Rhythm Is It!

Abbildung einer digitalen Musteranalyse

Literaturwissenschaftler und Informatiker der Freien Universität Berlin untersuchen die Prosodie von Lyrikline-Gedichten auf der Grundlage einer US-amerikanischen Lyriktheorie.

Die Wenigsten der heutzutage geschriebenen Gedichte folgen noch durchgängig einem festen Metrum wie etwa dem Jambus oder Trochäus. Und doch sind die sogenannten freien Verse nicht gänzlich frei von rhythmischen Strukturen. US-amerikanische Theorien der freien Versprosodie (free verse prosody) gehen davon aus, dass die moderne und postmoderne Lyrik eigene rhythmische Muster entwickelt habe, die an der Alltagssprache, an Musikstilen wie Jazz oder Bebop und an der Atmung des Dichters orientiert seien.
Das an der FU Berlin ansässige Projektteam Rhythmicalizer hat diese Theorie auf unsere deutsch- und englischsprachigen Hörgedichte angewendet und untersucht diese aktuell auf prosodische bzw. rhythmische Muster. Ergebnisse dieser Analysen werden wir sukzessive in unseren neuen Kategorien 'Rhythmische Muster' abbilden.

Die theoretische Grundlage der Untersuchung ist eine in Deutschland kaum bekannte US-amerikanische Forschungsdiskussion, die sogenannte free verse prosody:

FreeVerseProsodyBooks.png


Die wichtigste theoretische Orientierung dieser neuen Lyriktheorie lieferte 1980 Charles O. Hartman in seiner einflussreichen Studie Free Verse. An Essay on Prosody. Hartmann ging davon aus, dass der freie Vers zwar prosodisch (prosodically), aber nicht metrisch (metrically) gestaltet sei:„the prosody of free verse is rhythmic organization by other than numerical modes”.
Auf der Grundlage dieser These hat sich das Team zwei Grundfragen gestellt: Gibt es in einem Gedicht rhythmische Muster? Und: Werden diese Muster gleichmäßig wiederholt? Der Nachweis wird auf der Grundlage einer digitalen Mustererkennung versucht, bei der mit OpenSourceTools (Wavesurfer, CMU Sphinx, PoS-Tagger, ToBI, WEKA) an den Gedichten Merkmale wie Silben, Zeilen oder prosodische Einheiten erfasst werden. (s. oben Abb. einer digitalen Musteranalyse).

Auf der Internetseite www.rhythmicalizer.net sind insgesamt 18 verschiedenen Muster jenseits der normalen Metrik sowie deren digitale Analyse umfangreich erläutert. Indem wir diese Muster auf Lyrikline ebenfalls abbilden, ergibt sich für die Hochschule, für die wissenschaftliche Forschung, aber auch für den Schulunterricht die Möglichkeit, Hörgedichte anhand formaler Kriterien zu untersuchen sowie im Unterricht mit SchülerInnen und Studierenden zu diskutieren.
Das Projekt selber wird von der Volkswagenstiftung im Rahmen der Ausschreibung „Interaktion qualitativ-hermeneutischer Verfahren und Digital Humanities: 'Mixed Methods' in den Geisteswissenschaften?“ gefördert. Die Projektleitung hat der Literaturwissenschaftler Burkhard Meyer-Sickendiek, das digitale Teilprojekt wird von Hussein Hussein und Timo Baumann durchgeführt.