Wulf Kirsten

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Contemporary Poetry
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Wulf Kirsten

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ERDLEBENBILDER

geboren zu Klipphausen, zwei morgen wind
hinterm haus, das war an die hügellehne
gesetzt, aus lehm und stroh die gefache,
zwei käfterchen oben, zwei unten,
von fliegenwolken geschwärzt stube
und stall, am schleifstein geschärft
und blank gerieben die requisiten
der handarbeit, in den lebensfluten
unverdrossen gestochert mit der mistgabel,
ach, was für ein schund bei den bauern,
einschüriger lebensdrang, die feldzeichen
unabänderlich gesetzt, vorm tor stand schützend
der prellstein, drauf saß ich und sah
staunend die weit vor meinen füßen,
am schloß drüben bauchte sich noch immer
der kapphahn, zum einsitzen am eisen gebaut,
hold und gewärtig auf gedeih und verderb,
in den staubfanz geschleift so viele
der deinen vor dir, die ganze zerfrömmelte
gevatterschaft, das ist kein umgang für dich,
ach du mein kotzbrocken, warum so ochsig?
ach, du mein krachscheit, warum so häuslich
bedacht auf zank und streit? laß endlich
gut sein, am ende haben wir noch immer
das kürzere hölzchen gezogen, aber
den einfachen wahrheiten, die nur
aus nackten tatsachen bestanden, zuversichtlich
ins auge geblickt, der aberglaube regierte
als unumschränkter souverän, faß an,
kiesling der marken, brennesselwinkel
in die schönheit der zukunft getaucht,
da sah ich, wie sich die brandadern
zogen durchs distelland, windverblasen 
wollige büschel, zunge zur erde 
gestreckt um einen schlurf ohne bedenken, 
sage nur noch einmal hedel für krauthaupt 
und versprich nicht immer das blaue 
vom himmel, das nicht stich hält, mir reicht 
schon das land des goldnen gezinges, 
den weizen, der uns geblüht hat, hab ich 
abraffeln müssen, gläserne ackerfrucht, 
herzbruders tischgespräche, wer wollte 
dir glauben schenken, wenn du schon wieder 
eins deiner lügenmärchen als blanke wahrheit 
in die welt gesetzt hast, wers glaubt, 
wird selig, von wegen brauereitreppe 
heruntergeritten, einen sack angezogen 
zur not, das ja, aber sie trieben gespött 
mit uns allen, erdlebenbilder, abgewuchtet, 
abgeweidet, mondgefleckter abend, wie er 
schöner nie wieder sein kann, die nachtvögel 
riefen sich zu, daß dir bang wurde, lieber 
das klatschen des taubenschwarms gehört, 
wenn er sich elegant in die kurve legte 
über der scheibe, wo schäfer, wo schweine-
meister, durchlauchts treueste diener, wohnten 
und werkten, wer bloß gab mir auf den weg, 
gott hätte die teufel gesalbt und allerlei 
fürstlichkeiten über die vornehmlich 
deutsche erde gesetzt? lehmgestalt, 
steh auf und wandle, geh deiner wege, 
warum sollte der himmel ein einsehen haben 
ausgerechnet mit dir, geboren zu Klipphausen?

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© 2004 Ammann Verlag & Co., Zürich

From: Erdlebenbilder. Gedichte aus fünfzig Jahren. 1954-2004

Ammann Verlag, Zürich 2004

Audio production: 2007, M.Mechner / Literaturwerkstatt Berlin