Wulf Kirsten

Wulf Kirsten

Contemporary Poetry
German

Homepage

Wulf Kirsten

Audio 

EIN WORT DUNKLEN URSPRUNGS

es war einmal ein tag aus keinem märchenbuch,
ein tag fast so wie jeder andre, nicht so
für dich, zum tag der offnen tür
ein explosiver überfall, wo lebst du?
wie ist dir? geheime kommandosache,
es war zur zeit der bruderküsse,
widerwärtig dreigestrichen,
nicht ganz speichelfreie illusionen,
es war der tag, an dem die sonne
schien auf alle sünder, die nicht büße tun,
nur nicht anlegen, nur nicht aufbäumen,
aufräumen will die übermacht, wenn nicht
in güte, so doch in aller niedertracht,
angerückt in gestalt einer kompletten
theatralischen truppe, zivilisten,
die sich bedeckt halten, frei haus,
getarnt als überfall, der dir unverhofft
in die stube schneit, obwohl der bedarf
für schnee, für ungebetne gäste
wie für andre himmelsgaben hinlänglich
gedeckt, es war nicht der tag, verehrter
Gottfried Keller, auf grünen pfaden
der erinnerung zu wandeln, es war
erst recht nicht der tag, mit verstellter
stimme zu reden, da war nichts mehr
geradezubiegen, krummsäbel bleibt
krummsäbel, auch blankgezogen,
ohne umschweife zur sache, schrank auf,
schrank zu, welche aufmerksamkeit,
soviel zuwendung in geselliger runde,
lauter anständige leute, alles, was
denen recht ist, teufel noch eins,
nichts zum fenster hinausgeworfen, 
nichts zerbrochen noch zertrampelt 
wie sonst üblich, es war wirklich 
ein tag, an dem du von glück reden 
konntest, deutschpenibel aufgelistet, 
was an konterbande flugs verstaut war, 
welche schande deinem vaterlande, 
die quadratur der wohneinheit 
mit argusaugen umkreist, fleißig 
bücher aufgeschüttelt, eine konzertierte 
aktion, ausgeführt von niederen organen 
der schutzmacht mit dem wischiwaschiwisch, 
wo ist die schmutzfracht, bürger 
und staatsfeind? wohin bloß hat sich 
das beil versteckt, mit dem du vater 
staat ein bein hast abhacken wollen, 
während die axt sich lächerlich machte, 
sie hätte nur auf brennholz eingehauen, 
bis die klötze krachend auseinander-
sprangen, der zweck heiligt den hackstock 
und jede faustdicke lüge, nach der haus- & 
heimsuchung hat es dir wie auch mir 
glatt die sprache verschlagen, wo lebst du? 
wie ist dir? bullenbeißer samt bütteln 
abgezogen, was sie requirierten, blieb 
nicht zurück, aber du, aber ich und 
der ekel, nichts als ein wort, das sich 
im hals noch befindet, ein wort 
dunklen ursprungs.

Top

© 2004 Ammann Verlag & Co., Zürich

From: Erdlebenbilder. Gedichte aus fünfzig Jahren. 1954-2004

Ammann Verlag, Zürich 2004

ISBN: 9783250104643

Audio production: 2007, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin