Oswald Egger

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Gegenwartslyrik
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Oswald Egger

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Herde der Rede IV

Ich habe eine stille Liebe im Wald, kenne einen Ort, 
den ich immer wieder suche, man findet ihn – in 
Worten – nicht oft. Entwegt vom Weiß sind überdies
nur Schneitel-Zweige, Dickzisseln und Eisvögel, 
Imbern und Streben die geeisten Äste. Ich falle einem 
Trugbold zu, glaube schon, die Schnee-Hauffe gehöre 
zur Baumkontur, festgepfropft aufs Einmal, ja, die 
Lukger mitten in der weißen Webe (das eigenlichte 
Gezweig), das müßten Adern sein, Schilfwiegen.


Die stockblauen Dochte, vielleicht die Saat der Reich-
weizen, Durstwiesen und Dürrkraut-tauber Haber, 
Waghals, so wütet Gierde brennend durch den Jagwald. 
Ganz irre geh ich dieser Schwindt-Versuchung, und 
plötzlich überstürzen sich die Felder Wiesenwest. Am 
Weiher kann ich nur auf Vorsicht gleiten, ich lege 
meine Ohren dort aufs Eis. Kann Kälte hörbar werden? 
Zu Schuhen schieben sich die grünen Blattröhrchen aus 
dem Moderlaub; längliche wie Milchtropfen prusten 
über die Blütwiesen Glockenbecher.


Die wie Seggen-Gräser, das Stern-Moos, Blaubeergespinst
und Heidekraut, jede Rispe ist mit rauchgrauen Spelzen
glatt-Glanz übersponnen, als habe ein Silberschmied
beflissen Mi-Parti die nickenden Kniee aus Filigran
gemacht. Nur die Nadeln (Galpen) an der Erde sind
wirksaum zugedeckt, vernäht mit Spenat und gelappt
zur Schellenkappe gezaddelt, die bunte Weiße.
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© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1999

Entstanden: 1998

Aus: Herde der Rede

Suhrkamp, Frankfurt am Main 1999

ISBN: 3-518-12109-X

Audioproduktion: 2000 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin