Anise Koltz wurde 1928 in Luxemburg-Eich geboren. Von 1972 bis 1975 war sie Bibliothekarin der Thomas-Mann-Bibliothek des Goethe Instituts. Sie hat sich dauerhaft für die luxemburgische Literatur und vor allem für die Dichtung eingesetzt. Sie war Gründerin und Organisatorin der Mondorfer Tage, die von 1962 bis 1974 und wieder seit 1995 durch internationale Treffen von Autoren und Dichtern enge Kontakte zwischen intenationaler und luxemburgischer Literatur ermöglicht haben.
Anise Koltz war Mitglied der Académie Mallarmé (Paris), des belgischen PEN-Clubs und des Institut Grand-Ducal des Arts et des Lettres (Luxemburg) sowie Vize-Präsidentin der Académie Européenne. Zusammen mit anderen Autoren und Künstlern hat sie viele bibliophile Ausgaben erarbeitet, genauso wie ihr mehrere Bücher von anderen Schriftstellerkollegen gewidmet wurden. Zahlreiche ihrer Gedichte sind vertont worden, u.a. von Joseph Probst, Mikel Gjokaj, Robert Pillard-Valère, Anne Slacik und Albena Petrovic-Vratchanska.
Anise Koltz lebte in Luxemburg und schrieb in drei Sprachen, drückte sich seit den Siebziger Jahren aber fast ausschließlich in Französisch aus.
Die Fragmente aus Babylon (1973) bestehen aus kurzen Gedichten, die sich alle mit letzten Dingen – Liebe und Tod – beschäftigen. Diese Gedichte sind insofern äußerst eloquent, da sie in knapper Form nicht nur das Notwendigste sagen, sondern noch vieles mehr, was darüber hinausgeht. Sie veranschaulichen, wie schwierig es letztlich ist, durch Sprache die Umwelt, den Anderen und Begriffe faßbar zu machen. Vor allem die Auseinandersetzung des Herrn P mit den Worten und den Dingen weist auf diesen Konflikt sehr deutlich hin. Andererseits sind die Gedichte in ihrer Eigenschaft als solche aber auch Zeichen dafür, daß die poetische Sprache dennoch das beste Mittel ist, um Erfahrungen der Welt mitzuteilen.
Zu Anise Koltz’ weiteren Veröffentlichungen zählen u.a. Spuren nach innen (1960), Steine und Vögel (1964), D’Kreschtkënnche kënnt (1964), Le Cirque du Soleil (1966), Imitation du jour (1969), Den Tag vergraben (1970), Vienne Quelqu’un (1970), Le jour inventé (1975), La terre monte (1980), Sich der Stille hingeben (1983), Le mur du son (1997) und Porteur d’ombre (2001).
Anise Koltz’ Werk wurde mit zahlreichen Preisen prämiert, u.a. mit dem Prix du Gouvernement luxembourgeois (1962), dem Grand Prix de littérature hors de France von der Académie royale Bruxelles (1994), dem Prix Apollinaire (1998) sowie 2018 mit dem Prix Goncourt de la Poésie für ihr Gesamtwerk.
Mit Anise Koltz verstarb am 01. März 2023 eine große Persönlichkeit der luxemburgischen und darüber hinaus europäischen Literatur.