese seltsame Sekte, in die Sonne gehüllt
wie in ihre einzige Wohlfahrtsdecke
marschierte brüderlich und als Verbannte.

Ein Gruppe von Jungs
(ihre Junta-Hirne auf Folter eingeschworen)
schnappte sich später den Anführer.
Jede Kreatur wand sich,
rollte sich in ihren dichten Bart.
Ich stand nur da, ein stiller Streikposten,
der einen Mordsspaß bewacht.

Ich erinnere mich jener Raupen,
Pazifisten mit vegetarischer Leidenschaft –
wie sie auf den Strassen lagen und starben,
sobald man ihr Band zerrissen hat.

aus dem australischen Englisch von Sabine Scho




auch in: Hochzeit der Elemente. Zeitgenössische australische Dichtung.

Hg. von Ivor Indyk

Köln: Du Mont 2004

Mula

portugiesisch | Ricardo Domeneck

Minha
senhora: os unicórnios
que caem com a raiz
não
voltam mais; ainda
que Van Goghs até
que engasgues,
         sigo mula
a indiciar o caso
excepcional
do sem espécie,
self-archived tool, exílio
                 dos catálogos
a especificar o espaço
para a porcentagem da escolha
do puro, alheia que se agita
antes de abrir, dose cavalar
de juramento e
egüidade. Poupa-me,
Popeye: longe de mim
impor-me híbrida
à tua hípica -  
brutalmente homogênea,
especialista em fronteiras,
             eject de habitat,
eis-me, excelentíssimo,
a de cascos
             não-retornáveis,
nula nulla
tal qual high bred hybrid
relinchando o já morto:
muslos de mulícia,
esterilizável, aureolar,
                 multívaga
             ambiqüestre
     de mulas prontas,
perdoai vossa serva
preguiçodáctila aos berros
perturbando vosso áureo
piquenique do sublime,
           illicit mule
espirrando em vosso épico.
               Não
há Blade
Runner que resista
mesmo euzim
                         fake mullah,
insciente dos teus métodos,
ó sussurrável, hoof muffler
da palha de meu estofo.
Prometo-me estóica
           e subcutânea,
bem fazes em esporear-me
o couro catecúmeno à chuva
do teu cuspe, inestimável
senhor de eco intumescido:
       até que a mula
      aqui fale
como manda
o figurino,
e encontre a exit
de quem às caras
me dera lamber o mundo
com a própria língua: mulo
fundindo
       com a função da forma
os extremos do exorcício e
a fanfarra do sem categoria.

© Ricardo Domeneck
unveröffentlichtem Manuskript,
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2008

Muli

deutsch

Meine
Dame: Einhörner
die wie Haarwurzeln
ausfallen, wachsen
nicht wieder; selbst
wenn du vangoghst bis
du erstickst,
         bleibe ich Muli,
um den besonderen Fall
des unspeziellen
anzuzeigen,
self-archived tool, exiliert
                 von Katalogen,
die Sphäre zu spezifizieren
für den Prozentsatz der reinen
Auslese, das vor dem Öffnen
geschüttelte Andere, Pferdedosis
an Eseleid und
Stutenähnlichkeit. Piss off,
Popeye: verschone
mich Hybrid
in dein Gestüt zu zwingen –   
unbehauen homogen,
Grenzgangspezialist,
             eject aus dem Habitat,
so bin ich, Euer Ehren,
von den Hufen an
             vom Umtausch ausgeschlossen,
eine amulierte null
wie ein high bred hybrid
wiehernd den Toten gelyncht:
Muskli der Muliz,
sterilisierbar, auratisch,
                 umherirrend
              doppelpferdig,
                      stutbereit,
verzeiht Eurem Kuli
sein unpaarhuffaules Geblöke,
das Euer goldenes
Picknick des Sublimen stört,
           illicit mule
spuckt Euch in die Epik.
               Kein
Blade
Runner kann widerstehen,
auch meine Wenigkeit nicht,
                         fake mullah,
deiner Methoden nicht fähig,
großer Anmurmelbarer, hoof muffler
aus Stroh meines Polsters.
Ich schwöre, stoisch
           und subkutan zu sein,
du tust gut daran, meinem Fell
                  die Sporen zu geben
unter dem katechumenen Regen
deiner Spucke, unermesslicher
Herr des angeschwollenen Echos:
       bis dieses Muli
       hier spricht
wie es der gute Ton verlangt,
und den Exit derer findet,
die vor aller Augen
die Welt ablecken
mit dem eigenen Zungenschlag: Maulesel
verschweißt
       mit der Funktion der Form
die Extreme der Exorzitien und
die Parade des Kategorielosen.

August im Verdruss, 2007

Deutsche Fassung von Sabine Scho.
Die Übersetzung entstand im Rahmen des Übersetzungsworkshops VERSschmuggel des Poesiefestivals Berlin 2008

Migration

englisch | Karen Solie

Snow is falling, snagging its points
on the frayed surfaces. There is lightning
over Lake Ontario, Erie. In the great
central cities, debt accumulates along the baseboards
like hair. Many things were good
while they lasted. The long dance halls
of neighbourhoods under the trees,
the qualified fellow-feeling no less genuine
for it. West are silent frozen fields and wheels
of wind. In the north frost is measured
in vertical feet, and you sleep sitting because it hurts
less. It is not winter for long. In April
shall the tax collector flower forth and language
upend its papers looking for an entry adequate
to the sliced smell of budding
poplars. The sausage man will contrive
once more to block the sidewalk with his truck,
and though it’s illegal to idle one’s engine
for more than three minutes, every one of us will idle
like hell. After all that’s happened. We’re all
that’s left. In fall, the Arctic tern will fly
12,500 miles to Antarctica as it did every year
you were alive. It navigates by the sun and stars.
It tracks the earth’s magnetic fields
sensitively as a compass needle and lives
on what it finds. I don’t understand it either.

© Karen Solie
aus: unpublished
Audio production: 2007, Literaturwekstatt Berlin

Migration

deutsch

-- für Cathy

Schnee fällt, hakt seine Spitzen
in zerfranste Oberflächen. Es gibt Gewitter
über dem See Ontario, Erie. In den mächtigen
Hauptstädten sammelt sich Bringschuld wie Haar
entlang der Fußbodenleisten. Vieles schien
so weit, so gut. Die langgezogenen Tanzböden
der Wohnbezirke unter den Bäumen,
das sachgerechte Gemeinschaftsgefühl, darum nicht weniger
unverfälscht. Im Westen, stille vereiste Felder und Kreise
aus Wind. Im Norden misst man den Frost
in Fuß hoch, und du schläfst im Sitzen, weil es weniger
schmerzhaft ist. Es bleibt nicht lang Winter. Im April
treibt der Steuereinnehmer Blüten und die Sprache
zerwühlt die Papiere, auf der Suche nach einem Vermerk
für den aufgeschnittenen Geruch knospender
Pappeln. Der Würstchenmann wird es so hinbiegen,
dass er wieder den Fußweg blockiert mit seiner Karre,
und wenn es auch illegal ist, den Motor
länger als drei Minuten im Leerlauf zu lassen, laufen wir alle leer,
wie behämmert. Nach allem, was passiert ist, sind wir alles,
was bleibt. Im Herbst steigt die Küstenseeschwalbe auf,
12,500 Meilen bis zur Antarktis, die sie jedes Jahr fliegt,
seit du am Leben bist. Sie navigiert mit Sonne und Sternen,
folgt dem Magnetfeld der Erde,
sensibel wie eine Kompassnadel und lebt
von dem, was sie entdeckt. Ich kann es doch auch nicht begreifen.

Deutsche Fassung von Sabine Scho.
Die Übersetzung entstand im Rahmen des Übersetzungsworkshops
Versschmuggel des Poesiefestivals Berlin 2007

MAN WASHING ON A RAILWAY PLATFORM
OUTSIDE DELHI

englisch | Judith Beveridge

It's the way he stands
nearly naked in the winter sun
turning on and off the railway
station tap. I have seen people
look less reverent tuning Mozart.
I have seen hands give coins
to beggars appear nonchalant
compared to the way his hands
give this water to his body.
Don't tell me this is a man
released for a moment
out of poverty, a man who wants
the penance of each cold drop;
a man who wants the smell
of his neighbours to vanish
from his skin, who wants to taste
what is beyond the scum
and effluent of the village ditch.
And don't tell me each drop
he takes to glisten his body
will never be neutral, though
he holds each clear spill
with equality. It isn't just
the water. It's the way his hands
take the water from the tap
to his body. It's the way
he attends each pore. It's the way
he decants the water back
and forth as if receiving
instruction for the repetition
of the names of God. And it's
the way he knows his poverty
without privacy - and the way,
though the water is free,
he takes careful litres.

© University of Queensland Press
aus: Accidental Grace
St Lucia: University of Queensland Press, 1996
Audio production: M.Mechner, literaturWERKstatt berlin, 2003

MANN, DER SICH AUF EINEM BAHNSTEIG
VOR DEN TOREN DELHIS WÄSCHT

deutsch

Es ist die Art wie er steht,
fast nackt in der Wintersonne
und den Stationswasserhahn
auf- und zudreht. Ich habe Menschen getroffen,
die profaner aussehn, wenn sie bei Mozart lauter drehn.
Ich habe Hände Münzen geben sehn
an Bettler, nonchalant im Vergleich
zu seinen Händen, wie sie seinem Körper
dieses Wasser spenden.
Erzähl mir nicht, dies ist ein Mann
für einen Moment befreit
von der Armut, dies ist ein Mann,
der die Strafe eines jeden frostigen Tropfens will;
ein Mann, der will, dass der Gestank
seiner Nachbarn verschwindet
von der Haut, der schmecken will,
was unter dem Abschaum und Abwasser des Dorfgrabens fliesst.
Und sag ja nicht, kein Tropfen, mit dem er seinem Körper zu Glanz verhilft,
sei jemals neutral, obwohl er jeden klaren Strahl in gleicher Weise fängt.
Es ist nicht das Wasser allein. Es ist die Art wie seine Hände
das Wasser vom Hahn zum Körper tragen. Es ist die Art
wie er jede Pore behandelt. Es ist die Art
wie er das Wasser verteilt, hin
und her, als ob er  Order hätte,
die Namen Gottes zu wiederholen. Und es ist
die Art wie er seine Armut kennt
 ohne Tabu – die Art
wie er sorgsam die Liter abnimmt,
gibt’s auch das Wasser umsonst.

aus dem australischen Englisch von Sabine Scho




auch in: Hochzeit der Elemente. Zeitgenössische australische Dichtung.

Hg. von Ivor Indyk

Köln: Du Mont 2004

Linear

portugiesisch | Ricardo Domeneck

De boca em boca
o mundo mostra
os dentes e a garganta
infecciona-se em resposta.
Atento ao ambiente como
o ambiente ignora a
minha vontade.
Mesmo equivalências
geram colisões e o eixo
do sal denuncia
o doce na boca.
“.”
O herói contra
a corrente, o herói
à vela.
Não há apoteose
suficiente para todos,
a chuva muitas vezes
cai antes
da hora,
quer-se os créditos
e eles não sobem.
Beethoven
ludibriou-nos.
É claro que em Who´s
Afraid of Virginia Woolf?

Richard Burton, não,
George, recorre ao
útero vazio
de Elizabeth Taylor,
não,
Martha, para a
ofensa última.
A escala da
nutrição não
recomeça a cada
meia-noite, segue
a continuidade
do esôfago, do
termômetro, da
maré, da
infecção, da
ascensão e queda
dos efeitos
da cocaína, da cafeína.
Filiação da fome e
as ilusões da higiene.

© Cosac Naify
aus: Sons: Arranjo: Garganta
São Paulo: Cosac Naify, 2009
Audio production: Literaturwerkstatt Berlin 2008

Linear

deutsch

Mund zu Mund
zeigt die Welt
Zähne und der Schlund
infiziert sich in Resonanz.
Ich beobachte die Szene, wie
die Szene meinen
Willen ignoriert.
Selbst Äquivalenzen
provozieren Kollisionen und
die Achse des Salzes entlarvt
das Süße im Mund.
„.”
Der Held gegen
den Strom, der Segel-
Held.
Nicht genug Apotheose
für alle,
der Regen fällt häufig
zu früh,
man erwartet den Abspann,
der kommt aber nicht.
Beethoven
hat uns reingelegt.
Sicher nur, dass in Who´s
Afraid of Virginia Woolf?

Richard Burton, nein,
George, den
leeren Uterus
Elizabeth Taylors,
nein,
Marthas, benutzt für die
endgültige Erniedrigung.
Der Lauf der
Ernährung beginnt nicht
jede Mitternacht neu, er folgt
der Kontinuität
der Speiseröhre, des
Thermometers, der
Gezeiten, der
Infektion, dem
Aufstieg und Fall
der Effekte
des Kokains, des Koffeins.
Herkunft des Hungers und
die Illusionen der Hygiene.

