Johannes Bobrowski

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Das hörbare Erbe
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Johannes Bobrowski

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Die Wolgastädte


Der Mauerstrich.
Türme. Die Stufe des Ufers. Einst,
die hölzerne Brücke zerriß. Über die Weite fuhren
Tatarenfeuer. Mit strähnigem Bart
Nacht, eine Wandermönch, kam
redend. Die Morgen
schossen herauf, die Zisternen
standen im Blut.

Geh umher auf dem Stein.
Hier im gläsernen Mittag
über die augen hob
Minin die Hand. Dann Geschrei
stob herauf, den Wassern entgegen, Stjenkas
Ankunft – Es gehen auf dem Ufer
bis an die Hüften im unterholz
Sibiriaken, ihre
Wälder ziehen ihnen nach.

Dort
einen Menschenmund
hörte ich rufen:
Komm in dein Haus
durch die vermauerte Tür,
die Fenster schlag auf
gegen das Lichtmeer.

Mit deiner Stimme
bis in die Nacht
redet der Weidenbusch, Lichter
fliegen um ihn.
Hoch, eine Wasserblume
fährt durch die Finsternis.
Mit seinen Tieren
atmet der Fluß.

In den Kalmus
trage ich mein geflochtenes Haus.
Die Schnecke
unhörbar
geht über mein Dach.
Eingezeichnet
in meine Handflächen
finde ich dein Gesicht.

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© Deutsche Verlags-Anstalt, München 1988, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Aus: Die Gedichte. Gesammelte Werke I-IV

Deutsche Verlags-Anstalt, München 1988

Audioproduktion: Klaus Wagenbach Verlag