Deutsche Fassung von Sabine Scho.
Die Übersetzung entstand im Rahmen des Übersetzungsworkshops VERSschmuggel des Poesiefestivals Berlin 2008

Determinism

englisch | Karen Solie

Someone’s walking toward you, tree to tree, parting leaves
with the barrel of a rifle. There’s a scope
on it. He’s been watching awhile
through his good eye, you, washing dishes, scouring
what’s burned with a handful of salt, so your shoulders shake
a little. Keep your back to him. It’s sexier
under the bulb, light degraded,
like powder. The kitchen screens
are torn. You’ve worn something
nice. There’s a breeze he’s pressing through, boots
in the grass. There’s a breeze and you smell him
blowing in on it. As if this has always
been happening and you’ve entered the coincidence of your life
with itself, the way a clock’s ticks will hit the beat of a Hank Williams song,
the best one, on the radio, fridge hum tuned without a quaver
to the sustained notes of the bridge. As if
you’ve arrived at where the hinge
articulates. An animal
may be bleeding in the woods. He could be carrying a pair of grouse
by the feet. Only details are left, bruises of gesture, style’s aspirin
grit. He shuts the door and leans the gun against the wall
like a guitar. You keep your back to him because
it’s sexier. Because in turning
you will see the dinner in all its potential
as you speak, spring the catch, finish this, the weighted moment
buckling into consequence. The place
where you can face your history and see it coming.

© Karen Solie
aus: unpublished
Audio production: 2007, Literaturwekstatt Berlin

Determinismus

deutsch

Jemand geht dir nach, Strauch für Strauch, teilt Blätter
mit dem Lauf eines Gewehrs. Ein Visier
oben drauf. Er hat schon eine Weile zugeschaut,
durch sein gutes Auge, dir, beim Geschirrspülen, beim Abkratzen von dem,
was anbrannte, mit einer handvoll Salz, so dass deine Schultern
leicht zittern. Kehr ihm den Rücken zu. Es ist sexyer
unter der Birne, das Licht herabgesetzt
wie pulverisiert. Die Fliegengitter der Küche
zerfetzt. Du trugst etwas
Nettes. Die Luft, die er hindurchstößt, Boots
im Gras. Es gibt diese Luft, und du witterst ihn
sich mit ihr ausbreiten. Als wenn es schon immer
so gewesen ist, und du die Koinzidenz deines Lebens betrittst
mit sich selbst, ganz wie das Ticken der Uhr den Beat eines Hank Williams
Songs trifft, der beste, im Radio, Eisschrankbrummen ohne Achtelschwingung
auf das Zwischenspiel gestimmt. Als ob
du dort angekommen wärst, wo das Scharnier
sich artikuliert. Ein Tier
könnte vielleicht im Wald verbluten. Er könnte ein Paar Raufußhühner
an den Füßen tragen. Nur Einzelheiten sind übrig, Gebärdenläsionen, im Aspirin-
splittstil. Er schließt die Tür und lehnt das Gewehr an die Wand
wie eine Gitarre. Du kehrst ihm den Rücken zu, weil
es sexyer ist. Denn, wenn du dich umdrehst,
bemerkst du das Abendbrot in all seinen Aspekten,
während du sprichst, löse den Haken, beende ihn, den schweren Moment,
der sich in die Konsequenzen krümmt. Der Ort,
an dem du deiner Geschichte ins Auge und es kommen siehst.

Deutsche Fassung von Sabine Scho.
Die Übersetzung entstand im Rahmen des Übersetzungsworkshops
Versschmuggel des Poesiefestivals Berlin 2007

GRASS

englisch | Judith Beveridge

All morning reed-cutters swing
their arms near the river.

All morning I hear them balancing
among the perfection of those arcs.

A cold circle of sound picks up
the moon in the glint of each blade.

Each stroke comes in on the surest
wave; each blade reaches my heart

in regular rhythm. Who are these
men scything grass? All day, the moon

unknown to itself, floats like a bird;
and there's a sound too in the wind

of many imponderable things.
This river goes on. And all day,

I've listened, held between earth
and sky, wishing I too could take

my work into the cold; wishing
I too could find precision among

unweighable songs; here where
the river curves, here where the moon

dies, here where the wind eddies -
and here, where the men poise -

then scythe their absolute measures.

© Giramondo
aus: Wolf notes
Sydney: Giramondo, 2003
Audio production: M.Mechner, literaturWERKstatt berlin, 2003

GRAS

deutsch

Den ganzen Morgen schwingen Schilfschnitter
ihre Arme nah am Fluss.

Den ganzen Morgen höre ich sie balancieren
inmitten ihrer perfekt geschwungenen Bögen.

Ein kalter Klangkreis nimmt den Mond
im Schimmer jeder Klinge mit.

Jeder Schwung kriegt sicher
die Kurve, jede Klinge streift mein Herz

in einem runden Rhythmus. Wer sind
diese Gras sichelnden Männer? Den ganzen Tag

torkelt der Mond, vogelgleich, sich selber
fremd; da ist auch ein Knistern im Wind

von vielen undurchdringlichen Dingen.
Alles im Fluß. Und den ganzen Tag

hörte ich zu, fixiert zwischen Himmel
und Erde, und wünschte mir, auch

ich nähme mein Werk mit in die Kälte;
auch ich fände Präzision inmitten

unergründlicher Lieder; hier, wo
der Fluss sich windet, hier, wo der Mond

umkommt, hier, wo die Winde wirbeln –
und hier, wo die Männer schwerelos –

ihre absoluten Maße sensen.

aus dem australischen Englisch von Sabine Scho




auch in: Hochzeit der Elemente. Zeitgenössische australische Dichtung.

Hg. von Ivor Indyk

Köln: Du Mont 2004

Consolation peut-être

französisch | Denise Desautels

Elle. Lui. Son bras aussi haut qu’une pensée.


Que dit ton corps quand il ne bouge plus ?
quand il refuse de céder devant le poids du monde ?


À quoi prétendent nos corps quand ils essaient de résister à la pression des
murmures ?
Nos mains droites, paume contre paume.


Plusieurs fois nous sommes deux et parfois abruptement.


Deux. À tomber. À nous relever. Plein fracas à l’intérieur.
À chercher ce qui ne va pas de soi. Un allongement de l’aube.
Deux. Athlétiques. Aériens. Dans l’attente.
Jeu. Joie. Consolation peut-être.


Deux. Un ensemble de bras dans un bleu trop liquide.
Deux. Une architecture mobile de gestes et d’ombres.
Qui tentent de se rejoindre, se croisent, s’effleurent, se prolongent.
Se portent secours parfois.


N’arrivent pas toujours à oublier les abus de ténèbres. Dehors, dedans.
Côté soupçon, légèreté, euphorie, métaphore.
Nous débattre en douce. Nous laisser entraîner. Penser à autre chose.
L’espoir ferme.


Danser comme on dit : nager.
Nous nous abandonnons à l’oblique de la nuit.
En solitaire. En aveugle.


Une tête vive et noire. Sur ta jambe gauche, ta poitrine. Sous ton aisselle
droite.
Quel étonnant tableau de notre humanité !
Encore belle. Encore vulnérable.


Parfois ses bras à lui au-dessus, les siens à elle à proximité de tout, de rien.
Bras avant bras arrière, treillis extravagants.
Devant la brusquerie des faits, l’extrême futur de nos bras.
Une utopie déploie ses ailes, on dirait.
Trois, vingt, mille diagonales de lumière.


Formes obscures en mouvement dans l’indigo.
Nous nous acharnons. Nous nous dépaysons.
Nous nous observons sans nous regarder.
Qu’y a-t-il plus loin ? au-delà ?


Nos corps vivants, amples, sculptent la ville.
L’envergure de nos bras.
Nos corps eux-mêmes en arrêt. Nos corps sculptures.

© Denise Desautels
Audio production: 2007 Literaturwerkstatt Berlin

Trost vielleicht

deutsch

Sie. Er. Sein Arm gestreckt wie ein Gedanke.


Was sagt dein Körper, wenn er sich nicht mehr regt?
Wenn er sich wehrt, dem Gewicht der Welt nachzugeben?


Wonach streben unsere Körper, wenn sie riskieren, sich dem Druck des
Murmelns
zu widersetzen?
Unsere rechten Hände. Fläche an Fläche.


Oft sind wir zwei und manchmal schroff.


Zwei. Beim Fallen. Beim Aufrichten. Drinnen, reiner Radau.
Suchen, was nicht anstandslos vonstatten geht. Verlängerung
der Dämmerung.
Zwei. Athletisch. Luftkreaturen. Beim Warten.
Leichtigkeit. Lust. Trost vielleicht.


Zwei. Ein Ensemble der Arme in einem überflüssigen Blau.
Zwei. Bewegter Gebärdenaufbau und Schattenbaustil.
Die sich wiederzufinden suchen, sich kreuzen, streifen, dehnen.
Sich manchmal Hilfe leisten.


Nicht immer gelingt es, den Missbrauch der Finsternis zu tilgen. Außen.
Innen.
Richtung Skrupel, Elastizität, Euphorie, Vergleich.


Wir rudern unbemerkt, lassen uns lotsen, denken an andere Dinge, hoffen
entschieden.


Tanzen, sagt man: Schwimmen.
Wir liefern uns aus an den Rand der Nacht.
Allein. Blind.


Ein Kopf, lebendig und schwarz. Auf deinem linken Bein, deiner Brust.
Unter deiner rechten Achsel.
Verblüffend das Bild unserer Natur!
Noch schön. Noch verletzlich.


Seine Arme darüber, manchmal, ihre nah an allem, an Nichts.
Arm vorn, Arm hinten, extravagantes Geflecht.
Angesichts der rauen Fakten, die extreme Zukunft unserer Arme.
Eine Utopie öffnet ihre Flügel, könnte man meinen.
Drei, zwanzig, tausend Diagonalen aus Licht.


Obskure Formen in Bewegung im Indigo.
Wir schinden uns. Wir werden uns fremd.
Beschatten uns, ohne uns wahrzunehmen.
Was gibt es weiter? Darüber hinaus?


Unsere Körper, lebendig, ausgreifend, formen die Stadt.
Der Radius unserer Arme.
Unsere Körper selbst stillgestellt. Unsere Körper Skulpturen.

Deutsche Fassung von Sabine Scho.
Die Übersetzung entstand im Rahmen des Übersetzungsworkshops
Versschmuggel des Poesiefestivals Berlin 2007

Apparitions

französisch | Denise Desautels


Falaise debout chargée d’apparitions devant l’indifférence du soleil. Ton oeil, ta joue, ta bouche, tout ton visage tranquille s’acharne. Après le premier effet de la souffrance — ta distraction, oh ! —, une haute mémoire. Tu te heurtes de plein fouet contre ses terreurs en boucle sur les fissures du tain. Les mots manquent. Ton histoire comme celle de l’univers, authentiques et rugueuses. Voilà les états de ta souffrance, le reste de tes nuits, un supplément de dimanches et d’astres. Tu regardes droit devant toi. Disponible au réel, à ce jeune siècle alentour.



Tout te rapproche de ta peur, tout t’en écarte : demain, plus tard, tu portes loin ta solitude. Tes portraits de femme, tes silhouettes à venir, tes cheveux, tes gestes se reforment. Et pourquoi pas l’espoir ? Grain par grain, entre son et silence. C’est fou ce qui se cache sous les mains. Le crâne, les rêves assiégés. La vie à même le vif de la falaise. Tu dis : je suis ces figures qui défilent, remplies d’impertinences, et cette menace à ciel cru, son bourdonnement, son noir quotidien. Tu dis : nous nous serrons doucement les unes contre les autres.



D‘un côté, les événements du jour filent dans le brouillard : l’ambre de tes faces, les combats, les défis, les fatigues, les soifs déchirent tes pensées ; de l’autre — main dans la main, ménagerie et mélancolie, on dirait —, une enfant opiniâtre se soulève et se pose, souveraine, sous l’autorité de l’un de tes regards. Maintenant, elle dit. Comme s’il s’agissait de se frayer une voie entre les obstacles du dedans et de l’ailleurs. Voilà, c’est ça, l’air de rien, au plus profond, dans la gravité de soi : renaître. Une vision naturelle de l’éternité.



© Denise Desautels
Audio production: 2007 Literaturwerkstatt Berlin

Erscheinungen

deutsch


Aufrechte Klippen, aufgeschichtete Erscheinungen vor der ungerührten Sonne. Dein Auge, deine Wange, dein Mund, dein ganzes stilles Gesicht insistiert. Nach dem ersten Einfluss des Leidens – deine Geistesabwesenheit, ach ! –, ein enormes Gedächtnis. Du prallst mit voller Wucht gegen sein wiederholtes Entsetzen auf die Fissuren des Spiegelbilds. Die Worte fehlen. Deine Geschichte, wie die des Alls, authentisch zerklüftet. Hier, die Zustände deines Elends, der Rest deiner Nächte, eine Sonntags- und Gestirnsbeilage. Du blickst nach vorn, stellst dich der Wirklichkeit, in dem jungen Jahrhundert ringsumher.


Alles drängt dich an deine Angst, alles entfernt dich von ihr: Morgen, später, trägst du deine Einsamkeit fort. Deine Portraits einer Frau, deine künftigen Silhouetten, dein Haar, deine Gesten formieren sich neu. Und warum nicht hoffen? Korn um Korn, zwischen Schall und Schweigen. Verrückt, was sich unter den Händen versteckt. Der Schädel, die umzingelten Träume. Das Leben, abgeschilferte Klippen. Du sagst: Ich bin die Figuren, die passieren, voller Schamlosigkeiten, das Dräuen des ungeschminkten Himmels, sein Brummen, seine alltägliche Schwärze. Du sagst: Wir drücken uns sacht aneinander.


Zum einen verstreicht das Tagesgeschehen im Nebel: Der Bernstein deiner Gesichter, die Kämpfe, die Provokationen, die Zerschlagenheit, der Durst dekomponieren deine Gedanken; zum anderen – Hand in Hand, Menagerie und Melancholie, könnte man meinen – reckt sich ein kompromissloses Kind und setzt sich selbstherrlich, unter der Aufsicht einer deiner Blicke. Jetzt, sagt es. Als ginge es darum, sich einen Weg zu bahnen, zwischen den inneren Hindernissen und dem Irgendwo. Genau, das ist es, als sei nichts, abgrundtief, in der eigenen Schwerkraft: Wiederauferstehen. Eine selbstverständliche Vision von Ewigkeit.



Deutsche Fassung von Sabine Scho.
Die Übersetzung entstand im Rahmen des Übersetzungsworkshops
Versschmuggel des Poesiefestivals Berlin 2007

Early in Winter

englisch | Karen Solie

The roads are bad and you miss
your old car, an even-tempered ’68 Volvo,
those times jerry-rigged gaskets
and pantyhose fanbelts got you home
through worse weather, the expansiveness
of that gesture. The year’s first snow

fell at noon and stuck, a thin light resting
on the firs that draws out the fade
of 4 o’clock and throws a clean sheet
over roadkill, a small blessing of dying
in winter. There is a loveliness to inadequacy
so simply put. I place a hand on your arm,

heavy clothes a door to the warm kitchen
of your body. You are deep inside the driving,
leaving me to consider the beautiful stall
of water frozen in the act of falling
from its pious glacier, to my resolve
to find an opening in this season,
feet cold, heart wagging its little tail.

© Karen Solie
aus: unpublished
Audio production: 2007, Literaturwekstatt Berlin

Früh im Winter

deutsch

Die Straßen sind mistig und du vermisst
dein altes Auto, ein gutmütiger 68er Volvo,
Zeiten zusammengeflickter Dichtungsmanschetten
und Nylons als Keilriemen brachten dich heim
durch beschissenes Wetter, das Raumgreifen
dieser Geste. Der erste Schnee des Jahres

fiel am Mittag, blieb kleben, ein bisschen Licht lag
auf den Fichten, verschob das Verblassen von
Vier-Uhr und warf ein sauberes
Laken über totgefahrenes Tier, kleiner Segen
des Verreckens im Winter. Liebenswürdig unangebracht,
freundlich formuliert. Ich lege eine Hand auf deinen Arm,

schweres Zeugs, der Einlass zur warmen Küche
deines Körpers. Du bist ins Fahren vertieft,
lässt mich allein das schön hingehaltene Wasser
betrachten, eingefroren im Moment des Fallens
von seinem frommen Gletscher, ich muss meine
Zweifel zerstreuen, um diese Saison zu eröffnen,
Füße eiskalt, wedelt mein Herz mit seiner kurzen Rute.

Deutsche Fassung von Sabine Scho.
Die Übersetzung entstand im Rahmen des Übersetzungsworkshops
Versschmuggel des Poesiefestivals Berlin 2007